Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. Leite 2. : Junger Verbannter! Wohin ^ziehst Du, Bruder? waS^ suchst Du? wohin treibt: Dich der Wind? Keine Antwort. Er wüß nicht, was er da reden soll; er kennt sich selbst nicht. - . * » * * Er ist wie eine^herrenlofe Sache, die je nach der Laune des Windes emporgehoben und niedergeschmettert, wird, von Ort zu Ort hingetragen und von dem Strudel mitgerissen. ' Er ist wie ein Holzsplitter in einem Strome, der durch alles hinfließt und alles mit sich hinreißt. Er ist sa nur ein Spielzeug der Wellen — aber er redet sich ein, gär der Lenker der Ströme und die treibende Kraft der Bewegungen zu sein. Er ist ja nur ein Strohhalm auf dem Gipfel der Wellen — aber er lebt in der Ueberzeugung, daß er es sei, der die Wut des Ozeans entfessele. Er ist ein Sklave anderer Sklaven — aber er bildet sich gar ein, ihr Herrscher und Lenker, zu sein. Er ist stolz auf seine .Freiheitsliebe — aber er zerbricht die Ketten, um sie nun durch neux Fesseln zu.ersetzen. ■ Er faselt von erhabenen Dingen — aber seine Seele ist leer. Er erstrebt das Glück der ganzen Welt — und er selber ist unglücklich, ja der Unglücklichste. Und er ist daher sehr dedauernswert. Denn in den Tiefen seiner Seele, in seinen geheimen Herzkämmerchen ist noch das leise Bewußtsein regsam, daß er nur dem Schatten eines Schattens nachgeht. Dort, im Versteck seiner Seele, flüstert ihm ein Gefühl zu: Du bist ja nur ein Stiefkind jenes Volkes — und Du opferst ihm gar deine Seele. Wieviel Gegensätze, wieviel Widersprüche durchkreuzen die Seele dieses verbannten Juden, dieses geistig verbannten jungen Juden. Er hat Mut genug, um sein Leben zu opfern und sich seinem Ideale völlig zu widmen, dem Ideale, das ihn momentan fesselte; aber er besitzt nicht so viel Energie und Kraft, um das zu sein, was er in der Wirklichkeit ist. Aber neben der ganzen Tragik dieses geistig Verbannten hat er doch mehr als eine Dosis vom Lächerlichen und Komischen. Er lebt nur durch seinen Geist — aber der Geist seines Volkes bleibt ihm versagt; und so bleibt er in all feinen Umbildungen der geistige Verbannte, der Verstoßene. Er möchte die ganze Menschheit befreien, die ganze Welt erlösen — und er strebt nicht danach, sich selbst aus dem Exil zu emancipieren. Er ist blind, er der geistige Exilant, und doch maßt er sich an, die Augen aller Menschen zu öffnen. Er hängt in den Lüsten, schwebt ohne Stütze, ohne Zusammenhang mit dem Boden — und in seiner Einbildung vollzieht er bereits die Teilung der Güter unter all denen, die nichts besitzen. Junger Pilger! Du flößt mir, mein Bruder, Achtung ein — und Du erscheinst mir wie ein Sohn eines gefangenen Prinzen, der zwischen Völkern lebt, die ihn nicht kennen und doch seine Herkunft nicht bezweifeln. Und manchmal flößt Du mir Verachtung ein — und Du erscheinst mir wie «in Sklave, der nur die Tracht eines freien Menschen angezogen hat. Manchmal erregst Du meinen Zorn — und Du erscheinst mir wie ein Bruder, der Verrat begangen und wie ein Sohn, der entartet ist. Und manchmal flößt Du mir Mitleid ein — und ich beklage Dich, o Du mein verirrter Bruder. Und gar oft erweckst 'Du in mir die peinvolle -Frage: Wirst Tu zu Deinem Volke, zurückkehren, dem Du Deinen Rücken gekehrt? — Wirst Du Deine Fehler einsehen wollen vor dem Angesichte Deiner Brüder, die ihre Unabhängigkeit, ihre