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Neue jüdische Presse · 1905-02-17 · Heft 7 (17.2.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 7 (17.2.1905)
Date
1905-02-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 7 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Die Kunst der Erziehung. — Robes- Vierre und die Juden. — Aus aller Welt. — AusderLehrerwelt. — AusdenVereinen. — Vakanzen. — „Jüdische Jugend". Die Kunst der Erziehung. (Schluß). Hilths Ausführungen über Religion und die Lehrmethode der Schule übergehend, da sie für die hier vorgeführte Materie nicht in Betracht kommen, lohnt sich ein Einblick in seine Gedanken über die Selbsterziehung. „Es gehört ein unbegreiflicher Leichtsinn," sagt er, „dazu, es. mit der Hinüberleitung zur selbstständigen Weiterentwicklung so leicht zu nehmen und dem Zufall einen so großen Spielraum dabei zu gestatten, wie es seitens der weitaus größten Zahl der Eltern und Erzieher geschieht. Tie Hauptsache dabei ist eben die große unermüdliche Liebe zu denr zu erziehenden Kinde und eine wirkliche Hingabe an die Sache, mit Gottes Gnade und Hilfe, sonst wird nichts Rechtes daraus. Nicht müde werden und nichts für sich selbst suchen, anders gedeiht kein großes Werk." .. Sobald das gewisse Mer überschritten ist, regt sich in dein jungen Menschen der Drang zu selbstständiger Fortbildung, doch gerade dann darf der frühere Erzieher sich nicht als überflüssig zurückziche». Das Rüstzeug zu dem Kampfe, dem der Mensch nun entgegengeht, muß er freilich selbst besitze», das Häßliche, Unwahre muß ihm widerstehen und nur das Gute und Wahre ihm zu dem echten Lebensgenüsse tauglich erscheine,!. Sich selbst erkennen, ohne Eitelkeit, ist die wichtigste Grundbedingung für die Beurteilung der Menschen und der Welt, in deren Mitte mau sich versetzt fühlt, und nur unter diesem Gesichtspunkte wird es dem Aufstrebenden gelingen, alle Kräfte und Fähigkeiten i» sich auszulösen, um nichtnur sich, sondern auch seinem Geschlcchte, seiner Zeit und wenn möglich noch einer späteren Zukunft, etwas Rützliches zu leisten. Hirsch sagt in den lll Briefen (IV): „Nicht darum was u»s wird ist unser Beruf, nicht nach Umfang der äußeren und inneren Güter, die wir in äußern oder iunern Schatzkammern s a m in e l n , wollen wir unser Leben - inesse». Was von uns wird, was von uns a u s g e h t, das ist nnser Beruf. Nach dem, wie wir mit erlangten äußern nnd innern Gütern Gottes Willen erfülle», jede kleinste und größte Gabe umschaffen zil einer menschlichen Gott dienende» Tat — danach können wir uns messen. . . . Also mit bester -Gesinnung ein verfehltes Lebe», wenn die Tat nicht die rechte ist, also mit kleinstem Wirken ei» großes Leben, Ivenn die Mittel zu mehr nicht ausreichten. Also auch Glückseligkeit und Vollkommenheit nur größte Fülle vonäußern und innern Güter», deren volle Verwendung nach Gottes Willen erst des Menschen Größe macht." Zu solchem Ziele will auch Sjilti) seinen Zögling führen, nur erscheint ihm die Lebensaufgabe nicht endgültig kristallisiert in dem einzigen Endzwecke des bewußt Gott dienenden Menschen. Ihm lebt der Mensch hauptsächlich deshalb in Freudigkeit seiner Lebensaufgabe, auch in den von ihm, dessen Menschenlaufbahn gesteckten weiten Grenzen, weil sein persönliches Glück — was dem Gefühl beseligendster innerster Zufriedenheit ungefähr gleichzurechnen ist — damit begründet wird. Tas besagt auch .Hilty's Lebensmaxime 10, die am Besten das Motto der ganzen, Betrachtung