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Neue jüdische Presse · 1905-03-10 · Heft 10 (10.3.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 10 (10.3.1905)
Date
1905-03-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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»eilage zu Nr. U) des Inhalt der Vellage: Inhalt: Stiftsrabbiner Bernhard Blumgrund. — Die Landes-Generalvcrsammlung der ungarländijchenOrthodoxie. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus derGeschäftswelt. — Bücherschau. — Briefkasten. — «Jüdische Jugend". Stiftsrabbiner Bernhard Blnmgrnnd. Aus Hamburg kommt die erschütternde Kunde von dem plötzlichen Heimgange eines Mannes, der, so wenig er vor der breiteren Oeffentlichkeit gekannt war, der geistigen Aristokratie unseres Volkes angehörte. In Ungarn geboren, einer angesehenen jüdischen Familie entstammend, empfing Rabbiner Blumgrund seine "gelehrte Ausbildung in der Jeschiwa zu Papa, der damals Herr Rabbiner Tr. Breuer Vorstand. Dort war es wohl auch, wo Blumgrund die Möglichkeit der unbefangenen gemeinsamen Pflege jüdischer und allgemeiner Bildungsgebiete erkannte und wo er andrerseits die gediegene unerschütterliche Grundlegung feiner jüdischen Weltanschauung sich errang. Nach mancher Wanderfahrt und mancher Schwierigkeit ward Blumgrund vor neun Jahren nach Karlsruhe als Stistsrabbiner an die Stelle berufen, die durch die klangvollen Namen Tia Weil und Jacob Weil ihr charakteristisches Gepräge und durch die Wirksainkeit Dr. Eduard Biberselds neuen Glanz erhalten hatte. Blumgrund Marder würdige Nachfolger dieser Männer. In stetem Zusammenwirken mit dem Rabbiner der Kalsruher Religionsgesellschaft Dr. Schisser, hat er lehrend und anregend in Vereinen, Schulen, im Privatunterricht eine überaus fruchtbare Tätigkeit entfaltet, deren Spuren allüberall im Gemeindeleben zutage traten. Seine sabbatlichen Vorträge, seine lehrende Tätigkeit in der Mischnajoth-Chetvra und in den zahlreichen anderen Vereinen, die für das nenerblühte Alt-Karlsruher religiöse Leben kennzeichnend sind, wirkten mit gleicher Anziehungskraft auf Gelehrte und Ungelehrte. Verstand er cs doch meisterlich, in schlichter Einfachheit der Darstellung halachische wie agadische Weisheit zu Leben gestaltender, Herz und Gemüt ergreifender Rede auszumünzcn und die Schäden der Zeit mit gutmütiger Satire und doch schonungslos in helles Licht zu stellen.^ ' Noch nachhaltiger aber, intimer und eigenartiger hat Blumgrund durch seine Persönlichkeit gewirkt. Wer den anspruchslosen Mann nicht näher kannte, wußte gar nicht, welch gesundes, klares Urteil, welch feines Taktgefühl und welches Verständnis für moderne Geistesströinungen in diesem echten Talinid Chacham wohnte! Und doch. Ivar der Familienkreis, der Salon, das „Kränzchen" der heranreifende», jüdischen Jugend — so trivial es klingen mag — die eigentliche Stätte seiner Triumphe. Nicht.in den Synagoge» und Lehrhäusern, nicht einmal in den Hörsälen. der Universitäten entscheidet sich heute die bange .Frage, ob die Gemüter unserer Jugend u n s - ren Idealen gehören sollen oder der irrenden Zeit — im e n g st e n F am ili e n - u n d Freundesverkehr fällt die Entscheidung. Und dort war Rabbiner Blumgrund mit seiner stillen, abgeklärten, gewinnenden jüdischen Weisheit von unvergleichlichem Einflüsse auf Jung und Mt. Dort bot er den Zweifelnden und Suchenden Halt, dort wirkte er durch seine Uloße Persönlichkeit als Wahrzeichen für die überlegene