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Neue jüdische Presse · 1905-02-03 · Heft 5 (3.2.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 5 des Frankfurter Israelitischen FamiliMattes. Inhalt Ser Beilage: Artikel: Aus „Palästina". — Tie Kunst der Erziehung. — Aus aller Welt. — Aus der Lehrcrwclt. — Büchersch au. — „Jü irische Jug eil d". Ans „Palästina". (Reisebilder von Adotf Friedmann u. Hermann Struck, Berlin 1V>04, Perlag von Bruno Casiirer.) Herr v. Rothschild hatte ciir großes Kapital in die Kolonien gesteckt, als er ermüdete. In vielen Törsern stellte sich der .Betrag fiir die Ansiedelung einer Baueriisainitie noch immer aus 20 000 F-rcs. Biele Millionen waren zwecklos vergeudet und nur ein Teil investiert. Biele Tausende von .Hektolitern Wein lagerten in Rischon und sichro», jede Ernte' brachte steigende Weinmengen, fiir die man leine Käufer hatte. 2i> entschloss sich der Baron, die weitere Kolonisation vorläufig eiiizustelle». Er spendete einen Fonds von mehreren Millionen, der von Mitgliedern der Jca verwaltet wurde, und blieb selbst Borsitzender dieses Komitees, das die bcstchende» Kolonie» allmählich mit der Iea saniere», aber keine Neugründungen vornehmen sollte. Tie Jca bcziv. das „Eomitö Palestinöeu" gingen nun mit höchster Sparsamkeit vor. Man kanste für diejenigen Bauern, die zu wenig Boden besagen, Land. Man beseitigte zahlreiche lebensunfähige Elemente, was zumeist zir lobe» war. Unnötig war dagegen, das; man auch einen Teil der Tagelöhner, und zwar gerade die besten, zur Auswanderung zwang, indem man ihnen jede Hoffnung au? eine Ansiedelung nahm, zumal gerade diese bescheidenen und tüchtigen Leute einen vorzüglichen stamm für eine andere, durchaus gesunde und lebenssähige Kolonisation mit relativ geringen Kosten geboten hätten: denn hier hatte man Leute, die den Boden kannten und liebten, den Ackerbau verstanden und nichts anderes sein wollten, als wirkliche Bauern! Und gerade sie mustten gehe»! Aber irgendwelche Nenansiedeluiigen waren prinzipiell ausgeschlossen, und so reiten diese Männer heute durch die slepven Australiens. Man weigerte sich, den Bauern Zuschüsse zu geben, verwies sie ans die eigene Krast und forderte Persönliche Arbeit aus de» Felder». Man schränkie die bevormmidende 'Wirksamkeit der Berwaltungen ein, verlangte Initiative von den' Bauern n»d räumte in den schulen dein hebräischen Unterrichi einen breiten Platz*) ein. Das alles sind entschiedene Verdienste der neuen Berivaltung, die auch von den Kolonisten selbst vielfach anerkannt lvcrdcn. soweit wir Gelegenheit hatten, die Beamten der Törser kennen zu lerne», haben wir durchweg den Eindruck ivohlwoltender, tüchtiger und gewisse,,- haster Männer empfangen. Aber in all dem Vorgehen der Jca lag etwas RuckiveiscS. Und dann scheint es, das; die Generaladministration von Beirut ein ständiges Hemmnis für den Fortschritt und einen Wall gegen den guten Willen der Adiiiinistration bildet. An die spitze eines großen Unternehmens gehören Leute, die etwas von der Lache verstehen, iuid den Ackerbau erlernt man so wenig auf dem Kai von Beirut, wie ans den Pariser Boulevards. Tie Jca sollte ein Interesse daran haben, daß Kritiken, wie wir sie in Palästina allseitig vernehmen, endlich verstummen. Als