Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 50 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter ZsraeMsches Fam-iLienblati. Nr. 50. waren. Außerdem stellte sich noch heraus, daß jeder mißhandelte bezw. verwundete Jude, der sich bei der Polizei beklagte, in der Regel verhaftet wurde, unter dem Verdachte am Juden-Aufstande teilgenommen zu haben. Gestern wurden die Verhandlungen aus Anordnung der Kiewer Gerichtskammer wegen der Mobilisation der Reservisten im Homeler Bezirk bis zum 15./28. d. M. vertagt. Freudige Ueberraschung erregte die Mitteilung des Vorsitzenden, daß laut Beschluß derselben Gerichtskammer die elf Angeklagten (darunter neun Juden), die schon 15 Monate in Untersuchungshaft sich befinden, auf freien Fuß gesetzt werden. Diese unerwartete Maßregel, die zeigt, daß nach Annahme des Gerichtshofes sogar für diese wichtigste Kutegorie der „Verbrecher" die Beweisaufnahme keine belastenden Momente ergeben hat, wurde mit lautem Jubel aller Anwesenden begrüßt. Palästina. AuS den Kolonien. Die Kolonie Rifcho n- 1 e - Z i o n, welche jetzt bereits einen Umfang von 615 Ha. hat, wird demnächst eine namhafte Vergrößerung erfahren. Es ist der Verwaltung der I. C. A. gelungen, in unmittelbarer Nähe ein neues Terrain im Umfange von 450 Ha. zu erwerben, das unter den wohlhabenden und zahlungsfähigen Kolonisten verteilt werden soll. Zur Installierung derselben sowie zur Anpflanzung von Mandelbäumen wurden 160 000 Frs. ausgeworfen. Auch die Lage der Kolonisten in P e t h a ch Tikwah bessert sich in demselben Matze, wie die Orangerien heranwachsen. Tie Apfelsinen-Pflanzungen beginnen bereits schon im 6. Jahre namhaften Gewinn abzuwerfen. So hat ein Besitzer einer Orangerie im Umfange von 3 Ha. im 6. Jahre 6100 Frs. brutto resp. 3400 netto eingenommen. Ta die Anlage 25 000 Frs. gekostet hat, so bringt die Orangerie tereits im 6. Jahre 13,6 Proz.; eine andere von knapp 2 Ha. warf nach derselben Zeit sogar 4000 Frs. Reingewinn ab. Die Orangen-Knltur ist das beste Mittel zur Lösung der Tagelöhnerfrage. Tie beim Pflücken der Orangen beschäftigten Araber bringen es auf 5 Frs. Tagesverdienst. In Pethach-Tikwah arbeiten gegenwärtig allein 40 jüdische Tagelöhner in den Orangerien, und noch 100 Juden könnten da Brot und Arbeit finden. Jerusalem. Das offizielle Amtsblatt von Jeru s a l e m, der „C u d s i - T s ch e r i s" schreibt über die jüdische Einwanderung in Palästina: Zu alten Zeiten war es den Juden erlaubt, nach Palästina zu kommen und sich hier drei Monate lang aufzuhalten. Um diese Maßregel aufrecht zu erhalten, wurde durch einen Erlaß entschieden daß den in Jaffa landenden Juden die Pässe'abzunehmen und ihnen dafür ein roter Erlaubnisschein einzuhändigen sei, der den Ablauf ihrer Aufenthaltssrist vom Tage ihrer Ankunft ab enthalten müsse. Dieser Erlaß wurde aber nicht immer praktizipiert und dadurch die Einwanderung mehrerer Juden ohne Kontrolle durchgelassen; deshalb schritt der Gouverneur von Jerusalem kürzlich dazu, die strikte Ein- Haltung der bestehenden Vorschriften und die Bestrafung derjenigen zu befehlen, die diese Aufenthaltsfrist überschreiten. © Feuilleton. © Kinder unserer Zeit. Roman von Jacob Levy. (Fortsetzung.) Sie faßte an ihre Stirn. „Sprich nicht so laut, ich spüre meine Migräne wieder. Soll ich die Einladungen abschicken?" „Schicke sie wem Du willst. Du wirst hoffentlich mit dem einen Male an Deiner vornehmen Gesellschaft genug bekommen." Er verließ das Zimmer. Der Mann, der ein Heer von siebenhundert Angestellten in