Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Frankfurter Israelitischer Familienblaü. Nr. 8 die Zwecke und Ziele des Vereins in die Wege zu leiten. Demnächst soll eine ösfentliche. Versammlung einberufen werden, in welcher Herr Dr. Klüger ein Referat halten wird. G Feuilleton. G Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung). Herr Berger ließ sich aber nicht beschwichtigen, sah ihn finster an und sagte: „Ich darf von den Herrschaften wohl einige Minuten Gehör erbitten, da meine Ehre dies verlangt." Ein würdiger, weißbärtiger Herr rief: „Sprechen Sie, Herr Berger!" ' Tiefer dankte mit einem Blick und fuhr fort: „Tie Bazare haben noch kein Geschäft ruiniert. Die Geschäftsinhaber müssen sich eben de» veränderten Zeitverhältnissen fügen. Sie müssen ihren Geist, ihre Tätigkeit anspannen, um sich nicht von der riesigen Konkurrenz, die auf allen Gebieten herrscht und von der die Bazare nur einen Tei! bilden, erdrücken zu lassen. Tie Leute, die sich als Opfer der Großbazarc hinstcllcn, sind Unfähige oder Faullenzer, die auch ohne Bazare von der Bildfläche verschwunden wären." Nun wandte er sich zu. Herrn von Knnpp- Pelzow. „Und wie können Sie als denkender und gerecht sein wollender Mann sich herbeilassen, über Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens zu urteilen das Ihnen offenbar ganz unbekannt ist? Ich wiederhole nicht den in diesem Zusammenhang geschmacklosen Ausdruck, den ich übrigens Ihrer Alkoholstimmung zuschreibe: die Juden, welche die großen Bazare aufgetan, geben Tausenden Brot und Stellung, sie ermöglichen jungen Leuten ans den untersten Ständen, sich in die Höhe zu arbeiten und voran zu kommen. Tie Millionen, die wir einnehmen, fließen in tausend Bächen wieder ins Volk zurück, und wir heben den Nationalwohlstand mehr als Sie und alle Schimpfer es jemals vermocht haben!" Mit tiefem Schweigen wurden diese Worte angehört. Hugo stand in der peinlichsten Verlegenheit, sich von einem Fuß auf den andern wiegend. Tas Lächeln, welches beim Anfänge des Tisputs vielen auf den Lippen schwebt«, schwand und machte einem unliebsamen Erstaunen Platz. Herr von Knupp-Pelzow erhob sich. „Liebe Frau Rode, entschuldigen Sie. Wir'alten Leute vergessen, daß die Gesellschaften von beute nicht mehr die Gesellschaften von früher sind. Vordem war man unter Seinesgleichen, jetzt aber — hm, guten Wend allerseits!" Hugo näherte sich ihm. „Aber Lester Herr von Knupp, Sie wollen uns doch nicht verlassen, das kleine Mißverständnis . ." Herr Berger sagte zu seiner Frau: „Komm Jda", nickte der Gesellschaft zu und entfernte sich, gefolgt von Heinrich, der mit leuchtenden Augen auf die Rede seines Vaters gehorcht, ihn aber gleich danach unablässig gedrängt hatte, mit ihm wegzugehen. Draußen rief Heinrich in großer Aufregung: „Vater, wir werden Erna verlieren. Hugo schämt sich unser. Er hat Tich geopfert, anstatt Dich zu verteidigen." Sein Vater beruhigte ihn. „Tu siehst zu schwarz. Geh' jetzt nach Hause, lieber Sohn, und komm morgen recht früh zu uns." Er blieb vor seiner Frau stehen, die sich in ihrem Zimmer schluchzend aufs Sofa geworfen und sagte bitter: „Itun ist Tein Wunsch erfüllt. Du bist in den höheren Kreisen, nach denen Tu Dich immer ge sehnt." - „Ach, die Kinder können doch nicht verhindern, daß ein roher