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Neue jüdische Presse · 1905-02-24 · Heft 8 (24.2.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 8 des Frankfurter Israelitischen FamilienAattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Eine jüdische Zeitung in China. — Die Landfrage im Zionismus. —Aus der Zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Aus denVereinen.— Letzte Berichte. — Bücherschau. — „JüdischeJugend". Eine jüdische Zeitung in China. Wie ein Wunder mutet es uns an, wenn wir die in grünem Gewände vor uns liegende Zeitung ,IsraoI'slÄessongsr", Offizial Organ of the Shangai Zionist Association, betrachten. Und sie ist nicht etwa ein unbedeutendes Blättchen, sondern eine auf anständigem Papiere in feinem Englisch geschriebene Zeitung von 16 Seiten, also ein ganz respektables Blatt. Ja, der Zionismus scheint doch nicht bloß so ein Windhauch zu sein, so ein Spleen schreiblustiger Skribentenseelen. Es muß schon die jüdische Volksseele sein, die er aus ihrer Erstarrung erweckt Volksseele sein, die er mit dem belebenden Strahle der Frühlingssonne aus ihrer Erstarrung erweckt hat. Doch schlagen wir das Blatt auf! Da finden wir neben guten Original-Artikeln Auszüge, besonders aus englischen, nordamcrikanischen und südafrikanischen Zeitungen. Auch das Feuilleton enthält lesenswerte Abhandlungen, bringt uns große Schrift- Heller näher und gönnt dem Humor eine Ecke. Besonders fesselt uns ein Bortrag, den Rev. Frank Rawlinson im Literatischen Klub der „Shangai Zionist Association" über „die Ausfichteir der Juden nach ihrer Niederlassung in Palästina" gehalten hat. Auch über jüdische Erziehung bringt das Blatt eine eingehende Abhandlung. Der Verfasser schildert in eindringlichen Worte», wie nötig es ist, das jüdische Wissen zu vertiefen. Er führt aus, daß das Eindringen in unsere Religion ei» wichtiger Faktor ln unserer weltgeschichtlichen und religiösen Entwickelung sei. Ohne Religion würden wir untergehen. Unsere Weisen, so sagt er tveiter, waren stets für Harmonische Bildung, religiös und weltlich sollte sie fein, und er führt manche Beispiele unserer Vorfahren an, in denen sie ihre Kinder und Schüler durch Hochhaltung dieses Prinzipes zu guteir Juden erzogen trotz der sie umgebeirden, fast unüberwindlichen Schwierigkeiten. Warum» so fährt der Autor lebhaft sort, warum sind wir zu larr in unserem Empfinden, in unserem Tun, mit ihrer» Beispiel zu folgen? Es scheint leider viel Wahrheit in der Anklage zu liegen, daß wir immer mehr rnrd mehr Anbeter des goldenen Kalbes werdeir. Wir sollten anstatt dessen eine tiefe Ehrfurcht vor dem Judentum schon in das Gemüt der Jugend zu senken versuchen und sollten ihr Durst einflößen nach jüdischem Wissen. Wäre ein foldjer Versuch aussichtsvoll? Zweifellos Ja! Wir müßten zu diesem Zwecke Talmud- Klasse» erössnen und Kollegien, in deueir jüdische Literatur rrnd jüdische Geschichte gelehrt würde, und wir müßten suchen eine jüdische Atmosphäre herzustellen, ein jüdisches Heim. — — Die „I. M." enthält auch einen Artikel, die Juderr in Indien und Eochinchina betresfend, der uns erzählt, daß das Erziehungswesen dortselbst nicht gerade ein auf der Höhe stehendes zu nennen fei! Man habe schon Versuche gemacht, diesem Hebel abzuhelfen, doch bis jetzt mit wenig Erfolg. Hindostan gewähre in dieser Beziehung schon einen hoffnungsvolleren Ausblick, obgleich gewisse Examina meistens auf Samstag fielen. So sei es gekommen, daß einzelne Knaben im Verlauf von mehreren Jahren nur ein einziges Mal geprüft werden konnten. Im Jahre 1890 jedoch wurde dem Kandidaten A. B. Salem auf sein diesbezügliches Gesuch an die Universität Madras gestattet, den Fragebogen abends nach Sabbat-Ausgang schriftlich zu beantworten. — Die „Madras Mail" brachte alsdann den Bericht, daß eine Eingabe an den Senat gemacht worden sei betressend die Verlegung der Prüfungen auf andere Tage. Die Eingabe wurde genehmigt und tritt dann in Kraft. — Noch mehr des Interessanten weiß das Blatt zu berichten. Z. B. daß in Neu-Seeland die Mitglieder der „Dunedia - Gemeinde" einstimmig beschlossen haben, daß ein Kuabe nur dann berechtigt fti, die