Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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m ♦ IkartKfrtrter ♦ ♦ i ' i Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In-und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. Monnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). HledaLtloir imd HekchLstssterke: Frankfurt a. M.. LeiligkreuzgaAe 52, Lcke Llapperfeldstraße (gegenüber der Venen Zeit). H>era«sgevev: Aalg Heis. Jnserttonspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25Pfg. Die Reklamezcile. wo „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 3. Jahrgang. Freitag, de« 19. Mar 5665 (24. Februar 1905). No. 8. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Die Jca und ihr Tun. *- Das Judentum und die Kunst. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Kinder unserer Zeit, Roman von ^acob Levh. — Aus dem Geschäftsleben. — amiliennachrichten. Die Jca und ihr Tun. Die Jca, die größte jüdische Wohltätigkeitsgesellschast der Welt, der das Riesenvermögen des verstorbenen Baron Hirsch und zwar nach seiner letztwilligen Verfügung zum Besten seines Volkes anvertraut ist, und die gleichzeitig auch die von Baron Edmund v. Rothschild in Palästina gegründeten Mischen Kolonien verwaltet, bedarf am meisten von'allen unseren großen Organisationen der K-itik. Sie leidet nämlich au einem Uebel schwersten Grades, an dem Umstande, daß das Kuratorium sich nur aus Männern einer einzigen Klasse und Richtung zusammensetzt. Es bedarf keiner Erklärung, daß dem ausgesprochen neologen Juden ein Verständnis für die Bedürfnisse der die Satzungen des Judentums respektierenden Massen abgchen muß und daß der bewußte Assimilationsjude dem jüdischen Bolkstume als solchem, keine Rechnung tragen wird; sowie es auch in der Regel selbstverständlich ist, daß die glücklichen Mitglieder der oberen Zehntausend — und nur solche gehören dem Kuratorium an — keinVerständnis für das, was der um das tägliche Brot ringenden breiten Masse wirklich gut ist, haben könpen. Soll also die Jca Ersprießliches leisten, so kann das nur geschehen, wenn an Stelle des bisher einseitig zusammengesetzten Kuratoriums frei gewählte Männer aus allen Schichten des gesamten jüdischen Volkes treten. Zu welchen Folgen eine .einseitige Interessenvertretung, wie sie die seitherige Verwaltung darstellt, führen muß, zeigt recht drastisch ein Brief, den der weltbekannte Lidaer Gaon Rabbiner I. Reines an die Jca gerichtet hat. Der Brief lautet: An das Palästina-Komitee der Jca .Frieden aus Zion! Die Angelegenheiten des Judentums und der Frieden der uns allen teueren palästinensischen Kolonien veranlassen mich, mich an Sie, geehrte Herren, zu wenden. Auf Ihre Gewissenhaftigkeit vertrauend, hosse ich, daß Sie meinen Worten Beachtung schenken, da sie der Widerhall vieler Tausender gesetzestreuer Juden sind. Groß ist die Aufregung und groß sind die Klagen unserer gesetzestreuen Brüder in den Kolonien über das Unrecht, daß ihnen von Ihren Beamten zugefügt worden ist, indem diese die Chederschulen, welche jene zum Thorastudium gegründet, mit Gewalt geschlossen haben. Tie Gründung dieser Chederschulen kam nicht aus böser Absicht, weder aus Hatz gegen das profane Wissen, stoch aus Abneigung gegen neu eingeführte. Anordnungen;, sondern lediglich aus dem Bedürfnisse, die Kinder in dem richtigen Geiste des Judentums aufwachsen zu lassen. Wir erkennen gern die Vorzüge Ihrer Schulen ach aber wir sind leider gezwungen, «S offen auszusprechen, daß die Tendenz Ihrer Schulen ist: zu crz ie h e n e i n Ges ch te ch t o h n e G l au - b e li und ohne Treue zu seinem Volksluntc und dessen heiligsten Gütern. Das behaupten wir auf Grund von Aussagen sehr ehrbarer Männer, denen man unmöglich blinden Fanatismus und Bildungshaß nachsagen kann. — Und kann etwa ein gesetzestreuer Jude, der für das Judentum alles opfern wird und der alle Verfolgungen der christlichen Welt wegen dieses Judentums auf sich nimmt, einer s y st e m a t i s ch e n Verdrängung des Judentums ruhig znsehen und dazu noch, wenn es sich um seine eigenen Kinder handelt?! Es liegt den Gesetzestreucn'fern, von Ihnen zu verlangen, daß Sic die Jugenderziehung ausschließlich' in ihre Hände legen; ebenso liegt es ihnen fern, von Ihnen zu fordern, daß Sie das profane Wissen und die eingeführte Ordnung in den Schulen abschasfen sollen. Was sie wünschen, ist, daß nran neben den profanen Fächern den größten Platz für die Lehre Israels einräume und daß man Mfall und Gottesleugnüng aus den Mauern der Schule verbanne. Zwei Wege sind cs, die . aus dem Dilemnra führen: Entweder Sie gestatten den Gesetzestreuen, für ihre eigene Rechnung Chederschulen zu gründen und verzichten auf Ihre bisher geübte Praxis, ihnen fiir diesen Fall m i t Vertreibung ausden K olon ien und der Entzieh nngder Unter st ützungzu drohen oder Sie gewähren den Gesetzestreuen Platz in der Leitung der Schule, damit sie den Gang des llnterrichts überwachen können. Wir nehmen keinen Anstand zu sagen, daß der letztere Weg der empfehlenswertere ist, weil so Trennung und Einseitigkeit vermieden wird und die Erziehung einheitlich sein wird. Zn einem dieser beiden Wege müssen Sie sich bequemen; aber glattweg die religiöse Richtung zu unterdrücken, das ist mehr als Unrecht, das i st eine g e i st i g e Inquisition! Es liegt uns fern. Ihnen ein Kapitel über Toleranz zu predigen; es genügt unsererseits ein Hinweis auf das Schulwesen bei allen zivilisierten Völkern, um zu sehen, daß eine ähnliche Knebelung der Gesinnungsfreiheit und dazu in s olch'rück sichtslos erWeisenirgendsa nzutreffenist. Wir glauben sogar, daß Sie selber, die Sie gegen die jüdische Schule so rücksichtslos verfahren, sonst einen demokratischen Weg einzuschlagen gewohnt sind.. — Glaubt man etwa, daß man Juden Alles bieten darf. Wenn Sie das glauben, dann sind Sie im Irrtum! Die Gesetzestreuen können unmöglich gleichgültig Zusehen und sie werden ihre ganze Kraft einsetzen, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Zum Schluß! Werte Brüder! setzt Euch nicht leichtsinnig über diese Sache hinweg, denn das Los der Kolonien ist von dieser Frage abhängig. In Eueren Händen liegt es, die Kolonien zum Gedeihen zu bringen, indem Ihr diese Frage auf friedlichem Wege, wie wir Euch vorgeschlagen, löst. Bedenket daß unsere Worte, Worte vieler Tausender Inden sind und daß Euere Taten nicht nur von den heutigen Geschlechtern beurteilt und bemessen werden, sondern auch von den zukünftigen Geschlechtern. Höret auf unsere Stimme, die die Stimme der Massen, die Stimme der ganzen jüdischen Nation ist. Indem ich um Geneigtheit bitte, zeichne mit aller Hochachtung und mit Zionsgruß Rabbiner Jizchok Jakob Reines. Das Kuratorium der Jca hat diesen wichtigen und für sich selbst sprechenden Brief,. der an sie privat gerichtet war, einer Antwort nichtgewürdigt. Keine Antwort ist auch' eine Antwort. Tie Jca wird also — ihrer Gepflogenheit, jegliche Kritik der Oesfentlichkeit unbeachtet zu lassen, treu bleibend — auf ihrem Standpunkte weiter verharren. Unter solchen Umständen erscheint es als ein eisernes Gebot für alle, die für das Judentum noch etwas übrig haben, die noch einigermaßen jüdisch fühlen, energisch Front gegen die sich unverantwortlich fühlende» Leiter der Jca zu machen, damit diese sehen, daß wir keine willenlose Herde sind, sondern ein Volk, mit dem man rechnen muß und daß sie keine minderjährigen Kinder vor sich habe», niit denen man als Vormund nach Belieben umspringen kann. Das Judentum und die Kunst. Ein Vortrag, gehalten von W. I a w i tz - Wilna. Tie Feier, die uns hier versammelt, das Andenken eines großen Meisters der Kunst zu ehren, sührt uns unwillkürlich von dem persönlichen Gebiete in das nationale, von dem biographische» in das historische hinüber. Das ungetrennte Nacheinander der zwei Hauptattribute des Entschlafenen, seines Berufes und seiner Mstammung, nämlich die Benennung „jüdischer Künstler", treibt uns zur Frage: Wie haben Judentum und Kunst, die doch — nach der landläufigen Auffassung zu urteilen — immer so seindlich getrennt waren, sich so friedlich in unserm Künstler vereinigt? — Und was ist wirklich darauf zu erwidern? — Wir unsererseits meinen, daß mau diese kleine Wurteilung zu den großen Verleumdungen gegen das jüdische Volk hinzufügen kann; so wie jene von Haß und Verachtung, so ist diese von Geringschätzung und Oberflächlichkeit erzeugt. Die Geschichte weiß von dieser Feindseligkeit nichts zu berichten. Zwar steht es fest, daß dort, wo die Kunst das reine Licht der Gottesidee trüben oder der lautern Sittlichkeit schädlich sein konnte, sie in ihre Schranken gewiesen wurde. Aber, wo dies nicht der Falt war, wurde ihr immer ein weiter Raum im häuslichen sowohl als im öffentlichen Leben gegönnt und gewährt. Wenige, weit auseinanderliegende Belege unserer viertausendjährigen Geschichte wollen wir als Beweise für die Kunstsreundlichkeit unseres Stammes in seinen verschiedenen Zeitabschnitten anjühren. Die Stiftshütte („Mischkon"), die unsere Urväter in der Wüste errichteten, gewährt uns einen sehr weiten und klaren Einblick, nicht allein in die große Kunstfertigkeit unserer Väter und Mütter aus so v«r-