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Neue jüdische Presse · 1905-02-03 · Heft 5 (3.2.1905) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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fcntt 10 lann aber diese« Erziehern nicht auf jeden Fall der Ernst sittlicher Hoheit innewohnen, dann ist cs aber immerhin schon für die Erziehung sehr bedeutsam, wenn ihnen der S i n n für die höchsten Menschheitsgüter geöffnet und es ihr Wunsch ist, das selbst Versäumte an den Lindern nachzuholen. Zern von aller Bernünstelei muß es der Eltern Wille sein, das Kind auf den Weg zu führen, der es lehrt „an einen wirklichen lebendigen Gott der Wahrheit und der Güte zu glauben und ein williges, möglichst vollendetes Werkzeug seines. Geistes und seiner Güte in diesem Leben werden zu sollen." Bor alleni muß unter diesem Beginnen der Charakter des jungen Menschen besestigt werden, damit er unter den Schwierigkeiten des Lebens den festen Halt nicht verliert und in den unabwendbaren Leiden nützliche, aber auch erträgliche Lebenslehren sieht. Unter diesen Voraussetzungen an ihre Aufgabe hcrantrctend, werden die Erzieher einsehen müssen, „daß sie nur eines tun können — ihrcPflicht — und nur auf eines hoffe», auf den Segen und das Wohlwollen Gottes, ob er das Gedeihen, gibt, oder es zu versagen scheint." Soll also die Erziehung von eine m Grundgedanken geleitet werden, so muß sich der Erzieher rnsolgedessen nach dem Endzwecke des Menschenlebens fragen und nicht bloß ein nähe erreichbares Ziel im Auge habe». Was ist aber das menschliche Leben? Ist seine Dauer nur von Geburt bis zum Tode? 'Wozu dann für diese kurze Spanne Zeit die ungeheure Mühe der Erziehungsarbeit? Knüpfen wir aber an Vergangenes an und endet demgemäß unser Lebenswerk nicht mit dem physischen Zusammenbruch, dann hat es einen höheren, beseligenden Nutzen. Nur diese Erfassung des Lebensganges, die geeignet ' ist, Optimismus und damit Lebensfreude anzuerziehen, kann als Basis dienen für die Erkenntnis des Lebensglückes und damit für die Selbsterziehung, die zu einer endlichen Beseitigung der Ichheit überleitet, zu einer solchen Lebensausgestaltung, „daß der Mensch ein Gefäß göttlicher Gedanken wird, Gottes Zwecke auf Erden verfolgt und, daß von ihm Segen auf andere sich ergießt." Welche Erziehung ist nun die bessere, die durch Härte oder durch Liebe? Trotzdem die Tugend nur daun einen wahren Adel besitzt, wenn sie auf freiem Willensentschlusse beruht, ist liebevolle Anleitung ein Haupterfordernis zur Erziehung. Der Erzieher muß aus den Entwicklungsprozesseil der Menschheit die richtigen Schlüsse gezogen, in sich verarbeitet habe» und dann je nach Erfordernis diese besten Grundsätze dem Zögling mit Stab Sanft oder Stab Wehe einprägen. Nur so kann, wenn auf Grundlage der Ueberzeugung errichtet, elternliche Autorität sich durch alle Zeiten behaupten. . Selbst scheinbare Fehler lassen sich dann in die entsprechenden Tugenden veredeln und einsichtige Eltern werden sich dieser Aufgabe um so lieber unterziehe», als ihnen eine ausgeprägte Charakteranlage, die ja gewöhnlich aus solchen von Psychischer Eigenart bedingten' kindlichen Mißgriffen resultiert, bei ihren Kindern lieber sein muß als Einfalt und Harmlosigkeit. In ähnlichem Sinne spricht sich S. R. Hirsch aus. „Strenge und Härte find nur die periodisch notwendigen und heilsamen rauhen Seiten der erziehenden