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Neue jüdische Presse · 1904-12-30 · Heft 50 (30.12.1904) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 50 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Frankfurter Jsraelitischeß Fumrüenblatt. Nr. 50. d e s i u b e n f cf) a f t, lebenslängliches Mitglied des Kuratoriums der israelitischen theologischen Lehranstalt in Wien, Direktionsmitglied des Karlsbader jüdischen Leospitals, Obmannstellvertreter des Gemeindebundes der israelitischen Gemeinden Böhmens. Unangenehmes Aussehen erregte vor kurzer Zeit der Verstorbene, der sonst eine sehr hochgeschätzte und beliebte Persönlichkeit war, durch sein Verhalten gegen den israelitischen Landeslehrerverein, der sür die jüdische Jugend wirklich jüdische und nationale Erziehung einzufiihren aus einer Generalversammlung beschlossen hatte. New - Bork. Zum Attorney - General, denr vierthöchsren Posten der Vereinigten Staaten, wurde sür 1905/6 Herr Julius M. M a y c r gewählt. Jerusalem (Palästina). Am 8. Tewes verschied im 70. Lebensjahr der berühmte Gaon, Mbbiner zu Chebron, Ehiskija M e d i n i. Tie große Gelehrsamkeit des Verblichenen geht aus seinem berühmten talmudischen Werke „S'dei chemed" hervor. Er war nicht nur hervorragend als Gaon, sondern auch durch seine große Frömmigkeit und mustergültige Eigenschaften. Geboren zu Kvnstantinopel, verlebte er dort seine Jugend, wurde dann Rabbiner in der Stadt Karsubasar (Krim), wo er 28 Jahre amtierte Zeine Gemeinde verehrte ihn wie einen Gott. Vor acht Jahren ging er nach dem heiligen Lande und auf das Drängen der Juden Chebrons ließ er sich zum Raw erwählen, jedoch verweigerte er die Annahme eines Gehaltes. Auch in seinem Aeußern war er eine seltene imposante Erscheinung. Aus der ziouistische» Bewegung. Frankfurt a. M. Außerordentliche Generalversammlung. Infolge Rücktritts des Herrn Fritz Sondheimer von dem Amte eines Vorsitzenden war eine außerordentliche Generalversammlung notwendig. Dieselbe fand am 19. d. M. statt, und wurde Herr I. L. Goitein zum Vorsitzenden, Herr Hermann Friesländer zum stellvertretenden Vorsitzenden und Herr Fritz Sondheimer zum Beisitzenden des Vorstandes gewählt. Frankfurt a. M. In der am 27. d. Mts. abgehaltenen Generalversammlung des Frankfurter Misrachi-Vereins wurden die Herren Louis Kahn jr., Saly Geis, I. Hirsch, Erteschek und Leopold Oppenheimer in den Vorstand gewählt. Laudon. Am 19. dss. Mts. sprach Sir Francis Montefiore in der zionistischen Vereinigung West Central über die Lage des Zionismus; u. a. sagte er, daß die Verhandlungen mit der Türkei sich gegenwärtig in einer sehr zufrieden stellenden Status befinden. Aus de« Bereiue«. Czernowiiz (Galizien). Samstag, den 24. d. Mfand aus Anregung einiger zionistischer Korporationen unter starker Beteiligung der hiesigen Bürger- und Studentenschaft im hierortigen Tempel eine Gedenkfeier anläßlich des siebenhundertjährigen Todestages M o s e s b e n M a i m u n i s statt. Oberrahbiner D r. Josef R o s e n f e l d feierte in seiner mit großer Befriedigung aufgenommenen Gedenkrede die Verdienste, die sich Maimonides um die Literatur seines Volkes und um seine Nation selbst durch seine tiefsinnigen Werke erworben hatte. Tr. Rosenfeld entwickelte mit vielem Pathos die Geistesgröße Maimunis,, die ihm gestattete, in die innersten Tiefen der talmudischen Weisheit