straffer Ordnung halten konnte, war der Migräne seiner Frau gegenüber wehrlos. Er hatte nicht die Energie, das monotone, anhaltende, von einer Märtyrermiene begleitete Klagen über eingebildete Leiden als Verstellung zu rügen und durch Nichtbeachtung zu strafen. Er wußte, daß, wenn seine Frau im verdunkelten Zimmer aus dem Divan lag und die Kinder und Dienstboten sich nur flüsternd unterhalten durften, ein Besuch oder eine telephonische Einladung zu irgend einem Spaziergang sie sofvrl wieder gesund machte, und hatte nicht die Kraft, diese Tyrannei der Laune, mit der seine Gattin das Unglaublichste durchsetzte, zu brechen. Seine Tochter, die bei der Mutter zurückgeblieben war, warf ihren hübschen Kopf auf. „Ich bin durchaus nicht mit Vaters veralteten Ansichten einverstanden. Gerade ein Mann, wie Vater ihn als unerreichbar für mich hinstellt, wäre mein Ideal. Bei Kindern unserer Zeit ist doch die Religion nicht so wichtig, daß diese für das ganze Leben bestimmend sein sollte." Die Mutter seufzte. „Ich denke ja ebenso wie Tu, liebes Kind, aber Vater ist in seinen Ideen noch zu beschränkt. Schließlich jedoch kann und wird er sich nicht dem Drängender Neuzeit verschließen können, das soll vorläufig unser Trost sein. Nun weiter zu unserer Liste," und eifrig neigten sich die Damen wieder über ihre Papiere. Der Ballabend kam heran. Es war abscheuliches Wetter. Der Sturm peitschte den Regen an die Scheiben der Wagen, die in endloser Reihe am Berger sschen Hause vorfuhren. Zahlreiche. Dieners hälfen den Ankommenden aus den Winterhüllen und wiesen sie in die Gesellschaftsräume des ersten Stockes, wo die Gäsre vom Hausherrn und seinem )Sohn empfangen wurden. Herr Berger, der seiner Frau bei den Einladngeu freie Hand lassen mußte, nahm gleiches Recht für sich in' Anspruch,, und so erschienen auch die Vorsteher seines Geschäfts, sowie verschiedene Jugendfreunde und Landsleute von ihm mit ihren Familien. Diese schienen sich vorläufig noch nicht sehr gemütlich zu fühlen. . ' ' Plötzlich meldete der Diener mit besonders lauter Stimme: „Herr Baron^von Licht, Herr Assessor Rode." Ein schmucker Einjähriger-mnd ein sehr eleganter junger Mann mit' schneidigem Schnurrbprt traten ein. Sie begrüßten den Hausherrn verbindlich und näherten sich dann den Damen des Hauses, die sie mit sicherm Blickgleichherausgesunden hatten. „Gnädige Frau, gnädiges Fräulein, habe die Ehre," und küAen' den Damen die Hand. „Das ist ja reizend, daß Sie sich" unserer noch'erinnern." „Aber ich bitte Sie,"serwiderte die überglückliche Frau Berger, „wirkönnen doch die angenehmen Tage, die wir—KüsannntzÄT in Badenweiler verlebt, nicht vergessen!" ' ' Mit einem bittenden Blick bemächtigte sich der Assessor der Tanzkarte des Mädchens und zeichnete sich ein. . ■ Der Einjährige sagte neckend: „Hugo, Du schreibst lange, lässest Du mir nichts übrig?" " ' Er nahm die Karte. „Natürlich, ein^ hoffnungsvoller . Schüler seiner Regierung, er nimmt. fast alles." Mit einer Verbeugung, die Hacken aneinanderschlagend, gab er die Karte dem Mädchen zurück und wandte, sich wieder 'zur Mutter, die den Herrn Baron einigen Damen, vorstellte. Mittlerweile unterhielt sich der Assessor mit Erna. „Gnädiges Fräulein, das. Wörtchen literarische Abendunterhaltung hesägt^so viel, daß ich Sie um eine nähere Erläuterung', bittem möchte^" Erna erwiderte neckepd.r,Sie werden -Ihre WißbegiertE^etwgs.zugehr(8mMi,' Herr Assessor. Wenn es ^an'.Her -ZeitweÄen die Programme verteilt,^ bis dahin sollen die Darbietungen des Abendgeheim bleiben. Nur soviel darf ich Ihnen verraten, daß uns ganz - neues offenbart wird." „Ah," machte der Assessor. 