so die Berhältnisse zwar gebelfert, aber die weiteren Entwicklungen zum Stillstand gebracht waren, trat Herr Kalvaryski mit einem neuen Plan hervor und erkämpfte sich die Erlaubnis, ihn in die Praxis umzusetzen. Er verlangte:.Man beschränkt sich aus den Getreidebau, für den in Galiläa große und fruchtbare Bodenflächcn zur Verfügung stehe». Tann nimmt. man die angesiedelten Leute und läßt sie selbst den Boden urbar machen. Während dieses Jahres leben die Männer in einem gemeinsamen Hanse von großer Einfachheit, ohne die Familien, die vorlänsig in den fertigen Kolonien verbleiben. Sind die Leute so an Schlichtheit und Tätigkeit gewöhnt, so gibt man ihnen je 300 Tnnam Land, ein Häuschen von zivei Zimmern mit Küche und stall und einige tausend Francs zum Ankauf von Ackergeräten, Vieh ii. - a. m. Sobald die erste Ernte - hereingebracht ist, überläßt mau die Leute sich selbst. Sie führen ganz unabhängig ihre Verwaltung, werden' von niemand kontrolliert, wissen aber auch, daß sie von niemand und unter keinen Umständen etwas zu erwarten haben. Tie Wministration spielt nur die Rolle eines Protektors gegenüber den Behörden, etlva so, wie der deutsche Konsul für die *) Hier urteilt der geschätzte Herr Verfasser wohl etwas zu optimistisch. Anm. d. Redakt. Templer von saroua und Haija. Außerdem wird für Arzt, Apotheke und schule orovisoriicb gesorgt, d. h. bis die Kolonie Mittel hat, fick: auch in dieser Hinsicht unabhängig zu »nichen. Und der Erfolg war, das; die Bauern in den zwei nach diesem svstein errichteten Törsern schon nach Ablaus eines Jahres völlig selbständig waren, keine Zuschüsse verlangten und zufriedener waren als die Bauer» der alte» Törser. In Sedjera hat die Jca ans einem großen Terrain eine Musterfarin angelegt. Nur mit jüdisch.» Tagelöhnern hat .man das Land gerodet, Getreide gesäet und gceriuet. Bon morgens 1 Ji Uhr bis zum Abend wird auf, den Feldern gearbeitet.' Es wird praktische Viehzucht getrieben, und hier fanden wir auch die Frauen tätig ans den Feldern, was ich für einen besonderen Erfolg halten möchte, da wir sonst nirgends arbeitende Frauen gesehen haben. sedsera deckt schon jetzt im zweiten Jahre fast die Betriebskosten, im nächsten hoist man nicht unerhebliche Ucberschüsse zu erzielen. Es wird also das Anlagekapital verzinst, und gleichzeitig werden wirtliche Bauern bcrangebitdet, Bauer», die in harter körperlicher Arbeit erzogen sind, die neuesten Ackergeräte, die besten Ackerbau,,icthodeii keniien und so bei einer späteren Kolonisation ein vorzügliches Mciischeninateriat abgebe» werden. In sedjera sahen wir auch „Gerim" — zu», Iudcnknin übergetretena Russe» - - die als fromme jüdische Bauern ,'» der Kolonie leben. Wir besahen Me-sha, das malerisch am Fuße des Tabor liegt. Tie Häuser sind noch nicht durchweg vollendet, die Leute kampieren meist in den bereits fertigen Ställen. Jedes Hans enthält Küche und zwei Stuben, dahinter liegt der geräumige Hof mir Tenne, Scheune und stall. Alles ist einfach und doch geräumig. Tie Felder sehen vorzüglich ans, bei den Unterhandlungen hören wir stets nur von Hossnnnge», Arbeitslust und Freude am Bode». Hier bat man eben richtig mit der menschlichen Ratnr, ihre» Vorzügen und schwächen gerechnet und weiß >m„, wie man in Zukunst vorzugehen