Witterungsatmosphäre. Es sind die Stürme und Regenstürze, die welke, uimütze hindernde Zweige abknicke» und verderbendes Gewürm zerstören. Allein es ist der täglich still fallende Tau, der mildrieselnde Regen, die heiter scheinende Sonne, die überall die schlummernde Keime zu Kraft und Leben wecken — und es ist nur der milde Ernst und die heitere Liebe, welche die Kindesseele zur geistigen, sittlichen Entfaltung bringen." Mit dieser liebevollen Hingabe sei unerschütterlicheGeduld gepaart, die an sich wieder jede Bermeidung von Ungerechtigkeit und rauhen Hineingreifens in die Kindesseele fordert. Eine diese Gesichtspunkte verwirklichende Erziehung ist in der Tat eine gro-ße Kunst und Gnadengabe Gottes und kann nicht auf Seminaren gelehrt werden. Mit ihr aber wird die rechte Richtung des Geistes, wahres inneres Leben und Energie des Charakters über den Zögling Recht gewinnen. Alles Andere resultiert hieraus. ifranksuner Israelitischer Faynliendlau. Auch bei S. R. Hirsch finden wir diesen Gedanken in folgendem Zitat: „Ist das Ideal des Sittlichen etwas Anderes, als jene Virtuosität, die mit ewig wacher Energie ausnahmslos alle Kräfte, Fähigkeiten, Anlagen, Bestrebungen, ja Neigungen und Triebe und Begierden des eigenen Wesens im Zügel hält und alle zur Verwirklichung der mannigfachen Zwecke des Edlen und Guten verwendet, die durch dje Bestimmung dem Menschen als7Strebeziel seines ganzen Daseins gesteckt sind." Von der ganzen „Selektionstheorie", dem „Tarvinisinus" und ähnlicher Naturschwärmerei, die ja ailch die Psyche des'Menschen zu ergründen sucht, läßt Hilty nichts gelten als die eine These: „Von Natur ist - der Mensch nicht gut und edel, sondern hat er einfach tierisches Wesen. Daneben aber ist ein Krim zu höherer Entwicklung in ihm, der ausgebildet werden kann.zu etwas Besserem und zwar durch die Kraft der R e l i g io »." Entgegen dem Ausspruche Rousseaus: Alles ist gut wie es aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen ist, weist S. R. Hirsch in scharfem^ Kontraste zu Hiltys rein-christlicher, auf den: Prinzipe der „Erbsünde" beruhender Annahme, auf des Propheten Jirmijahu Wort hin: „Aus der Hand des Schöpfers stammt nichts Böses — und auch nichts au sich Gutes," d. h. keine Anlage des Menschen ist also an sich gut oder schlecht und jede kann zur rechten Zeit und am rechten Orte pslichtdienlich verwendet kverden. Eine Wesensänderung ist nach, dieser Ansfassung Vollständig ausgeschlossen. Darum dient uns die Religion nicht wie Hilty sich ansdrückt, „als übermenschliche Kraft und Macht", die dem Menschen ein „besseres als tierisches Leben verleiht", sondern: „nicht im Glaube», vielmehr in freudiger, bedingungsloser Unterstellung des ganzen Seins beruht die Verwirklichung schon hienidiger Seligkeit, die Erfüllung aller Hoffnungen für die Menschengesamtheit nicht minder als für den einzelnen Menschen." (Schluß folgt.) Schwer t ersilltert« Ensbestrcke. Garantie 13-15 Jahr«», bester Ersatz für echtes Silber liefert die Firma Mook & HelkOndlil»^ Steinweg No: 7. Fabriklager der Württembergischen Metallwarenfabrik, Geislingen. Aus aller Welt. