Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IrankfirrLer Jfratlitifdics fuiiliciHatt. Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In-und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Fämilienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen TeileS). HsdaKMn Md chefchLftsstelkr: SranKfurl s. Leiligkreuzgaffe 32, Lcke Llapperfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). -HIK- Hepaitsgebev: Sakg .**. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamczcile. 100 „ Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 3. Jahrgang. Freitag, de« 29. Veves 5665 (6. Januar 1995). Ro. 1. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Zionistische Randglossen. — Die Generalversammlung der Vereinigung der traditionellgesetzestreuen Rabbiner Deutschlands. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Das verunglückte Märchen. — Kinder unserer Zeit, Roman von Jacob Levy. — Aus der zionistischen Bewegung :c. Zionistische Randglossen. Bon Dr. Jakob Nacht (Foesani). Seit dem Tode Herzl's ergeht sich die „N e u e Freie Presse" immer mehr in Ausfällen gegen den Zionismus. Unlängst war es Graf B ü l o w, der durch Herrn Sigmund Münz in der unschmeichelhaftesten Weise sich über die zionistische Bewegung vernehmen ließ und nun ist es der A r e i f s - Wälder Universitätsprofessor Otto Seck, der ebenfalls im genannten Blatte sich bemüßigt fühlt, über den. Zionismus herzufallen, um ihn als eine „Torheit" zu bezeichnen. Es gehört nicht viel Mut dazu, den Schöpfer einer großen Idee erst nach seinem Ableben zu bekämpfen. Ter Talmud hat dafür das schöne Wort: Lin meschiwin cs hoari leachar mausau (Man bekämpft nicht den Löwen nach seinem Ableben). Nun da dies doch der Fall ist, wollen wir sehen, wie es mit diesen Angriffen bestellt ist. Traf Bülow meint, daß der Zionismus deshalb keine Aussicht auf Erfolg hätte, weil ein Staat nicht von lauter Proletariern oder „Schnorrern" begründet werden kann. Diese Ansicht hätte er einmal persönlich Dr. Herzl gegenüber geäußert, worauf ihm dieser die Antwort schuldig geblieben sein soll. Wäre es nicht Graf Bülow, der diesi Mitteilung'macht, so würde uns die ganze Sache geradezu als ans der Luft gegriffen erscheinen. Es hält nämlich schwer zu, glauben, daß dem in solch genialer Weise alles umfassenden Blick Dr. Herzls dieses Moment, auf das sich Graf Bülow so viel zu gute tat, entgangen sein sollte. Ter beredte Mund Dr. Herzls fehlt uns leider, um von ihm die richtige Antwort auf diese Ausstellung zu erhalten. Doch tun wir gut, wenn wir die in seinen Schriften niedergelegten Ansichten befragen. Wir werden dort so manches finden, was unserer Sache nützlich sein könnte. Und wahrlich, auch diese von Graf Bülow angeregte Frage findet in denii schönen Herzl'scheu Roman Altnenland (S. 202) eine gebührende Antlvort. Hören wir seine klugen Worte: „Es gab in der ersten Zeit'' Unverständige, die meinten, eine solche Proletarieransiedelung könne nicht gedeihen. Wie dumm und ungebildet diese Auffassung war, das erkannte der Sprecher Tr. - Walter und alle Leute, die gleich ihm «inen weiteren Horizont hatten, von vornherein. Waren denn nicht im ganzen Laufe der Weltgeschichte die neuen Ansiedelungen von Hungerleidern gemacht worden? Die Satten haben keinen Grund, die Grenzen der Kultur hinauszurücken. Tie Satten bleiben zu Hause. Mer den Hungrigen gehört die Welt. Tie im Glauben beunruhigten Puritaner besiedeln Nordamerika. Die Glücksucher lassen sich in Indien oder Südafrika nieder. Und wo gab es eine Kolonie, die von schlechteren Elementen geschaffen wurde als Australien, da? große, blühende, stolze, reiche Australien. Das war zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts eine verachtete Sträslingskolonie und wuchs in wenigen Jahrzehnten zu einem mächtigen, gesunden Staatswese,i heran. Zn Ende des neunzehnten Jahrhunderts war cs ein Kronjnwel des britischen Weltreiches. Wie gesagt, Tr. Walter und seinesgleichen, die gebildet genug waren, lachten über den Einwand, daß Proletarier keine Ansiedelung vllten gründen können. Wenn arme Sträflinge das in Australien vermochten, um wie viel eher wären es die Pioniere des jüdischen Volkes im Stande, da ie in ihrer glückverheißenden Arbeit für die Freiheit und Ehre der Nation vom ganzen Hause Israel unterstützt würden." Schöner und sachlicher könnte die Bülowsche Behauptung nicht widerlegt werden. — Ebenso wenig stichhaltig sind, die Einwäude, die neulich der Greifswalder Universitätsprosessor in der N. Fr. Pr. (21. Tezember 1001) gegen den Zionismus erhebt. Herr Seck schickt seinem Ausfälle gegei; den Zionismus folgende Worte Mommsen's voran: „Auch die zahlreichen spezifisch jüdischen Vereine, wie sie