bilden würde, hier aber am Schlüsse deren Fazit darstellen soll: „Tie Formel des auf dieser Welt möglichen Glückes heißt: Gottesnähe und Arbeit. Beides stets vereint, nicht eins ohne das andere. Laß dich nicht von Pessimisten oder Weltschmerzdichtcrn überreden, es sei kein Glück auf Erden zu finden. Antworte Ihnen stets: Toch es ist ein solches da, man muß es nur am rechten Orte suchen und den Preis dafür zahlen." * * * Während sich vorstehende Ausführungen im Satze befinden, kommt uns eine Stelle aus dem diesjährigen, von Prof. Hilty seit langen Jahren herausgegebenen Politischen Jahrbuche der Schweizerischen Eidgenossenschaft zu Gesicht, die lautet: „Die Juden müssen den Stifter der christlichen Religion anerkennen und das Unrecht bereuen, dessen sie sich gegen ihn schuldig gemacht, erst dann werden sie einebleibendeStätteunter den Völkern und wahres Glück haben." Hierob große Entrüstung in der Judenheit der Schweiz. Das hatte von dem Prediger der Glaubens- und Gewissensfreiheit niemand erwartet. Tie Lösung des Rätsels von der Sinnesänderung Hilths ist eine sehr einfache. Wohl hat er die Vorzüglichkeit jüdischer Lebensanschauung erkannt, gewürdigt und in sein reinchristliches Bekenntnis eingeschaltet, soweit dessen Basis dadurch nicht erschüttert wird. Er ist dabei immer der Ehrist der Evangelien geblieben und sucht ans deren Lehren, den tatsächlich ans dem Judentum übernommenen Geist zu abstrahieren. Unsere Ausführungen über die Kunst der Erziehung find für diese Anschauung nur ein erneuter Beweis. Also, Hilth hat sich eigentlich in nichts geändert, nur war sein offenes Bekenntnis sehr unklug, denn darin spricht alles das klar zu dem Bewußtsein des Lesers, was er sich aus den früheren Werke» des Autors selbst erst konstruieren mußte. Für unseren Standpunkt ändert sich hierdurch nichts an_ der Wertschätzung eines Mannes, der, obwohl bibelfrommer Christ, die jüdische Lebensweisheit so hoch erhebt, daß er sie zum Kriterium seines Glaubens und seiner Lcbeiislehrc macht, freilich ohne den Boden der Apostel- und Kirchenvütcrlehrc zu verlassen. Ein Erfassen der Grundwahrheiten des Judentums — welches in leider unseren modernen j ü d i s ch e » Forschern iiur selten , gelingt und gelingen kann — läßt sich von einem Außenstehenden nicht vornnssetzcn, mag er auch so bewußt ans den Höhen der Menschheit wandeln, wie Prof. Hilth. Robespierre und die Inden. Aus dem Ungarischen des Emil Abränyi (im Budapesti Naplö), von vr. F. (Schluß» Ter schlaue Abbs Maury wurde stürmisch ak-leiniert, als er erklärte: „Wer spricht noch in unsere» Tagen von Verfolgung und Intoleranz? Tie Inden, unsere Brüder. Toch wenn wir sic zu französischen Bürgern machen, so müssen wir auch zugebe», daß aucb Engländer und Tänen — ohne, daß sie das Jndigenat erworben und ohne, daß sie anfhörten. Engländer und Tönen zu sei» — französische Bürger werden können." Sodann betonte er ihre schädliche Neigung zum Wucher und las eine erschöpfende Liste ihrer sonstigen schlechten Eigenschaften vor. Seine > '»-ständige Rede schloß effektvoll: „Tiefes Volk lebte 17 Jahrhunderte hindurch, ohne daß e-s sich mit anderen Volksrassen vermengte. ES befaßte sich nur mit Geldgeschäfte». Kein einziger unter ihnen griff je zum Pflugeise» oder bebaute ein kleines Stück Erde." Tie Beweisführung ist falsch, die Anklage unwahr. Brandes, der über diese Episode der französischen Republik eine klassische Studie schrieb, macht die Schlußaiisführnngcn des Abbv Maurh