Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 44 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 4Ä des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Inhalt der Vellage: . AuS aller Welt. — Aus der zionlstischen Bewegung. — Personalten. — AusderLehrerwelt.— Aus den Vereinen. Aus aller Well. Oesterreich-Ungar«. 8e«berg. StiftungzumSOOjätzrigenTodestage. Raschi'3. Der berühmte hiesige Gelehrte Sdoitton Buber, der mit unermüdlichem Fleiße die noch nicht herausgegebenen Manuskripte Raschi's „Sefer Ho-Auroh,- Sidur Raschi, Seser Ha-Sedorim, Jssur We-Heter gesammelt hat und mit ihrer Bearbeitung und Veröffentlichung beschästigt ist, fordert anläßlich des am 29. Tamus stattsindenden 800jährigen Todestages Raschi's zu Beiträgen für eine Raschi-Stistung auf. Der Zweck der Stiftung, die in die Hände angeseheyer Persönlichkeiten gelegt werden soll, soll von diesen erst später bestimmt werden; Herr Buber selbst hat bereits 300 Kronen gezeichnet. Um für die Stiftung ein möglichst großes Interesse zu erwecken, 'hat Herr Buber sich außerdem entschlossen, jedem Spender vpn dem Werke Sefer Ho-Auroh ein Exemplar /zu verehren. Der Großrabbiner von Frankreich, '.Herr Zadoc Kahn, schließt sich in wärmste» Worten dem Aufrufe an. Rußland —H— Petersburg. Versprechungen sind billig. Den „Nowosti" zufolge empfing der Minister des Inner» gestern eine Abordnung der.jüdischen Gemeinde, welcher, er erklärte, feiner Meinung nach bestehe das anzustrebende Ideal darin, eine Gleichberechtigung aller Bevölkerungselemente zu schaffen. Petersburg. 'Der erste jüdische Soldat, der russischen Marine! Bisher hatte die russische Marine grundsätzlich Juden nicht einmal als einfache Matrosen eingestellt. Bor einigen Wochen ist zum ersten Male mit diesem Prinzip gebrochen worden; in Minsk wurde ein Jude namens Blumann für die Marine aüsgehoben. Jetzt wird es sicherlich nicht mehr lange dauern, bis die russischen Juden die Gleichberechtigung erhalten!' : Libau. Seit einigen Wochen fahren von dem hiesigen Hafen wöchentlich 400—500 jüdische A u s - Wanderer ab. Auffallend ist, daß solche zum großen Teil aus Südrußland kommen, wo bisher wegen der verhältnismäßig günstigen sozialen Berhältnisse eine eigentlich« Auswanderung unbekannt war. ' Aus der zionistische« Bewegung. . —i— Frankfurt a. SK. Am 10. d. M. hielt der bekannte Schriftsteller Heinrich Pork -Steiner in' der Hiesigen zionistischen Vereinigung einen Vortragsabend. Am Eingänge desselben sprach der Wiener Gast von der Entstehung und Bedeutung der jungjiidischen Literatur. Dann trüg er zwei seiner Novellen aus dem „Talmudbauer" vor, eine mit tragischem Hintergrund. „Die tote Frau" und eine satirisch-humoristische „Was soll er werden". Reicher Beifall lohnte den verdienstvollen geistigen Förderer der jungjüdischen Bewegung. —i— Duisburg. Die hiesige zionistische Ortsgruppe veranstaltet jeden zweiten Montag in der „Reichskrone" Diskussionsabende, in denen jüdischsoziale Mnzelsragen behandelt werden. U. a. ist die Veranstaltung eines jungsüdischen Dichterabends vorgesehen. —n— Schweiz. Fast täglich treffen in Bern jüdische Handwerker aus Rußland ein, die infolge des Sieges, wie durch die zerrütteten wirtschaftlichen Verhältnisse gezwungen waren, das Land zu verlassen. .Ein großer Teil wandert nach überseeischen .Staaten aus., während andere tzch hier eine Existenz gründen. Die gelernten Arbeiter (Schuhmachers Maurer,.Schneider usw.