sieghafte Macht der jüdischen Gotteswahrhcit über alles zeitliche Meinen und Wähnen hinaus. Für den relativ kleinen, aber geistig angeregten Karlsruher Kreis war es darum ein harter Schlag, als Blumgrund vor wenigen Wochen eine Berufung nach Hamburg annahm, wo ihn ein weiterer Wirkungskreis als Rabbiner der Wallich'schen Klaus erwartete. Am letzten .Februartage verließ er Karlsruhe nicht ohne Wehmut und doch froher Hoffnung voll auf eine reichere Lebensarbeit, die ihm denn endlich auch — so hofften seine Freunde — die Erfüllung des innigsten Wunsches, die Gründung eines Hauses, ermöglichen sollte. Am Mittwoch der vergangenen Woche traf er in der neuen Heimat ein, einen ersten Sabbath durste er dort, verleben, dann ging er ein zur ewigen Heimat, zum ewigen Sabbath! Geschwächt von den Folgen wiederholter Influenza-Anfälle, denen er wenig Beachtung geschenkt zu haben scheint, fiel er einem Herzschlage zum Opfer, lieber die Bestattung fehlen zur Stunde noch nähere Berichte. Man darf die Hamburger Gemeinde aufrichtig beklagen, daß es ihr nicht vergönnt war, die .Früchte einer Wirksamkeit zu genießen, die zweifellos reichen Segen gestiftet hätte. Der Heimgegangene selbst, das möge noch ausgesprochen werden, war ein glücklicher Mensch, glücklich in seiner Ueberzeugungstreue, seinem menschenfreundlichen Frohmut' und seiner unablässigen Fseistesarbeit, die tiefgründig, redlich-gerade und original war, wie sein ganzes Wesen. Einige wenige Früchte seiner lexiographischen Forschungen wird, wie wir hören, das diesjährige Jahrbuch der „Jüdisch-Literarischen Gesellschaft" enthalte». Leben und Wissenschaft betrauern den Heimgang dieses Edlen, dessen Mutter und dessen Geschwister Trost finden mögen in dein beglückenden Bewußtsein, daß sein kurzes hieniediges Leben reicheren Segen ausgestreut, als ihn Söhne und Töchter bedeuten. Die Dankbarkeit seiner Schüler und die Verehrung seiner Freunde bleibt hienieden lebendig wenafscliau the zruro biziaur haehajim. Die Landes Generalversammlung der ungarländischen Orthodoxie. (Schluß). Der zweite Berhandlungstag gab der neuergänzten Kommission Gelegenheit, sich über die Programmpunkte zu einigen. Darum wmen die Verhandlungen fast den ganzen Tag sistiert. 'Hervorzuheben wäre nur, daß oer Obeirabbiner Kutna-Eisenstadt, als er für die Orthodoxie eine Lanze brechend, zufällig auf ein Citat von Manheimer verfiel, am Weitersprechen verhindert wurde. Es half nichts, daß die besonnenen Elemente für ihn als für den Mann eintraten, der nun fast vierzig Jahre schon mit Leib und Leben an erster Stelle für die Orthodoxie gekämpft hat. Man überbrüllte ihn und ließ ihn nur schwer seine Rede fortsetzen. Es war offenkundig, daß der Weg von «Minkacs" nach Eisenstadt noch so manchen dunklen Berg zu durchbrechen hat und, daß es eines genialen Baumeisters bedarf, der den Weg der Verständigung zwischen diesen Gegensätzen zu errichten im stände ist. Dritter Verhandlungstag. 1. März. Die große Schlacht ist mit entscheidendem Erfolg geschlagen. Autorität und Majorität hat über den stotternden, verschüchterten Gegner triumphiert. Es bleibt nichts übrig, als mit Behagen die erbeutete Errungenschaft. die ergänzenden achtzehn Männer, über deren Wahl und Wichtigkeit Redeströine geflossen sind, zu kandidieren. Man sollte meinen, daß das eine Spielerei sein wüste. Dem war aber nicht so. Dr. Schächter, Vorsteher derPesterorthodoxen Gemeinde, bringt einen Dringlichkeitsantrag ein, und dies genügt, um