Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. tum in Bulgarien nicht nur nichts geleistet hat, sondern daß er vielmehr durch seinen Jndifferentismus für Religion und jü>e geistige Bestrebung für dasselbe gefährlich wirkte. Herr D r. M a r c o R o m a n o, der Präsident der hiesigen Gemeinde und des zionistischen Zentralkomitees für Bulgarien, welcher nachher das Wort ergriff, fuhr in der Charakteristik des Herrn Dr. Ehrenpreis fort. Ms Oberrabbiner von Bulgarien müßte Herr Dr. Ehrenpreis hoch über den Parteien stehen, während er sich inkonsequenter Weise bald der einen, bald der anderen zuwendet. Herr Dr. Ehrenpreis sei überhaupt eine unberechenbare Person, mit der man nicht Hand in Hand für ein allgemeines Ziel arbeiten könne. Bei seiner Wahl hat man ihm wohl ein Konsistorium beigegeben; allein die Mitglieder desselben traten nach einander fast alle zurück und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil Herr Dr. Ehrenpreis in seinem Tun und Lassen unbeschränkte Freiheit, eine Art russische Autokratie, anstrcbtc. Herr Aron Amar brachte nun folgende Resolution: „Nachdem wir aus den Worten der Herren Redner die Unfähigkeit des Herrn Dr. Ehrenpreis als Oberrabbiner von Bulgarien ersehen, so schlagen wir eine öffentliche Volksversammlung vor, die über das Weitere entscheiden soll." Wie in Philippopel, so soll es auch in den anderen Städten des Fürstentums von seiten der Gegner geschehen. In Sofia fanden solche „Meetings" schon öfters statt. Herrn Dr. Ehrenpreis bleiben diese Angriffe seiner Person nicht unbekannt. Er sinnt ernstlich, sich den Spaniolen gegenüber zu verteidigen. Seine Artikel betr. dieses in den politischen bulgarischen Zeitungen bleiben wirkungslos, darum plant er, wie die spaniolische Zeitung „El Dia" schreibt, eine von seinen Freunden dirigierte jüdisch-spaniolische Zeitung in Tatar-Pasardschik, wo er auf viele Getreuen zählen kann, erscheinen zu lassen. In dieser Zeitung sollen seine Anhänger für ihn das Wort führen und den Aufhetzungen der Gegner cntgegcnsteuern. Es ist meiner Ansicht nach sehr zweifelhaft, ob Herr Dr.EhrenPreis durch solche und ähnliche Mittel sich die verlorene Liebe und Anhänglichkeit der Juden Bulgariens wird wieder erobern können. Me Gegner des Herrn Dr. Ehrenpreis sind von seiner großen Gelehrsamkeit überzeugt; besonders bekannt sind seine Leistungen für die moderne hebräische Literatur im Kalender „Achiaßaf"; aber seine sonstigen Eigenschaften lassen, wie die Fülle der letzren Ereignisse zeigt, viel zu wünschen übrig. Jsaac Kanel. Amerika. Rew'Nork, 14. März. In einer der ältesten Mietskasernen New-Uorks, Mlenstraße Mr. 105, brach ein grauenhafter Brand aus. Zwanzig Personen sind tot, fünfzig verletzt, darunter zehn im Sterben. Das Haus ist fünfstöckig. Es ist von russischen Juden bewohnt. Die Ursache ist eine Lampenexplosion, indessen wird von manchen Seiten Brandstiftung angegeben. Der schwere Menschenverlust ist zumtcil darauf zurückzuführen, daß die Feuernotleitern, welche permanent an den Gebäuden befestigt sind, tatsächlich versperrt waren durch Hausrat und Vorräte, ungeachtet des Polizeiverbots. Die Polizei und die Feuerwehr führte» heldenhafte Rettungstaten aus. Mehrere der Beamten sind verletzt, Aus den Vereinen. Frankfurt a.M. Der Montefiore, Verein zur Pfle-ge der idealen Interessen jüdischer junger Leute (E. V.) tritt seit seiner Gründung im Jahre 1896 zum ersten Male mtt einem Berichte an die Ocffcntlichkeit. Der Verein ist der