hat. Tie Jca wird sich dem Eindruck dieser Erfolge nichr entziehen können und weiter kolonisiere» müssen, nun inan il>r de» Nachweis geliefert hat, daß die Kolonisation wohl sortziiführe» ist. Welche Gründe will sie heute »och f,'i>- ihr „Nein" anführei,'?" soweit aus dein Buche des Herrn Asieisor Tr. Friedeinan»! - In diesem sinne sprach auch der Herr Asicssor in eine», zweistündigen Vorträge, de» er vergangene 'Woche im hiesigen Vereine jüd. Gejchichle und Literatur bielr. Er gab Pier zunächst einige geographische »nd inetcreologiiche Tate» und beschrieb dann den 'Weg seiner Reise, die ihn von Jaffa nach Jerusalem, „ach dem Tote» Meere und ins Tstjoröanland, dann südlich nach Hebron und schließlich durch den größten Teil der Kotonien in den Norden Galiäas geführt hat. Besonders eingehend behandelte er die günstige Lage und die große Fruchtbarkeit Palästinas „nd wies die große Znkiinst der Kotonien nach unter der Voraussetzung einer vorhergehenden Autonomie: ohne eine solche sei bei der türkischen Mißwirtschaft sreitjch nur schwer an eine gesunde Entwicklung zu denken. Herr Tr. Friedmann sprach seine Ansicht dahin ans, daß eine Autonomie zu erreichen sei, denn unter der türkischen Regierung bestünden bereits derartige Autonomien (z. B. die Trusen?, ohne daß die türkische Regierung Schaden dadurch erlitten hätte. Auch ein friedliches Znsaminenwohnen mit den Mohammedanern sei nach seinen Beobachtungen sicher, da dieselben ihrem Charakter nach gutmütig und gastfreundlich sind. Redner ging auch auf die Chaluka ein, er suchte an der Hand statistischen Materials nachzumeisen, daß das System derselben hemmend ans die soziale Entwicklung der palästinensischen Juden einwirke. Zum Schlüsse bot ec dem ihm mit Spannung lauschenden Publikuni eine Anzahl vorzüglicher Lichtbilder, von denen er ein jedes mit sachgemäßen Erläuterungen demonstrierte. Ter Vortrag wurde mit großem Beifatl ansgenommen. Die Kunst der Erziehung. Der rühmlichst bekannte Staatsrechtslehre,: a» der Universität Bern, Professor Dr.Hilty har vor kurzer Zeit ein Buch*) erscheine» lassen, welches, ebenso lote seine früheren Veröfsentlichniigen, besonders in jüdischen Kreise» Beachtung finden sollte. Während im großen und ganzen das Jdeengebäude Samson Rafael Hirsch's innerhalb der modernen jüdischen Literatur unbeachtet bleibt - es iinden sich wohl genug Nachtreter, aber feine irgendwie bedeutsame Vortämpier seiner Ideen - ist es „mio benierien-siverter, wenn man in den Aussührnnge» diese.- schweizer, stben »ichtji'iüischcii Philoiophei, S R. Hirsrb's is.-ist allenthalbci, verspürt. Mit Unvoreingenoninienheir »nd Liebe hat sich Hilm in die Werte des „Reorganiiaiors der Drthodoxi'e" vertieft n„d eine Gegenüberstellung der Ergebnisse ihrer beiderseitigen Lebensweisheiten cm einigen stellen dieser Besprechung wird diesen Eindruck nur »och bestätigen, linier dem Gesa»iitirel „B r i e f e" bring, Pros. Tr. Hilm a» erster stelle cine Abhandlung „Tie Kunst der Erziehung", von wclcker nachsolgenö ein Auszug gegeben werden soll. Nicht an Fachleme, gelehrte Pädagogen richtet der Autor sein Buch, sondern vielmehr an alle die, von welchen er glaubt, Interesse zu Erzieh,»igssragen voranssepen zu dürfen. Darum Hai er auch die Brieisorm jiir seine