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Neue jüdische Presse · 1904-10-07 · Heft 38 (7.10.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 38 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 38 des Frankfurter Israelitischen FaMilieublattes. Inhalt der Beilage: Jüdische Literatur: Der jüdisch-deutsche Jargon und seine Literatur. — Artikel: Ungerechte Befürchtungen. — Aus der zionistischen Bewegung. Aus den Vereinen. —Sprechsaal. — Bücherschau. — Vakanzen. — „Jüdische Jugend." Der jüdisch-deutsche Jargon und seine Literatur. Ein Bortrag von A. S. (Fortsetzung.) Es kann leider nicht in meiner Absicht liegen, meine Damen und Herren, Ihnen eine eingehende, umfassende Etymologie und Literaturgeschichte der Jargonsprache zu bieten. Dies könnte eine ruhmvolle Lebensaufgabe für einen Gelehrten bilden, und läßt sich nicht in den engen Rahmen eines Vortrags hineinzwängen. tziür den Plan, die allgemeinen Umrisse des Sprachbaues sei es niir vergönnt, hier mit schwacher Hand zu zeichnen. Die weite Flucht aber der einzelnen Gemächer und Mtcilungen zu durchwandeln, jeden Stein nach seinem Ursprung zu prüfen, jeden Schnörkel, jede Wölbung und Biegung nach Stil und Herkunft zu untersuchen, ist Sache der Forschung und der Wissenschaft. Der Jargon ist, wie sein Name schon besagt, ein Sprachenwirrwarr, ein Mischmasch, in dem verstümmelte Brocken voni Deutschen, Hebräischen, Slavischen, ja Französischen, Englischen, Italienischen, Lateinischen und Griechischen zu einer Sprache vereinigt sind. Die Grundsprache, aus der sich der Jargon im Laufe der Zeiten herausgebildet hat, ist das Deutsch, das die Juden bei ihrer Einwanderung in Polen während der Schreckenszeit der Kreuzzüge aus ihrer deutschen Heimat mitgebracht hatten. Wir besitzen mehrere, bis in das 15. Jahrhundert hinaufreichende Sprachdokumente aus den flavifchen Ländern, wie die Aktenstücke aus Wilna vom Jahre 155b in Salomo Luria's Responsensammlung, die zur Genüge beweisen, daß bei den slavischen Juden die deutsche Sprache ihres Zeitalters heimisch war. Es, ist ein geradezu rührendes Beispiel jüdischer Treue und Anhänglichkeit an Ererbtem und Ueberliefertem, daß die mit rauher Hand aus der deutschen Heimat Vertriebenen, wo sie Hab' und Gut, und oft auch ihre Nächsten und Teuersten als Leichen zurücklassen muhten, daß diese Verbannten und Verjagten, die Sprache des .Landes, das sie so lieblos in die Fremde stieß, mit ans die Flucht nahmen und dorthin, wo der irrende Fuß sicheren Boden, fassen konnte, deutschen Geist .und deutsche Kultur verpflanzten. Bis heute noch gilt es bei der Orthodoxie in Rußland und Polen als ein Zeichen des Wfalls und Freisinns, wenn man im Umgänge das Jüdisch mit der Landessprache vertauscht. Besonders aber offenbart sich dieser Hang am Hergebrachten bei den Uebersetzungen der Bibel. Die Heiligkeit des Textes, wurde auch auf dessen Uebersetzung übertragen. Veraltete, deutsche Wörter, die im modernen Jargon schon längst nicht mehr im Gebrauche und meistens durch andere, fremdsprachliche ersetzt sind, werden mit Zähigkeit Jahrhunderte hindurch festgehalten und von Generation zu Generation als die. stereotyp gewordene Uebersetzung der betreffenden Bibelstellen überliefert. Und so ivird dem Kinde in der Chederschule der Bibeltext durch Ausdrücke verständlich zu machen gesucht, die ihm ganz fremd und nur durch den Zusammenhang erklärlich sind. Auch die Frau muß sich bei ihrer Sabbat-Lektüre in dem sogenannten „Teitzchumesch" oder „Zeöno-Uröno" mit diesen: Altjargon vertraut machen. Da die gesamte Uebersetzungsliteratur der Erbauungsschriften wie Menorath Hamaor, Chowath Halwowoth, Scheweth Mussor usw. ausschließlich in diesem Dialekt gehalten ist, und hauptsächlich, wie sich die Uebersetzer ausdrücken, zu Nutz und.Frommen der Weiber unternommen wurde, denen diese Schriften im Urtext nicht verständlich sind, so erhielt dieser Dialekt den Namen „Weiberteitz". Auch die eigenartige Schrift, in der diese Bücher in der Regel gedruckt zu werden pflegen, ist in Fachkreisen unter dem Namen „Weiberteitztypen" bekannt. Der gewöhnliche Jargon hingegen wird im Volksmund „Jore-teitz", „Mame-Loschen" oder „Prost-Jidesch", d. h. „einfach Jüdisch" genannt. Dieser Mtjargon, der noch nichj alle Warten des modernen Jargons auszuweisen hat, steht dem Mittelhochdeutschen sehr nah und ein Sprachforscher wie Jacob Grimm oder Schmeller würde seine Helle Freude daran Haben, die echte deutsche Sprache des Mittelalters von einer Tochter des Ostens zu vernehmen, könnte er sie bei ihrem Gebet belauschen, als sie ihr Herz etwa in folgenden Worten vor Gott ausschüttet: „Gott mein Harr, dir entpleck'*) ich mein Harz, derbarnr sech mein, und varnehm' die Red' vun meine Lefszen." Dieser Mtjargon liefert noch einen Beweis für die Annahme, daß auch die polnischen Juden ursprünglich ein ziemlich richtiges, unvcrderbtes Deutsch sprachen. tziür allmählich, da jede Gemeinschaft in Leben und Wissenschaft mit den germanischen Stämmen abgebrochen war, artete die Sprache immer mehr aus. Fehlende Ausdrücke werden nach eigener, bald hebräischer, bald nur verderbter und veralteter Flexionsweise ersetzt, durch Bücher und schlecht redende Eltern und Lehrer vererbt und verewigt. Dadurch und durch die Beimischung von fremdartigen Wörtern wurde der Jargon allmählich zu einem unkenntlichen Deutsch gemacht. , (Fortsetzung folgt.) ^Ungerechte Befürchtungen. In ihrer Vir. 39 bringt die „Welt" einen Artikel mit der Ueberschrift „Achtung", in dem die Behauptung aufgestellt wird, daß der Misrachi „klerikal" sei. Als Antwort aus diese ungerechtfertigte Beschuldigung mögen die nachfolgenden Worte des Führers der Misrachisten, Herrn Rabbiner Reines, in seinem ersten Zirkular nach der Misrachikonferenz dienen: „Wir wollen nicht unsere Ansichten den anders denkenden Gesinnungsgenossen ausdrängen, wir sind vielinehr von der Gerechtigkeit unserer Anschauungen überzeugt und haben das volle Vertrauen, daß sie durch eigene Kraft den Sieg sich erringen werden. Deshalb machen wir es uns zum Prinzip, unsere besonderen Ansichten nicht als allgemeine Pflicht in den Kongreß hinein zu tragen; wir begnügen uns vielmehr mit der Propagierung unserer Ideen auf privatem und nicht auf offiziellem Wege. Im Gegenteil, wir erachten es für notwendig, allen Parteien in: jüdischen Volke die Möglichkeit zu geben, sich an dem Erlösungswerke zu beteiligen; wissen wir doch, idaß nur durch die Arbeit des gesamten jüdischen Volkes es möglich sein wird, die für unser Volk und für die Erhaltung unserer Thora und ihr Gedeihen unentbehrliche Heimstätte zu erreichen. Darum betonten wir auch stets, daß der Kongreß sich fernzuhalten hat von Angelegenheiten, die nicht im direkten Verhältnis zum politischen, praktischen Zionismus steheu Auf diese Weise wollen wir die Tore des Zionismus für alle Kommenden offen halten, damit er sich zu einer wahren Volksbewegung gestalte. Wir waren stets bemüht, fernzuhalten von