wieder alle Dämme zu sprengen. Nach einer Weile verschafft er sich Gehör,' auf Grund einer wannen Empfehlung des Neutraer Oberrabbiner Katz. der mit schonungsloser Sprache dom Präsidentensttz aus, den er inne hat, gegen die Rabbiner wettert, die beinr Skandalieren und Drauflosstürmen obenan sind. Die Schiedsgerichtsftage muß vor allen Dingen erledigt werden. Es darf keinen Zeitpunkt geben, in dem sich unbefugte Menschen in die jüdischen Kultusangelegenheiten, wie dies der ungesetzliche Erlaß des abgehenden Kultusministers gestattet, mengen. Die Stimmung ist für Vertagung des Antrags bis nach der stattgehabten Wahl. Das Dazwischentteten des Nngwarer Gaon rettet ihn. Man einigt sich dahin, daß man über das Schiedsgericht sprechen werde, ehe man den Kongreß verläßt. Dr. Schächter zieht noch mit dem merkwürdigen Zusatz seine Präsidentschaftkandidatuc zurück, daß es ihm, der sich für diese Stelle nicht prädestiniert weiß, nur leid sei, zu hören, daß er deshalb als solcher nicht in Betracht zu ziehen und von der Kommission fallen gelassen sei, weil er als D r. der Orthodoxie schaden müßte, lleber dreißig Jahre wirke er aus heiliger Ueberzeugung für die Orthodoxie; seit langen Jahren sogar an oer Spitze der ersten orthodoxen Gemeinde des Landes. Eine derartige Aeutzerung sei berufen, ihn in seiner Ehre zu verletzen und in seiner ärztlichen Reputation zu schädigen. Er verwahre sich deshalb entschieden dagegen. (Stürmische Unterbrechung, wie immer.) Nngwarer Raw hat noch das Wort, um als Präsident des erweiterten Ausschusses zu beanttagen, daß in Zukunft durch das neue Statut dem autokratischen Absolutismus des Präsidenten, der der weitesten Korruption angelweit die Tore ögnek. ein Damm entgegengestellt werden müsse. Der Anttag wurde, bevor man ihn noch gehört hatte, im Sturme angenommen. (Nicht nur Bücher, auch Anträge haben ihr Schicksal.) Marton-Papa hat das Wort über das erweiterte Elaborat der ergänzten Statuten, die der vermehrte Ausschuß eingebracht hat. Und wieder war es merkwürdig, daß der weise Rat entgegen dem wildwüsten Kongreßbeschluß von gestern auch den Papa er Organisationsentwurs als Beratungsbasis wählte. . . Hervorzuhrben ist der Punkt, der besagte, daß derjenige, der Mchalel Schabbos ist «nicht in die Landesverttetung wählbar ist". Dagegen erhebt stch eine schüchterne Opposition von den «Orthodoxen im Prinzip", die in der Praxis jenseits vom Sinai wohnen, derGaon aus Großwardein löst mit hinreißender Beredsamkeit die Leidenschaft-aus, die de» Saal erfüllt. Man ist von der Wucht seiner Worte und dem Blitz seiner Augen hypnotisiert. Ein Sturm braust durch den Raum, nur jenem vergleichbar, den der verewigte Führer des Zionismus durch seine Poleniik mit Triesch hervorgerusen hatte. Der neologe Bruder ist vom Blitz gewogen. den der große Donnerer von Großwardein über ihn niedersausen ließ. «Zwischen uns ist die Brücke für ewig abgebrochen, die Kluft ist weiter als jemals. Wir können die Herren nicht als zu unserer Konfession gehörend bewachten, denn sie haben mit dem Judentum für immer gebrochen. Wer für Gott ist, ist bei uns. Und wen das Zusammengehen mit jenen Elementen gelüstet, der hat sich oo ipso aus dieser Versammlung gesprengt." Es erfolgt einstimmige begeisterte Annahme, bei deren Verkündung viele in Tränen ausbrechen. Im kolossalen Jubelschrei geht der Protest des Delegierten Barkany- S.Kelemes verloren. Als man ihn bemerkt, wie er, auf einen Stuhl steigend, sich Gehör