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Bei den in der vorigen Woche stattgehabte» Neuwahlen sind, soweit bis jetzt bekannt ist, folgende 12 Juden zu R e i ch s t a g s a b g e ordne t e n gewählt worden: Joses Weysi, Paul Sändor, Julius Rosen der g, Siegmund Nvmes, Julius Marktbreit, Samuel B ä k o m j i, Eduard B ä r t ä, Siegmund F-ärkashazy-Fischer, Tr. S. Visänt a i, Tr. Samuel K e l e m a it, Eugen M o I n ä r, Mvr Szätmäry. Tie ersten 5 sind Mitglieder der liberalen Partei, die weiteren 7 gehören zur Kossuth'schen 48er Partei. Tie Wahl noch einiger Juden steht noch zu erwarten, aber die Zahl 21, welche sie im letzten Abgeordnetenhause erlangten, werden sie im neuen Hause wohl nicht erreichen. Dieser Verlust ist für uns zu verschmerzen, denn „jüdisches" Interesse war bei den „jüdischen" Herrn Abgeordneten bisher im allgemeine» nicht zu konstatieren. Grotzbritannien. (i) London. Nach den offiziellen statistischen Berichten hat die Zahl der jüdischen Bevölkerung Indiens während der letzten Fahre bedeutend angenommen. So wohnten dort 1881 12 000 Juden; 1891 17197 Jude» und 1901 1« 228. Die Mehrzahl der Juden bewohnt die Provinz Bengalen (1939) und die Staaten von M a d r a s (1288). Dagegen, findet man in Assam keinen einzigen Juden. 1280 Juden gaben hebräisch als Muttersprache an. London. Von der hiesigen jüdischen Gesellschaft angestellte Erhebungen haben mit ziemlicher Sicherheit ergeben, daß sich die jüdische Bevölkerung Großbritanniens aiy 184000 Seelen beziffert, von denen 128 000 in London, die restlichen 5800 in anderen englischen Großstädte» leben. Bemerkenswert niedrig ist die jüdische Todesquote im Vergleich der der eingeborenen Bevölkerung, denn sie stellte sich im verflossenen Jahre (1903) z. B. in Manchester auf 55.88 gegen,72.50 per 1000. In anderen Städte» beträgt sie durchschnittlich 16.99 gegen 21.78 per 1000. — Der Bericht hebt noch den großen Kinderreichtum der in England ange- *) Prof. Dr. Hilty, Briefe über Erziehung. 1903, Leipzig. I. C. Hinrichs. .'tr. 5 siedelten Fiidenfamilien hervor, die meist mit dem Vorsatz einwanderten, sich hier bauernd seßhaft zu machen. - Bulgarien. Philippopel» 20. Jan. Kongre.ß der jüdischenGemeinde i, Bulgariens. Vergangenen Montag teilte Herr Rabbiner 3>t. Ehrenpreis den jüdischen Gemeinden Bulgariens telegraphisch mit, daß nachdem einige Aenderungen in' den Wahlen der Delegierten vorgrnommen wurden, der Kongreß der jüdischen Gemeinden' Bulgariens am 19. .Januar beginnen könne. An diesem Tage versammelten sich in der Aula der.Allianceschule zu Sofia 28 Delegierte. Bon den 30 jüdischen Gemeinden waren nur 18 vertreten, da viele Delegierte des schlechten Wetters tvegen wegblieben. Gleich, nachdem Herr Rabbiner Dr., Ehrenpreis den Kongreß eröffnet hatte, verlangte er, daß man seine Vorschläge in Beratung ziehe. Herr D r. R o m a n o, einer der Delegierten von Philippopel, erklärte, daß es vor allem nötig sei, einen Präsidenten zu wählen. Herr Dr. 1 Ehre ii p reis stimmte notgedrungen dem bei, forderte aber eine offene Wahl, während die Majorität sich für eine geheime entschied. Da nun der Rabbiner sah, daß man ihm entgegen arbeitete, so erklärte er, daß der Kongreß nicht stattfinden darf, weil keine 2/3 der Gemeinde» vertreten sind. Von den 28 Delegierten stellten sich elf, unter ihnen nur ei» Zionist, auf die Seite des Rabbiners. Die übrigen 17, alles Zionisten, waren . gegen ihn und beschlossen, den Kongreß ohne, -den Rabbiner abzuhalten. Ter Rabbiner undseine 11 Anhänger, die Delegierten der Gemeinden Sofia, Fambuli, Widin und Samakow, zogen sich zurück. Die zurückgebliebenen Dele» gierten wählten Herrn Dr. Mareo Romano zum Präsidenten, und