> haben ausnahmslos Beschäftigung gefunden, während ein kleinerer Teil ungelernter Arbeiter in der Toblerschen Schokoladenfabrik tätig ist. Es sind in der Regel junge, kräftige, unverheiratete Leute, die still und ruhig ihrer . Arbeit nachgehen'und am Mend in der Lesehalle des äkä d"e m i sch e n Z i o - - n i st e n v e r e i n s zusammenkommen, wo sie N n t e rticht in deutscher Sprache, Arithmetik, jüdischer .Geschichte und Hebräisch erhalten. Die russischen Zionisten nehmen sich in wohlwollendster Weise ihrer an. E. Zürich. In der hiesigen zionistischen Ortsgruppe, die 120 Mitglieder zählt, hielt am letzten Samstag Abend Herr Dr. Straus einen Borfrag über „Nationalismus und Religion". Der Redner behandelte sein Thema sehr geschickt und legte an Hand von geschichtlichen Bei- «rtefen dar, daß im Judentum Nationalismus und Religion immer zusammen gehört haben. Zum Schlüsse seines Vortrages kam der Referent auf die Misrachipartei zu sprechen; seiner Ansicht nach sei der Misrachi überflüssig und geeignet, Zwiespalt in den Zionismus zu bringen, weil jede Gruppierung dem Zionismus schade. Die Diskussion war sehr lebhaft. Ter Referent sowie einige Herren sprachen sich gegen den Misrachi aus. Herr Eh. I. Eiß entwickelte eingehend das Programm des Misrachi.und trug viel dazu bei, die zahlreich besuchte Versammlung über die Ziele des Misrachi aufzuklären. Ebenso verteidigte Herr A. I. Rom, ein eifriger Anhänger des Misrachi, den Standpunkt des Misrachi, er wies nach, daß die Gründung des Misrachi zur Erhaltung der Einigkeit im Zionismus-ganz besonders notwendig war. Die Mehrheit der Teilnehmer der Diskussion sprach sich für den Misrachi aus. Personalie«. Berlin. Geheimrat Professor Senator, einer der hervorragendsten Berliner Kliniker und Direktor der medizinischen Universitäts-Poliklinik feiert am 5. Dezember seinen 70. Geburtstag. BreSla«. Dr. Georg Landsberg, der zum außerordentlichen Professor an der Universität Breslau ernannt worden ist, ist von Fach Mathematiker. 1865 zu Breslau geboren, machte Landsberg seine Universitätsstudien, welche der Mathematik und den Naturwissenschaften galten, in Breslau und Leipzig. Später wandte er sich dann ganz der Mathematik zu. 1890 promovierte Landsberg in Breslau mit einer Studie zur Theorie der Gleichungen „Untersuchungen über die Theorie der Ideale" zum Doktor. 1893 wurde Landsberg Privatdozent an der Universität Heidelberg, 1897 wurde er dort zum außerordentlichen Professor befördert. Bern. vr. Samuel Singer, der bisher an der Universität Bern als außerordentlicher Professor wirkte, wurde zum ordentlichen Professor für ältere deutsche Sprache und Literatur ernannt. A«s der Lehrerwett. Wiesbaden. Der allgemein beliebte und geschätzte Rabbiner der hiesigen jüd. Gemeinde, Herr Dr. M. Silberstein, feiert am 21. November seinen 70. Geburtstag. Ms Rabbiner von Mühringen in Württemberg, hat er 1882 vor einer nach Tausenden zählenden Versammlung Berthold Auerb ach die Grabrede gehalten. In Wiesbaden amtiert Herr Rabbiner Dr. Silberstein seit 1884. Hamburg. Der „Verband der j üdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche" veröffentlicht soeben den Bericht über seine Tätigkeit in den Jahren 1902—1904. Der Verband ist in diesem Zeiträume,, nachdem der „Verein isr. Lehrer gliedern und die „Bereinigung isr. Religionslehrer und -Lehrerinnen" zu Frankfurt a. M. mit 40 Mit- und Vorsänger Württembergs" mit 60 Mitgliedern sich ihm angeschlossen haben, auf 20 Vereine mit über 1100 Mitgliedern