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Neue jüdische Presse · 1904-10-28 · Heft 41 (28.10.1904) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 41 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ikrankfrtrter i ■ i Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). ' ..... - >->— ' Redaktion und chekchLftsjtette: Srsnkwrt 2. ITC., Leiligkeuzgaffe 32, Lcke Llaxperfeldstraße (gegenüber -er Neuen Irit). HeransgeVev: Aals cheks. ■ Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile..... 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8- 2. Jahrgang. Freitag, de« IS. «LvdesvIivsL 5665 (28. Oktober 1904). Ro. 41. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Hermann Cohen, von Jacob ben Elijah. — Der große Prozeß (a nagy per) (Schluß-, — Der ungarische Schulgesetz - Entwurf. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Aus bewegter Zeit, Erzählung von 3t Hermann Cohen. ii. Die Methodik seiner Philosophie. Von Jacob ben Elijah. Hermann Cohen ist, wie bereits hervorgehoben, ein jüdischer Philosoph; das will sagen: er ist als Philosoph — Verfechter der jüdischen Philosophie. Und es ist nicht von ungefähr, wenn Cohen das fundamentale Werk „Logik der reinen Erkenntnis", das erste Buch seines philosophischen.Systems — ein Buch, an das man doch mit dem ruhigen Gewissen herantritt: dieses ist sicherlich nun einmal judenrein! — mit einer Vorrede versehen hat, in der er sein philosophisch - jüdisches Credo ablegt was ihm von gar manchen Juden, die nicht als solche „aussallend" zu sein ihr ganzes Leben hindurch eifrig bestrebt sind, arg übel genommen wurde; es macht doch Rischuß! . . . Wahrlich, der Jnd' drückt sich überall durch — auch in der Logik. . . Daher lassen sich die Anschauungen Cohens über das Judentum, vorzugsweise über die jüdische Sittenlehre nur im Zusammenhänge mit den Grundlagen des philosophischen Aufbaues seines Kultursystems be greisen. Und danach wollen wir nun verfahren, wobei auch eine kurze Charakteristik der literarisch-pädagogischen Methode Cohens und seines Styls nicht fehlen soll. Diese Charakteristik wird mit unserer eigentlichen Ausgabe im Kontakt bleiben und das Verhältnis der Cohenschen Philosophie zum Judentum auch psychologisch beleuchten. Cohen ist insbesondere als Erkenntnistheoretiker von eminenter Bedeutung. Er verkündet die Macht der Vernunft und kämpft mit dieser Macht gegen alle Mystik. . Z Er sagt nämlich: „Endlich noch ein persönliches Wort, ohne dessen freimütige Aussprache ich in dem Momente, da ich einen Teil meiner Lebensarbeit der Oesfentlichkeit übergebe, der Unausrichtigkeit mich bezichtigen müßte. Die allgemeine Weltlage widerspricht dem Geiste echter Philosophie, der immerdar die Weltanschauung des.Idealismus darstellt. Selbst der deutsche Sinn ist von seiner weltbürgerlichen Richtung abgeirrt. Daher die Hintanstellung von.Recht und Gerechtigkeit hinter Macht und Wohlfahrt, und die Zurücksetzung der Humanität hinter der Religion. Trotz aller dieser traurigen, betrübenden und kränkenden Sturmfahne halte ich die Zuversicht auf dem Sieg der Freiheit und der Wahrheit fest. Und es nicht allein meinGlaube an dre religiöse Wahrheit des prophetischen Messianismus, der solchenOptimismus in jeder Zeit- und Lebenslage zum Leitstern macht.". . . Die Kultur hat das wissenschaftliche Denken zu ihrer Voraussetzung. Die Wissenschaft ist ihre alleinige Quelle der Wahrheit. Will man — wie Rousseau — die Kultur vernichten, so will man damit den Untergang der Menschheit. Denn her Begriff des Menschen ist Pie Einheit seines Kulturbewugtseins. Daher muß die.Philosophie — wenn sie nicht das Erzeugnis etwaiger Genieschwängen, sondern das System des Kulter-Denkens sein soll, — auf den'Prinzipien der exakten Wissenschaften aufgebaut werden. Und so sind die Prinzipien der mathematischenRaturwissenschaft das ABC der Vernunft. Daher hat Kant die Methode Newtons als das System der Methoden akzeptiert und die Metaphysik zur Kritik des Systems der Methode erhoben; während Spinoza die Philosophie in eine Religionsphilosophie, die Metaphysik in Ethik aufhob. Hier ist der geschichtliche Unterschied zwischen wissenschaftlicher Philosophie und romantischem Denken der Intuition. Die Mathematik und die Naturwissenschaft sollen — wenn man so sagen darf — die „Geistes-Garde" der Philosophie bilden,, damit sie nicht der Romantik preisgegeben werde. Daher sind seine philosophischen Klassiker: Plato, Kepler, Galilei, Newton, Leibniz und Kant. Das Buch der Philosophie — dürften wir wohl im Sinne Cohech als Analogen zum bekannten Motto Newtons, sagen — ist mit den Zeichen der Mathematik geschrieben. Und wenn nun das Denken eine