'Da glitten die Schiebetüren auseinander und zeigten einen großen, strählend hell erleuchteten Saal. Im Vordergrund stand eirr kleines Podium mit einem Rednerpult, daneben ein' Flügel. Die Sitze waren bald von den geladenen-Gästen eingenommen. Kapitel 8. Einige Diener 'verteilten Programme, auf denen mit Gold gedruckt warr- „Neue Offenbarungen über das Wesen der Kunst . von Dr. Lispel. Beweise am Flügel Pianist Mackels." - In der vorderen Reihe saß Frau Berger neben einem kahlköpfigen Herrn mit goldener Brille. Sie flüsterte ihm zu: „Aber Herr Doktor, ich bitte Sie, bringen Sie von unserm bescheidenen Abend nur nichts in Ihre Zeitung." „Aha," sagte er, satirisch lächelnd: „Das heißt, bringen Sie es nur in die Zeitung." „Seien Sie nicht so'boshaft!" Herr Berger war der Kavalier einer mit einem viertel Zentner Juwelen.geschmückten, älteren Dame und sagte vorläufig gar nichts. Ter Assessor unterhielt sich angelegentlichst mit seiner Nachbarin, Fräulein Erna. Ter Einjährig, faß zwischen zwei hübschen Mädchen und sagte, ei wünsche, der Quatsch wäre vorüber, und sie'wären am Tanzen. Herr Meyer hatte sich mit verschiedenen Bekannten, alles ältere Herren, auf die hinterste Bank niedergelassen und äußerte denselben Wunsch wie der einjährige, nur daß er das Abendessen anstatt de' Balles herbeisehnte. _ Von den meisten Anwesenden wurden ästhetische Gespräche über die neueste Literatur geführt, und besonders die weiblicher^ Jahrgänge bis in die vierzig gaben mit aufwärts' gedrehten Augen ihr Entzücken über die neuere Richtung überhaupt und die zu erwartenden Kunstgenüsse im speziellen kund Eine Blondine mit üppig entwickelten Formen bemerkte mit schwärmerischem Augenauffchlag zu ihrem Nachbar, einem jungen, eleganten Herren mit gescheiten Zügen: „Wie freue ich mich, endlich den berühmten Dichter Lispel, den Führer der „Kommenden", zu hören. Seine Gedichte haben mich geradezu fasziniert.' Seine Gedanken erheben mich mit Adlersfchwrngen, bis ich' mich ganz als klingende Seele fühle, wie er.es.so tiefsinnig bezeichnet." Der Herr antwortete verbindlich: „Gnädiges Fräulein, gestatten Sie mir, mich als einen Feind und Widersacher Ihrer klingenden Seele zu erllären. Ihre Seele, soweit sie nicht llingelt, und deren reizende Hülle entzückt und bezaubert mich, aber das Bewundern Ihrer neueren Dichter, pah! Tu sah ich ein Büchlein von Ihrem Doktor Lispel: „Flammenpfeile in Gedichte gegossen." Das Buch ist in grauer Leinwand gebunden. Auf dem Deckel find einige krumme Linien, die sich in einem abscheulichen Frauenkopfe vereinigen. Oben in der rechten Ecke steht der Titel ganz klein gedruckt in der modernen Schrift, die kein Mensch lesen kann. Nun öffne ich das Büchelchen. Auf der ersten Seite wird mitgeteilt, wer den Buchschmuck gemacht, wer das Buch gedruckt, wer das Papier geliefert, wer die Typen gegossen. Ich lese weiter. Auf der einen Seite ein Vers von zwei Zeilen, dann eine -Seite mit vier Zeilen, und das geht dann so weiter. Ter Inhalt des Büchleins von )hundertundfünfzig Seiten wäre bequem auf zwanzig -Leiten zu drucken. Aber eigentlich ist es gut, daß man den Blödsinn nur portionsweise zu sich nehmen kann, sonst würde man ganz verdreht. Tann der Inhalt: Flammende Pfeile, duftende Wolken, Schlachtharfengeschmetter. Der Nebel umschlingt mich mit schmeichelnden Füßen! Hat der Nebel Füße? Können Füße schmeicheln?" Das Fräulein hätte Mn mehrmals gern unterbrochen, es ging