Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1905)
- Date
- 1905-01-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 2 des Frankfurter Zsmelttischen Familimblattes Inhalt der Beilage: ßÄ Artikel: Sitzung des großen Mtions-Komitees. — Der Friedenspreis der Nobelstiftung. — Aus der zionistischen Bewegung. — Briefkasten. Sitzung.des großen Aktions- Komitees. Tie Sitzung des großen Aktions-Komitees wurde Mittwoch, den 4. Januar eröffnet. Es waren außer den Mitgliedern des engeren Wiener Aktions-Komitees erschienen: Tr. Jac. Bernstein-Kohan-Charkow, Tr. Bodenheimer-Köln, . Josef Cowcn-Londo», Tr. Goldwasser-Krakan, Mr. Greenberg-London, ' Tr. Iasynowsky-Warschau, Tr. Jelski-Lodz, Tr. Alex. Marmorek-Paris, S. Pineles-Galatz, Karl Resek-Prag, Tr. Scheinkin-Balta, Adolf Stand-Lemberg, Tr. Tschlenow-Moskau, Ing. ilssischkin-Ekaterinoslaw, Prof. Marburg-Berlin, Tlrcktor Molfssohn-Köln. Ferner lvurde das Mitglied der Palästina-Kommission, Tr. S. S o s k i n zugezogen. Arch. Marmorek begrüßt die erschienenen Herren und erstattet ein Resnme über die Tätigkeit des Aktions-Komitees seit der Jahres-Konferenz. 'Anschließend daran berichtet Mr. Greenberg über seine Bemühungen in der Ost-Afrikasache, deren vorläufiges Ergebitis der Abgang der Expedition ist. Als erster Punkt der Tagcs-Ordnung liegt die Beschlußfassung über die Einberufung deS VH. Kongresses vor. Ter Vorsitzende, Herr Arch. Mar m orek erstattet folgendes Re,'ums der Beratungen des Treizehner-Ausschusses: Bon Herrn Prof. Marburg sei ein Antrag eingebracht worden, zwei Kongresse, einen ordentlichen und einen außerordentlichen, in zeitlicher Aufeinanderfolge einzuberufen. Ter Antrag Marburg ging von der Erwägung ans, daß der Kongrcßbeschluß „der Beschluß über die Besiedelung Ostasrikas wird einem eigens hierzil einbernfenen Kongreß Vorbehalten", ausgeführt werde. Tiefer Antrag Marburg habe schon im Treizehner-Ausschnsse eine längere Tiskussion zur Folge gehabt. Es sei die Befürchtung geäußert worden, daß die Einocrnsnng eines besonderen Ost-Afrika-Kongresses einer verschwindend kleinen Minorität die gewünschte Gelegenheit bieten würde, eine Revision des ganzen Baseler Programms zur Tiskussion zu stellen. Hierbei gehe man übrigens nicht von der Erwägung aus, daß man eventuell Vorkehrungen gegen gewisse Bestrebungen innerhalb der Partei zu treffen habe, in, Gegenteil, alle seien für die Zulassung aller Parteien und Schattierungen, insoferne sic das Baseler Progranliu anerkennen. In der Tebatte ergriff als erster Tr. Boden- Heim e r das Wort. Er sei der Meinung, daß nach Abgang der Expedition ein Aufschub der Ost-Afrikafrage nicht mehr angänglich sei. Tarin müsse vor allem Klarheit geschaffen werden. Ter Kongreß solle für Juli oder August ausgeschrieben werden. Tie Tages-Ordnung sei von selbst gegeben. Zunächst Schaffung der Neu-Organisation, denn diese sei untrennbar mit der Frage der neuen Leitung verbunden. Ehe >vir nicht klar sehen, wie die neue Leitung der zionistischen Bewegung beschaffen sei, können wir auch nicht über die Ost-Afrikafrage mit der nötigen Klarheit entscheiden. Ter zweite Punkt wäre die Ost-Afrikasache, der dritte Punkt Wahlen. Mr. Greenberg stellte den Antrag, eine Kommission zu wählen, die dem Kongresse bezüglich Erledigung der Ost-Afrikafrage bestimmte Vorschläge unterbreiten solle. Tr. Jasynowski: Tie Bestimmung, daß ein eigens hierzu einberufener Kongreß entscheide, ist gefaßt worden' mit Rücksicht auf den Gedanken, daß die Ost-Afrikasache noch vor dem nächsten Kongresse gelöst sein wird. Ich bin nicht für zwei Kongresse, sondern für einen und zwar im August. Tr. Bernstein-Kohanwendet sich gegen den Antrag Greenberg, da das Aktions-Komitee nicht das Recht '.habe, denl Kongreß die Entscheidung vorwegzunehmen. Tr. Alex. Marmor ek meint, Tr. Bernstein- Kohan sei irriger Auffassung. Mr. Greenberg habe nichts gegen die Autorität' des Kongresses gesagt. sondern nur geglaubt, daß man mit festen Vorschlägen vor den Kongreß treten müsse. Direktor Molffsohn gibt seiner Meinung Ausdruck, daß vor allem Klarheit über die Situation geschaffen werde» müsse; was Not tue, sei, so rasch