z. B. hier in Berlin bestehen, erscheinen mir, so weit nicht eben die jeder Diskussion sich entziehende Glaubensfrage auch hier eingreist, eutschiedeu von, Ucbel. Ich würde keinem Wohltätigkeitsvereine beitrctcn, dessen Statuten ihn verpflichteten, nur Holsteinern Hilfe zu gewähren; und bei aller Achtung vor dem Streben und dem Leisten dieser Vereine kann ich in ihrer Sondereristcnz nur eine Nachwirkung der Schutzjudcnzcit erkennen. Wenn diese Nachwirkungen nach der einen Seite hin verschwinden sollen, so müssen sie es nach der anderen auch; und auf beiden Seite» ist noch viel zic tun. Der Eintritt in eine große Nation kostet seinen Preis. Tie Hannoveraner und die Hessen und wir Schleswig-Holsteiner sind daran, ihn zu bezahlen, und wir fühlen wohl, daß wir damit von nnserm eigensten ein Stück hingeben. Mer wir geben es dem gemeinsamen Vaterland. Auch die Juden führt kein Moses wieder in das gelobte Land, mögen sie Hosen verkaufen oder Bücher schreiben, es ist ihre Pflicht, so weit sie es können, ohne gegen ihr Gewissen zu handeln, auch ihrerseits die Sonderart nach bestem Vermögen von sich zu tun und alle Schranken zwischen sich und den übrigen deutschen Mitbürgern mit entschlossener Hand niederzuwcrfen." So weit Mommsen, wozu Herr Seck die Bemerkung macht: „Tie Torheit des Zionismus, die danials noch nicht aufgelaucht war, ist hier vorgeahnt und schon in ihrem Keim entschlossen bekämpft." Aus diesen Mommsen'schen Worten entnehmen wir folgendes: Jüdische Vereine deuten auf jüdische Sonderart hin, worauf der Jude, verzichten sollte, wenn er als gleichberechtigter Bürger anerkannt sein will. Tut er dies nicht, so ist er selbst daran schuld, wenn ihm die vollen Rechte versagt werden. Alles schön. Nur scheint hier eine Verwechslung von Ursache und Wirkung vorzuliegen. Nicht weil die Inden jüdische Vereine gründen, können sie nicht als Vollbürger anerkannt sein, sondern weil sie nicht alle Rechte geniesen dürfen, gründen siejüdische Vereine. Wenn z. B. jüdische Studierende der allgemeinen Stipendien sich nicht erfreuen dürfen, so ist es selbstverständlich, daß ein .Hilfsverein für jüdische Studierende diesem Uebcl abzuhelfen hat. Man braucht nicht geradezu auf jüdisch - nationalem Standpunkte zu stehen, ui» für die Existenzberechtigung solcher Vereine zu plaidieren. Professor Lazarus war kein Nationaljnde, und dennoch meint er in seiner Erwiderung aus die Mommsen'schen Worte*): „Gibts aber in Tentschland Stipendien, welche für alle Deutschen sind, bloß für die Holsteiner nicht? Wenn das wäre, dann würde Mommsen einen Verein für die Holsteiner gründen." Ja, die Ausnahmegesetze haben diese jüdische Vereine geschaffen. Daß dieses Band des Zusammenleidens auch einigend auf die Leidensgenossen wirken mußte, ist klar. Diese Tatsache erkennt Herr Professor Seck an, wenn er sagt: „Doch freilich war es die Schuld des Antisemitisinus, wenn zur berechtigten Abtvehr der SeinitiSmus Ich fester znsammcnschloß »nd manche seiner besten Männer der Nation, die sie auszustoßen schien, stolz den Rücken kehrten." Enthalte» auch diese Worte maiiches Wahre, so ist es dennoch verfehlt, den Antisemitismus überhaupt als Schöpfer de-s Zionismus hinzustellen, wie dies bei Herrn Professor Seck der Fall ist. Mit Nichten. Ter Antisemitismus kan» und darf nicht als Ursache der nationalen Bewegung, gelten. Wir geben wohl zu, daß gar mancher Neuzionist auf diesem Wege iir's jüdische Heim zuriickgekehrt ist, doch wäre es ein Verkennen des wahren Zionismus, wenn wir dieses negative Moment als sein Kriterium gelten lassen wollten. Nein, der wahre Zionismus hat mit „voriibcrgehende» Erscheinungen" nichts zn tun. Er bedeutet die Sehnsucht eines Volkes nach seiner alten H e i in a t, u m seiner Eigenart leben zu können. Er ist der feste Wille zuin nationalen Leben, der in unserem religiösen Schristtnme, in unseren Sitten und Gebräuchen, in u n s c r e r g e m e i n s a m e n Ä e s ch i ch t e t i e f b e - gründet ist, und der nie aufgehört, unser heiligstes Ideal zu sein. Das Bestreben, dieses Ideal seiner Verwirklichung entgegen zu führen — die Ziele des Neuzionismus — kann doch sicherlich nichts weniger als eine „Torheit" bezeichnet werden. Ein Volk, das leben will, leben im Hähern Sinne, tut das gescheiteste, was es tun kann. Tenn „die höchste Weisheit heißt: Leben." Die Generalversammlung -er Bereinigung der tradttionellgesetzestreneu Rabbiner Deutschlands. Am 26.. und 27. Tezember hielt die Bereinigung der traditionell-gesetzestreuen Rabbiner Deutschlands ihre 4. Generalversammlung ab. Wer immer Zeuge dieser Versammlung. war, der wird diese beiden Tage nicht so leicht aus seinem Gedächtnis löschen. Eine *) Bergl. Treu und Frei. S. 146—147.