verschaffen will, wird er wiederholt herabgeschleudert. In seiner Zähigkeit scheint er die paar Püffe stoisch zu überwinden und taucht plötzlich aus der Rednertribüne aus. Er beginnt wiederholt mit der Versicherung, daß er in Berttetung der Mandatare so sprechen müsse, daß ihm hier anwesende Gaonim — er zitiert Namen — seine orthodoxe Gesinnung bestätigen können. Er spricht vom Terrorisnms einiger Rabbiner gegenüber der Kommission, der dieser Schabbos-Paragraph aufgezwungen wurde (Er wird übrigens von seinem Gesinnungsgenossen Dr. R ev ü ß unzweideutig widerlegt!) und ward ani Fortteden verhindert. Man hört nur einzelne Worte, wildes Getöse, abgebrochene Sätze. Ein wildes Schauspiel, das stch jeden Augenblick wiederholt und in wüste Prügelei auszuarten droht. Die Aufnahme des Minoritätsvotums ins Protokoll wollte er; ihn von der Tribüne entfernt wissen, die Versammlung. Die kurze Pause des Atemholens benutzt der Präsident, um dem verewigten Präses Lipchütz einen warmen Nachruf zu widmen. Was den Lebenden nicht gelungen war. hat die Nennung des toten Führers vollbracht. Der Hintergrund für die Verkündigung des Präsidentschaftskandidaten ist gegeben. Da die Parteigänger aller übrigen Kandidaten den Kampf mit Herrn Adolf Frankl für aussichtslos bewachten und zurückstehen, wird er allein noniiniert und mit begeisterter Einstimmigkeit unter stürmischen Kundgebungen der hellsten Freude zum Präsidenten gewählt. „ä'ebi" und „Eljen“ braust es durch den Saal, während die Deputation stch anschickt, ihn abzuholen. Unterdessen nüvt der Er lau er Rabbiner die gehobene Stimmung zur Annahme gewisser Punkte aus, die eine Peripherie in der Entwickelung der ungarischen Orthodoxie sein könnten. Er macht bei den „Khilana hakaudesch“ Stimmung gegen die gebildeten Elemente unter den Rabbinern, will es ausgesprochen wissen, daß jedes für Geld erkaufte Rabbinat — und solche sind tägliche Erscheinungen — für null und nichtig erklärt werde; des weiteren beanwagt er einen Penfionsfond für die älteren Gemeindebeamten und eine Regelung des Jeschiwaschnorrertums, des den Kwod hatauroh untergrabe; zuletzt will er die Einsetzung einer 5er-Kommission, mit der einzigen Aufgabe „Uatoros" (Rabbinerbefähigungszeugnisse) erteilen zu können, durchdrängen. Es gelingt seiner Sprache, auch alles fortzureißen. Sowohl die Rabbiner, als auch die Gemeindedelegierten beantworten die im Geiste seines Vaters, des sei. Ksaw Soser. an sie gerichteten Apostrophen bejahend. Es hat sich gezeigt, daß die ehrw. Rabbiner die Ausflüsse dieser Rauschstimmung als für' sich nicht bindend hinnehmen und die «HaMroskommissionsidee" für sich als nicht angenommen bewachteten. Die letzten Ereignisse boten erhebende Momente bei der Begrüßung des neugewählterf .Präsidenten dar. Auf den Schultern wird er. wotzdem er sich aus Leibeswäften wehrt, deni Kongreß ausgewogen. In bescheidenen Worten dankt er für den Beweis der Liebe und des Berttauens, das zu rechtferttgen ihm einzige Lebensaufgabe sein wüd. Mit seiner Wahl hat die Orthodorie ein Programm bekommen, und deshalb trat nachher alles in den Hintergrund. Ob jetzt in der Laienverwetuna eine Richtung mehr oder minder verweten ftin wird, das spielt keine Rolle mehr. Man -weiß, daß die Orthodoxie einen Mann von Tatkraft und gigantischem Wollen erhalten hat und das beftiedigt allgemein. Der Kongreß löste sich, wie Großberg von der «Allgem. jüd. Ztg." schreibt.

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