einzudringen und so schöne Früchte' hervorzubringen, daß er mit Recht der größte Philosoph der Judenheit genannt, von aller Welt bewundert und verehrt wurde. Ferner schilderte der Oberrabbiner den wohltätigen Einfluß Maimunis auf das jüdische Leben seiner Zeit im Allgemeinen und auf die Entwicklung der Synagoge insbesondere, dabei gleichzeitig auf die traurigen Zustände während des Gottesdienstes im hiesigen Tempel anspielend. Zephirah. Buute Chrouik. Lord Beaconssteld als Redner. Am 2l. Dezember kehrte der Geburtstag Benstnnin Tisraelis zum Hundertstenmal wieder. Das neueste Heft der „Oesterreichischen Rundschau" veröffentlicht aus diesem Anlaß einen inhaltsreichen Essay Ernst v. Pleners über den großen englischen Staatsmann. Dem inhaltsreichen Aufsatz sei nachstehende Schilderung entnommen, die der Autor von Beaeonssield als Redner entwirft. „Er hatte allerdings nicht die Silberstimme und die bezaubernde Beredsamkeit Gladstones, aber die hatte überhaupt niemand. Sein Organ war trocken, aber kräftig, er hatte ganz die Haltung und Entschiedenheit des großen politischen Redners, der die Bedeutung kennt, die seine Worte haben. Seine Geste war in der Regel maßvoll; wenn er in Affekt geriet, ballte er sein Taschentuch in der Hand zusatnmen und warf es zuletzt auf den großen Tisch des Speakers, der ihn von seinem Gegner trennte. Er war der erfahrene und gewandte Debatter, Ironie und Sarkasmus waren seine besten Waffen. In der Exposition war er meistens klar, seine Detailkenntnisse waren nicht so gründlich, wie die seines Rivalen, der sein ungeheueres Wissen Emmer parat hatte. Er gebrauchte oft bombastische Wendungen, ich war gegenwärtig, als er 'den Mschluß der abessinischen Expedition mit den Worten feierte: „Lord Rapier (der kommandierende General) führte die Elefanten von Indien mit der Artillerie Europas burcf) die Pässe Afrikas, welche die Trapper von Kanada erstaunt und die Jager der Alpen erschreckt hätten", was fast allgemeine Heiterkeit hervorrief". Ein Brief Rattiner Samson Raphael Hirsch s. A. an Schriftsteller S. Kohn s. A. Unter den zahlreichen hinterlassenen Briefschaften (es befinden sich in der Verlassenschaft Briete von: Anzengruber, Bert. Auerbach, Max Falk, Franzos, Rabb. Gugenheimer, Jellinek, Kompert, Kayserling, Kehlheim, Kulke, Laube, Lazarus, Lewinski, Loewe, Nahida Remy, Rodenberg, Rossegger, Sonnenthal, Spielhagen, Stettenheim), des kürzlich verstorbenen Verfassers des Gabriel, des rühmlichst bekannten Salomon Kohn^befindet sich auch ein eigenhändiges Schreiben von Samson Raphael Hirsch, das wir in folgendem Mitteilen:- Redaktion des Jeschurun. Ew. Wohlgeboren bin ich für das freundl. Wohlwollen, mit welchem Sie meinen geringen Bestrebungen in Ihrem geehrten Schreiben zu begegnen die Gute haben, herzlich verpflichtet, und haben Sie mich nichckrminder durch die gütige Uebersendung Ihres so trefflichen „Gawriel" recht sehr erfreut. Empfangen,Sie für.Beides meinen aufrichtigen Dank und'. Würde ich es als eine schätzenswerte Bereicherung des „Jeschurun" begrüßen, wenn Sie sich veranlaßt sehen wollten, die Blätter desselben mit Beiträgen von Ihrer geschätzten Feder zu schmücken. Möge der Hort Israels.recht viele Männer wecken, die ihr Talent der Verherrlichung Seiner heiligen Sache weihen und, möge er jedes dahin zielende Streben mit seinem-besten: Beistand segnen! Genehmigen