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Neue jüdische Presse · 1904-12-30 · Heft 50 (30.12.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 50 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50. So erzählte schon acht Tage früher Herr Samuel Deutsch, Börsenkommissionsgeschüst-inhaber, allen seinen Freunden und Bekannten. Selbstverständlich waren es die allerersten Hoflieferanten gewesen, die von Deutsch mit dem Aufputzen des Weihnachtsbaumes betraut worden waren, und zwei Gehilfen hatten zwölf Stunden daran ununterbrochen gearbeitet. — Es bedürfte eines Aesthetikers von Profession, um den, prachtvollen Anblick zu beschreiben, den der Baum, bot, äls er endlich am Weihnachtsabend im allerengsten. Familienkreis angezündet wurde. Angezündet? .Welch plebejischer Ausdruck! „Schalten <ßie den Strom ein!" hatte Samuel Deutsch pathetisch der Gouvernante seiner Kinder zugerufen, und siehe da! Ueber und über erglühte die stolze Tanne vonroten, blauen, grünen, gelben, violetten, milchfarbenen Glühlämmchen, die sich an vergoldeten Kupserdrähten durch die schwer beladenen Zweige schlangen. Hellauf jauchzten die Kleinen. „Gott, wie schön!" rief Frau Deutsch .... Unbestreitbar würde ein solches Feuilleton, das selbst dem anständigen Christen ein Gefühl des Hasses gibt, nicht möglich fein, wenn die neologen Judenj keine Veranlassung dazu geben würden. . Arankfurt a. M. Am 25. crt. fand die ordentliche Generalversammlung der S y n a g o g e n - G e - meinde „Jsraelitis chM Religionsgesellschaf t" statt. * Herr Emanuel Ettinghausen wurde in den Vorstand und die Herrn Adolf Stern und Meier Mosbacher in den Ausschuß gewählt. Herr Meier Selig Go ldschmidt hatte eine Wiederwahl abgelehnt. —i—Berlin, 22. Dez Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erläßt anläßlich der bevorstehenden Wahlen zu den Kaufmannsgerichten einen Aufruf gegen den deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverband. Er bezeichnet den 55 000 Gehilfen umfassenden Verband seiner „friedenstörenden Tendenzen" wegen als „eine Gefahr für die Oesfentlichkeit", warnt vor dem Abschluß von Kompromissen mit ihm und fordert.die bestehenden alten unpolitischen Verbände auf, eigene Listen aufzustellen und mit Rührigkeit für ihre Kandidaten zu werben, da die gemeingefährlichen Bestrebungen des „D. H. V.", dessen Mitglieder zu Beisitzern eines unparteiischen Kaufmannsgerichtes, das auch über j üd i s ch e Prinzipale und jüdische Handlungsgehilfen zu urteilen hat, ungeeignet machen. Berlin. Der Hilfsverein der ckreutschen Juden und die Großloge für Deutschland U. O. B. B. läßt periodisch ein Korrespondenzblati des „Centralbüreaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten" erscheinen. - Tis erste Nummer ist bereits am 15. dss. Mts. herausgegeben worden. Wal- - Michelvach (Nassau). Der .Fortzug der Juden vom Lande. Im hiesigen Amtsgerichtsbezirk, der 22 Orte umfaßt^ wohntt nicht mehr ein einziger Jude. Seit vier Jahren wohnte nur noch eine jüdische Frau hier, die aber an einen Christen verheiratet ist. Da nun auch diese Familie von hier weggezogen ist, haben wir im ganzen Gerichtsbezirke keinen Juden mehr. Kisfingen. Verkauf der Synagoge. Die alte Synagoge ist aus dem Besitze der israelitischen Kultusgemeinde um 16 000 J(>. an die Stadtgemeinde übergegangen. Tilsit. EinweihungeinerAuswanderer- Herberge. Am 11. Dezember fand die. Einweihung der vom Schutzkomitee des Hilfsdereins errichteten Auswandererherberge statt. Die getroffenen Einrichtungen sind mustergültig. Es sind 30 gute eiserne Betten aufgestellt, und^. falls