aber nicht. Nun .aber sagte sie indigniert: „Mit Ihnen ist nicht zu streiten. Sie haben nur Sinn für Ihre Weißwaren, und die kauft Ihnen Doktor Lispel allerdings nicht ab." „Ich würde ihm auch keine borgen," brummte er: dann aber wandte er sich lebhaft zu ihr und ergriff ihre Hand: „Fräulein Bertha, lassen wir doch den Streit über die Kommenden enden! Entweder Doktor Lispel bekehrt mich, und dann bin ich der Ihre, oder es öffnen sich Ihnen die Augen und Sie find die Meine. Gilt der Pakt?" Ach, gehen Sie!" sagte sie schmollend unter nicht ernstlichen Versuchen, ihre Hand frei zu machen. Sie haben keine Ehrfurcht vor dem Genie!" „Gilt der Pakt, Bertha?" flüsterte er. Sie nickte errötend ja, machte nun aber ihre Hand frei und wandte sich zu ihrer Nachbarin. Da ertönte ein Klingelzeichen. Aus einer dichten Gruppe Herren löste sich ein Herr und bestieg das Podium. Es war ein untersetzter Mann mit etwas kahlem Scheitel und blondem Schnurrbart, der aber gar nicht berühmt ausfah. Er machte eine Verbeugung und begann: „Meine andächtige Kunstgemeinde! Was Shakespeare, Goethe, Beethoven, Wagner geahnt, wir, die Kommenden, sprechen und führen es aus. Poesie und Musik dürfen nicht für sich allein wirken, sie müssen ein unteilbares Ganze bilden — die Poemusik. Sie sollten sich bei einem Dichtwerk von uns Kommenden nicht fragen, ist dies Poesie oder Musik — es ist beides. ... Der Genius der Kunst, wie wir sie auffafsen, soll zu Ihnen reden. So schwelgen Sie in zu Musik.gewordenen Worten, in Poemusik, wie sie der strahlengekrönte Genius von meinen Lippen ertönen läßt." Nun rezitierte er einiges. Manchmal unterstützte der Pianist Mackels den strahlengekrönten Genius, indem er besonders geniale Stellen eben so genial auf dem Flügel begleitete, und so ging die Poemusik vielleicht eine Stunde ihren Gang. Ihre Wirkung auf die andächtige Kunstgemeinde war verschieden. Frau Berger faß während des Vortrags regungslos, mit in den Schoß gefalteten Händen, den Redner andächtig anschauend. Erna hatte ein 'ganz verzücktes Gesicht aufgesetzt und flüsterte ihrer Nachbarin zu: „Welche Offenbarungen, mir ists, als würde ein Evangelium verkündet." (Fortsetzung folgt.) Bücherschau. Briefe, die ihn erreichten. Zweite Auflage. Szelinski u. Comp., Wien 1904. Ein anonymer Mädchenroman. Der Titel erinnert lebhaft an ein anderes Buch, das ebenfalls anonym erschienen ist. Während aber das letztere ein so tragisches Leben entrollte, erreichen „ihn" in dem vorliegenden Romane die Briefe, und das gibt dem ganzen Buche eine ganz andere Stimmung. Wir lernen ein fühlendes Mädchen kennen, vom Glücke begünstigt, frei von jeder Sorge, ein Glückskind, wie fir sich in ihrem Hagebuche nennt. Aber da lernt sie plötzlich die finstere Seite des Lebens kennen. Zuerst ist es der Tod des Vaters einer geliebten Freundin. Aber diesmal ist sie selbst noch Trösterin, sie s ch a u t nur das Schicksal des Lebens. Bald trifft es aber sie selbst, denn der eigene Vater wir ihr hinweggerissen. Es erwacht die Liebe in ihrem Herzen. Aber sie muß kämpfen, kämpfen gegen eine „Welt von Vorurteilen", denn der Angebetete ist ein — Jude. Zwar stehen beide „jenseits aller Religionen", doch die Familie, und besonders der ältere Bruder wollen sie hindern. Doch sie kämpfen sich durch und versöhnend für sie schließt der Roman, wenn man Priese und Tagebuchblätter so nennen kann. Schön sind besonders die eingeslreuten Gedichte, „sie flogen mir zu, als hätte ein anderer sie mir ins Ohr geflüstert" sagt sie selbst in einer Art Vorrede. R.