Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 50 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Vellage zu Nr. 50 des Fmuksurter Israelitischen Famllienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Eine Erwiderung als Mahnung. — Personalien — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Bunte Chronik. — Prag — Alter Judenfriedhof. — Gine Erwiderung als Mahnung. Tie Redaktion der „Jüdischen Rundschau" bringt in ihrer letzte:: Nummer eine mit (4. W. gezeichnete Besprechung der in zweiter Auflage erschienenen Broschüre: „Ter Zionismus vom Standpunkte der jüdischen Orthodoxie", von Oberrabbiner Roth-Papa. Wir müssen es uns versagen, mit dem gelehrten Verfasser, dem sowohl ein Verständnis für das Judentum, als auch ein Erfassen der Psychologie des Zionismus wahrlich nicht zum Vorwurf gemacht werden kann, eine Auseinandersetzung zu pflegen. Es mag ihm denn unbenommen bleiben der Glaube, daß er, weil sein Blick nur über das 19. Jahrhundert reicht, der einzig gute Zionist ist, dagegen diejenigen, die den lebendigen Zusammenhang mit der vieltausendjährigen Geschichte ihres Volkes noch nicht verloren haben, eben darum, weil sie für alles Jüdische noch einiges Verständnis besitzen, absolut keine Zionisten sind -- nach dem Herzen unseres gelehrten Verfassers! Ebenso unbeschnitten mag ihm sein gutes Recht bleiben, Oberrabbiner Roth auf das Mlergründlichste — nicht zu verstehen. Erwähnt sei nur noch die abgeklärte Toleranz des edlen Verfassers,' sie verdient es, als — fast hätten wir gesagt: abschreckendes — nachahmenswertes Beispiel aufgestellt zu werde::. Tenn man bedenke, trotzdem, daß die Ansichten des Oberrabbiner Roth mit denen der Männer des 19. Jahrhunderts nicht im Einklang stehen, vielmehr :::it dem Standpunkte identisch sind, „auf dem man in talmudischer Zeit vor 1500 Jahren stand, daß :: ä ml i ch j e d e Er s ch e i n - ung des alltäglichen Lebens aus der Bibel heraus erklärt werden müsse, wonach die Bibel noch eine Kanon ist und als heiliges Buch bindende Kraft hat"; „diese Auffassung des jüdischen Schrifttums aber und ihre Heiligsprechung hängt an uns wie ein Bleigewicht und hemmt uns an jedem Fortschritt und jeder Entwstckelung"; also trotzdem dem Verfasser, wie man sieht, weder übergroße Liebe noch Achtung für das Judentum voreingenommen macht, so findet er doch anerkennende Worte für Oberrabbiner Roth wegen seines „Willens und Liebe zum Judentums"! Wenn dies keine übermenschliche Toleranz ist, so gibt es überhaupt keine! Wir hätten uns in keiner Weise bewogen gefühlt, von dieser Weisheit Notiz zu nehmen, wenn sie nicht in einem zionistischen Organ Aufnahme gefunden hätte. Wir wissen, daß es eine gewisse Sorte von - sogenannten Kulturzionisten gibt, denen — ein klein wenig Kultur und Zionismus dringend zu wünschen wäre. ... Es würde ihnen ebenso wenig schaden, wenn sie die Ansichten, die sie in einer dem Judentums — feindlichen Welt in sich ausgenommen haben, nun, da sie sich Zionisten nennen, ein klein wenig überprüfen wollten; sie würden da sicherlich dazu gelangen, ihren Standpunkt mit weniger Arroganz, Parteisanatismus und lächerlichem Unfehlbarkeitsdünkel zu vertreten. Ihre unerforschliche Gelehrsamkeit und tiefe Logik wisserr wir