Mensch uns beleidigt." „Morgen früh gedenke ich mit Hugo zu reden. Wir werden für das Glück unserer Tochter. viel opfern müssen. Ich fürchte, daß meine unselige Schwachheit uns allen verhängnisvoll wird." Kapitel 19. Die Gesellschaft, die so heiter begonnen, löste sich rasch auf. Die junge Frau hatte ihre Fassung verloren und war ihrer Schwiegermutier und ihrer Schwägerin dankbar, daß dieselben ihr die Abschiedshonneurs abnahmen. Liska sagte zu ihrem Bruder.: „Wenn Tu Dich nicht von diesen Leuten los sagst, kannst Tu künftig Deine Salons dem rote» Manasse öffnen." Er erwiderte finster: „Unterlaß doch Tein beständiges Hetzen." Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. „Wenn Du Dich damft begnügen würdest, allein mit Deiner Frau ein idyllisches Schäserdascin zu leben, ohne jeden weiteren Verkehr, würde ich ja schweigen. Du strebst aber nach höherer Stellung unter Deinesgleichen, in der chrisllichen Welt, und da hängt Deine neue Verwandtschaft wie Bleigewichte an Dir, Dich niederziehend. Wenn Du Dich nicht ermannst, wirst Du ein vergrämter, verdrießlicher Mann; das ZNdengeld allein inacht Dich nicht glücklich." „Soll ich inich etwa von meiner Frau scheiden lassen?" „Nein, aber bewege sie zur Taufe und brich die Freundschaft rnit ihrer Sippe. Gute Nacht!" Tie Gäste waren verschwunden, die Lichter ausgedreht. Die Salons rnit der warmen, dunstigen Luft, den durcheinanderstehenden Sesseln, den jetzt unordentlich geöffneten Mappen init herumliegcndem Inhalt, und der Speisesaal rnit denr rvüstcn Durcheinander der plötzsich aufgehobenen Tafel inachten einen trübseligen Eindruck/ In einem kleinen Budoir, durch eine Stehlampe mit rotem Schirm erleuchtet, fand' Hugo seine Frau auf einem Sessel liegend, ein weißes Tuch gegen die Sttrn pressend. „4tun," rief er auf und ab schreckend, „trog »«ich meine Ahnung, daß Deine Eltern nicht in meine Gesellschaft passe»? Morgen werden die Blätter über die Judendebatte in -meinen Salons zu witzeln haben. Himineldonnerlvetter!" „Hugo, wer begann de» Streit, war mein Vater nicht der Beleidigte?" - - „Ja, aber er kann sich doch denken, daß die Leute sich nicht an seinen Glauben erinnern, ivenn sie eine politische Ansicht äußern wolle». Und meine Glanbens- und Parteigenossen.brauchen sich bei mir keine Zurückhaltung aufzuerlcgen." „Wie kannst Du so klein und ungerecht denken! Wie durftest Du um mich werben, da Du doch, diese Konflikte voraussehen mußtest." Er redete sich in eine größere Wut hinein. ,-Jch konnte dies nicht voraussehcn. Außerdem durfte ich von Deinem Taftgefühl erwarten, daß Du diese Konflikte vermeiden würdest. Das geht nicht mehr. Um ganz zu mir zu gehöre», mußt Du Dich taufen lassen." „Hugo, Du versprachst mir, einen Glaubensivechsel niemals zu verlangen. Du sagtest so häufig: was bedeutet der Unterschied der Religion bei Kindern unserer Zeit." „Ich Ivill keine Jüdin zur Frau. Die Verhältnisse haben sich eben geändert!" Er lachte höhnisch. „Worin besteht den» Eure Religio»? Seitdem ich Euch kenne, wart Ihr in keinem Tempel, Ihr feiert Euren Sabbat nicht, Ihr betet nicht, Ihr befolgt Eure Speisegesetze nicht, in religiöser Beziehung seid Ihr meinem Jagdhund gleich, und da willst Du Dich gegen die Tause sträuben?" Sie senkte ihr Haupt. „Tu hast recht, Hugo. Es ist eben die