Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 49 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Keile lö. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Rr. 49. RutzlauS. . Petersburg, 20. Dez. Die „Stotooft'i" melden aus Kischinew vom 19. Dezember: Eine Reihe aufreizender Artikel des Antiscinitci« Kruschewanim „Bessarabez", veranlaßte die Vertreter der Juden, eine Andienz beim Gouverneur und Erzbischof nachzusuchen. Heute wurden an den Straßenecken, Plakate mit dem Aufruf des Gouverneurs zur Wahrung der Ruhe angebracht. Am 20. Dezember beginnen vor dem Appellhof eine neue Reihe von Prozessen, die von der vorjährigen Judenhetze herrühren. Petersburg. Der Minister des Innern untersagte das Erscheinen der Zeitung Bessarabez auf die Zeitdauer von drei Monaten. Ter Stern Kvuschwan's, des traurigen Helden -von Kischinew, ist also im Erbleichen. Wilna. Diebebräische Tageszeitung „H asm an" welche früher in Petersburg erschien und vor einigen Monaten rhr Erscheinen einstellte, erscheint seit dem 1. Dezember in größerem .Format hier. Die Zeitung ist nunmehr ideell und materiell gesichert, nachdem der bekannte Verlag „Tuschiah" dieselbe übernommen hat. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankknrt a. M. Mitteilung der Nationalfonds-Kommission der Zionistischen Bereinigung, Frankfurt a. M. In unserem Bericht von voriger Woche soll es unter Oelbaumspenden statt Frl. Rosa Rosenhcim für Tr. H. Anerbach Frl. Rosa Kaufmann cheißen. Nachzutragen unter der Rubrik Selbstbesteuerung ist für die Monate September— November: Herr B. Stern und Herr S. Grünebaum. Eingegangen sind von Herrn Karl Rosenheimer: Stauiöl und Briefmarken. Wegen Wegganges unseres Geschäftsführers, Herrn H. Kolliner, sind alle Sendungen für die Nationalfondskommission an Herrn A Reinhardt, Röderbergwcg L? zu adressieren. Außerdem ist wie bisher die Geschäftsstelle des Frankfurter Israelitischen Familienblattes gerne bereit, cckle Gaben für den Nationalfonds an die Kommission weiterzusühre». Lodz (Rußland). Der misrachistische Verein Agudas SchIumei?Emunei Zijaun, der 200 Mitglieder zählt, hielt am 10. ds. Mts. in der Misrachi-Synagoge Schaar Hamisroch eine Makkabäerfeier ab. Nachdem der Vorsitzende, Herr Eibenschütz die Versammlung begrüßt hatte, ergriff Herr Gold das Wort zu seinem Vortrage, in welchem er eine Parallele zwischen der Makkabäerzeit und heute zog. Cr verstand es, nachzuweisen, daß wir auch heute Helden vom Schlage des Mitisjahu besitzen, - Leute, die für die Erhaltung der Thora und die Befreiung des jüdischen Volkes alles einsetzen; und wcim sie auch nicht zum Schwerte greifen, so stehen sie doch nicht vor jeglichem Opfer zurück, um die Sache zu einen« gedeihlichen Ziele zu bringen. Dann referierte Herr Baron über die gegenwärtige Lage des Zionismus; er widerlegte mit Nachdruck die Ansicht der den politischen Zionismus bekchnpfenden und in Verbindung mit den Achad- Haam'schen Ideen die Kleinkolonifation bezweckenden Bestrebungen der Zijannei Zijaun; die Aufgabe des Misrachi basiere auf dem politischen Zionismus. Herr Weiß sprach über die Kolonialbank; er bedauerte, daß in dem Verkaufe der Aktien ein Stillstand eingetreten sei und machte Vorschläge für den Absatz der Aktien; da in Rußland gegenwärtig die ökonomische Situation der jüdischen Bevölkerung eine sehr prekäre sei, so empfehle er das System der Abzahlung. Auf seine Anregungen hin wurde,« an demselben Abend 20 Aktien gezeichnet; auch wurde ein größerer Beitrag für de» Nationalfonbs gesammelt. Personalien. Breslau. Bor einigen Tagen ist hier der Professor der Geschichte an der Universität Jacob Caro g e st o r b e n. 1836 zu Gnesen geboren, «nachte Caro seine Universitätsstuoien