schon seit langem nach ihrem wahren Werte zu schätzen; auch ihre Kampsesweise, die darin besteht, die eigene werte Person herauszustreichen und diejenigen, die anderer Ansicht sind — mag es in religiöser oder in politischer Hinsicht sein — mit Verdächtigungen zu überhäufen, weiß jeder anständige Mensch nach ihrem moralischen Gehalt zu würdigen. Keinesfalls werden die Angriffe, welche von dieser Ouelle fließen, es vermögen, uns auch nur für einen Augenblick in der Erfüllung der einmal erkannten Pflicht unserem Volke gegenüber wankend zu machen und unser Ziel: die Rettung unseres Volkes und Erhaltung lies tiberlieferten Judentums außer acht zu lassen. Allerdings hätte,: wir erwarten dürfen, daß die Redaktion einer zionistische:: Zeitschrift, wenn sie schon die Gerechtigkeit nicht besitzt, um die inoralische Unzuläßigkeit einer solchen Handlungsweise einzusehen, doch die Einsicht wenigstens besitzen wird, zu begreifen, daß der Erfolg solcher Auslassungen nur der sein kann, die in Wahrheit frommen Juden vom Anschluß an der zionistischen Bewegung gegen ihre Pflicht und Herzensneigung zurückzuschrecken. Oder sollte dieser Erfolg gar erwünscht sein? Nun, von der Redaktion der „Jüdischen Rundschau" können und wollen wir es nicht glauben. Unmöglich kann sie die Aufgabe eines Zionistenblattes darin erblicken — ein Hindernis zur Verbreitung des Zionismus zu bilden! Tie Herren aber, welche durch ihre unglaubliche Verblendung und durch Fanatismus des Unglaubens die Gründung des Misrachi notwendig gemacht haben, dürfen davon überzeugt sein, daß der Erfolg ihrer Kumpfesweise ein umgekehrter sein wird von dem, was sie wünschen. Ter Misrachi und sehr viele Zionisten, die aus politischen Erwägungen ihm sich nicht anschließen, sie werden schon darüber wachen, daß der Zionismus eine jüdische Bewegung bleibe und Bahnen wandle, auf denen allein das Heil für unser Volk gefunden werden kann. Hoffentlich wird die „Jüdische Rundschau" für die Zukunft vorsichtiger sein und Artikel, die einen jeden religiösen Zionist aufs gröblichste verletzen, von ihren Spalten fern halten; sie darf nicht vergessen, daß sie Partei-Organ ist, also von den Zionisten jeder Parteirichtung getragen wird. — Enorme Autwahl Fächer — jeder Art zu billigen Preisen bei Mook & Schondnbe, Steinweg No. 7. Perso«alie«. Marburg, 21. Dez. Dr. Otto L o ew i, Privatdozent der Arzneimittellehre an. der Universität Marburg ist zum Professor ernannt worden. Bad Rauheim. Ord ensverleähung. Herr Medizinalrat Professor Dr. Gr ö d e l hat das Ritterkreuz 1. Klasse des Philippsordens erhalten. Büdingen (Oberhessen). Ernennung, Unser allgemein angesehener und beliebter Glaubensgenosse Herr Bankier Ludwig .Rothschild (in Firma Max Wertheimer Nachflg.), der erst unlängst in die Handelskammer gewählt wurde, ist zum Landgräflich Hessischen Hofrat ernannt worden. Ruchheim i. Pfalz. Wahl. In unserem Städtchen, das unter ea. 1200 Einwohnern nur sieben jüdische Familien zählt, wurde Herr Samuel Neub e r g e r einstimmig in den Gemeinderat gewählt. Berlin. Geheimer Medizinalrat Dr. Abraham B a e r, .zu Filehne in der Provinz Posen geboren und seit 1872 leitender Arzt des. Strafgefängnisses in Plötzensee, feierte am 26. d. M. seinen 70. G e b u r