Folge des Anfangs. Du würdigst den Religionswcchsel zur leeren Form herab, ich werde mich, also nicht weigern. Aber meine Eltern." „Mit Deinen Eltern werde ich reden und werde sic überzeugen." ‘ Erna lag lange schlaflos im Bette und der Gedanke wollte in ihr anfdämmcru, daß ihre Liebe ihr zu großem Unglück gereichen tvürde. Die nebelgraue Ferne enthüllte sich ihr mit unirdischeni Lichte, die Trostlosigkeit, die Reue nahten langsam auf schwarzen Fittiche», und sie mußte diesen Kampf ohne Hoffnung kämpfen. Andern Morgens ließ Herr Berger seinen Schwiegersohn rufen. „Guten Morgen, Vater, ich wollte auch mit Ihnen reden." „Vorläufig höre-zu, was ich zu sagen habe. Setze Dich, wir werden Zeit gebrauchen. Gestern Abend wurde meine Ahnung zur Gewißheit, daß D» Dich Deiner Schwiegereltern schämst." „Aber.Vater," stotterte Hugo, „Ivie können Sie dies voraussetzen?" „Wo cs nur angiug, vermiedest Du, mit uns auszugehcn, uns mit Deiner illnstren Gesellschaft bekannt zu machen. Wo dies nicht zn umgehen war, nanntest Du unseren Namen, erwähntest jedoch nicht unsere Qualität als Deine Schwiegereltern. Gestern Abend ließest Du mich feigerweise ohne Deinen Schutz, anstatt diesen Rowdy, der Dich und Deine Frau beleidigt hatte, hinanszuweise». Ich sehe klar, und cs soll nun klar zwischen uns werden." Hugo sagte, etwas kleinlaut geworden: „Lieber Vater, Sic verkennen die Sachlage vollständig, es ist eben eine ganz andere Welt, in der wir leben. Ich hoffe, dereinst. noch einen Ministersessel cinzunchmcn und bedarf der Protektion und der Freundschaft einflußreicher Leute. Diese finde ich in konservativen Kreisen, dortkomme ich rascher zur Geltung — aber ich darf mir auch deren Vertrauen nicht verscherzen." „Ich verstehe. Nun/wir werden Dir nicht, im.Wege sein. Du hast uns zum letztenmal bei Dir gesehen, aber Du, der Gatte unserer einzigen Tochter, bist uns in unserem Hause stets willkommen. Du wirst auch wohl unserer Tochter nichts in den Weg legen, ihre Eltern regelmäßig zu besuchen." „Gewiß werde» wir gerne und häufig zu Ihnen kommen» aber wie die Verhältnisse eben liegen, muß ich Sic bei Ihrer Auffassung lassen. Ich. gedenke hoch zu steigen und meiner Frau eine hohe und glänzende Stellung zu schaffen, aber der Weg. . ." „Muß judenrein sein, nicht wahr?" „Nun ja, Beziehungen zn Juden können nur schaden." „Weshalb hast Du denn die Jüdin geheiratet. Kanntest Du beim Deine Bestrebungen und Pläne nicht vorher?" „Der rascheste und beqneinste Weg erschloß sich mir erst nach meiner Verheiratung. Erst die Gründung nicincs Hausstandes ermöglichte mir, ineinen Parteigenossen näher zu treten und durch, die Wahl meines Verkehrs meine strenge Loyalität zu bekunden. Ich rede offen mit Ihnen, tveil Ihr Geist, den ich stets bewunderte, mich versteht. Sie sollen noch stolz ans Ihren Schwiegersohn werden, den Sie jetzt verkennen. Daß es Ihnen in meinem Kreise vorläufig nicht behaglich ist, kann ich mit Ihnen fühlen." Herr Berger sagte schmerzlich: „Welche Demütigungen wird meine arme Tochter ~ noch erleiden, bis sie ihr Herz soweit gestählt hat, daß sie die Beleidigungen ihrer Eltern, ihres Glaubens nicht mehr allzu tief empfindet!" „Erna wird sich, taufen lassen." „Ich habe dies vorausgesehen und muß cs billigen; Eheleute müssen einen Glauben haben." „Es