Grammatik hat, so sucht Cohen ihre Regeln festzustellen. Ohne Gesetze des Erkennens gibt es keine Philosophie, kein Erkennen. Deshalb ist die Logik die Königin der Wissenschaften, die Wissenschaft aller Wissenschaften. Sie ist auf das System der Philosophie und damit auf die Richtungen der Kultur gerichtet, denen die Glieder dieses Systems entsprechen. Denn am Anfang ist die Idee — die gesetzgebende Vernunft. Der Mensch schafft die Welt in seiner Idee. Das Denken erzeugt die Grundlagen des Seins. Das ist die lebendige Schöpfungskrast des Geistes. Das Denken darf nicht den Ursprung außerhalb seiner selbst haben: weder in der Sinnlichkeit noch in der Anschauung. Das Denken soll seine Kraft im Erzeugen des Seins erproben, wobei die Erzeugung das Erzeugnis — also ihr Objekt — zu bedeuten hat. Daher können wir uns nichts Gegebenes, das dem Denken vorausginge, gefallen lassen. Das Denken darf nicht auf Gaben seitens der Vorstellung oder der Empfindung angewiesen werden, wenn anders seine Selbständigkeit xmd Ursprünglichkeit gefordert werden muß. So soll die Logik rein von Psychologischer Beimischung, die Erkenntnisse rein von Empfindung sein. Daher: Logik der reinen' Erkenntnis. Und — „die Idee ist die Erkenntnis". Wie das Prinzip der Infinitesimalen in der Mathematik und wie die Hhpot h e s i s in der Mechanik, so ist die Idee die Grundlage, die Grundlegung des Denkens. In der Renaissance der Mathematik und der Mechanik hat sich die Platonische Idee als Methode bewährt. Durch die Idee erhält das Reine der Erkenntnis seinen methodischen Wert, denn sie ist die Rechenschaft des Begriffes. Das Denken wird dadurch Ursprung seiner selbst. So ist Cohen der strengste Idealist in der Erkenntnistheorie. In dieser Hinsicht geht er noch viel weiter als Kant, was nun endlich verursachte, daß viele der Schüler und Anhänger Cohen's sich von ihm tossagten. Cohen bezeichnet es aber als eine Schwäche in der Grundlegung der kantischen Philosophie, daß der Logik eine Aefthetik, dem Denken die Anschauung vorangeht. Während nach Kant die Gegenstände vermittelst der Sinnlichkeit uns gegeben werden, fordert hingegen Cohen die vollständige ^Eman» zipierung des Denkens vom Gegebenen und verkündet die Reinheit der Erkenntnis, die Selbsterzeugung des Seins durch das Denken. In diesem Sinne ist die Identität — wie sie Parinenides lehrt — von Denken und Sein entstanden. Das Denken erzeugt die Prinzipien, die Grundlagen des Seins. „D i e Ideen sind diese Grundlagen, diese Grundlegungen." . Durch diese Theorie ist Cohen ein Wiedererwecker des Platonismus, ein Schüler Kants und auch — der Begründer einer neuen philosophische» Schule.2) Nun haben wir die Methoden seiner Philosophie kennen gelernt und wir wollen in den nächsten Kapiteln die Ethik Cohens in ihren Grundzügen darstellen. 2) ist völlig falsch, wenn man — wie es gar viele im guten oder schlechten Glauben tun — die Bedeutung Cohens für die Philosophie lediglich in seine Interpretation der Kantischen Werke perlegt. Freilich hat er sich um die Rekonstruktion des Kantischen Systems große Verdienste erworben, aber seine Bedeutung ist darin noch lange nicht erschöpft. Sie besteht vielmehr in der selbständigen Philosophie Cohens, die zwar ihre Grundpfeiler ans dem Kantischen System hernimmt, aber nichtdestoweniger von genialer Originalität sprudelt: Die Jnterpretations - Werke Cohen's über Kant find: Die systematischen ■ Begriffe in Kants vorkritischen 'Schriften nach ihrem Verhältnis zum kritischen Idealismus. Marburg 1873; Kants Theorie der Erfahrung; Kants Begründung der Ethik; Kants Begründung der Aesthetik. Von dem „System der Philosophie" Cohens ist vorläufig „Die Logik der reinen Erkenntnis" erschienen; demnächst soll.auch die Ethik der Oeffentlichkeit übergeben werden. Dann hat Cohen noch folgende Schriften und Aufsätze philosophischer (nicht ausschließlich jüdischer) Natur verfaßt: Platens Jdeenlehre und die Mathe« matik. Marburg 1878; Kants Einfluß auf die deutsche Literatur. Berlin 1883; Die platonische Jdeenlehre, psychologisch entwickelt: in „Zeitschr. für Völkerpsychologie" von Steinthal. Berlin 1866; Mythologische Vorstellung von Gott und Menschen ibid. 1868; Die dichterische Phantasie und der Mechanismus des Bewußtseins ibid.; Zur Kontroverse zwischen Trendelenburg und Kuno Fischer, ibid. 1871; Leopold Schmidt in den „Neuen .Jahrbüchern für Philosophie und Pädagogik 1886; Zur Orientierung in den losen Blättern aus Kants Nachlaß in den „Philosophischen Monatsheften" 1830; Antonomie und Freiheit im „Gedenkbuch für David Kaufmann" 1300, Vorwort zu Lange's Gesch. d. Materialismus. 7. Aufl. 1902.

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