Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 49 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Inhalt der Vellage: Artikel: Ein Interview mit Max Nordau. — AusallerWelt. — Ausderzionistischen Bewegung^ — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. —Aus den Vereinen. —Aus der Geschäftswelt. — Briefkasten. Ein Interview mit Max Norda«. Wie wir dem „Hajhudi" entnehmen, hatte der Berichterstatter des „Hazofe", R. Braininmit Max Nordau eine Unterredung, in der dieser sich wie folgt aussprach: „Sehr wichtige Ursachen mannigfacher Art hindern mich, das Präsidium zu übernehmen. Es sind nun Monate verstrichen, seitdem ich Tag und Nacht über die Zukunft unserer Bewegung nachdenke, aber diese Ueberlegung, die mir so manche Nacht gekostet hat, führte mich zu der Ueberzeugung, daß ich nicht geeignet bin, an der Spitze zu stehen. Man sagt, daß mir der hierzu nötige Mut fehle. Das ist nicht wahr. An Mut hat es mir niemals gefehlt; nicht einmal bot ich meine. Brust dem Pfeile meiner Gegner dar, nicht einmal stand ich auf gefährlichem.Posten, ohne Furcht zu kennen; stets sprach und schrieb ich, was ich dachte, ohne Rücksicht darauf, was meine Mitmenschen sagen werden, ohne zu fragen, was auch die Folgen für mich sein möchten. Angenommen aber, diejenigen hätten Recht, welche behaupten, daß die Interessen der zionistischen Bewegung es erfordern, "daß ich — meine Wahl vorausgesetzt — das Präsidium übernehmen soll; angenommen, daß ich der Mann bin, der imstande ist, die Bewegung auf ihrer Höhe zu erhalten, so muß es doch bedacht werden, daß die Präsidentschaft mich in wenigen Jahren verzehren würde. Herzl stand 7 Jahr an der Spitze, aber ich würde sicherlich nicht so lange aushalten, da ich weiß, was unter den obwaltenden Umständen dieses Amt bedeutet. Freilich ist das nicht der Grund, der mich zurückhält; unser Volk, unsere Bewegung verdient es, daß wir, sobald es nötig ist, unser Leben opfern; ich würde deswegen keinen Augenblick schwanken. Aber die Frage ist eben, ob ich der rechte Mann, den der Moment erfordert, bin. Und wenn! — was soll nach meinem Tode geschehen? Wer soll dann an die Spitze treten? Ta würde die Frage dieselbe bleiben. Aus diesen Bedenken heraus, kam ich zu der Ansicht: das jüdische Volk, der Zionismus muß seinen Präsidenten aus seiner Mitte hervorgehen lassen. Der künftige Führer muß ein Mustermen sch sein, der schon mit seinem Leben dem Volke ein Muster ist. Er muß ein Jude sein in allen Bedeutungen und in jedem Sinne dieses Wortes: Ein Jude ohne Makel! Wenn es nun auch wahr ist, daß mein Privatleben rein ist in jeder Beziehung — auch unter mikroskopischer Untersuchung wird man daran keinen Flecken zu entdecken vermögen, der meinen Charakter verdunkeln könnte —; aber mein Familienleben wird einen Angriffspunkt abgeben für alle, die Beschuldigungen und Verhetzungen suchen. Tie große Tragödie meines Lebens ist eben, daß ich nicht schon vor dreißig Jahren Zionist wurde. In meinem Schauspiel „Dr. Kohn", habe ich meine Verurteilung der Mischehen ausgesprochen, somit meine eigene Tat bedauert Dem bekannten Erzähler. . . habe ich bringend abgeraten von einem solchen Schritte, leider hat er auf meine Stimme nicht gehört. Vom zukünftigen Führer fordere ich, daß er eine werbende Kraft nach außen besitze und angesehene Persönlichkeit nach Innen sein soll. — Ich aber besitze diese Eigenschaften nicht. Tie Assimilationsjuden zürnen mir, daß ich ihx Läger verlassen habe und können mir meinen Zionismus nicht verzeihen. Und nach Innen? Tiejenigen, die mich kennen und würdigen, sind bereits Zionisten und es liegt die Notwendigkeit nicht vor, mich