solche nicht ausreichen sollten, stehen noch weitere 12 Matratzen zur Verfügung. Tie Allswanderer, die gegen ein Billiges" hier Unterkunft finden, werden auf diese Weise gegen die Uebervorteilung durch die Wirte geschützt. Oesterreich-Ungarn. K. Wien, 22. Dez. Gestern mittags wurden im Festsaale der Wiener Universität vier Damen zu Doktorinnen der Medizin promoviert, darunter drei Jüdinnen und zwar Frl. Amalie Friedmann aus Mährifch-Wettzkirchen, Frl. Klara Königsberg aus Wien undD o r a T el e k Y aus der Hinterbrühl. Als Promotor fungierte der deutsch-volkliche Professor Dr. Kolisko. E. Wie». Höh enluft. Im niederöster« reichischen Landtag konnte man in der letzten Sitzung folgendes hören und sehen: „Ihr seid eine Partei von Mördern und Verbrechern", brüllte der Korporal, R.- u. L.-A. Bielohlatoek dem unerschrockenen Sozialdemokraten Seitz zu. „Verläumder, Fälscher, Betrüger," spuckt der R.- u. L.-A. ehemalige Bibliothekar an der Wiener Universität, kaiserliche Rat D r. G e ß m a n n in den Saal. „Sie Gauner, Sie elender Kerl" ruft Abg. Ritter von Troll; „Strolch, ohrfeigen soll man ihn!" mengt sich die Gallerie darein; der Abg. Bauchinger, ein Pater, ein von Gott geweihter Priester dreht frankfurter IsraeliliWUFWchKWWG dem Mg. Seitz eine lange Paste., — Der Herr Landmarsch all, Abt Dr. S chmv l k, als Vorsitzender hat ein taubes und ein hörendes Ohr, ein blindes! und ein sehendes Auge; taub und blind ist er aber nur gegen die Streiche der antisemitischen Majorität. Er hört und sieht nichts davon. Aber zum Schluß der Session nimmt er Danksprüchlein. für seine objektive Verhandlungsleitung entgegen und dank! seinerseits dem Landtage für sein ersprießliches Arbeiten! 5 . K. Prag, 23. Dez Der verstorbene Dr. Moritz Lichten st ern hat rn seinemFTestament u. a. folgende Legate bestimmt: DenrMrein für geregelten jüdischen Gottesdienst in Präg^llME Kr., dem isr. Nächstenliebeverein zur UrrwrMtzüng verschämter Hausarmen 2000 Kr., eine Dr. Mv rrtz und Am a* li e Lichten st ern-St i f tu n g <twn 20 OM Kr. für jüdische Waisenmädchen, und eine Stiftung von 24 000 Kr. für 18 jüdische Witwen. , Budapest. Zur Wahlches orthodoxen Präses. Die -orthodoxe Kanzlei hat folgende Bekanntmachung erlassen: //: Das 31er Komitee, hat endlich nmtz langer, mühevoller, fast eine ganze Woche in. Anspruch nehmender Tätigkeit den die Reorganisation bezweckenden Statuten-Entwurs fertiggestellt. Es wurde beschlossen, daß dieser Entwurf nunmehr.. einer Landesgeneralversammlung behufs definitiver Annahme unterbreitet werde, und gleichzeitig wurde der Termin dieser Generalversammlung dahin festgelegi, daß dieselbe innerhalb zweier Monate einberufen werden müsse. Tie Generalversammlung wird.auch die Präses-Wahl vornehmen, bezüglich-welcher alle Details eingehend besprochen und . festgesetzt wurden und wovon die Gemeinden des Landes seitens der Kanzlei mittels Zirkulars demnächst verständigt werden. Vorläufig können wir nur so viel bemerken, daß die Präses-Wahl diesmal in der Weise geschehen soll, daß jede Gemeinde durch einen, zu entsendenden Bertteter über die seitens der Genswlversamwlung vorzunehmende Kandidatton abstimmen wird. Die Wahl wird also auf der breitesten.