mit folgender kurzer Bemerkung lächerlich: Man muß wissen, daß die Jude» zur Erwerbung auch des kleinsten Stückchen Erde kein Recht hat'e». Sogar wenn sic eine Stadt betraten, mußten sie Accise zahlen; dieselbe Abgabe, die auch für Borstenvieh entrichtet werden mußte. Rach dem Ab bä Maury standen die Abgeordneten nach der Reihe auf und betonte», daß die Juden ganz Elsaß und Lothringen zu einer Inden-Kolonie machen würden, wenn ihnen das Bürgerrecht gegeben werde. Ein elsässischer Abgeordneter — der sich übrigens als eiiragierten Temokraten und Republikaner bekannte — erklärte sogar, daß ganz Elsaß in Aufruhr geriete, wenn die Nationalversammlung den Antrag betreffs der Emanzipation der' Juden annehmen würde. In der antisemitisch durchsetzten Assembler nationale gab es nur einen Abgeordneten, der gegen diese Einwürfe protestierte. Es war ei» ganz unbekannter Mann, ein Rechtsanwalt, einer von denen, die ihren Platz erst in der zweiten Reihe eiunahmen, hinter dem Rücken der bedeutenderen und der Männer von den privilegierten Ständen. Nach der Charakterisierung Brandes' war sein Aussehen gewöhnlich und nicht sehr lebhaft, doch war er erschreckend bleich. Einfach, doch sehr rein, sorgfältig gekleidet und seine Frisur immer regelmäßig. Schon sein Aeußeres verriet, daß er ettvas von sich hielt und daß er ein leidenschaftlicher Freund der -Ordnung sei. Ter Präsident der Versammlung rief ihn an mit Robespierre! Niemand kümmerte sich um ihn, als er die Tribüne bestieg. Als aber seine scharfe Stimme ertönte und er mit herausfordernder Kühnheit diejenigen in Schutz nahm, die Jeder verleugnet hatte, da ward es still im Saale. Robespierre polemisierte mit den Vorrednern nnd schloß seine Rede trotzig und scharf: „Ihr beschuldigt die Juden der Laster? Tiefe Laster sind die Folgen der Unterdrückung. Sind sie lasterhaft, so lastet dies ans euerem Gewissen, weil ihr sie unterdrücktet. Tie Juden werden zu guten Menschen in dem Momente, als sie in den Stand gesetzt werden, solche zu sein." Ties war die Jungfernrede Robespierre's. Und er ist der einzige gewesen, der die allgemeinen Menschenrechte auch auf die Jude» ausdehncn wollte. Selbst Mirabeau bekannte keine Farbe in dieser Hinsicht. Höchstens indirekt, mit einer gewissen Taktik, eilte er den Juden zu Hilfe. Als er gesehen, daß die Nationalversammlung nur die menschlichen Rechte der Protestanten und der Komödianten an'uerkennen geneigt war, die Annahme des die Inden betreffenden Punktes ganz ausgeschlossen war, da trat er mit dem Anträge hervor, daß die Verhandlungen desselben auf unbestimmte Zeit verschoben werde. Ties ist auch geschehen. Aber nach Verlauf von 2 Jahren, i. I 175)1, erneuerten die Juden wieder ihr Gesuch. Und mit anderem Tone sprachen sie jetzt mit den Gesetzgebern. Statt der uutertäiiigen Bitte» von Sklaven sehen wir sie jetzt mit oifcnen und entschiedenen Forderungen anstrcte». Nicht mehr flehten sie um Gnade, sondern »ur ihr Recht verlangten sie. Und sie begründen und rechtfertigen auch ihre Forderungen. „Wenn wir wegen linscrer Religion keine Bürger sein können, während cs die Bekenner anderer Religionen ja sind, so würde» dann diese herrschende Religionen sei». Eine solche herrschende Religion kann cs aber nicht geben, da das Recht Aller gleich ist. Wenn Sie den Juden das Bürgerrecht vorenthalte», weil sie Juden sind, so bestrafen Sie sie, weil sie Bekenner einer gewisien Religion sind. Tann existiert aber keine Religionsfreiheit in Frankreich, denn