Kultur und ihre geistigen Güter wieder zu erobern erstreben. Wirst Du Dir Deine Jrrtümer verzeihen können? Hörst Du das Blut Deiner Brüder, das zu Dir aus jeder Erdscholle, aus jeder Handvoll Staub ruft? Hörst Du, Bruder? — Frankfurter JfrackitischeS Familienblatt. Nr. 6. Aus aller Mett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Der Vorstand der Jüdischen HausyatiungSichute begumr >emen ,oeve» erichi'e»eilen Jayre»veriu>r mit einer verg»elu-enr>en tsta» unic nuct Oie Erweroscyancen per jiioi» l ui e it weiblichen Jugend; das rne,uliai die,er ,einer Erhevungen lägt rhu imeveryolt den Wun,a- Ults,uretyen: es mocyren bie vsltecn bei oer Beru>swayl me rvlumyen vor allem an den Bern; der .Hausgehülsin denlen. Denn beeraafter man die ein- „euien Berufe, jo weist Jeoer, der sich mit sozialen oiugen be,u)astigt, wie gering z. B. die Bei0lonng oer vci S u, neioerinnen uno ivt oüisttnnen üiuKÜtnoeu wcadcyen ist. Vary eiiftäyriger Leyrzeir mit Holhpeus ganz geringer Vergütung be.ommen dre ^-Uivu-eil l» der lieget einen wlonaeSgeyalt von Jik 20 gelgeno bis zn 4U nach zwei Jayren. Dauer ,l,io sie sa>t immer wahrend der san-on morts ohne ecroeil uno Verdienst. Bes, er be,olvet werden die Mädchen in k a n s - inännistyen Stellungen; aber die Vorbllnnng ist hier eine viel iangec währende, teure»,:, -ftue oft tanm zn überwinvenoe Saswierigleit vierer ftrh in die,em «eru,e oen wcadchen, die «amsrags uiryt arbeiten; uno >0 rommt es immer wleoer vor, nag die wiadchen, gegen den Wunsch der Eltern, ,llg durch die bittere Rotwendigkeit gezwungen zu ,eyeu glauben, Samstags zn aroeilen. Aber selbst sur die,e beoeuret der tausmaiini>che Beruf maft immer eine ausreichende Vec>orguug. Ter Durcy- >ct)iiutSgehalt ist hier von Jk üu int z. Jahre steigend zu Jh au im 4. sichre. Das Lehrjahr bringt auch gier keine nenneiisioerie Vergütung. Der Beruf der Lehrerin, der eine mehrere Jahre wäyrenoe, tosksgielige Borbereirnilg uno Veguvung sur de» Lehroerus beaitipcucqt, kann nur rutserwahuen zu Teil weroeu uno ist bei der heutigen unri,enii.i,rhen Strömung für die Jüdin auch nicht aussichtsreich. In dem Berufe einer Hausgehülsin dagegen finven die Mädchen so,ort gut bezahlte Stellungen. rgier hat das Mädchen volle 'Pension, freie Wüsche, sur sie wird immer das Kraiiiengeld und zumeist die Invaliditäts-Marke ganz bezahlt, an ihre Toilette werden keinerlei Ansprüche gestellt, in vielen Familien betommt sie im Gegenleii Haustleiver, sowie gute abgelegte Sachen ihrer Tienstgeverinnen zum Geschenr; sie kann ihr tinteriommen ihrem religiösen Sinne gemäg wählen, denn gures häusliches pir,sper,onal wird bet alten Glauben»- richiungen. gesucht und geschätzt. Sie wird bei vielen Äniässen beschentt, fast nie braucht sie ihren Gehalt für ihre Beoürsnijsc anzugreisen, und bald füllt sich ihr Sparia,seiiouch, das die Grundlage zu ihrer späteren Versorgung bilden soll. Wie sorglos lebt ,ie im Vergleich zur Modistin, zur Schneiderin und zur Bertäuferin! Sie umgibt der Schutz der Familie, in der sie lebt, uno das Beispiel wie der Zwang behüten sie vor gefährlichen Einflüssen, die andern jungen Mädchen, welche abends spät ihre Arbeitsstätte verlassen müssen, nur zu oft nahe kommen. —i— Berlin. Heilstätte für unbemittelte Juden. Tie Errichtung einer Hellstätte für unocmittelte Israeliten in Salzbrunn bezweckt ein Aufruf, der