-Basis-geschehen. E.Czernowitz. Aus dde des jüdischen S e l b st b e w u ß t s e im s/Jm/Hiesigen Tageblatt ist folgende Danksagung Ms/ einer Provinzialstadt veröffentlicht: „Herr kaiMlicher Rat Schaje Langer hat dem gefertigten/StMWörstünde anläßlich der Feier des 25jähriaeu' Hochzeitsjubilaums 10 000 Kilo Brennholz zur Verteilung an christliche Armen übergeben, wofür''demselben der herzlichste Dank ausgesprochen wird. Der'Stadtvorsteher Des Loges." Die jüdischen Armen, die dem Herrn Assinttlattönsrattkrock/wsthl näher stehen, die brauchen kein Brennholz. .Wärb t e.foVt d enwwAck, wie man es ja schon so oft gehabt hat, ch r iMbche Wo hltäter sorgen! / E. Czernowitz, 22. D^ember. Ge meind esubvention für einenjüdischest Verein. In der letzten Gemeinderatssitzung der Stadt Gzernowitz überreichte Dr. St r aucher eine-Petition des: Vereins „T almud Thora" um eine Subvention und führte aus, daß der Gemeinderat seit eirEr Reihe von Jahren andere nationale Vereine unterstütze, um ihnen die Erfüllung ihrer , Aufgaben zu'ermöglichen. Ter Gemeinderat moste-auch: djesemtt Vereine fein Wohlwollen bekunden. Die SubventiM wurde bewilligt. - - E. Kraka«. 21. Dez. W i ^d^r M auf ch e l! Die galizische Statthalterei hat dem Mvokattüskandidaten und Verteidiger in Strafsachen, Dt. Isrdor Deiches in Krakau die Aendeeung seines Familiennamens in Drahocki gestattet. wird Wnen sofort berichtet werden, wenn dieser Pole nwf. Konf. seine Konfession abgelegt hat. Frankreich. Nantes. 11100 M ark S ch ad euers wtz hat ein hiesiger Buchhändler zu zahlen^weller in seinem Schaufenster ein schwarz-rotes PkakMausgestellt hatte, in welchem unter der Behaupttrng, daß „Juden und Freimaurer" Verräter Frankreichs feien, eiuige dreißig jüdische und etwa 100 freimaurerische Firmen von Nantes genannt wurden, bei denen/niemand kaufen dürfe. Dieses Plakat war auch in der Umgegend der Stadt vielfach verbreitet worden. Da man aber den Drucker nicht ermitteln konnte, Hiellerrsich37 Firmen, welche sich durch das Plakat / in ihrem .Geschäft beeinträchtigt fühlten, '.an jenen Buchhändler und erzielten seine Verurteilung zu je 300 Franken Buße an jeden von ihnen; außerdem hat er sämtliche Prozeßkosten zu tragen. Belgien. Antwerpen. Der Verein .Hachnofsath Aurchim' erläßt folgenden Aufruf: „Eine ttefe, zum Himmel schreiende Not gibt uns den Mut, das Recht und die Pflicht, mit einer dringenden, innigen Bitte an Euch heranzutreten. In der hiesigen Stadt, als einem bedeutenden Hasenplatz, trat feit jeher das Elend der Auswanderer sichtlich zu Tage und hat in den Herzen unserer Glaubensgenossen noch stets das Verlangen nach energischer Abhilfe ausgelöst, dem immer die gute Tat beglückend und segerchringend folgte. Sette 8. - Seit dem Ausbruch deS russisch-japanischen Krieges ist aber die Zahl der Auswanderer Hierselbst derart gestiegen, daß unfer Verein „Hachnossath Äurchim" den gesteigerten Anforderungen in seiner bisherigen Organisation nicht mehr genügen konnte. Es wurde eine Generalversammlung einberufen, der diese Verhältnisse dargelegt wurden. Der aus der Versammlung heraus neu erwählte Vorstand wurde vornehmlich mit dem Aufträge betraut, die. Verpflegung der hiesigen Auswanderer durch Errichtung einer Volksküche zu regeln. Brüder und Schwestern, es gilt die bitterste physische Not derjenigen zu liwdern, die durch ein trauriges Schicksal die wichttgsten Bedingungen einer gesicherten. Existenz eingebüßt haben. Ihr Vaterland reicht nicht weiter als der Ballen ihres Fußes, die Scholle der Heimat ist für viele auf immer unerreichbar, ihre ganze Vergangenheit ist abgeschnitten und ihre Zukunft ist trauriges, nächtliches Dunkel, das nur der unerschütterliche Glaube an Gottes Vorsehung und das Vertrauen auf die Humanität und Bruderliebe ihrer Mitmenschen und Glaubensgenossen als einzige Sterne erhellen. Dieses Vertrauen spricht zu uns in der Sprache der Tränen und der Verzweiflung, und jedes jüdische Herz versteht