deshalb zu wählen, damit sie es bleiben. Hingegen diejenige», die mich anseinden (ich weiß zwar nicht, was ich diesen meinen Gesinnungsgenossen getan haben mochte, allein ich weiß, daß viele mich hassen) werden mit dem Momente, wo ich gewählt werde, in meinem Familienleben herumzuwühlen beginne», sie werden alles atmenden, um die Flamme zu schüren und Verwirrung zu stiften. Ties alles ist mir klar, deshalb glaube ich, daß es für den Zionismus besser sein wird, wenn ich nicht gewählt werde. Auch ich bin der Ansicht, daß zur Verwirklichung des Zionismus auf diplomatischem Wege vieles getan werden kann. Es waltet kein Zweifel ob, daß in nächster Zeit infolge der politischen Ereignisse des letzten Jahres, ein politischer Weltkongreß stattfinden wird, vor dem wir unsere Forderungen werden unterbreiten müssen. Tann, wenn dieser Kongreß stattsindet, werde ich mich nicht bitten lassen, sondern, ich werde selbst kommen und sagen: Brüder hier bin ich, sendet mich! Dann werde ich verlangen, mich und noch zwei Gesinnungsgenossen abzuordnen, um das zu fordern, was unser ist, was uns gebührt. Tamit wir gegenwärsind in dieser wichtigen und entscheidungsreichen Stunde, ist es nicht notwendig, daß ich zum Präsidenten gewählt werde. Es wird nur meine Pflicht sein, was ich tun werde, und diese kann ich als Jude, als einfacher Zionist ebensogut erfüllen. Ich werde auch ferner, wie bisher, mich von keiner Arbeit zurückhalten, die ich im Tienste unserer Sache verrichten kann. . . . Sie sehen also, daß es nicht notwendig ist, mich zum Präsidenten zu wählen. Auch ein einfacher Zionist, wie ich, kann das Nötige zum Endzweck unserer Bewegung tun, wie Zeit und Umstände es ermöglichen und.verlangen. Nicht lange mehr, und man wird sich überzeugen, daß mit dem Tode Herzls der politische Zionismus nicht gestorben sei. Wichtige Ereignisse bereiten sich vor in der zionistischen Welt, Zionismus und Judentum landen wird. Tuli. Aus aller Well. Deutsches Reich. Köln a. Rh. Ein interessanter Kultussteuerprozeß ist hier durchgeführt worden. Die jüdische Ehefrau eines hier wohnenden und bereits vor seiner Verheiratung aus der Synagogengemeinde ausgetretenen Ehemannes, also Dissidenten, war nach 22jähr. Ehe zum ersten Mal per 1902 von der Synagogengemeinde mit einem Steuerzettel bedacht worden. Tie von dem Ehemann eingereichte Reklamation, daß eine Ehesrau, welche bei ihrem Ehemann lebt, keinerlei Steuern zu zahlen hat, wurde zurückgewiesen. Aus Klage verurteilte nun der Bezirksausschuß die Synagogengemeinde, die Ehefrau von der Kultussteuer freizustellen, denn nach § 93 des Statuts der Shnagogengemeinde hat solche das Recht, aus die von den Mitgliedern der Gemeinde zu entrichtenden Staats-Einkommensteuern einen prozentualen Zuschlag zu erheben. Ter 8 H des .Einkommensteuergesetzes sagt aber, daß eine Ehefrau nur dann selbständig mit Steuer zu veranlagen ist, wenn dieselbe dauernd von ihrem Ehemann getrennt lebt. Ties trifft aber hier nicht zu, denn die Ehefrau lebt bei ihrem Ehemann." Ter Bezirksausschuß hebt in seinem Urteil noch besonders hervor, daß bei „ordnungsmäßiger" Ausstellung der Heberolle (welche ja dem Regierungspräsidenten zur Vollstreckbarkeitserklärung vorzulegen ist, der Name der Ehefrau gar nicht in der Liste hätte stehen dürfen, weil die Ehefrau nicht zur Staatseinkommensteuer veranlagt ist. Tas Oberverwaltungsgericht in Perlin bestätigte dieses Urteil und betonte nochmals den akzessorischen Charakter der Kultussteuer. Hamburg. Die Hambura-Amerika-Linie wird demnächst auf ihren Schnelldampfern nach Rew-?ork für die jüdischen Passagiere eine rituelle ü ch e einrichten. Ingweiler