seinem Gebiete all' das, was im Stande ist, den einen oder den anderen Teil unseres Volkes von der Teilnahme an der zionistischen Bewegung auszuschließen. Ebenso verlangen wir aber auch von den andersdenkenden Gesinnungsgenossen, daß sie nichts vornehmen, was jemand von' dem politischen Zionismus zurückhalten könnte. Wir selbst wollen unsere Ansichten auf dem Kongreß nur defensiv vertreten, damit sie nicht verletzt werden; unser positives Arbeitsgebiet als Misrachi'im istaußerhalbdesKong r e s s e s. _ Aus der zionistischen Bewegung. L. Frankfurt a. M. Die jüdisch-nationale Frauen Vereinigung,Frankfurt a. M., die im vergangenen Jahre als Sektion in der Ortsgruppe aufgegangen ist, steht vor der .Frage, ob sie weiter bestehen soll oder nicht. Die Agitation, die in dem letzten Jahre ziemlich lau betrieben wurde, hat demgemäß ein ungünstiges Resultat gezeitigt. Und so hat sich dieser Tage der Vorstand dahin geeinigt, daß, wenn diesem Verein Existenzberechtigung zugesprochen werden soll, das Arbeitsfeld in richtigem Maß ausgedehnt werden muß und sowohl Vorstand als auch Mitglieder sich einer regen Arbeit hingeben müssen. Es wurde ein Arbeitsprogramm ausgearbeitet, über das eine demnächst einzuberufende Sektionsversammlung zu entscheiden hat. Soweit wir unterrichtet sind, handelt es sich um Fortbildungskurse Deutsche Literatur, eine moderne Sprache, hebräischer Sprachkursus) uno ungefähr 8 fteie Vorträge, ge¬ *) Entplecken hier so viel als entdecken; Harr für Herr und Harz für Herz; derbarmen wie verzählen, verstechen, derheim hat „der" als tonloses Praefix vor dem Verbum, welches der Vorsilbe „er" im Hochdeutschen entspricht, so auch im Ring der Nibelungen ,cherheima"; Lesfzen statt Lippen — alles mittelhochdeutsche Formen und Bildungen. sellige Bereinigungen usw. usw. Da diese Vergünstigungen den Mitgliedern umsonst zustehen, empfiehlt es sich für alle Zionistinnen, die noch nicht Mitglied der Sektion sind, derselben beizutreten und sich durch Mitgliedschaft diese Gelegenheit zu einer nützlichen Beschäftigung an Winterabenden zu. erwerben. /• Frankfurt a. M. Am 28. v. M. fand im Caf» Milani die diesjährige Generalversammlung der Frankfurter Zionistischen Vereinigung statt. Herr Assessor Dr. A. Friede in a n n - Wiesbaden gedachte des unersetzlichen Verlustes, den die zionistische Bewegung durch das Ableben ihres Schöpfers und Führers erlitten hat und berichtete in wenigen Worten über die letzte Sitzung des Akttonskomitees. Er betonte, paß man bei der Wahl in das kleine Aktionskomitee darauf bedacht war, den verschiedenen Richtungen und Schattierungen innerhalb der zionistischen Bewegung Rechnung zu tragen, daß sie alle bis zum nächsten Kongreß in der Leitung ihre Vertreter besäßen. Daher habe man auch Herrn Ingenieur ll s s i s ch k i n gewählt, gegen den sonst wohl gar viele Stimmen sich geltend machen würden. Erfreulich sei, daß der Nationalfonds in England legalisiert wurde. Des weiteren teilt der Referent mit, daß wir jetzt mit Bestimmtheit darauf rechnen können, in allernächster Zukunft von der Türkei die für eine Groß-Kolonisation in Palästina nötigen Konzessionen zu erlangen. Die diesbezüglichen Verhandlungen befänden sich vorläufig im Stadium der Diskretion. Ter I. Vorsitzende, Herr Fritz S o n d h e i m e r, erstattete dann den Jahresbericht der .Frankfurter zionisttschen Ortsgruppe, der von einer segensreichen Tätigkeit, die nicht zuin kleinen Teil der emsigen Arbeit des Herrn Sondheimer zu