Ew. Wohlgeb. die Versicherung vorzüglichster Hochachtung, mit der zu verharren die Ehre hat Ew. Wohlgeboren - - - ergebenst Frankfurt a. M., 15: Märzst 1855. ' Hirsch. Prag — Alter JuÄenfriedhof. „Rembrandt!" Du hast recht, das teure Wort drängt sich einem in diesenehpwürdigen,.unterirdischen Synagoge auf die Lippen. Wie seltsam schon ihr Name! All—Neuschül! Weil man aus den alten Kellertempel, dessen Dunkel so furchtsam durch das ewige Licht und die scheuen Strahlen:-aus .den Lucken durchbrochen wird, eine ,Freue Schul" aufgebaut hat, einen neuen Tempel, der nun freilich auch schon einige Jahrhunderte alt ist! Aber wo scheinen einem die Worte hinfälliger, wo verschwinden die Begriffe der Zeit und des Wechsels der Dinge so, wie in einem Ghetto! . Jetzt aber soll dein Malerauge, lieber Freund, noch etwas sehen, üvas außerordentlich ist, was ihm wohltuu wird und eine Ergänzung dieses tiefen Eindrucks bildet; wir steigen die -Stufen ausdiesem Tempel empor,, wir sind wieder im Tage; uub nun durch dieses Gäßchen, wir kommen aus den alten Judensriedhof. Siehst bn, lieber Freund, und hier, da wir durch diese Pforte den Fri^chos betreten, hier erlebe ich immer wieder dies Zurücktaumetn jedes Freundes aus der Fremde, — nein, ich danke, wir brauchen kernen Führer! —jpiesen Versuch der verwunderten Lippen „unglaublich!" zu sagen, dieses langsame, fast erschrockene Kopfschütteln. Und nun, da deine Brust sich in einem Seufzer erlöst hat, freue ich mich, lieber Freund, über den Jubel deiner Maleraugeu, die solch ein Bild noch nie erschaut haben! Ich werde dich gleich durch diesen Friedhof führen; aber erst nimm von hier aus dies Bild in deine Augen auf, diese hundert, tausend Steine, graue, zernagte, mit grünem Moos bedeckte Grabsteine, die eng aneinanderstehen, den Hügel empor und aus dem Hügel, jedes Fleckchen Erde erobernd, nebeneinander, in Reih' und Glied und doch in wildem Durcheinander, in einer ängstlichen Hast, wie Soldaten in einem Handgemenge, das jede Zucht und Ordnung löst, Tansende schmaler Grabsteine, flacher Steinplatten, die wie Gesetzestafeln anssehen, dir in den Boden gerammt sind, ohne Postament, mit hebräischen Runen bedeckt, die den Namen des Verstorbenen und seine Tugenden ansagen wollen und alle den Ewigen preisen, der den Entschlafenen in sein Eden ausnehmen möge! Ja, du hast recht, es ist wie ein ungeheurer Friedhof, der aber von alten Seiten zusammengepreßt wurde, daß alle Ordnung vernichtet ist, daß die ebene Erde sich zum Hiigel krümmte und all die tausend Steine sich neigen mußten und nun schief im Boden stecken, als müßten sie im nächsten Augenblicke schon Umfallen, auf die Brust vder den Rücken, taumelnd, in einem furchtbaren Entsetzen! Darum ist auch kein Grab aus diesem Friedhof zu sehen, dazu hat der Raum nicht gereicht, und es liegen viel Leichen übereinander, und die Grabsteine wissen längst nicht nrehr, welches Stück Erde da unten sie mit Namen nennen sollen, als ob sie gar nicht an einzelne Tote erinnert: sollten, als ob die Menschen nur eine Hast erfüllt hätte, Steine, Steine nebeneinander zu stellen: und sollen unter diesen Grabsteinen in der Erde wieder Grabsteine liegen, Schicht auf Schicht, Grabsteine von Priestern, tvie dieser hier, den zwei seltsam gespreizte Hättde bezeichnen, uud solche mit eingemeißelten Traitben, wie der, öder mit Weihgefäßen, mit Fischen