t s t a g. Berlin. Der bekannte Professor der Augenheilkunde an der Universität Berlin, Geheimer Medizinalrat Tr. Ju l'i u?s H i r s ch b e r g ckonnte am 24. Dezember das Jubiläum seiner 25jährigen Tätigkeit als Universitätsprofessor begehen. Hirschberg, der im 62. Lebensjahre steht, erhielt 1870 die venig legendi an - der Berliner Universität und wurde am 24. Dezember 1879 zum außerordentlichen Professor ernannt. Berlin. Herr Kommerzienrat Emil Jacob erhielt anläßlich seines 60. Geburtstages den Titel als geheimer Kommerzienrat. Hamburg. 70jähriger Geburtstag. Herr G u st a v Tuch, der langjährige Vorsitzende der Henry-Jones-Loge (U. O. B. B.) und Vizepräses des Repräsentantenkollegiums der Deutsch-Israelitischen Gemeinde beging am 21. d. M. in voller geistiger und körperlicher Frische seinen siebenzigsten Geburtstag. Bereits am Vorabend des Jubeltages fand im „I sraeliti scheu Gemeinschaftsheim" (Tomby-Hall), in der Hartungstraße, der ureigensten Schöpfung des Jubilars, ein Festabend statt. Eingeleitet wurde der Abend durch Musik- und Gesangsvorträge von Herrn und Frau Direktor Beit ünd Frl. Heimann, worauf dann nach einem von Frau Ruben gesprochenen Prolog das von den ständigen Besuchern des Gemeinschaftsheims gestiftete Porträt des Geburtstagskindes enthüllt und seiner Bestimmung im Gemeinschaftsheim übergeben wurde. Nach einem von Frl. Pfifferling gesprochenen Prolog hielt dann Herr RektorFeiner die Festrede, in der er in formvollendeter Weise auf die großen Verdienste des Herrn Tuch für das Zustandekommen des Gemeinschaftsheims hinwies. Tiefgerührt dankte der Jubilar, in erster Linie auf die Mitarbeiterschaft der Damen und Herren hinweisend, die ihn in seinen Bestrebungen unterstützten. Auch in der „Henry-Jones-Loge" fand am Festabend eine Festloge statt, wobei dem Jubilarin einer aus dem Atelier des Herrn Georg Hulbe stammenden künstlerisch ausgestatteteu Mappe die Stiftungsnrkuude für einen mit der Loge verbundenen „Gustav Tuch-Fonds" überreicht wurde, für den von seiten der Logenbrüder bereits eine namhafte Summe gezeichnet war. Tie nähere Bestin:mung soll dem Jubilar überlassen bleiben. Auch am Jubeltage wurden Herrn Gustav Tuch viele Aufmerksamkeiten erzeigt. Tie von ihm gegründeten und geförderten Institutionen ließen durch Deputationen Glückwunschadressen überreichen. Zahllos waren auch die Glückwunschtelegramme und Blumenspenden, die von Nah und Fern einliefen und Zeugnis ablegten von der allgemeinen Beliebtheit des greisen Geburtstagskindes, dem ein noch recht langer, sonniger Lebensabend beschieden sein möge. Posen. 40 jähriges Dienstjubiläum. Sein 40jähriges Tienstjubiläum als Beamter der „Israelitischen Kranken-Verpflegungs- und Beerdigungs-Gesellschaft" beging am 26. d. Mts. Herr Hartwig H i ws ch. Witkowo i. Posen. Eiserne Hochzeit. Am 8. Januar begehen Herr Israel Cohn und Frau das seltene Fest der eisernen Hochzeit. Wien, 24. Dez. Der Eisenbahnminister ernannte die Oberingenieure Adolf Weicher, Siegmund K u l k a und Moritz Grimm zu Bauräten im Eisenbahnministerium. Wien. Ritter Adolf von Sonnenthal feierte am 21. Tez. seinen 70. Geburtstag. Sonnenthal, ein Budapester Kind, war Schneider, bis er die Aufmerksamkeit Dawisons auf sich lenkte. Dieser veranlaßt ihn, sich für die Bühne auszubilden, Am 30. Oktober 1851 debütierte Sonnenthal als Phöbus (Glöckner von Notre-Tame) in Temesvar. 