als möglich einen Kongreß einznberusen, der sich nur mit der Organisation zu befassen habe. Nur dann, wenn eine Leitung vorhanden sei, könne an die Erledigung der Ost-Afrikafrage und aller andern Fragen geschritten werden. -Tr. Tschlcnow: Tie Frage, ob ein eigens einberufener" Kongreß zu entscheiden habe, ist nach der Interpretation Tr. Hcrzl's selbst nicht ganz entchieden. Es ist möglich, daß wir zwei oder drei Monate nach Bekanntwerden des Expeditionsberichtes einen Kongreß haben, und wir müssen dann auch unsere Ost-Afrikasachc zur cndgiltigen Entscheidung bringen, weil diese Frage derzeit die brennendste Frage im Zionismus ist. Solange diese Frage nicht entschieden ist, kann eine Wahl für das Aktions- Komitee nicht vorgenommen werden. Er beantrage, das Programm des nächsten Zionisten-Kongresses bildet sowohl der Organisationspunkt und die übrigen Punkte, die jetzt unsere Organisation beschäftigen, die Arbeiten in Palästina, Nationalfonds usw. als auch die Ugandafrage. Aus formellen Gründen könne die letztere in einer besonderen Sitzung behandelt werde». Tie Wahlen für das Aktions-Komitee müssen aber erst nach Entscheidung dieser Frage stattsinden. Mr. Greenberg verteidigt sein Vorgehe» in der ganzen Frage. Er sei Zionist durch und durch und immer für Palästina gewesen. Tie Verhandlungen werden hierauf abgebrochen. In der Nachmittagssitzung wird die Tiskussion über die Frage der Einberufung des Kongresses weiter geführt. Tr. Sche inkin gibt seiner Ansicht Ausdruck, daß eine Teilung des Kongresses in einen zionistischen und einen Ost-Afrikakongreß unmöglich sei. Tiefer Ansicht stimmt Jasynowski zu. Man werde nie zu einer Wahl kommen, bevor die Ost-Afrikasache nicht zu Ende gesprochen sei. Tr. B o d e n h e i m e r ersucht, seinen Antrag anzunehmen; man könne ja noch garnicht wissen, ob ein Ost-Asrikakongreß notwendig sein werde, das hänge ja vom Bericht der Expedition ab. Ein Spczialkongrcß für die Ost-Asrika-Frage sei bei der strengsten Auslegung doch nur dann einzuberufen, wenn die Besiedelung in Ost-Afrika in Frage stehe. In diesem Falle könne der Kongreß immer noch die Einberufung eines Spezialkongresses beschließen. Inder Abstimmung werden folgende Anträge a n g e n o m m e n u n d sind so m i t z u »> B : i ciiu * erboben: 1. Antrag Prof. Marburg Zwei K ongresse hintereinander in geschlossener Reihenfolge. 2. Zusatz-Antrag Wolsssohn: Tie Reihenfolge sei: I. ordentlicher, 2. außerordentlicher K o u g r e ß. 3. Antrag Tr. Scheinkin: Ter K o n g r e ß i st womöglich ani Todestage Tr. Hcrzl's, d. i. am 2 7. Juli zu eröffnen. 4. Antrag Tr. Tschlenow-Bodenheiincr: Ter Antrag „in Angelegenheit der Ost-Afrikasache eine Kommission zu wähle n" wird an den Treizehner-Ausschuß zur nochmaligen Beratung und Entscheidung zurückgewiesen. 5. Antrag Tr. Bodenheimer: Ter Kongreß für Ost-Afrika ist nur dann ein zu berufen, wenn das große Aktions-Komitee es für notwendig hält, über die Besiedlung von Ost-Afrika zu beraten. In der Nachmittag-Sitzung wurde auch das Verhältnis des Treizehner-Ausschusses zum engeren Aktions-Komitee besprochen. Nach längerer Debatte einigte man sich auf folgenden Beschlußantrag, eingereicht von Tr. Bodenheimer-Jasynowski, der einstimmig angenommen wurde: Tie Mitglieder des Treizehner-Ausschusses sind berechtigt vom engeren Mtions-Komitee jederzeit einen ausführlichen Bericht über wichtige Angelegenheiten zu verlangen, welche in den Sitzungen des engeren Aktions-Komitees zur Besprechung gelangen, auch über die politischen. Weiterhin ist der erweiterte Ausschuß berechtigt, einzelnen Personen Spezialvollmachten zur Erledigung irgendwelcher wichtiger Angelegenheiten zu erteilen. Tiefe haben dem Dreizehner-Ausschusse, resp. dem engeren Mtions-Komitee Bericht zu erstatten. Tonnerstag, den 5. Januar. Tie Diskussion des ganzen Tages galt der Beratung über die neue Organisation und die zukünftige Leitung der Bewegung. Sie fand ihre Konklusion in der Annahme eines Kompromißantrages zwischen dem engeren Aktions-Komitee und Dr. Bodenheimer: Tie Leitung der zionistischen Bewegung erfolgt durch das große Aktions-Komitee und besieht mindestens drei