Aufgabe, die sein geistiger Vater Herr Rabbiner Dr. Horovitz^ihm gab, unentwegt treu geblieben, und er ist so geworden „ein Sammelpunkt für junZe Leute, besonders für diejenigen, die von auswärts hierherkommen, um nach beendeter Tagcsarbeit ein gemütliches Verweilen zu ermöglichen, um ein Dreifaches zu erreichen: eipe Kräftigung der jüdischen jungen Leute in körperlicher, in sittlicher und in geistiger Beziehung." Einen besonders großen Sprung in seiner Entwicklung hat der Verein im abgelaufenen Jahre genommen; und die Erreichung seines längst erstrebten Zieles, in ein eigenes Heim cinzuzichen, ist cs gewesen, was ihn aus der Reihe der Dürchschnittsvcreinc zu einem angesehenen, großangelegten und' festgefügten Vereine mit einen, großzügigen und vielseitigen Programme hinaufgehoben hat. Ein hübsches Vercinslokal, bestehend aus je einem Restaurations-. Schreib- und Äsczimmer mußte schon an und für sich ein Anziehungsgrund bieten, um wie viel mehr ckber mußte diese Anziehung wirksam sein, wo in diesen Räumen unter der umsichtigen und unermüdlichen Leitung eines pftichtgetreuen Vorstandes ein reiches Programm zur Ausführung gebracht wurde, wo Unterrichtskürse in Stenographie, in, Schachspiel und in der ersten Hilfe bei Unglücksfällen, wo Vorträge und gesellige Abende den jungen Leuten die Gelegenheit bieten, nach der materiellen Berufsarbeit des Tages sich geistig fortzubilden und Frcnckfurter Israelitischer Famüienblatt. sich-gesellig zu unterhalten und so von sittlichen Gefahren sich fernzuhalten. Mich ein Turnkursus wurde, um das körperliche Wohl der Mitglieder zu fördern, seitens des Vorstandes eingerichtet. Die gegenwärtige Blüte des Vereines belegen am besten die folgenden Zahlen des Berichtes: Vom 1. Januar 1904 (dem Tage der Eröffnung) bis zum 31. Dezember 1904 hatte das Vereinslokal eine Frequenz von ca. 12 000 Besuchern zu verzeichnen. Der Mitgliederbestand, der zu Beginn des Jahres 690 betrug, ist im Laufe desselben auf 830 angewachsen und dies trotz der Erhöhung des Mitgliedsbeitragcs von JL 1.— auf JL 2.—. Die Gesamteinnahmen im verflossenen. Jahre betrugen JL 5268, die Gesamtausgaben JL 5335. Durch den Barbestand vom 1. Januar 1904 mit JL 820,55 schließt die Kasse trotz der Mehrausgabe mit keinem Desizit ab. Frankfurt a. M. HieristeinBerein„Jüdische Bibliothek und Lesehalle" gegründet worden. Es wurden bereits ca. Mk. 1100 Jahresbeiträge gezeichnet, und hofft man, daß in kurzer Zeit noch mindestens der gleiche Betrag gezeichnet wird. Der Vorstand des neuen Vereins besteht aus den Herren: Dr. med. W. Hanauer (1. Vorsitzender), Dr. phil. Kaufsmann (2. Vorsitzender), Josef Hackenbroch (1. Schriftführer), Saly Geis (2. Schriftführer), Fritz Sondheimer (Schatzmeister) „sch S. H. Goldmann. Drei weitere Vorstandsmitglieder werden später noch cooptiert. Kinder «nserer Zeit. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung). . Die Fieberträume gaukelten ihr die Tage zurück, die sie als zärtlich behütete Tochter im Hause der Eltern so glücklich verlebt hatte. In bunter Reihe kamen die Tage der Kindheit, da sie sich mit ihrem Onkel Bär so häufig gefreut hatte. Und dann verbreitete sich ein freundliches Lächeln über die Züge Ernas. „Onkel, lieber Onkel Bär, , kommst Du zu mir?" Er schritt langsam auf. sie zu, aber plötzlich stand ihm elit' großes Kreuz im Weg. : Er lief immer hästtger auf und ab,, konnte aber nicht am Kreuze vorbeikommen, das zwischen ihnen auftagte. Sie streckte weinend die Arme aus, er