Sidre ösfentlich zu lajenen, wenn er vorher eine Prüfung im Jüdischen vor einem Mitglied der zionistischen Ortsgruppe abgelegt habe. — Man sieht, -aß hier die Zionisten eifrig bestrebt sind, dem Judentum wieder zu seinem Ansehen zu verhelfen. Möge Gott Seinen Segen dazu geben! Die Laudfrage im Zionismus von Z. O. Nach t. (Schluß.) Wäre nun so der Territorialismus als eine notwendige Konsequenz des klaren politischen Zionismus erkannt, so bleibt jetzt noch die Frage zu be. keuchte», wie sich heute eigentlich der Nur-Palästina- Zionismus einerseits und der territorialistische Zionismus andererseits die Verwirklichung des zionistischen Gedankens vorstellt, und welcher der beiden dahin einzuschlagenden Wege den Pfeiler dahin a u f w e i st. Das Gran dp rin zip des Zionisuius war immer die „öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte". Dadurch unterschied sich der politische Zionismus von allen andern Versuchen, die jüdische Frage zu lösen, daß er zunächst die politische Grundlage, die Autonomie schassen und dann erst zur eigentlichen Arbeit schreiten wollte. Er war sich darüber klar, daß, sobald diese Grundbedingung fehlen würde, die Abhilfe nur halb und ihre Tauer zweifelhaft sein würde. Die Erkenntnis nun, daß die Autonomie für Palästina in absehbarer Zeit von der Türkei nicht zu erlangen sein wird, ist eine allen gemeinsame, Palästinensern sowohl wie Territorialisten. (?? D. R.) Daß beide Parteien sich in diesem Punkte einig sind, daß nicht die bösen Territorialisten allein es aufgebracht haben, das beweist uns am deutlichsten das Programm, das nun seitens des Palästina- Zionismus sür die Zukunft beabsichtigt ist. Neue Wege sollen nunmehr betreten werden. Tie Autonomie, die nicht gutwillig von der Türkei gewährt wird, soll uns ans andere-Weise werden. Aber wie? Was jetzt entwickelt werde» soll, nennt sich im Gegensatz zum bisherigen, stolz „Zionismus der Tat." In die Sprache des genieinen Menschenverstandes übertragen, heißt das: Aufgabe des „öffentlich rechtlich gesichert" und Rückkehr zur Kleiiikolonisation. In der Vorstellung des Palästina-Zionisten malt sich das solgcndermaßen aus. Tic Türkei soll zunächst nur Konzessionen zur Anlegung von Kolonien erteilen, wozu sic anscheinend bereit ist. Mlmählich soll nun eine so massenhafte Infiltration jüdischer Elemente in Palästina stattfinden, daß. sie schließlich als eine Macht dastehen sollen, mit der die Türkei wird zu rechnen haben, der sie die Gewährung der Autonomie nicht mehr wird verweigern können. Wem nicht heißes Wünschen allein schon das Ziel bedeutet, wem also nicht dadurch die Sinne verdunkelt sind, der muß sich folgendes sagen: Rur zweierlei Möglichkeiten sind vorhanden: Entweder kann das Ziel des Zionismus auf diese Weise erreicht werden, oder es kann es nicht. In dem einen Falle wird die Türkei, die sich gegen den ttzedanken der Autonomie wehrt (?? D. R.), ebenso weitsichtige Staatsmänner, wie wir es sind, besitzen, die sie rechtzeitig vor uns warnen werden.*) Dann wird nichts anderes als eine Judenfrage auch in der Türkei, wo es heute noch keine gibt, geschafsen sein. Das kann doch nicht ernstlich unser Wunsch sein. In dem andern Falle wollen wir uns doch nicht selbst betrügen. Solchen Plänen gegenüber und gegen die Versuche, die gemacht werden, das Uganda- Projekt zu vertuschen, widersetzt sich nun der Territorialismus. Er hält fest an dem Grundprinzip des Zionismus, an der „öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte"**) und verzichtet auf Palästina, nicht weil er will, sondern insofern er muß. (?? D. R.) Es *) Wovor soll die Türkei eigentlich gewarnt werden? Welche Gefahr kann ihr überhaupt von dem nur auf sich angewiesenen jüdischen Volke drohen? Kann nicht vielmehr eine große Ansiedelung des jüdischen Volkes in den Gebieten der Türkei nur von großem Segen sür ihre innere Entwicklung und damit auch für ihre äußere Stellung sein! Auch ist— wie wir schon des öfteren ausführten — der Gedanke der Autonomie für die türkische Regierung nichts Neues, denn autonome Völkerschaften befinden sich schon längst unter ihr. Anm, d. Redakt. **) Auch die Palästinenser halten