von hier aus erlassen wurde und tu oem die angesehensten Juden Teutschlands an die Humanität ihrer Glaubensgenossen appellieren. Es heißt darin: „Seit einem Jahrhundert spendet Bad Salzbrunn Tausenden und Abertaujenden Hilfe und Genesung und unter ihnen einer großen, immer wachsenden Zahl von Glaubensgenossen. Leider fehlt es aber immer noch gänzlich an einer Stätte, welche es auch den Unbemittelten ermöglichen würde, von Sorgen für ihre Kurzeit frei und dabei treulich nach den Traditionen unserer Väter lebend, den Segen Salzbrunns zn genießen. Hier gibt es eine Lücke auszufüllen und für den Osten Teutschlands zn schaffen, was der bevorzugtere Westen im Kurhospital von Soden schon besitzt." —i— Berlin. Antisemitische Geschäftspraktik. Ter „Deutsche Generalanzeiger" des bekannten Urgermanen Karl Sedlazek mag. unter den Antisemitenblättern wohl eines der kleinsten an Lesern sein, sicher aber ist er eines der größten im Schimpfen. Jüngst noch eiferte das Blättchen gegen die charaktervolle Gepflogenheit seiner Parteibrüder, die im Annoncenteil für Warenhäuser von ebenso charaktervollen Inden Reklame machen. Nun aber erscheint hier seit einigen Monaten eine „Teutsche Hausverwalterzeitung"- als offizielles Organ des Vereins der Hausverwalter Berlins und seiner Umgegend. Redaktion, Spedition und Jnseratenannahme dieses Fachblattes hat gleichfalls der genannte Sedlazek inne. Im Interesse des Geschäfts steckt dabei der edle Verkämpfer des Antisemitismus, der noch jüngst sich seiner Treue für den Dreschgrafe» rühmen konnte, seine Fahne in die Hosentasche und geht in seiner natürlich nur ideellen Unparteilichkeit so weit, die Rechtsanwälte Dr. Sternberg, Perser, Plonski usw. als werte Mitarbeiter zu begrüßen. Hamburg. Mischehen. Bet der Volkszählung vom Jahre 1900 bestanden in Hamburg 3022 üdische Ehen, 431 jüdisch-christliche Ehen. Die betehenden Mischehen machten 14,3 0/0 der rein jüdichen Ehen aus und zwar hatten 273 jüdische Männer eine christliche Frau und 158 jüdische Frauen einen , christlichen Mann. Köln a. Rh. Ein interessanter Prozeß. Am hiesigen Schöffengericht fand am 24. Januar eine nach verschiedenen vricylnngen hin intere,sante und ür unsere heutigen Zustände charakteristische Ver- _ Handlung statt. An der Ob er raelsch ule Hierselbst, die unter der Leitung des Herrn Direktors Dickmann steht, wirkt Herr Rabbiner Dr. Rosenthal ars jüoisaser vceligionsiehrer und Herr Turn- Zehrer Weidner für den Tnrnumecricht. Zwei irwiicye Skyüler hatten iyren Vätern iLnuteitunflen .uoer oie jl.oii,e,>ion oer juotschen Schüler vecref,enoe rceutzerungen des Lurnieyrers gemacht, und Herr Tir. mosentyac, an den >iiy die Barer wandten, hat diese Mitteilungen dem Direktor der Anstalt vörgetr»grn. L-irettor Ttckmann erklärte sofort, oag ec touse,sionelle Verhefungen an ferner Schule nicht icioen werde, bar fedoch, die Ve,cywerde schrist« ricy einretchen zu iasien. Ties ge,chah. Die durch ven Tirettor statlsindenoe Uniersua-ung ergab, ebenio wie die Gerichtsverhandlung, ein positives Ergebnis nicht. Natürlich werden unsere Leser verwundert fragen, wie denn aus einer derartigen Sache eine Gerichtsverhandlung entgegen kamt, und das ist wohl even oas charatteri,nsche der Sache: Herr Weidner erhob nämlich Prioawage wegen verläumderischer Becewigung gegen die beiden Väter und — Herrn Rabbiner D-r. Rosenthal; und