diese Sprache. Brüder und Schwestern, es ist eine heilige Sache, zu der wir Euch aufrufen, und keine Erwägung kann stark genug sein, um ein Zurückstehen in dieser Sache zu rechtfertigen. Alle, die ihr edles Herz dazu antreibt, mögen kommen und uns die Armen speisen helfen. Für unsere hiesigen jüdischen Mitbürger wird die Unterstützung unserer Sache aber eine besondere Ehrenpflicht sein, well die Volksküche auch dahin ausgebaut werden soll, daß hiesige Familien bei Not- und Krankheitsfällen sich derselben in diskreter Weise bedienen können." RutzlarU» —11— Petersburg. Nach dem Blatte W o s ch o d wurde derim Reichsrat eingebrachte Gesetzentwurf, wonach die Beförderung getaufter Juden zu Offizieren verboten sein sollte, zurückgezogen. Nach demselben Blatt geht die Leitung der jüdischen Angelegenheiten vom Polizei-Departem e n t auf das Departement für allgemeine Angelegenheiten über. Petersburg. Der Antisemitismus der russischen Presse. Tie gesamte Presse fallt über die Russische Telegraphen-Agentur her, weil sie objektiv gehaltene Berichte über den Prozeßin Hömel bringt; man verlangt, daß die Rufs. Telegr.-Agentur deshalb zur Verantwortung gezogen werde. /Petersburg. Die BibeloefeMchafi hat die Bib el nunmehr auch in daS Kleinrussische übersetzen lassen^ jedoch verbot die heilige Synode ihre Verbreitung. Petersburg. Die bekannte Tageszeitung N o - A/o st i schreibt, daß in den jüdischen Kolonien der Gouvernements Chason und Jekaterinoslaw sich 3270 Kollo nisten befinden und daß alll diese Kolonisten selbst ihren Boden bearbeiten, obgleich sie über sehr viel Land — sowohl eigenes als auch gepachtetes — verfügen. Bialystock. Im hiestgen Tbeater wurde Herzl 's Drama „Das neue Ghetto" mit großem Erfolge auigeführt. Unter dem - Publikum befanden sich viele Christen. Mschinew. StarkeAuswanderung von Kisch imewer Juden. In den letzten zwei Jahren sind laut Berechnung des „Bessarabski Schjisen" durchschnittlich je 150 Pässe die Woche von der Polizeibehörde in Kischinew verabreicht worden; davon fielen auf jüdische Auswanderer 70%. Die Sammlungen für die Opfer der seinerzeitigen. Massacres hatten zusammen fastdieSummev-oN einer Million Rubel erreicht. Hömel, 21. Dezbr. Der Prozeß wegen der Iudenexzesfe. Unter den Zeugen, die seitens äer Verteidigung der angeklagten Juden vorgesührt wurden, befanden sich auch mehrere Christen,' Leute in angesehener Lebensstellung, die jeden Verdacht irgendwelcher Beeinflussung oder Abhängigkeit ausschließt. Man hörte hier unbefangene Aussagen zu Gunsten der Juden; ja noch mehr, man bekundete hier offen und llar, in welcher Art und Weise das Material für die Anllage gesammelt wurde, und wie letztere in ihrer jetzigen endgültigen Form entstanden war. Da stellte sich heraus, daß die Hauptzeugen der Anklage — Polizisten, Soldaten, kleinere Beamte usw. — ihre Aussagen heim Untersuchungsrichter in Gegenwart und nach Anweisung ihrer Vorgesetzten machten; daß die für die Juden entlastenden Zeugen in der Voruntersuchung nur auf Befragen antworten durften, irgend welche auch fachliche Mitteilungen wurden dagegen unterdrückt mit dem Hinweis: „das alles würden sie in der Hauptverhandlung erzählen können"; daß schließlich auf Veranlassung der Untecsuchungsbehörde die mißhandelten und verwundeten Juden zwei bis drei Monate nach den Ereignissen ärztlich-amtlich untersucht wurden, infolgedessen die Anllage in vielen Fällen konstatieren konnte, daß Spuren von Schlägen bei den „angeblich" Mißhandelten nur geringe oder überhaupt nicht zu finden

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