freut mich von Herzen, daß Sie darin so vernünftig denken." „Und nun zum Schlüsse. Du hast.uns getäuscht, Du locktest uns mit den Versicherungen Eurer Toleranz, Du freutest Dich, in uns Deine Eltern wiedergefunden zu haben, und nun sind wir düpiert. Mein Geld kam Dir für Deine Pläne gelegen. Die Art und Weise, wie Du die Hand meiner Tochter erschlichen hast, ist ebenso wenig ~ ehrenhaft, wie der krumme Weg, den Du zu einer hohen Stellung einschlagen willst." Er winkte Hugo, der ihn unterbrechen wollte, mit der Hand Schweigen zu und fuhr fort: „Das foll Dir alles verziehen fei, wenn Du mein Kind glücklich machst. In diesem Falle sollst Du niemals vergeblich, an mich appellieren, wenn Du meine Unterstützung wünschst, llnd nun. begleite mich zu meiner Frau, die von Dir Abschied nehmen will, wir fahren heute nach. Hause." Frau Berger war bei ihrer Tochter. „Liebe Mutter, Sie wollen uns schon so rasch verlassen!" Es zuckte um Frau Bergers Mund und sie sagte" leise: „Ja, cs ist besser; wir müssen heim." Herr Berger ergriff das Wort. „Hugo, wir wollen Dich nicht aufhalten, es ist Deine Büreaustunde. Du wirst gestatten, baß Deine Frau uns den heuttgen Tag widmet, und nun Gott befohlen! Dil bist uns jederzeit willkommen." .Hugo nahm Mschied, ohne viele Worte zu machen. Draußen attnete er tief auf, inachte ein vergnügtes ^Gesicht und begab sich zn seiner Mutter. „Meine Schwiegereltern fahren heute fort und kommen nicht mehr wieder!" ries er den Damen zu. Er erzählte hastig das Vorgefallene. Seine Mutter und Schwester nickten billigend mit dem Kopfe. „Wenn Erna getauft ist, wird sie wohl ihre frühere Welt vergessen." Frau Rode meinte: »Ich fürchte, daß sie trotz der Taufe unglücklich wird, wenn Du sie nicht mit Liebe und Milde an Dich fesselst, Hugo. Wenn sie Ehristtn ist, wird sie auch in uns liebevolle Verwandte finden." „Ach," sagte' er ungeduldig, „zu Sentimentalitäten habe ich keine Zeit. Ich tverde Erna noch so weit bringen, daß sic das Borkumlied singt." Laut lachend' verließ er das Zimmer. (Fortsetzung folgt). Bücherscha«. Festp re d i g t e n von Dr. F. Hille l, Rabbiner in Leipnik. 1. Heft, Pesach und Schuwuaus. 52 Seiten. Preis Kr. 1,20 — 1 Jf. Selbstverlag des Versassers. ' In gutem Deutsch, warm nnd leicht verständlich geschrieben, können >vir diese Festpredigtcn als anregende Lektüre empfehlen. " Küsten, Gedichte von Leo Sternberg. Preis brosch. Jk 3.—, in elegantem Einband nach Zeichnung von Paul Lang Jk 3.50. In Luxus-Glanzledereinband mit echtem Goldschnitt, llumeriert und von dem Verfasser signiert JL .12. 243 Seiten. (F. A. Lattmann Verlag, Berlin-Goslar-Leipzig.) Leo Sternberg, dessen Segel auf dem Meere des breiten Lebens. einherfährt, weiß, an Ivelcher Küste er auch anlegen mag, die Stimmung einer echten Poesie hervorzuzaubern. Seine Poesie ist frei von Sentimentalität, sie ist. männlich und doch aus warmer Seele geschaffen. . Es ist ein weiter Rahmen, den seine Kunst umspannt. In dem Zyklus „Die Zweite" hat ein wuchtiges Ausdrucksvermögen ebenso leidenschaftliche Töne getroffen, wie in dem Zyklus „Die Kleinen" kindliche Anmut. Ein feiner Natursinn ist Führer durch das Geheimnis der Wälder und Nächte. Leichtfüßige Lebenssreudc tänzelt in der Bersmusik, die dem Zyklus „Die Elfe" eigen ist. Das Helldunkel einer