angewachfen. Der Bericht hebt hervor; daß es den Bemühungen des Verbandes,zu verdanken ist, daß die jüd. Lehrbildungsanstalt zu Berlin die Berechtigung erhalten hat, ihren.Miturienten das Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Militärdienste auszustellen. Ter Bericht verzeichnet ferner die Einsetzung einer Kommission, welche prüfen soll, ob sich die Schaffung von Normaltypen für die hebräische Druckschrift ermöglichen läßt. Die Kommission hat am 26. «Äptember in Frankfurt getagt und kam zu dem Ergebnis, daß sich die Schaffung von Normaltypen, welche sich dem Charakter des bisherigen Alphabetes nach Möglichkeit anpassen, aber jede Verwechslung der einzelnen Buchstaben ausschließen, ermöglichenlassen wird. Ter dritte Berbandstag wird am 27. und 28. Dezember in Kassel (im Festsaale des „Zentral-Hotel", Hohenzollernstraße) stattfinden. ••v I— ■" Aus den Vereinen. Frunkfurt a. M., 16. Nov. Die Bereinigung zur Pflege jüd. Lebensanschauung (Nachalath Zwi) veranstaltete heute ihren ersten Literatur abend, zahlreiches Publikum hatte sich dazu eingefunden. Der Vorsitzende wies einleitend auf die Msichten hin, die der Verein mit der neuen Einrichtung verfolge. S. R. Hirsch's ganze Lebensarbeit sei von der Ueberzeugung getragen gewesen, daß es gelingen müsse, aus der Tiefe der Mischen Welt- und Lebensanschauung das Echte und den Wahrheitsgehalt aller, auch der fremden Geistesarbeit zu würdigen, ja daß aus der Wechselwirkung Zwischen allgemeiner und jüdischer Geisteskultur sich nicht nur die kritischen Maßstäbe für die Zurückweisung des Unjüdischen, sondern sogar eine tiefere Würdigung der jüdischen Wahrheit ergeben müsse. In diesem Sinne sollten die Lüeraturabenbe wirken. Herr Albert Straus referierte alsdann über Ibsens Kaiser und Galiläer. Nach einer lebhaften Schilderung des großen welthistorischen .Hintergrundes, auf dem das neuptatviiisch verjüngte Heidentum noch einmal zu mächtigem Ringen mit der jungen christlichen Weltanschauung sich erhebt, kennzeichnete der Redner als Quintessenz des Gedankendramas die Antithese: Heidnische Sinnenfreude oder christliche Abtötung alles Fleisches, Apotheose oder Erdrosselung der Sinnlichkeit, ungezügeltes Leben oder pslichternster Märthrertod. Der Seher Marimos weist auf ein in ferner Zukunft erstehendes drittes Reich. hin,.. in dem die Gegensätze aufgelöst sein und der „Menschengeist" sein Erbe wiedernehmen werde. Hier sei der Punkt, der unser jüdisches Interesse .fessele. Der einringenden Untersuchung stelle sich das Ganze der jüdischen Lebensanschauung als jenes „dritte Reich" in idealster Vollendung dar, wo Schönheit und Wahrheit vereint, die höchst» Lebensfreude mit der ernsthaftesten Pflichterfüllung gepaart und grade in der Durchleuchtung des ganzen Lebens mit der Gotteswahrhkll. Frohsinn und jauchzende Lebenslust ihre Berechtigung sinden. Eine große Zahl von Belegen aus allen Gebieten des jüdischen Gesetzes und der jüdischen Lebenssitte illustrierten das Gesagte. In der Diskussion wurde aus die namentlich bei Schiller stark hervortretende Allgemeingültigkeit des Problems Schönheit-Wahrheit hingewiesen und die Weltslucht des Christentums aus der Zeitlage erklärt. In der Lösung des Problems auf dem Boden des Judentums bewähre sich dessen göttlicher Wahrheitsgehalt. Hierauf ergriff Herr JacobRosenheim das Wort zum Referat über Early le, Arbeiten und nicht verzweifeln. Der Redner schilderte den geistigen Werdegang Earlyles, der, in puritanisch, inniger