das Amtsgericht hat, obwohl ihm der Sachverhalt durch Gegenschriften sowohl der beiden Väter, wie ganz besonders auch oes Herrn Rabbiners T«. Ro>enthal bekannt^ gegeben war, ohne jede nähere Prüfung der Sache oäs Hauptverfahren gegen alle Drei eröffnet, und zwar: wenn man es nicht schwarz auf weiß sähe, würde man es nicht glauben, auch gegen Herrn Rabbiner Tr. Rosenthal wegen verläumderischer Beleidigung. Tie Klage ist denn auch gegen Herrn Dr. -Rosenthal sofort nach der Vernehmung des Direktors unter llebernahme sämtlicher Kosten vom Privatkläger Weidner zurückgezogen worden. Ter Vertreter des Herrn Tr. Rosenthal, R.-A. Ludwig Cahen, hat aber wohl der allgemeinen Anschauung jedes rechtlich denkenden Menschen Ausdruck gegeben, wenn er es für unerhört bezeichnet hat, daß zwei an derselben Anstalt wirkende Lehrer ohne Einschreiten der Aufsichtsbehörde in der Lage waren, als Klager .und Beklagter wegen wissentlicher Verläumdung vor Gericht: zn stehen, und wenn er dem Gerichte eindringlich vorgestellt hat, in welche Situation es einen Geistlichen, dazu auf einer solch ungenügenden Grundlage, versetzte/ indem es mit Namensunterschrift niederlegte, derselbe sei ihm der Verläumdung hinreichend verdächtig. Tie beiden Väter ließen sich auf einen Vergleich mit dem Privätlläger ein, in welchem sie ihrerseits zum Ausdruck bringen, daß die Kinder nach Art ihres Alters Vorfälle in der Turnstunde wohl übertrieben haben, während der Privatkläger die Kosten des Gerichtsverfahrens auf sich übernimmt. Ein positives Ergebnis hat die Verhandlung, wie gesagt, nicht gehabt. Tie Knaben blieben auch vor Gericht bei ihren Aussagen und berichteten Aeußerungen des Privatklägers, deren Gebrauch jüd. Schülern gegenüber dieser selbst zu Anfang der Verhandlung für eine „unerhörte Gemeinheit' erklärt hatte. Breslau. Eine Millionen-Stiftung. Gegenwärtig ist hier der Name des Vorstandsmitgliedes der jüdischen Gemeinde, Herrn Julius S ch 0 t t kä n d e r, in dem Munde der ganzen Stabt.. Anläßlich seines so Gott will am 22. März stattsindenden 70. Geburtstages hat nämlich Herr Schottländer eine Stiftung von 3 Millionen Mark gemacht, die dazu dienen soll, wohltätigen Anstalten, Gesellschaften und Vereinen des Stadt- und Landkreises Breslau uud seines Heimatsortes Münsterberg — und zwar nicht nur jüdischen, sondern ohne Unterschied der Konfession — in ihrem weiteren Bestehen zu fördern. Es stehen dieser Stiftung jährlich JL 120000 zur Verfügung, von denen jedes Jahr Jk 12000 zurückbehalten und 100 Jahre lang mit Zinsen und Zinscszinsen aufgesammelt und dann dem Kapital zur Vergrößerung desselben zu« geführt werden. Die Verwaltung wird vorläufig von HerrwSchottländer und nach seinem Ableben von seiner Frau und von seinen Söhnen bezw. dem jedesmaligen Besitzer seines Rittergutes Hartlieb ausgeübt, sofern derselbe noch Jude ist. Die Ernennung von Kuratoren hat sich der Stifter Vorbehalten. Auch bei seiner Famlliensttftung hat Herr Schottländer es zur Bedingung gemacht, daß die Glieder seines Hauses sich nur dann des Zinsgenusses erfreuen, wenn sie noch dem Judentume angehören. Noch von einer weiteren Stiftung wurden wir dieser Tage überrascht. Frau Bertha Schottl ä n d e r, frühere Inhaberin der bekannten Manufaktnrwaren-Großhandlung. JB. Werner, hat eine halbe Will io n M ar k für humanitäre jüdische Zwecke gestiftet.