in Leipzig und Berlin. In seinein Geburtsorte, der einstigen Krönungsstadt der Könige von Pole««, erhielt Caro die Anregung, sich mit der Geschichte Polens zu beschäftigen. Ten ersten Erfolg errang er mit der Schrift „Das Interregnum Polens im Jahre 1586". Die Polnische Geschichte ist Caros Hauptwerk. Sie nahm fast dreißig Jahre den größten Teil seiner Arbeitskraft in Anspruch. Seine akademische Lausbahn - begann Caro in Jena, wo er 1863 als Privatdozent zugelassen wurde. Bald darauf nahm er Urlaub, uin als wissenschaftlicher Berater der Großsürstin Helene von Rußland nach Petersburg. zu gehen. In ihrem Gefolge machte er längere Reisen. Nachdem Caro in Jena eine außerordentliche Professur erlangt hatte, folgte er 1861 einem Rufe an die Universität Breslau. Zuerst Honorarprofessor, erlangte er 1882 eine ordentliche Professur für neuere Geschichte. — Unter großer Beteiligung, insbesondere aus akademischen Kreisen, würde er zur letzten Ruhestätte geleitet. In der Leichenhalle hielten die Chargierten fast sämtlicher Verbindringen an der hiesigen Univcrfilät, in vollem Wichs, mit umflorten Fahnen, die ,Ehrenwache. Tie Trauerfeier wurde «nit einem hebräischen Chorliede eingeleitet, dann nahm der Bruder des Verstorbenen, Oberrabbiner Dr. Caro -Lemberg, das Wort zu .seiner Trauerrede, an welche sich ein Sologesang des Oberkantors Cerini anschloß. Im. Namen der philosophischen Fakultät und seiner Amtsgenossei« hielt nun Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Part sch dem Eiitschlaseueu einen liefcn«pfundenen Nachruf, in welchem er den hohen Verdienste!« des Professors Caro um die Wissenschaft und um die Breslauer Universität eine gerechte Würdigung zuteil «vcrden ließ. — Ein besonderer Bericht aus Breslau teilt uns mit, daß Caro im Leben sich nie als Jude fühlte, und ■ man vielfach glaubte, daß er getauft sei. Erst durch das jüdische Begräbnis «vurden die Breslauer daran erinnert, daß Caro Jude gewesen sei. Tabei hielt Oberrabbiner Dr. C a r o - Leinberg eine Rede, in der er ein Leben pries, das sich aus der „dumpfen Rabbinerst ub e" heraus, so herrlich entfaltet habe. Komisch aus dem Munde eines Rabbiners. Wie«. Ter Kaiser verlieh dem Bankier Baron Jakob Menassee in Alexandrien das Komthurkreuz des Franz-Josef-Ordens, dem Großkaufmann Philipp Back in Kairo das Ritterkreuz desselben Ordens. L. Prag (Bödmen). Titelverleihungen. Se. Maj. der Kaiser hat die mit dem Titel eines außerordentlichen Uuiverfitätsprofessors bekleideten Privatdozente» D r. E n o ch Heinrich Kisch zum außerordentlichen Professor der Balneologie bezw. der internen Medizin und den Privatdozenten Dr. Alfred Kohn z«««n außerordentlichen Professor der Histologie, beide an der deutschen Universität Prag, ernannt und den Privatdozenten an der deutschen Universität in Prag Dr. Robert Wolf Raudn i tz und D r. Rudolf Fischl den Titel eines außerordentlichen Professors verliehen. Padua. HierstalbderOberrabvinerEudo Lolli, Professor der hebräischen Sprache an der hiesigen Universität. Aus per Lehrerwett. Burgpreppach (Nahem) In dem soeben veröffentlichten 29. Rechenschaftsbericht der hiesigen I s r. Präparanden-Schule „Talmud-Thora" lesen «vir: Seit dem Erscheinen unseres jüngsten Jahresberichts hat die Frage der Ausbildung der jüdischen Lehrer«,« den Religionssächern in Wort und Schrift wiederum vielfache Erörterung gefunden. Wir müßten den ««ns zur Verfügung stehenden Raum weit überschreiten, wollten wir an dieser Stelle auf diese in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende Frage im allgcineinen näher eingehen. Es ist das in früheren Jahresberichten wiederholt geschehen, und überdies hat die Schule in den 29 Jahren ihres Bestehens gezeigt, wie