Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 42 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Inhalt der Beilage: Artikel: Rabbiner Lipschitz s. A. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus allerWelt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Büsch ersch au. Rabbiner Lipschitz s. A. Präses der ungarländischen orthodoxjüdischen »Durchführungskommission". Mit dem Tode des Rabbiners Lipschih ist ein Mann vom Schauplatz seiner Wirksamkeit abberufen worden und. in die Hallen der ungarisch-jüdischen Geschichte eingezogen, der für das ungarländische orthodoxe Judentum von eminenter Bedeutsamkeit war. Rabbiner Lipschitz s. A. war der zweite Präses seit dem Bestände der sogenannten orthodox-jüdischen Durchsührungskommission, die nach der fehlgeschlagenen Gesamtorganisation der Juden aus dem allgemeinen Kongreß des Jahres 1868, die orthodoxen jüdischen Gemeinden Ungarns der Regierung gegenüber vertreten und sie leiten sollte. Nachdem nämlich der Gesetzartikel XVII. vom Jahre 1867 betreffs der Emanzipation der Juden Ungarns in Kraft getreten war, veranlaßte der damalige ungarische Kultusminister Baron Josef von Eötvös einen allgemeinen Kongreß der ungarischen Juden. An den Versammlungen des auf den 10. Dez. 1869 einberusenen Kongresses kam es zwischen den Gesetzestreuen und den Neologen wegen der grundlegenden Fassung der Basis der Gemeindeorganisation zum entschiedenen Bruch. Während die Gesetzestreuen es klar und deutlich ausgesprochen wissen wollten, daß die Konstituierung der Gemeinden auf der Grundlage des Schulchan-Aruch zu geschehen habe, bekämpften die Neologen diese Fassung und schlugen die dehnbare Umschreibung von „Thora und Talmud" vor, in der durchsichligen Absicht, ihren Reformgelüsten in diesem Rahmen und unter dem Schutz des Landesgesetzes ungestört nachgehen zu können. Der Kongreß arbeitete, nach dem Exodus der Gesetzestreuen aus der Versammlung, ein Organisations-Statut aus, das dem Kultusministerium unterbreitet wurde und am 14. Juni 1869 auch die' königliche Sanktion erhielt. Trotzdem gelangte dieses Statut, das die Gesetzestreuen nicht anerkennen wollten. Dank des mutigen und tatkräftigen Eingreifens jener hervorragenden Männer, die das gesetzestreue Judentum Ungarns damals noch besaß, nicht zur allgemeinen Gesetzeskraft. Infolge der Petition der Orthodoxen wurde das Statut im Abgeordnetenhause angefochten, wobei besonders der berühmte ungarische Dichter und Schriftstel.er Maurus Jokay die Rechte der Orthodoxen mit Erfolg verteidigte. Der innerhalb j)ef orthodoxen Partei gegründete Verein „S ch o m r e H a d a ß" arbeitete nun auch seinerseits ein Statut aus, dem 1871 die allerhöchste Genehmigung zu teil ward und in einem ministeriellen Erlaß, vom 15. Nov. 1871 publiziert worden ist. Ein wichtiger Passus dieses Erlasses besagt, daß jene siebengliederige Kommission, die von der Versammlung, die das erwähnte orthodoxeStatut^geschassen, für die Durchführung des Statuts gewählt worden ist, auch weiterhin die Vertretung.der auf Grund des orthodoxen Statuts konstituierten Gemeinden gegenüber der Regierung provisorisch zu versehen habe. Das ist die Taseinsquelle der sog. „DurchführungSkommiss i o n". Es ist klar, daß die orthodoxe Organisation in Ungarn ein Torso geblieben ist, daß sie auf sehr schwachen Füßen steht und noch, obendrein von den Neologen fortwährend bedroht wird. Die ganze Tätigkeit der leitenden Männer der Orthodoxen, seitdem sie das hinterlassene unvollkommene Erbe aus den Händen jener tatkräftigen Männer aus der Kongreßzeit übernommen, bestand