verdanken ist, Zeugnis ablegt. Im Laufe des Jahres ist die Ortsgruppe um 121 neue Mitglieder reicher geworden (darunter 30 Frauen, die eine besondere Sektion bilden). Für den Nationalfonds sind 277,60 Jfe, zu Gunsten des Nationalgeschenks für die Kinder Herzls 1700 Jk gesammelt worden. Herr Sondheimer ist mit diesen Summen durchaus nicht zufrieden und meint, sie seien viel zu wenig im Verhältnis zu der großen jüdischen Bevölkerung Frankfurts, wo also dem Zionismus ein breites Arbeitsfeld sich bietet. Herr Sondheimer gedachte in warmen Worten des vor einigen Wochen dahingeschiedenen Mitgliedes Herrn Jonas Wolf Wolpe, der mit Begeisterung und Opserwilligkeit für das zionisttsche Ideal in einer Reihe von Jahren persönlich agitierte und sich das besondere Verdienst anrechnen dürfe, der erste in Frankfurt gewesen zu sein, welcher inutvoll dem Zionismus hier Eingang verschaffte. Die Krittk am Berichte war vielmehr eine Kritik für — die Herren Krittler. Nicht etwa, weil sie zuviel kritisiert hätten, sondern weil sie überhaupt nicht kritisiert haben. Tenn was sie am Berichte auszusetzen wußten, war belanglos, und Herr Sondheimer hatte wahrlich Grund genug, wenn er jenen Kritikern für ihr liebenswürdiges Entgegenkommen dantte. Hingegen sind die wunden Punkte des Berichtes völlig unberührt geblieben. So hat Niemand den Vorstand um Aufklärung ersucht, warum die Institution in Frankfurt, die von der zionistische» Vereinigung besonders unterstützt werden sollte, nämlich der hebr. Sprachverein, vom Vorstande totgeschwiegen wurde. Man sollte eigentlich erwarten, daß eine zion. Pereinigung, die bereits mehrere Jahre existtert, wird wenigstens so viel vom Zionismus gelernt haben, um zu wissen, daß es eine Pflicht für jeden nattonalen Juden ist, die hebräische Sprache zu erlernen, ohne welche die erstrebte Renaissance des jüdischen Volkes schlechterdings nicht denkbar ist. Auch sollte man erwarten, daß die hiesige Ortsgruppe die Gründung einer zionistischen Lesehalle in Angriff nehme, umsomehr, als dies mehrmals angeregt und immer als ein großes Bedürfnis anerkannt wurde. Ter Jahresbericht hat davon keine Erwähnung getan. Tie Diskussion war armselig, abgesehen von den Anregungen des Herrn Kolliner, einen jüd.-nattonalen Turnverein hier zu gründen, da der bereits bestehende Verein jüdischer Turner auf dem Standpunkte des deutschen Staatsbürgertums mosaischer Konfession und nicht auf nattonaler Basis steht. Erwähnenswert sind die Vorwürfe des Herrn Ing. Feingold, daß die von der Versammlung akzeptterten Anträge von dem Vorstände, der lieber auf eigene Faust arbeitet, nicht durchgeführt seien. Tie Vorstandswahl ergab folgendes Resultat: Herr Fritz Sondheimer, l. Vorsitzender, Goitein, IL Vorsitzender und als weitere Mitglieder des Vorstandes: Herr Friesländer jun., Herr Lehrer Gans, Herr Ing. Feingold und Herr Tr. med. Hanauer. Als Revisor wurde Herr Tr. Feuchtwanger und Herr Redakteur Geis gewählt; als juristischer Beirat wurde Herr Referendar Tr. Schwarzschild bestimmt. Auf einen Antrag wurde die Wahl eines Agitattonsausschusses beschlossen, die folgendes Resultat ergab: Frl. Grünblatt, Herr Lehrer Reinhardt, Herr Kolliner, Herr Tr. Seckel und Herr Leopold Oppenheimer (die letztern zwei sind au Stelle des Herrn Red. Geis und Herrn Hirsch, die ihre Wahl nicht angenommen haben); außerdem noch 2 Mitglieder des Vorstandes. Auf Antrag des Vorsitzenden wurde den aus dem Kor-

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