sie mit schönstem Erfolge bestrebt war, die seit ihrer Gründung uiiveränderten Prinzipien hochzuhalten und durchzuführen. So wird es m. G. H. auch weiter bleiben. In den allgemeinen Fächern die gleiche Lehrorduung mit den staatlichen .Präparandcnjchulen innehaltend, werden wir iin übrigen bemüht sein, unsere Schüler mit einem möglichst umfassenden und gründlichen Wissen in den biblischen und talmudischen Disziplinen auszustatten, uin ihnen den erhabenen Lehrinhalt des Judentums und damit zugleich die glühende Begeisterung für dasselbe aus seinen Quellenschriften, selber zu vermitteln. Damit tragen «vir zugleich, soweit es an uns ist, bei zur Hebung des Ansehens der künftige» Lehrer; denn je größeres Wissen der jüdische Lehrer, zumal in dem ihm eigensten Gebiete, aufzuweisen hat, um so gründlicher und erfolgreicher wird der von ihm zu erteilende Unterricht sein, um so höher wird er aber auch in, der Achtung bei seiner Ge- «ncinde und seinen Vorgesetzten stehen. Diese Ausführungen über das Lehrziel unserer Schule mögen genügen, und nur soweit bei den erwähnten Erörterungen auch unsere Schule in der Oeffentlichkeit genannt wurde, sei noch mit «venigen Worten auf dieselben zurückgegrisfen. Daß ein einheitlicher Lehrplan in den Religionssächern «venigstens für diejenigen Lehrerbildungsanstalten, die annähernd die gleiche«« Forderungen für das Wissens- «naß des ins Aint tretenden Lehrers aufstellen, sehr wünschenswert wäre, ist auch von uns schon früher betont «vorbei«. Bei einer vergleichenden Zusanimenstellung der Pensa verschiedener Lehranstalten, die eine Vorarbeit zu einem solchen Lehrplan darstellen sollte, ist mehrfach die Stoffverteilung, wie sie auf unserer Schule vorgenommen wird, empfohlen worden; andererseits sei' darauf hingewiesen, daß jener Zusammenstellung der Bericht von 1901 zugrunde liegt, während aus neueren Berichten ersichtlich ist, daß durch eine zweckmäßigere Verteilung, wie sie sich aus der Erfahrung ergeben hat, der Stoff z. T. erweitert werden konnte. Daß aber die Biblische Geschichte in der Präparandenschule überhaupt nicht inehr behandelt werden sollte, erscheint uns durchaus ungerechtfertigt. Tenn abgesehen davon, daß sich oft genug-zeigt, daß die Kenntilis in diesem Fache, trotzdem sie,beim Eintritt in die Praparaiidenschule vorausgesetzt 'werden sollte, viel zu wünschen übrig läßt, ist doch eine Vertiefung und Erweiterung des auf der- Bottsschule Erlernten sehr wohl, möglich und. auch angebracht. Allerdings kann — und, weil das bei.uns stets geschah, war Biblische Geschichte'bisher nicht unter den durchgcarbeitcten Pensen mit aufgeführt — die Biblische Geschichte im-Anschluß an den Bibelunterricht, der den gesamten historischen Teil umfassen soll, behandelt werden. - Das für Mischna vorgeschlagene Pensum erscheint zu gering, manches andere zu hoch gegriffen. Dem Grundsätze, daß es weniger aus die Menge des Durchgenommenen, als darauf, wie es behandelt «vird, ankommt, huldigen auch wir." Neustadt a. S. (Bayern), 14. Dez. Der Kantor und Religionslehrer an der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde, Herr Lehrer G. Bergenthal, beging heute sein 25jähriges Tienstjubiläum, aus welchem Anlaß ihm zahlreiche Ehrungen zu teil wurden. Nchwer versilberte Essbestecke» Garautie 12 18 Jahre, bester Ersatz für echtes Silber liefert die Firma Mook «fe Sehöndabe» Steinweg No. 7. Fabriklager der Worttembergischen Metallwarenfabrik, Geislingen. , Aus Sen Beremeu. Frankfurt a.M. Der IsraelitischeHülfsvereil« schreibt in seinem Bericht über den Zeitraum vom 1. Oktober 1903 bis 30. September 1904: „Die Zahl der während des Berichtsjahres Zugereisten und Unterstützung Nachsucheiiden betrug 2591 (gegen 