aber setzte sich still und traurig auf Ernas Kinderbänkchen und zog langsam die Filzsandalen an, die er am Versöhnungstag trug; und dann saß er an ihrem Bett und sprach "ihr das Nachtgebet vor, das er die Kinder gelehrt hatte: „Es schläft und schlummert nicht . . . ." Das Weitere konnte sie nicht. verstehen, so angestrengt sie horchte. Hugo, der seine Schwiegermutter an der Bahn abgeholt, scheute eine Aussprache mit ihr. Er kam nur auf Augenblicke ins Krankenzimmer und entfernte sich rasch, nachdem er Nachricht über den Stand der Krankheit erhalten. Die Herzen der beiden Frauen, die sich gegenseitig achten gelernt hatten, näherten sich. Ms eines Tages Erna fest schlief, sagte Frau Rode: „Jetzt aber wolle» wir im Wohnzimmer den Tee nehmen. Sie sollen nicht immer im Krankenzimmer speisen. Tie Schwester ist ja anwesend, und Erna schläft gut." Frau Berger folgte, und bald saßen die Frauen einträchtig beim Tee. „Wissen Sie auch, Frau Rode, welcher Gedanke mich nicht verläßt? Es wäre besser für Erna, wenn sie hinübergefchlummert wäre. Welches Leben wartet ihrer?" „Um Gotteswillen. Frau Berger, wie dürfen Sie dies sagen!" rief Frau Rode entsetzt. „Bei ihrem Sohn kann und wird sic nicht bleiben;, sie ist aber dann mit zwanzig Jahren eine geschiedene Frau mit einem freudlosen, verfehlten Lebens" , „Mutz dies denn sein?" murmelte Frau Rode. „Fragen Sie Ihren Sohn. Wir werden unsere Tochter nicht beeinflussen, aber hören Sie nicht aus den Fieberträumen das Grauen vor Hugo, dessen brutaler Egoismus immer deutlicher hervortritt und der seine Frau so wenig schonte, wie eine gekaufte Sklavin? Ich kann Ihnen nicht verschweigen, daß Hugo uns betrogen-hat. Ec heuchelte Erna Liebe, er versprach ihr den Himmel an feiner Seite, und nun ist er, 'ich weiß den Grund nicht, ihrer überdrüssig. Und auch an Ihnen hat sie eine Mutter leider nicht gefunden." ' Frau Rode senkte ihr Haupt. „Liebe Frau Berger, hören Sie meine Rechtfertigung. Ich will meinen Sohn nicht verteidigen, ich glaube aber nicht, daß er in seiner Frau die Vertraute seiner Pläne gewonnen, die dem Fluge seines Ehrgeizes folgen und ihn unterstützen konnte. Ich und meine, Tochter nahmen Erna mü voller Liebe auf, es konnte sich aber kein gegenseitiges inniges Vertrauen entwickeln. Erna war mit ihrem Fühlen, Denken nur halb bei uns. Wenn wir uns von dem unterhielten, was uns eben nahe liegt, fanden wir bei Ihrer Tochter nicht nur kein Verständnis, son- Nr. 11. der» sie glaubte sogar, sie solle damit gekränkt, werden. Beste Frau Berger, haben Sie nicht auch gefehlt? Veranlaßten Sie nicht aus ja leicht erklärlichem und verzeihlichem Ehrgeiz das Kind, in eine Sphäre zu steigen, wo ihm Enttäuschungen nicht erpart bleiben konnten?" „Mein Mann und ich haben, uns deshalb schon bittere Vorwürfe gemacht, und das Haar meines Mannes ist inzwischen weiß geworden. Wir sahen voraus, daß Erna sich taufen lassen würde. Wir bedachten aber nicht/ daß die getaufte Jüdin jedes Ehrgefühls und verwandtschaftlichen Gefühls bar sein muß, wenn sie die Llngriffe auf ihren früheren Glauben und ihre Glaubensgenossen nicht wie Peitschenhiebe empfinde» soll. Ich leugne nicht, daß uns, die Eltern, die größte Schuld trifft. Wir haben unseren Glauben verachtet, die Strafe, ist gerecht." , . Frau Rode sägte, tief ergriffen die Hand der Frau Berger ergreifend: „Wir Eltern wurden von den besten Absichten geleitet, das wird unser Trost bleibe». Wir aber, Frau Berger, wollen Freundinnen bleiben und alles