Anssührnngen als zweckmäßig eraclnec. Kein Lehrgebäude, lei» neues svstem methodischer Erziehung ivill er vor den Augen des Lesers erstehen lassen, sondern, da es icine allgeiiieingültigen unter allen Umständen wirksame- Regel» sür die Erziehung geben kann, insosern die „icnschtiche Natur sich als bloß teilweise erziehbar eriveist und auch dann noch sehr individuell behandctt iverden muß, nur ans das aufmerksam mache», was jeder nachdenlende Mensch diesbezüglich ans eigner Erfahrung zu schöpfen vermag. Tie Erziehung des Mcujchen ist eine Knust, denn für jedes einzelne zu erziehende Individ»,,», ist der Erzieher auf die Anwendung von in jeinor eignen Persönlichkeit scbliimn'.ernde» oder »och besser wachen Iiitelleiten angewiesen. Eine Erziehung nur »ach rcinwiisenscbastlichen starren Nonne» lönnie nie einen bemerkenswerten tatsächlichen Erfolg erziele». Es ist dies gewiß derselbe Gedanke, den schon unsere alten Talmndwcisen in dem Bibel,vorie: „chanocb lanaar al pie darlo, erziehe de» Knabe» »ach Maßgabe seines Weges", zu entdecken ivußie». Wie hierin aber ein Toppelres ansgeiprochen ist, cinmal den geistigen und seelischen Fähigkeiten des jungen Menscheilkindes bei der Erziehung gerecht zu werden „nd da»» das Endziel der Erziehung zu bedenken, oder besser gesagt, von vornherein die klare Erkenntnis Ser an de» Erzieh«,tgc-bednririgcn zu stellenden Lebeiisansordcrniigeii zu bejitzcii, so weiß auch Hilty als erste Sentenz ailiziistellen: „sie müsse» wissen, was sie ans de» Kinder» mache» wollen, davon hängt das 'Weitere ab, ob „b edentend e", gebildete, vornehme, erfolgreiche oder edle, gute, rrenc 'Menschen" and anlnüpiend an diese Gegenüberstellung iätirt ec fori: „Glauben sie aber fest, daß es etwas Besseres gäbe, als feineren Lebensgenuß und äußere Ehrciistellnng, „nd daß es sür jeden Menschen jedes Standes und jeder Nation von der höchsten Bedeutung sei, frühzeitig den rechten 'Weg einzpschlage», der a» stelle der Ausbiidnng des bloßen Ich» zu einer jruchlbarei, Tätigkeit für das Gme i„ der Welt und von dem bloßen Tichterodcr Künstlerideal zu der volle» Lichtnatnr des menschlichen Geistes führt, dann ivotle» wir weiter davon spreche». Tonst wäre es kaum der Mühe wert." Es muß also die Ausgabe der Bildner und Erzieher sei» „b e s s e r e, t r ii sriger e und w o h lwollendere Menschen heranznbilden, Menschen mit Herz und Gemüt", wenn nicht unsere ganze Kultur das Privileg Einzelner, sonder» vielmehr ein erreichbares Ideal fiir die Gesamtheit sein soll. „Das Menschenleben ist eben , eine nicht selbständige Mittetftuse, die zn etwas Besserem nicht sowohl hier w e r - d.e n, als hier vorbereiten kan» und soll. . Es ist eilt Irrtum hier auf Erde» reine Geistigkeit zu erstreben, sondern es handelt sich nur darum, dazu fähig zu iverden, damit dieser Uebergang erfolgen kann, der sonst ein unzulässiger Sprung wäre." Halten wir diese Gedanke» erstens zusammen mit Israels Keduscha-Ausgabe hienieden und dam, mit der altjüdischen Lehre: „Bereite dich vor im Vorhose, damit du gerüstet in de» Palast einlreten kannst," so springt tzas Gemeinsame der Ideen sosort in die Augen. Tas erste wirlsamsie Moment der Erziehung ist das Beispiel der Eltern. Naturgemäß

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