nur darin, in Zeiten der Gefahr, die von Seite der neologen Brüder drohte, durch Bittgesuche das Uebel abzuwenden, für die Stärkung oder gar für eine gesetzliche Sicherung der Organisation ist nichts geschehen. Die Zustände im orthodoxen Lager wurden immer schlechter, so daß eine heilsame Aktion nach vorwärts unmöglich geworden. Die Leitung war in unqualisizierten Händen, es fehlte jede Ordnung und auch der Sinn dafür. Stille, aber nicht minder unheilvolle Zerklüftungen im Innern der Partei schwächten ihre Kraft, und es kam ein Element , zur Herrschaft, das nur ein Hindernis ward bei jeder vernünftigen Aktion. Die durch den zeitlich ersten Präsidenten der „Durchsührungskommission" zur Geltung gekommenen chassidischen Gewalthaber verdrängten alle besseren und besonnenen Elemente von der aktiven Arbeit und beherrschten so allein die Situation, zum großen Schaden der Orthodoxen. So lagen die Dinge, als mit dem Ableben des ersten Präsidenten der nunmehr Heimgegangene Rab-- biner Lipschitz das. schwere. Amt vor. 10 Zähren übernahm. Die Entmutigten, die eine Besserung der Lage schon ausgaben, atmeten hoffnungsersüllt auf, und wirklich war schon die bloße Tatsache der Wahl Rabbiner Lipschitz' s. A. war ein vielverheißender Umchwung zur Besserung. Mit nicht geringeren Hoffnungen, als der bessere Teil der orthodoxen Juden Ungarns, der eine Umgestaltung der traurigen, zerrütteten Verhältnisse ersehnte, betrat Rabbiner Lip- Ichitz s. A. seine schwierige und verantwortungsvolle Stellung als „Kanzelei - Präse s", wie das Amt kurzweg genannt wird. Er sollte in die trostlosen Verhältnisse ordnend und gestaltend eingreifen, die vielen Mißstände sanieren, an Stelle der Mißwirtchaft eine geordnete, gerechte Verwaltung setzen. Das ollte er, das wollte ec; bod) konnte er es? — Rabbiner Lipschitz war, wie vielleicht keiner sonst, zu dieser'hohen Aufgabe berufen. Er hatte das tiefste Verständnis für den Ernst der Lage, das strenge Bewußtsein seiner Pflicht und eine Charaktcrreinheit, wie sie dieses verantwortungsschwere Amt erfordert. Rabbiner Lipschitz war früher Rabbiner in Abauj- Szanto, er war ein Mann von umfassender Gelehrsamkeit, großes jüdisches Wissen und eine nicht gewöhnliche allgemeine Bildung standen ihm zur Seite, Ehrenmann vom Scheitel bis zur Zehe, Abkömm irg großer Männer des Judentums, ein wahrer jüdischer Aristokrat im besten Sinne des Wortes, ist er wie prädestiniert gewesen nach innen zu schassen und nach außen zu repräsentieren. Er erzwang Ehrerbietung schon mit seiner feinen Haltung, seinen energischen, aber nicht unsanften Aesichtszügen, den klugen Augen und mit seiner gewinnenden Sprache, lind nach wenigen Jahren seiner Amtstätigkeit, wie sah der Mann aus? Gebrochen an Körper und Gemüt,' aus seinen Zügen sprach deutlich der Schmerz und aus seinen Augen die Resignation. Rabbiner Lipschitz hatte die ehrlichste Absicht und den besten Eifer für das Heil des orthodoxen Judentums in Ungarn zu arbeiten. Viel Segen kam durch ihn und. so manches Unheil hat er verhütet. Daß er nicht alles und s o ausgeführt hat, wie er es gerne gewollt, ja, das; manchmal ein gutes Unternehmen ins Gegenteil umschlug, das war nicht seine Schuld. Die Verhältnisse waren schon so verwildert, die unheilstiftenden Elemente verschiedener Art und Rangstufe h ttn schon so mächtigen Einfluß auf die Leitung der Gechäfte gewonnen, daß er allein zu schwach war, ihnen entgegentreten zu können. Denn Rabbiner Lipschitz stand — das muß, wie beschämend dies auch für das orthodoxe Judentum Ungarns ist, gesagt werden — er stand fast allein