Leid zusammen tragen." Und weinend umarmten sich die Christin und die Jüdin. — Die Genesung Ernas schritt stetig fort. Hugo erwies ihr Aufmerksamkeiten, brachte ihr täglich Blumen, die sie gleichgültig annahm. Ms sie soweit gekräftigt war, daß ihre Mutter an die Heimreise denken konnte, kam ihr Vater, um seine Frau äbzuholen. Herr Berger war erschüttert vom Aussehen seiner Tochter,: die mit blassen Wangen und müden Augen ihm langsam entgegenschritt. Er hatte eine längere Unterredung . mit ihr und suchte dann seinen Schwiegersohn auf. Die Begrüßung war kurz. Herr Berger sagte: „Ich habe meiner Tochter versprechen müssen, das Vergangene nicht zu berühren, sondern nur von der Zukunft zu sprechen. -Wie denken Sie sich diese?" „Wenn wir uns länger und besser kennen, wird Erna die kleine Mißhelligkeit vergessen." „Meinen Sie wirklich? Ernas Entscheidung lautet nicht so. Meine Tochter soll, wie Sie wissen, zu ihrer Stärkung den Winter in "Mentone zubringen, meine Frau wird sie dorthin begleiten und bei ihr bleiben. Erna wird, sobald sie Ihr Haus verläßt,, unverzüglich die Scheidung einleiten." Hugo fuhr auf. „Darin willige ich unter keinen Umständen. Erna hat keinen Grund zur Scheidung." Herr' Berger fuhr gemessen fort: „Ob Sie darin willigen ober nicht, wird nicht von' Belang sein. Doch hören Sie weiter. Wir wollen offen reden. Sie sträuben sich gegen die Scheidung nicht aus Sympathie für meine Tochter, oder weil Sie glauben, daß die Kluft zwischen Ihnen sich noch überbrücken ließe, sondern aus materiellen Gründen, . die ich durchschaue. Sie brauchen aber in dieser Hinsicht keine Furcht zu hegen, denn Erna verzichtet auf ihr Vermögen." „Wie können Sie mir dies zumuten?" rief er heftig. „Durch die Scheidung hört jede Gemeinschaft zwischen uns auf, und ich lasse mir von einer Fremden kein Vermögen schenken." Herr Berger sagte düster: „Es ist der letzte Wunsch Ihrer kranken Frau an Sie. Erna möchte Sie wenigstens von materiellen Sorgen befreit wissen, da sie sich auch nicht ohne Schuld an der Entfremdung glaubt. Sie dürfen dies unbedenklich annehmen, ohne Ihr Zartgefühl zu beunruhigen. Ilnd nun gehen Sie zu Erna, Abschied nehmen." - Er begab sich zu seiner Frau, die er im traulichen kleinen Wohnzimmer im Sessel liegend fand. „Tu weißt, daß wir nach Mentone reisen, die weiche Lust des Südens soll mich kräftigen." Er sah sie erschüttert an. Die einst so lebenslustige, blühende, junge Frau saß da vor ihm, blaß, apathisch. „Erna, woher diese furchtbare Erbitterung! Dein Vater redet von Scheidung, hast Du wirklich dieses Wort ausgesprochen?" Sie richtete sich auf. Ein mattes Rot über« flog ihre Wangen. „Ja, ich verlange die Scheidung gegen den Willen Deinxr Mama, gegen den Willen meiner Eltern." „Erna, können wir nicht mehr glücklich zusammen werden, wenn wir uns besser verstehen lernen?" „Zu spät. Ich kann picht mehr vergessen und nicht mehr glauben. Erst war ich Dein Spielzeug. Tu hast mich durch Nichtachtung niedergedrückt. Du hast durch Lieblosigkeit mein heiligstes Empfinden verletzt, alles, was mir teuer war, .mit Füßen getreten: In Deinen Salons war ich die Honneurs machende Puppe unter ster Aufsicht Deiner Schwester; waren w,ir allein, hattest Du niemals ein inniges, vertrauliches Wort für mich. Deine vornehme Gesellschaft zwang sich, zu einer halb spöttischen Unterhaltung mit mir/ ich konnte ja kein. Verständnis für Eure Interessen haben, und an Dir hätte ich keine Stütze." Sie sprang mit ihrer alten Kraft auf. -