lElsatz). Nachahmenswert! In unserer Gemeinde hat sich eine Anzahl junger Damen zu einem Handarbeitsverein zu Gunsten der jüdischen Auswanderer aus dem Osten Europas zusammengefunden. Ter Reinertrag wird dem Hilfskomitee mr jüdische Auswanderer in Basel zur Verfügung gestellt werden. Zur Präsidentin wurde Fräulein Zelte Netter, zur Kassiererin Fräulein Irma Uhry gewählt: Oesterreich-Ungaru. Prag.Die czechisch-nationalen Juden in Böhmen sind in zwei Lager geteilt; die einen stehen auf dem czechisch-nationalen Standpunkt und wollen die religiösen Gefühle des einzelnen, seine Wünsche, Gewohnheiten und die jüdischen religiösen Vorschriften nicht tangiert wissen; die anderen sortschrittlich-czechischen Juden betrachten den nationalen Standpunkt unter den Juden in Böhmen aus dem Lande als überwunden. Selbstverständlich bleibt in beiden Lager» weiterhin als Hauptzweck: das Judentum zu czechizieren. Tie fortschrittlichen Juden verfolgen jedoch noch einen weiteren „Fortschritt" und zwar im religiösen Sinne — „die alten Formen des Judentums habe» für moderne Menschen keinen Sinn" so schreiben diese Herren und weiter: „Tas tote Hebräische, aus alten Traditionen stammend, hat sich überlebt und muß den praktischen Wünschen und dem Verstand weichen." Darum und deshalb der Krieg der fortschrittlich-czechischen gegen die national-czechischen Juden — aber auch gegen den Zionismus, den zwar diese Fortschrittlichen als ein lächerliches Beginnen und als bereits am Ende sich besindlich hinstellen, in einem Atem aber auch als den Feind ihrer czechisch-fortschritllich-nationalen Judentums bekämpfen, da wie die Herren-Auchjuden sagen, der Zionismus eine Wahr zwischen Juden und den Antijuden baut. Auf dieser Wehr wolle» nun die fortschrittliche czechischen Juden Stellung nehmen und von dort aus den Krieg .weiterführen. — Wir selbst werden trotzdem auch fernerhin unsere Ruhe bewahren, denn das Ende vom Liede wird sein, daß ein Teil der Herren beim Christentum und der andere Teil beim Zionismus und Judentum landen wird. Großbritannien. London. Wie die jüdischen Literatur- Vereine Englands das Judentum fördern. (?) In einer letzthin abgehaltenen Versammlung der Synagogen-Föderation unterzog S i r Montag» die jüdische» Literaturvereine Englands einer scharfen Kritik. Als Beispiel für ihr Wirken führte er an, daß in eine mdieser Vereine über die Thora in solcher Weise referiert wird, daß es der reinste Hohn sei; der eine Redner leugnet glattweg alles und entpuppt sich als Atheist, während der andere einige Abschnitte der Thora gnädigst der Autorschaft Moses zuerkennen will. Man ging sogar so weit, daß man sich von einem Pfarrer einen Bortrag über Christus halten ließ; selbstverständlich bekam das jüdische Publikum zu hören/daß Christus der richttge Messias sei usw. Sir Montag» begreift nicht, welche Vorstellung diese Leute von dem Judentums haben; wie sie das Gebäude des Judentumes aufrecht erhalten wollen, wenn sie ihm sein Fundament entziehen. Es sei Pflicht, unsere Jugend von diesen eigenarttgen jüdischen Vereinen zur Vernichtung des Judentums fern zu halten. Frankreich. Paris, den 18. Dez. In der letzten Sitzung der Akademie der Wissenschaften wurden die folgenden jüdischen Gelehrten und Schriftsteller mit Preisen bedacht: Ferdinand Dreifus, Fr. 20000 sür sein Werk „La Rochesaucould Lioncurt, Paris 1904". Charles Mannheim, Fr. 1000 für sein Buch „Tie Lage der Arbeiter in den Regierungsfabriken fiir Tabak und Zündhölzer". G u st a v K o h n. Fr. 500 für sein Werk „I. Bondin, sein Leben und seine Werke." Ter Tichter Katul Mendis, Fr. 3000, für sein Buch „Mauvement Paettque de 1687—1900".