gekennzeichnete, kümmerliche Steine, arnieit Juden gesetzt, oder so kunstvolle wie dieser, der eine jüdische Prinzessin deckt. Und schau, auf den Grabmnleru liegen überall Kieselsteinchen, und das ist eine alte Judensitte, beim Gräberbesuch sein Steinchen auf den Grabstein zu legen: Hast, Unordnung in dem Ganzen und doch tiefer Frieden, als wäre eine Steinlawine hier gelandet und wir sehen staunend, daß die Steine des Bergsturzes Worte eingegraben tragen, Runen, die wir nicht verstehen, die für die Ewigkeit stefttmmt find und die das Moos des Alltags verlöschen will! Und doch haben zwischeil diesen Steinen Bäume Platz gefunden und sind stark geworden, nur daß sie freilich rücksichtslos die Platten bei Seite drängen mußten, um emporzugedeihen. Und über uns dehnt sich der blaue, flimmernde Herbsthimmel, klar und lächelnd .... Und siehst du, hier oben auf dem Hügel, da wir uns auf zwei Grabmäler gesetzt haben, da du den Kopf prüfend bei Seite neigst und deine Hand die Augen über das -Steinfeld mit leichten Wellenbewegungen geleitet, da ist mir nun, als ob der alte Judentempel drüben unter der Erde, der rätselhaft, dunkel und ängstlich ist, wie ein Symbol, und dieser wundersame Friedhof in einem seltsamen Zusammenhang stünden, in einem Zusammenhang, der sich mir zu einer Vision verdichtet und mich von meinem Sitze emporzwingt. Und dies ist, was ich sehe: Ich sehe eine Haird, eine mächtige Faust aus dem Himmel kommen und sie hält eine Wage, eine riesige Krämerwage, deren strenger Wagbalken im Sonnenlichte blitzt und schräg und steil sich niederneigt. Und in der tiefgesenkten ungeheuren Wagschale steht die Mt-Neuschul, aber viel größer als in Wirklichkeit, Tausende Menschen füllen sie und sie heben die Arme empor, sie ringen die Hände, sie schlagen sich wie in einem Taumel der Angst an die Brust oder werfen sich zu Boden, und ihre Augen sind furchtsam und sehnsuchtsvoll, doch über ihre Lippen stöhnen Worte, fremde Gesänge, aber deren Melodie sich zu einem brausenden Chore eint und in den Himmel, über die Faust droben emporschwillt: „Du da oben, gib uns sür unser elendes Leben die Seligkeit, drüben laß ttns selig werden!" Doch auf der anderen Wagschale, die sich nicht senken will, liegen Steine, tausend, tausend Steine, und Metlschen, die wie die Söhne jener im Tempel aussehen, stehen zwischen den Steinen, trauernd und verzweifelt, und sie schleppen immer neue Steine herbei, ganze Blöcke, ganze Berge von Steinen, und Mädchen und Kinder legen Kieselsteinchen dazu und sie wollen alle die Wagschale schwerer machen, damitZie mit jener Wag schale des Lebens drüben^mit jener Schale der Sehnsucht und der Hoffnungen ins Gleichgewicht komme. Aber die bleibt hoch oben, als wäre sie inhaltlos, und ist doch ganz voll schwerer Steine, sie haben kaum Platz mehr in der Schale und liegeit über- und durcheinander, tausend, tausend Grabsteitre, und köntten die andere Schale iticht auswiegen .... Du bist auch aufgestanden? Und siehst mir lang ins Auge und nickst verstehend und traurig mit dem Kopse? Und fragst mich doch nach der Versöhnung in meitrer Vision? Lieber streund, Erfüllung und Bersöhirung! Was sind wir Menschen? Was sind unsere Hosfnungett und Wünsche! Sieh nur, wie klar und fern der Himmel da oben auf tins einsame Friedhojbesucher ntebcv?cfninr! Laß uns zwei

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