2414 im Vorjahre). Hiervon wurden 2420 (2274) mit Jk 9527 (8175) berücksichtigt. Außerdem wurden, wie später noch aufgesührt, auf Spezialfonds verausgabt Jk 66 861, zusammen also. Jk 76 388. Bei allem guten Willen, Hülfe zu gewähren, mußte ein Teil der Bittsteller zurückgewiesen werden, und es ist nicht die leichteste Aufgabe der Pfleger, die Spreu vom Weizen zu sonder». Wir bemühen uns nach Möglichkeit, '.den Haus¬ und Wanderbettel zu bekämpfen. und die Bittsteller einer regelmäßigen Beschäftigung und Arbeit zuzuführen. Wir haben es in vielen Fällen jedoch nicht mit arbeitsfreudigen Elementen zu tun; diese Arbeitsscheuen suchen wir in ihre. Heimat zu. befördern, damit sie dort der Vagabondage entrissen und den gewohnten Lebensverhaltnissen wieder zugeführt werden. Wir haben öfters darüber zu klagen, daß unser Bestrebe««, bei Gewährung' von Unterstützung auch gleichzeitig erzieherisch zu wirken, von Außenstehenden verkannt wird und «vir der Härte beschuldigt werden. Unser Wirken — besonders den Petenten gegenüber — wird dadurch oft erschwert; aber durch langjährige Erfahrung von der, Nichtigkeit unserer Grundsätze und Behandlung der uns vorkommenden Unterstütziingsgesuche überzeugt, halten wir trotz allem an dem einmal für richtig Erkannten fest. Mag der Private seinem Herzen freies Spiel gewähren, ein Verein, und besonders ein Verein, der sich im Laufe der Jahre so ausgestaltet hat wie der unsrige, muß höhere Ziele erstreben, muß neben dem Herzen den Verstand und auch soziale Rücksichten walten lassen. Daß unsere Petenten dabei nicht zu kurz kommen, belveist, daß wir neben den eingangs aufgeführten vermehrten Ausgaben zur Bekämpfung des Wanderbettels auch für Spezialsälle eine Summe von Mark 66 861 (gegen 63 564 JL) verausgabt haben. Diese Ausgaben setzen sich zusammen ans Gewährung von Mitteln z««r Begründung und Erhaltung von Existenzen, zur Zahlung von Gewerbepatenten, zur Ermöglichung selbständigen Lebensunterhaltes, Beiträgen zu Kurzwecken, zur Erhaltung der Erwerbstätigkeit, für llntcrrichtszwecke usw. Jedem einzelnen Gesuche widmen wir die sorgfältigste Aufmerksamkeit, . und mögen wir auch in manchen Fällen hinters Licht geführt werden.— es ist dies bei der größten Sorgfalt nicht zu vermeiden — im Großen und Ganzen wissen 'wir, baß unsere Ausgaben im Sinne unserer Geber verwendet werden." Frimkfurt a. M. Im Verein Möntefiore findet am Mittwoch, 4. Januar 1905, Abends 9 Uhr, Seilerstr. 22, ein musikalisch-deklamatorischer ' Abend statt, zu welchem hervorragende Kräfte (Teklamation, Klavier, Violine, Gesang) ihre Mitwirkung« gütigst zugesagt haben. Die Mitglieder haben das! Recht, ihre Angehörigen einzuführen. . Frankfurt a. M. Im Verein für jüdische Geschichten ndLiterat n r sprach am Dienstag, den 20. er., Herr Dr. Georg Halpern-München über das Thema: „Konzentration und Dezentralisation der jüdischen Bolksmassen". Der Redner führte ungefähr' folgendes ' aus: - - ' . . / Die russische Ausnahmegesetzgebung gegen die Inden macht diesen eine ökonomische und kulturelle Entwicklung unmöglich. Es finden daher bedeutende Auswanderungen und zwar, .hauptsächlich nach den westeuropäischen und amerikanischen Großstädten statt. Die Ausgewanderten, meist ungelernte Arbeiter, sind. gezwungen, um nicht zu verhung2rn, zu den Hungerlöhnen der Hausindustrie Zuflucht zw nehmein Tie Möglichkeiten einer öko no mischen Existenzsind - für die Ausgewanderten hierbei vielleicht noch geringer, als in ihrem. Heimatlande- Außerdem .ist zu befürchten, daß. die betreffenden Länder, die . Gesetze, zur Zernhaltung unerwünschter.Ausländer verschärfen. Ist doch gegenwärtig bei allen Völkern daS«Bestreben zum Schutze ' der nationalen Arbeit-,zu beobachten;