an diesem Prinzip fest, nur meinen sie, es müsse nicht gerade ist notwendig sich über die Bedeutung dieses Verzichts klar zu werden. Da wir Politiker sind, so sagen wir: Palästina ist ein Territorium, das wir möglicherweise erlangen können, das uns aber auch versagt bleiben kann. Damit haben wir eigentlich nur eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen. Wir verfahren da wie der Chiurg, der um das ganze zu retten (ich gebrauche ein Beispiel) eine» Einschnitt macht und das Schädliche entfernt. Man will unS lehren, daß Judentum und Palästina etwas untrennbar, organisch Verbundenes feien, daß es auf einem anderen Boden nicht die Kraft besitzen wird, sich zu erhalten. Nur bleibt dabei das Rätsel ungelöst, wieso es möglich war. daß sich das Judentum 1800 Jahre lang unter den härtesten Bedingungen nicht nur erhalten, sondern zu Zeiten sich auch glänzend entwickelt hat; dies in der Fremde, die nicht einmal immer die gleiche mar, umgeben von Feinden, die ebensosehr nach der Vernichtung jüdischen Lebens, wie jüdischen Geistes trachteten. Wie wäre dies möglich gewesen, wen» das jüdische Volk das Judeiitiim nicht in sich und mit sich tragen würde, wenn es von dem einen Lande abhängig wäre? Nun soll das Judentum mit einem Malelebensunfähig werden, wenn es aus eigenen freien Boden versetzt wird, wo es von Widersachern ungehindert sich frei entwickeln kann, wo das Volk nach eigenem Gutdünken über sein Wollen und Handeln wird entscheiden können. Diesem Kleinmut gegenüber können wir also nur unfern bessern Glauben an das jüdische Volk, sowie Tatsachen der Geschichte entgegenhalten. Was die Erlangung eines Territoriums überhaupt (das natürlich auch Palästina sein dürfte) betrisft, jo lehrt uns eine kurze Neberlegung, daß sie mindestens viel wahrscheinlicher ist, als wenn wir uns auf Palästina einzig und allein beschränken, sodaß ein Borwurf des Utopismus umsomehr noch den Nur-Palästina-Zionismus treffen würde. Ter Territorialismus kommt auch nicht niehr mit leere» Hände». Die englische Regierung hat uns ein Territorium «»geboten, sie dringt auf Antwort; es ist unser, sobald wir nur wollen. Wenn wir es nun haben werden, wer wird dieses srcmde, zunächst doch völlig unwirtliche Land aujsuchen wollen? Wo werden wir sür ein solches Land die Begeisterung hernehmen, die nötig ist, um die Massen zum Aufbruch zu bewegen? Darauf ist zu erwidern, daß auch wir über Imponderabilien verfügen: negativer Art, die uns unsere Feinde und die Verhältnisse reichlich genug bieten: positiver Art in dein Streben nach Freiheit und in dem Willen Juden zu bleiben. Völlig genügend, um wenigstens eine» ganz geringen Teil des jüdischen Volkes mit der nötigen Begeisterung zu erfüllen. Helden werden es sein müssen, die zunächst hinausziehen werden, um den Grundstein zu legen zur jüdischen Heimat, zum wiedergeborenen jüdischen Volke; sie werden uns erstehen in der Jugend des jüdischen Volkes, sobald es Arbeit gibt. Tie erste Ansiedelung aber von nur 1000 Juden auf freiem Boden wird sür dieses jüdische Land des Lebens weit mächtigere Imponderabilien geschaffen haben, als die Illusionen aller Jahrhunderte. Was wollt Ihr, wird uns zuletzt noch zugerufen, mit dem kleinen Ländchen Uganda beginnen, es wird höchstens 2—3 Millionen Menschen sassen! Man bedenke dieses schreckliche Argument: nur 2—3 Millionen Juden wird eine Heimat geschossen werden! Man mag uns ideallose Praktiker schelten, wir sind bescheiden und wollen uns zunächst damit begnügen. Wir glauben nämlich, daß ein jüdisches Gemeinwesen von 2—3 Millionen auch denen eine Heimat werde» wird, die in den fremden Ländern verbleiben werden. Sollte aber wirklich im Lause der Jahrhunderte damit der Anfang gemacht werden. Gewiß wäre es besser, wenn man damit beginnen könnte! Wer ein Volk, das bereits in einem 20Mjährigen Golus lebt, muß sich etwas gedulden können. Die Hauptsache ist, daß die Befteiung kommt; und daß sie kommen kann, nun, da verweise» wir die Territorialisten auf ihre eigenen Argumente, die sie noch vor einem Jahre mit der größten Ueberzeugung verfochten. Anm. d. Redait.

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