da. Er hatte keine aufrichtigen Mitarbeiter zur Sekte, aber viele gefährliche Feinde hinter dem Rücken. Selbst die, auf welche er am bestimmtesten rechnete, die seine Gesinnungsgenossen waren, sie verließen ihn unbegreiflicherweise gerade in seinen schwierigsten Arbeiten; sie scheuten vermutlich vor der chassidischen Fraktion. Rabbiner Lipschitz hat viele bittere Enttäuschungen erfahren und das hat ihn gebrochen und ihn in den letzten Zeiten schon ganz arbeitsunfähig gemacht. So hat er zwischen zwei Fraktionen, deren eine ihn offen bekämpfte und deren andere sich schweigend und zweideutig zurückzog, hin und her laborieren müssen und nur Flickarbeit schaffen können, wo er ganze Arbeit leisten wollte und zu leisten, wie kaum ein 'Anderer fähig gewesen wäre. Mit dem Tode des nunmehr verewigten Präses der ungarländischen orthodox-jüdischen Durchführungskommission bricht über das orthodoxe Judentum Ungarns eine bedenkliche Krisis herein, die nur so günstig überwunden werden kann, wenn endlich alle Gutgesinnten sich aufrassen und aus ihrem von falscher Scham und ungerechter Jnteressenlosigkeit hervorgegangenen Schweigen heraustreten und dafür Sorge tragen, daß ein Mann an die Spitze der orthodoxen Judenheit gelangt, der, ausgestattet mit genügender Sachkenntnis, mit einem reinen Charakter, mit gerechtem Sinn und einer unbeugsamen Energie, die ursprüngliche großartige Absicht des verewigten Führers verwirklicht. ' An den wahrhaftigen orthodoxen Inden liegt es, zu zeigen, ob sie noch dasvermögen. F. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. An die Misrachi-Bereine! Sämtliche zionistische Vereine in Teutschland, Oesterreich-Ungarn, Schweiz, Holland, Belgien, Frankreich, Italien, .die sich als misrachistisch erklären, wollen sich gefl. unter Angabe der Zahl und Nanien ihrer Mitglieder bei unserem Bureau zu Händen des Herrn Jacob S. Posen, Frankfurt a. M., Fichtestraße 5 melden. In Kürze sind von unserem Bureau die Statuten des Misrachi in hebräischer und deutscher Sprache zu beziehen. Bureau des Misrachi für West-Europa, Jacob S. Posen Vize-Präsident. Frankfurt a. M. Der Wiener Schriftsteller Herr Heinrich P»rk-Steiner, dem ein vorzüglicher Ruf als Redner und Vorleser vorangeht, wird nächsten Tonnerstag hier einen Rezitations- Abend veranstalten. (Näheres siehe unter Anzeigen.) Dr. H. Königsbergt Pr. Einen Herzl-Rezitationsabend veranstaltete am Mittwoch den 19. v. Mts., Abends 8 Uhr, die Kön i gs be r g er Zio» nistische Bereinigung in dem großen Saal der Biirgerressource, welcher ca. 600 Sitzplätze faßt und beinahe gefüllt war, nicht nur von zionistischen und nichtzionistischen Juden, sondern auch von zahlreichen Christen, vorzugsweise Mitglieder des Goethebundes, die besonders gegen ein ermäßigtes Eintrittsgeld eingeladen waren. Ter Rezitationsabeud sollte ei» allseitiges Bild von der literarischen Persönlichkeit Herzls geben, und da sich dieselbe nicht nur auf rein literarisch-künstlerischem, sondern auch in markanter Weise auf politichem Gebiete betätigt hatte, so zerfiel das Programm naturgemäß in zwei Teile, eine» kleineren, mehr politischen, welcher die Mitte des Programms bildete, und einen viel größeren literarischen, der in zwei Mteilungen die Umrahmung desselben bildete. Ten literarischen Teil las Fräulein Elfriede John, ein beliebtes Mitglied des Königsberger Stadttheaters mit großer Wärme und Natürlichkeit. Sie begann mit der Selbstbiographie Herzls, die 1898 für die Jewish Chronicle verfaßt worden war und als ein originelles..document »»m-iio" wirkte. In den beiden reizenden