Frömmigkeit erzogen, gegenüber der herrschenden Aufklärung die tief wurzelnde, religiöse Ueberzeugung in schweren Kämpfen zu behaupten hatte. Aus dem Gedankeuschatz Earlyles wurden die leitenden und für ihn charakteristischen Ideen: der Gottesbegriff, l»ie immenente Gerechtigkeit des Kulturprozesses, die menschliche Verantwortung und vor allem die sittliche, säst metaphysische Würde der Arbeit im weitesten Sinne ausführlich dargelegt und besprochen. Ist Earlyle ein fast llassisch zu nennendes Beispiel für die befruchtende Kraft der Thoragedanken, die ganz im Sinne der Wurzel „Hora" als Keime hinausgestreut sind, um im Schoße der mannigfaltigsten Kulturen sich zu entfalten, so tritt doch andrerseits an den wichtigsten Punkten des Carlyl'schen Gedankensystems der Mangel einer ausreichenden theoretischen Begründung der intuitiv erfaßten sittlichen Wahrheiten scharf hervor, und diese Begründung vermag nur die Mische Wahrheit zu bieten. Es wurde das namentlich an dem Begriff der Arbeit und ihrer Würde aufgezeigt. Der Redner schloß mit dem Hinweis, daß sich aus der Analogie der heutigen geistigen Lage mit derjenigen zu Earlyles Zeit der erstarkende Einfluß Earlyles erlläre. War es damals die Aufkärung, die eine geistige Leere zurückgelassen und den Durst nach Halt und Trost erzeugt hatte, so ist's heute der Niederschlag einer mechanischen Welterllärung, die das Seelische zu einer bloßen Begleiterscheinung der Materie degradiert und darum ben Widerspruch der Besten wie den natürlichen Widerwillen des Bolksempfindens wecken muß. Der Optimismus derjenigen, die demgegenüber an die überwindende Macht des Geistigen glauben, sei grundlos, wenn er sich auf sich selbst stütze, begründet aber, ki imcho m'kaur chajim. „Wenn und weil bei Dir der Quell alles ILbens ist, dann schauen wir draußen in Natur und Gekchichte den Widerstrahl des Lichtes, das von Dir ausströmt, dem Quell alles Lichts. Ki imcho m'kaur chajim, beaurcho nireh aur. Mit Rücksicht auf die vorgerückte Stunde mußtedas noch vorgesehene dritte Referat über Jork- SteinersTalmudbauer zurückgeflellt werden. Frankfurt a.M. BereinMontefiorefE. B.) Der am letzten Mittwoch im großen Saal des Kaufmännischen Vereins abgehaltene Rezitationsabend moderner Dichtungen erfreute sich eines sehr zahlreichen Besuches. Programmgemäß wurden Werke von Rosenseld, Löwenberg, Liliencron, Moericke, Proschko, Avenarius u. A. von Mitgliedern des Vereins zum Vortrag gebracht. Besonders verdient machten sich, die Herren Dornseif, Fleischhacker, Kaufmann; Stein und Herrscher, bereu rühmliche Leistungen dem Publikum zu lebhaften BeisalMußerungen Veranlassung gaben. Namentlich in 'Herrn Herrscher lernten wir einen jungen Mann kdnnen, dessen vielversprechendes Talent nach seinen gestrige» Darbietungen zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Nach Schluß des Vortragsabends fand im Vereinslokale eine gut besuchte zwangslose Zusammenkunft statt. Auf die am nächsten Mittwoch beginnende Vortragsreihe des Herrn Dr. H. Schlesinger über „das Wasserader beste Freund und der gefährlichste Feind des Menschen" machen wir hier noch besonders aufmerksam. Der Vortragende wird an Hand» von- Anschauungsmaterial in drei Borträgen das Wasser als Nährstoff, als krankheitsverhütendes Mittel und als Hellmittel behandeln. Bei dem allgemeinen Interesse, das man derartigen medizinischpopulären Vorlesungen entgegenbringt, ist wohl auf eine starke Beteiligung seitens der Mitglieder z» rechnen.