Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 36 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Isrankfrtrter (; ■ > Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonnements- Bestellungen schriftlich und mündlich entgegen. (Abonnementspreise siehe Schlug des redaktionellen Teiles). t—-—- HedaLttou und HskchLfts^etts: ZranKfurl 2. M.» Leiligkreuzgaffe 32. Ecke Llapperfeldstraße (gegenüber der Neuen Zeit). -MW'- Herausgeber: Sakg Heis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile.. . 100 .. Stellen-Angebote und -Gesuche die Silbe 2 .. Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.- 2. Jahrgang. Freitag, de« 7. Tischri 5665 (16. September 1904). No. 36 Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Versöhnung, v. F.; Die politische Lage der russischen Juden. — Aus aller Welt. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Eine neue Melodie, Novellette von I. L. Perez; Aus bewegter Zeit, Erzählung vonR. — Briefkasten -c. Inhalt der Beilage: Aus der zionistischen Bewegung.— Aus aller Welt. — Personalien. — Erklärung. — Sprechsaal. — Bücherschau. — Bunte Chronik. — Vakanzen. „Jüdische Jugend." Gedicht: Herbst-Melodien, von Morris Rosen» selb. — Feuilleton: Die wahnsinnige Mutter, Skizze von Schalom Asch.. — Barmizwohs. Diejenigen unserer Inland- und Ausland- Abonnenten, welche unsere Zeitung unter Kreuzband erhalten und deren Abonnement am 1. Oktober abläuft, bitten wir, den Abonnementsbetrag für das nächste Vierteljahr rechtzeitig einznsenden, damit in der Zusendung unserer Zeitung keine Unterbrechung eintritt. Die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familienblattes. Versöhnung. . „Denn an diesem Tage soll euch' Versöhnung werden . . ." Ve^r s ö h n uii g! Brauchen wir Versöhnung? — Wir sollten die.Frage umgekehrt stellen: welcher Mensch bedürfe der Versöhnung nicht? Sind doch die 'Ge g e n s ä tz e im Leben so viele, die ausgeglichen, die versöhnt werden müssen! Lassen wir jetzt das einzelne, merken wir nur auf die großen . Grundinomentc. Da ist vor allem der Gegensatz zwischen Gotteswillen und Bi c n s ch c n t a t, zwischen Gottesgesetz und Menschenleben. Gott will ein Ihm geweihtes Leben — der Mensch aber strebt nach selbstgeschafsenen Zielen. Gott gab Gesetze sür das Verhalten des Menschen in seinem irdischen Dasein — der Mensch aber läßt die Ordnungen Gottes unbeachtet. Das Gesetz zieht die Schranken, innerhalb deren das Wirken des Menschen sich betätigen soll — der Mensch aber durchbricht die Schranken, geht den eigenen sclbstgewähltcn Weg. Eine tiefe Kluft klafft zwischen der erhabenen göttlichen Lehre und dem kleinlichen menschlichen Wirken, ein Gegensatz, der ausgeglichen, der versöhnt werden mutz. Wieder ist da ein Gegensatz zwischen Absicht und' Wirklichkeit, zwischen dem guten Willen des Menschen und seiner Schwachheit beim Ausführen. Oft gedenken wir das Gute zu tun, bestreben uns unsere Pflicht treulich 'zu erfüllen — da türmen sich aber Hindernisse uns in den' Weg, die zu besiegen unsere Kraft zu gering ist, und der gute Vorsatz bleibt unausgeführt, der guten Absicht folgt nicht die gute Tat. Ist da nicht abermals ein Gegensatz, der einer Ausgleichung, einer Versöhnung bedarf? Endlich der traurige Gegensatz im Schicksal der Söhne unseres Volkes. Da sind Menschen, unsre Brüder, im fernen Osten, die gejagt und gequält, gehetzt und Aeknechtet werden, nur weil sie Inden, weil sie von dem auscrwählten Volke sind und den Gesetzen unsrer Thora treu ergeben geblieben — und da sind wir, ihre Brüder, durch die große Gunst der Vorsehung heil und wohlbehalten. Auch wir sind Juden — sic aber leiden für uns alle. Wahrlich, das ist ein Gegensatz, der nach Versöhnung buchstäblich schreit! Es ist der dreifache Gegensatz, der unser Leben zerklüftet. Ter Gegensatz zwischen Gott und Mensch, im Menschen selber und unter den Brüdern. Dazu ist nun der Jo m-Ha kippu rim da. Er soll V e r s ö h n n n g bringen, Versöhnung anbahnen. Teschuvo, Tefillo und Zedo ko, die drei alten traditionellen Versöhnungsmittel, verhüten das dreifache Verhängnis. Durch Teschuwo, reuige Rückkehr in die Wege der Thoragesetze wird der Gegensatz zwischen ,dem Willen Gottes und der Menschentat versöhnt. Durch Tefillo, inbrünstiges Gebet und die aus ihm hervorsprießende Gemütskräftigung und Seelenstärkung erlangen wir Versöhnung für den Gegensatz zwischen Absicht und Wirllichkeit. Durch Z e d o k o, wohltätige Gerechtigkeit, brüderliche Hilfeleistung den Gequälten und Geknechteten unseres