Kinderfeuilletons „Tic Schatzausstellung" und „Tie brave Kinderstube" (Feuilletons Bd. I.), treten die großen künstlerischen Fähigkeiten Herzls, Tinge und Menschen in lebendigen Farben zu malen, sich in innige Beziehungen zu ihnen zu setzen, ihnen ins Herz zu sehen und überall ohne Künstelei tiefsinnige Reflexionen anzuknüpfen, ins hellste Licht, vor allenr aber kommt sein tiefes Gemüt und sein warmes, mitfühlendes Herz in diesen kleinen Kabinetstücken zum Vorschein. Tie „Ueberschwemmung in der Sommerfrische", welche den Schluß des ersten Teiles bildete (Feuilletons Bd. I.) und von Herzl als Komödie^bezeichnet wird, zeigte den Satiriker, welcher die Schwächen der Menschen kennt und ins helle Licht zieht, der nicht als Moralprediger, sondern als abgeklärter Philosoph, welcher mild darüber lächelt und in der liebevollen, lebendigen Schilderung der Natur und der geschädigten Armen warme Töne findet, die mit der reizendeir Gesellschaft der Badegäste versöhnen. Ten zweiten politischen Teil las Herr Dr. med. M o s e s und brachte mit scharfer Accentuierung und mit klarer, wohllautender Sprache die Gedanken Herzls zu wirksamem Ausdruck. Tiefer Teil bestand aus der Eröffnungsrede Herzls zum ersten zionistischen Kongreß, die in markigen Zügen das Programm des Zionismus gibt, der bitteren, von gerechtem Zorn erfüllten und begeisterte Kampsesstimmung atmenden Schilderung des „Manschet", welcher durch die zionistische Beioegnng veranlaßt worden ist, Farbe zu bekennen und sich schimpfend und schmähend von den Zionisten lossagt, und die „Menorah", in welcher Herzl seine Rückkehr znm Judentum in die Form einer anmutenden märchenhafte» Erzählung gebracht hat. Ter dritte Teil, der wieder von Fräulein John gelesen wurde, begann mit der lebensvollen Schilderung des „See Genezareth" aus Herzls „Altneuland", samt dem Nachwort des Verfassers. Tann folgte ein Packendes Bild aus dem Gerichtssaal „Ter Sohn" (Philosophische Erzählungen), ein Seelengemälde von tiefer Wahrheit und mit dem herrlichen Kinderfeuilleton „Trubels Träne" Feuilleton Bd. I.), in welcher Herzl die Leiden und Freuden der ersten Schreib- und Leseübungen in humovvoller Weise schildert, nicht ohne als mitfühlender Philosoph einen Ausblick in den Ernst und die Ziele des Lebens zu gewähren, schloß der in jeder Beziehung jvohlgelungene Abend, welcher von Anfang an die Zuhörer in eine warme Stimmung versetzt hatte, die bis zum Ende anhielt. Auch der materielle Erfolg war ein durchaus befriedigender. Es ergab sich ein Reinüberschuß von 42 M., welcher für die „Herzl-Stiftung" bestimmt worden ist. Posen. Aus dem ersten Jahresbericht der Zionistischen Ortsgruppe heben wir Folgendes hervor: Es fanden regelmäßig Monatssitzungen und wiederholt Diskussionsabende statt. Referiert wurde von D r. Jeremias über „Organisa.ion des Zionismus", M. Krause über das „Ostafrikap.oje.t", Dr. Köllens ch er über „Zionismus und Staatsbürgertum", Emil Bendix über „Geschichte des Zionismus", Referendar Rosenberg über „Großkolonisation von Palästina", D r. Köllens ch e r über den deutschen Tekegiertentag. Der Etat erreichte die Höhe von ca. 1000 M k. Für den N. F. wurden 180 Mk. gesammelt, wovon 40 Mk. auf die Sammelbüchsen enlfa.len. Die Sammlung wird zunächst bis zur S t i f t u n g e i n e s Olivenhaines fortgesührt. Die Jüdische LeseHalle bezieht soeben ein eigenes Lokal mit komfortabler Cinrichtung, de:en Kosten von hochherzigen Gönnern außerhalb unseres K reifes gespendet wurden. Die L. schalle. wird jetzt allabendlich vou 8'/»—10 Uhr und Sonnabend Vorm, von 11—1 Uhr gcöjfnet sein. Es