cs ist dies eine sonderbare Religionssreiheit, mit welcher der Verlust der Bürgerrechte zufammenhäugt." Und die erneuerte Petitiou schloß mit folgenden schweren Worten: „Eines ist gewiß, als der Mensch auf die Höhe der freien Rcligionsübung sich eniporschwang, so konnte er dies nur in der Absicht, auch in Bezug der Ausübung seiner bürgerliche» Rechte auf gleicher Stufe zu stehen. Eine halbe Freiheit gibt es ebensowenig wie halbe Gercchiigkeit." Zwei Jahre nur hatten sie in der starken Lust der Revolution gelebt und siehe da, die Parias waren in der mächligen Atmosphäre der Freiheit selbstbewußte, stolze Männer geworden. Tie zivcite Petition war von Erfolg. Robespierre stand nicht mehr allein. Es siiniinte mit ihm der ganze gesetzgebende -Körper. __ Staunend blättere ich in de» Schriften Brandes'. Tiefe scharfen Rückblicke beweise» deutlich, daß vor l07 Jahren i»i gebildeten Frankreich die Protestanten, Komödianten und die Jude» unter einen Hut gehörten — oder aber, daß all diese nicht zu den Menschen gerechnet wurde». Ten beiden ersten wurden die Menschenrechte unverzüglich, den dritten aber erst nach langer und peinlicher Ueberlcgung. Und all dies geschah zur Zeit, als Voltaire noch nicht in seinem Grabe verwest war. Als auf den mächtigen Büchern der Encyelopädisteu noch nicht die Truckerschwärze getrocknet war. Als nia» in der Nationalversammlung unter himmelstürmenden Phrasen die Menschenrechte verkündete. Als man in den Kirche» besondere Abteilungen einrichtete mit der Aufschrift ä la Philosophie! Als man die Eingänge der Kirche» mit den Brustbildern der griechischen Weisen schmückte. &<-bwer versilbert» Enshest«-»ke. Garantie 12>IS Jahr», bester Ersatz für echtes Silber liefert die Firma .Hook Jt NeliSndnll«, Steinweg No. 7. Fabrihlager der Württembergischen Metallwarenfabrik, Gelslingen. Aus aller Wett. Rußland. Homel. Das Urteil in dem Prozeß w c g e n d e r I u d e n e x z e s s e. Nach l-itägiger Beratung verkündete am Abend des K. Februar der Gerichtshof sein Urteil. Bon den 36. jüdischen und 44 christlichen Angeklagten, die am 24. Oktober vorigen Jahres zum Beginn der Verhandlungen die Anklagebank besetzte», bliebe» zur Zeit der Urteilverkiinduiig bloß, 32 Juden nnd 3t Christen. Tie übrigen 17 Angeklagte» waren im Lause der Zeit durck. Krank« heit und andere gesetzlich zulässige Gründe verhindert, den Sitzungen beizuwohiicii und es müssen deshalb wegen dieser Personen besondere Prozeßverhandlungen geführt werden. 16 Christen und 13 Juden wurden völlig sreigesprochen; 4 Christen und 6 Inden zu 20 Tagen Gefängnis, die einzige weibliche Angeklagte, E h a n a K a tz, 17 Jahre alt, zu zwei Monaten und 20 Tagen Gefängnis: die übrigen tl Christen und 12 Juden wurden zu 5 Monaten und 10 Tagen Gefängnis mit Verlust besonderer Bürgerrechte und Stellung unter polizeilicher Aussicht auf l Jahr und 10 Monate verurteilt. Wege» Ehana Katz und der letzten 23 Angeklagte» beschloß der Gerichtshof außerdem ein Gnadengesuch, durch Vernlittlung des Justiz- Ministers, an de» Kaiser zu richten: erstere soll bloß 2 Wochen, letztere sollen nur 2 Monate gelinden Arrest ohne Verlust besonderer Rechte und ohne polizeiliche Aufsicht nach Verbüßung der Strafe bekommen. Es sind dabei deir sämtlichen Angeklagten die Wirkungen des Manifestes aus'Anlaß der Geburt des Thronfolgers und viele mildernde Umstände zuerkannt. Tie Zivilklagen der geschädigten Juden wurden zum Teil

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