1856 gastierte er am Wiener Burgtheater, welches ihn erst auf drei Jahre und dann auf Lebenszeit engagierte. Seit 1884 ist er Oberregisseur und Stellvertreter des Direktors. Wie am Burgtheater, erzielte Sonnenthal auch auf seinen Gastreisen, die ihn bis nach Amerika führten, glänzende Erfolge. Er ist in klassischen Rollen wie Faust, Wallenstein, Lear, Nathan, Macbeth, Hamlet u. a. ebenso glänzend wie im modernen Schauspiel und Lustspiel. 1881 wurde Sonnenthal durch Verleihung des Ordens der Eisernen Krone in den Adelstand erhoben. Sonnenthal empfing an seinem Jubeltage neben unzähligen schriftlichen und mündlichen Glückwnschen auch zahlreiche Deputationen. Auch herrliche Geschenke kamen in Fülle. Der Direktor des Burgtheaters, Dr. Paul Schlenther, sandte dem Künstler ein Schreiben, in dem es heißt: „Lieber Meister S o n:: e:: t h a l! Der Geburtstag, den Sie jetzt mit ihrer Familie und der Schar Jhrer Freunde feiern, ist für das Burgtheater belanglos, denn im Burgtheater vollzog sich Ihre Lebenswende nicht an einem Tag, nicht einmal an einem Geburtstage, sie vollzog sich in dauerhaft wechselnder Entwicklung. Sie vollzog sich, als Ihre Meisterschaft die Königskrone eines großen Reiches niederlegte, um ein neues Reich des Alters zu erobern. Sie vollzog sich, als aus Mortimer Wallenstein, aus Hamlet Lear, aus Bolz Nathan, aus Carlos und Posa Philipp wurde, als im zweiten Menschenalter Ihre zweite Größe wuchs. Das verdanken wir dem Umstand, daß vor 70 Jahren, bei Sonnenthals Sonnenaufgang, zwei grimme Feinde, Genie und Fleiß, übereinkamen, in Adolfens Seele sich wieder einmal zu vertragen. Aus dem Zusammenhang dieser widerstrebenden Mächte entstand die priesterliche Gestalt des Führers deutscher Schauspielkunst. Der wahre Priester gedeiht nur im Heiligtum seiner Göttin. Das haben Sie seit dem angstvollen Tage Ihres Wiener Probespiels mit starkem und reinem Mnstlergeist gefühlt. Darum sind Sie — ein seltener Glücksfall — auch in den Wintern Ihres Mißvergnügens niemals um Entlassung aus dem Burgtheater eingekommen. Weil Sie Gut und Blut in den Dienst des Ganzen stellten, so wurden Sie eins mit dem Ganzen. Wenn Sie gelegentlich aus der Stadtmauer traten, so hieß es nicht nur: Ties ist Sonnenthal, sondern auch: Ties ist das Wiener Burgtheater." Namens des Kuratoriums des Jüdischen M u s e u m s in Wien überreichte der Präsident Baurat Stiaßny, mit einer herzlichen, Sonnenthals Künstlerschaft bewundernden Ansprache eine prachtvolle Adresse. Sonnenthal antwortete mit bewegter Stimme: „Ihre Bemerkungen über meine Leistungen als Künstler muß ich wohl hinnehmen, ohne entgegentreten zu können; was Sie aber über mich als Juden sagen, muß ich damit beantworten, daß jeder fühlende Mensch seiner angestammten Religion treu bleiben wird und muß während seines ganzen Lebens. Auf mich können Sie jederzeit rechnen und willig folge ich immer recht gern dem Rufe als ausübendes Mitglied in Ihrer Körperschaft." Prag, 21. Dezember. Heute ist hier der Advokat D r. Moritz L i ch t e n st e r ::, 72 Jahre alt, gestorben. Er war Obmann der Repräsentanz der Lan-