Volkes, versöhnen wir den Gegensatz im Schicksal -er Brüder, nach dem Worte des Propheten Jesaja in der Hastora für den Jaum-Hakippurim: „DaS ist ein Fasten, wie ich es haben will: Löse die Knoten des Frevels, öffne die Bande des Jahres, laß' frei ausgehen Zerschlagene und daß ihr jegliches Joch zersprenget. Daß du brechest dem Hungrigen dein Brot und Elende, Heimatlose ins Haus nimmst; wenn du einen 'Nackten siehst, daß du ihn bekleidest und vor deinem Fleische dich nicht entziehest!" I a n in - H a k i p p u r i in bringt das heilvolle Wort: Versöhnung. Ich kenne kein erhabeneres Wort, keinen beseeligenderen Gedanken, als: Versöhnung. Nicht ewiger Trotz und Ungehorsam, soudernVersöhnung; nicht immerwährende Unzufriedenheit und Mutlosigkeit, sondern Versöhnung; nicht endlose Hilslosigkeit und Verzweiflung, sondern Versöhnung: Darum ist dem Juden der Jom-Hakippurim so teuer. Was wäre der Jude, hätte er diesen Joni-Hakippnrim nicht? Das elendste Geschöpf auf Gottes Erdboden. Und darum ist auch der kein Jude mehr, der den Jvm-Hakippurim nicht mehr kennt. Join-Hakippurim ist des Juden Stütze, seine Hoffnung und seine Rettung. „Denn an diesem Tage wird euch Bersö h nun g w e rde n, um euch zu reinigen von alleuren Sünden, vor Gott reiniget euch!" F. Die politische Lage der russischen Jude«. Wieder einmal geht durch die Tagesblätter die Nachricht, die russische Regierung habe eine Milderung der drakonischen Judechsiesetze beschlossen. Was in 'Aussicht genonunen ist, bedeutet im Verhältnisse zu den strengen Ausnahmebestimmungen, unter denen die russischen Juden so schwer zu leiden haben, b e st e n f a l l S einen sehr s ch w a ch e n Anfang, der, solange P o b j e - donoszeff seinen allmächtigen Einfluß behält, nicht so leicht zu einer fortschreitenden stetigen Besserung führen kann. Es ist eine alterprobte Wahrheit, daß beinahe sämtliche großen historischen Verbrechen im Nämen ungenügend gereifter Ideen begangen wurden. In den: dogniatischen Geiste Pobjedonoszefs's ist die Idee von einem einheitlichen Rußland die leitende: Rußland muß ganz slavisch und ganz christlich sein. Mag auch die diesem Fanatiker in den Mund gelegte Benierknng, daß ein Drittel der russischen Juden zum Chistenrtum übertreten, das zweite auswandern und das dritte .Hungers sterben wird, nicht vollständig auf Wahrheit beruhen, so viel steht jedoch fest, daß die von ihm ins Lebe» gerufene Maßnahmen gegen die Juden dem Geiste dieses Ausspruches vollkommen konform sind. * Die Zusammenpferchung der enormen jüdischen Bevölkerung (gegen fünf Millionen Seelen) in einem verhältnismäßig beschränkten Territorium, und selbst innerhalb desselben bloß in den Städten, ist die Ursache der erschreckende» Armut, in der die Juden Rußlands vegetieren. Krankheiten und Hungersnot sind die traurigen Begleiterscheinungen dieser Zustände. Die E r w e r b s v e r h ä l t n i s s e sind die denkbar kümmerlichsten. Infolge des ZusammenströmenS einer so riesigen Blasse auf engem Gebiete, sind die bedauernswerten jüdischen Handwerker und Arbeiter genötigt, sich selbst die schärfste Konkurrenz zu machen und zn ihreni eigenen Schaden die Lohnsätze herabzudrücken. Von der Wahl einer ganzen Reihe von Lebensberufen ausgeschlossen, aus den Hallen der Hoch- und Blittelschulen verbannt, von den Instituten der öffentlichen Wohltätigkeit und Barmherzigkeit zurückgewiesen, ja selbst in der freien Ausübung ihres religiösen Kultus arg behindert, durch die grenzenloseste Willkür herzloser subalterner Beamten und roher Polizeiknechte der erbarmungslosen Strenge unmenschlicher Ausnahmegesetze preisgegeben, keinen 'Augenblick vor den grausamsten Verfolgungen sicher, leben die bedauernswerten russischen Juden in steter Furcht, in ewiger Ungewißheit darüber, was der kommende Tag bringen wird. Und trotz dieser schweren Leiden ersüllt sich die angebliche Voraussage Pobjedonoszefs's bei weitem nicht. Tie Zahl der Uebertritte von russischen Juden zur orthodoxen Kirche beläuft sich auf 'kaum K von 101)00. Es ist wahrlich ein bewundernswerter Heroismus, mit dem die verfolgten russischen Juden ihrem angestammten Glauben treu ergeben sind. Den vielfachen Verlockungen zur Tause setzen sie eine stoische Standhastigkeit entgegen; den» sie glauben an die ewige (Kerechtigkeit. Nur dieser unerschütterliche Glauben gibt ihnen Krast, die schwersten Heimsuchungen mit Ergebenheit zu ertragen und selbst die Eingriffe der Gesetzgebung in den von ihnen mit Pietät bewachten Familienstand mit Geduld hinzunehmen.