an einem Orte wohnenden Mitgliedern und einer Anzahl auswärtiger Mitglieder. Der Antrag Bodenheimer lautet: das engere Aktions- Komitee besteht insgesamt ans fünf Mitglieder». In der Freitag-Sitzung wurden die Beschlüsse des Treizehner-Ausschusses, die' sich auf die Jnangurierung der praktischen Arbeiten in Palästina, und der Einrichtung der Kischinewer Waisenschule, über welche Dr. S o s k i n im Aufträge der Palästina- Kommission Vortrag erstattet hatte, bezogen, zur Kenntnis genommen. In der Nachmittagssitzung war die Legalisierung des Nationalfonds zur Diskussion gestellt. Bekanntlich hatte die Jahreskonfercnz einen Statutentwurf fertig gestellt und das engere Aktions- Komitee beauftragt, Schritte zur Legalisierung dieses Statuts zu unternehmen. TaS engere Aktions-Komitee berichtet nun über seine diesbezüglichen Arbeiten. Nach den eingeholten Gutachten englischer Rechtsanwälte sei es möglich, den Nationalfonds als eigene Gesellschaft zu konstituieren oder ihn durch einen Vertrag — Trust Teed — unter die Verwaltung des Jewish Colonial Trust resp. seines Aufsichtsrates zu stelle». Gründe der Zweckmäßigkeit sprechen für letzteren Vorschlag. An diesen Vortrag des engeren Aktions-Komitees, der von Herrn Tr. K o k e s ch erstattet, wurde, knüpfte sich eine längere Debatte, die mit Annahme des Antrages schloß: Es sei dem engeren Aktionskomitee, das einen oder zwei zionistische Rechtsanwälte nach London zu delegieren habe, zu überlassen, die endgiltigen Schritte zur Legalisierung des Nationalfonds in England zu unternehmen. Ferner wurde beschlossen, bei diesem Anlasse auch die Aenderung des Paragraphen des Memorandums des Jewish Colonial Trust, die Frage des Verfalles der Dividenden-Conpons, die Frage des Wahlrechtes der Besitzer von Jnhabersharcs und das Verhältnis der Inhaber von Gründershares zum Anfsichtsrate selbst, zu prüfen. Den Herren Greenberg und Tr. Soskin wird für ihre Bemühungen der Dank des Aktions-Komitees ausgesprochen. Zum Schlüsse erbat sich Tr. Bodenheimer das Wort und sagte: In de» drei Tagen, in denen wir zusammen beraten haben, haben wir den Weg einer innerlichen Verständigung immer mehr und immer deutlicher gefunden. Ich glaube, daß jeder von uns dabei die Empfindling gehabt hat, daß dasjenige, was uns im innerste» Herzen bewegt, der Wiederherstellung unseres Volkes und seiner Siedlung auf unserem jüdischen Boden von Erez Israel das stärkste Band ist, das uns znfamnieuhält und das uns über alle äußeren Schwierigkeiten hinwegzu» Helsen vermag. Tatz wir zu dieser Uebcrzeugnug gelangt sind, hat nicht wenig beigctragen, die opferwillige Selbstentäußerung der Mitglieder des engeren Aktions-Komitees. Ich halte es für unsere Pflicht nach den vielfachen Angriffen, die gegen das engere Aktions-Komitee gerichtet worden sind, zu erklären, daß wir von neuem volles Vertraue» gewonnen haben. Ich spreche Ihnen den herzlichsten Tank des großen Aktions-Komitees aus. Der Vorsitzende Architekt M a r in o r e k schloß die Konferenz des große» AktionS - Komitees mit einige» Dankcsworten an die erschienene» Mitglieder für ihre Opserwilligkeit und freundschaftliche Mitarbeit am nationalen Werke. Tr. Schalit. Der Friedenspreis derRobelstistnng. Manche» Lesern des Frankfurter Israelitischen Familienblattes wird vielleicht die seltene Stiftung der Nobelpreise aus den Mitteilungen der Tagesblätter bekannt sein. Für diejenigen, denen diese Munifizenz eines Skandinaviers weniger bekannt sein sollte, mögen hier bei Gelegenheit dieser Korrespondenz die Hauptzüge der einzig in ihrer Art dastehenden Stiftung mitgeteilt werden. Ter Schwede, Dr. chem., Alfred Nobel, Erfinder des Tynamit, gestorben anr 10. Dezember 1896, errichtete kraft seines Testamentes vom 25. November 1895 die sogenannte Nobelstistung, nach deren Bestimmungen die jährliche» Zinsen des kolossalen Vermögens des Testators — ca. 90 Millionen Mark — nach Abzug verschiedener Verwaltungskosten, in fünf Teile verteilt und als Prämien zusallen demjenigen oder denjenigen, die Hervorragendes geleistet in 1. Physik, 2. Chemie, 3. Physiologie oder Medizin, 4. Literatur, 5. der Beförderung der Friedenssache.