damit schloß die Vormittagssitzung. Nachmittags kam Herr Dr. Ehrenpreis wieder, um nochmals den Kongreß für geschlossen zu erklären. Ms er aber auch diesmal nichts ausrichten konnte, verließ er mit seinem Sekretär den Saal. Herr D r. R o in. a n o beschloß, als erste Tätigkeit des Kviigresses, Herrn Dr. Ehrenpreis über sein Wirken zur Rechenschaft zu ziehen. Der Rabbiner antwortete schriftlich, da nicht % der Gemeinden sich an dem Kongress? beteiligten, dieser auch nicht berechtigt sei, von ihm Rechenschaft -zu verlange». In demselben Schreiben schlug Herr Dr. Ehrenpreis eine» Kompromiß vor. Er gebe seine Zustimmung zum Kongreß unter den Bedingungen, daß 1. Herr Esra Tadschir, Delegierter von Sofia, (Antizionist) Präsident wird, 2. nichts über die Alliance Jsraelite gesprochen wird, und 3. auch über die Aschkenastm-Gcmeinde in Sofia Beschlüsse gefaßt wer? den. Unter diesen Bediiiguiigen dürfte also der Kongreß stattsiiidcn, trotzdem keine 2/3 der Gemeinden vertreten lind. - Die .Bedingungen wurden dem Rabbiner abgeschlagen. Bald darauf erschien ein Delegierter von Sofia und forderte die Anwesenden im Namen des Rabbiners auf, den Saal zu verlassen, da. die Altiance ihnen die Gastfreundschaft verweigert. Herr D r. R 0 m a n 0 erklärte ganz entschieden, daß nur die Polizei sie vertreiben könne. Die Sitzung des Nachmittags verlief also auch ohne jede» Erfolg. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß Herr Dr. Ehrenpreis nach dem Vorgefallenen seine Stelle als Oberrabbiner von Bulgarien verlieren wird. Es wäre das sogar wünschenswert, da Herr Dr. Ehrenpreis den in Bulgarien überhand nehmenden Abfall vom Judentum durch sein Beispiel fördert, anstatt zu verhindernd I. K a n e l. (K—1.) Philippopel. Gefährlich konnte folgender Vorfall für die Juden Bulgariens werden. In Sofia, dem Zentrum der revolutionären Mazedonier, gingen vor kurzeni an einem Sonntage drei Mazedonier durch die Jndengasse und belästigten ein am Haustor stehendes Mädchen, worauf dieses zu Hilfe rief. Es erschiene» einige zufällig bewaffnete Juden. Tie Bulgaren zogen die Messer, und die jüdischen Retter verteidigten sich.mit ihren Waffen. Dabei wurden die Bulgaren so schwer verletzt, daß sie sosört ins Spital gebracht werden mußten.' Ter eine starb nach einigen .Stunden, und die beiden anderen befanden sich auch in einenr gefährlichen Zustande. Die antisemitischen Blätter von Sofia sanden nun Gelegenheit, über die Inden loszuziehen. Nachdem sie den Vorfall ganz entstellt Wiedergaben, schrieben sie, die Inden Bulgariens würden ganz vergessen, daß sic nur als Fremde geduldet werden und möchten übrigens nicht überrascht sein, wenn man eines Tages auch in Bulgarien die Kischiueiver Szenen aujsühren wird. Dagegen nahm die judcnfreundliche „Wetscherna Poschta" (Äbendpost) die Juden in Schutz und rechtfertigte den Vorfall als Notwehr. Glücklicherweise zog dieses Ereignis keine schlimmen Folgen nach sich. Aus der Lehrerwelt. Hamvurg.Hunder tjahrfei erd er Talmud- Thora-Realschuhe. Am' 1. April 1905 sind es 100 Jahre, seitdem die Talmud-Thora-Realschuke besteht. Zur Veranstaltung einer würdigen Zentenarfeier hat sich unter dem Vorsitz des Herrn Dr. B. Levy ein Komitee gebildet, das sich u. A. zugleich die Ausgabe gestellt hat, durch die Schaffung eines „Hundertjahrfond der Talmud-Thora-Realschule" den

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