Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 35 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Baku 1× ep/1000527
- Odesa 1× ep/1000834
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fceur 4 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 35. Arbeiter in den innerhalb des Ansiedelungsrayons befindlichen Fabriken wie folgt betrifft: im nordwestlichen Teile Rußlands 22 279; im südwestlichen 9596; int südlichen Rußland 2058. t Derselben statistischen Enquete entnehmen wir noch folgende interessante Daten über die im Besitze der russischen Juden befindlichen Fabriken: inr nordwestlichen Teile Rußlands ist das Verhältnis derselben: 57,6««, im südwestlichen 33,9°'«: im Süden Rußlands 23,9«'«. Nach der letzten Feststellung zählt das Gouvernement Kurland 49,313 Juden auf 674 180 Einwohner. Warschau. Jüdische Wohltätigkeit in Rußland. Tas große Elend, welches jetzt in Rußland im allgemeinen und unter den Jtldcn herrscht, stellt an die wohlhabenderen Juden jetzt besonders große Aufforderungen. Sic haben nicht nur für Kriegszwecke, fürs „Rote Kreuz" ic. enorme Summen zu spenden, sie müssen auch die jüdischen Anstalten, die heute fast ausschließlich aus ihre Gaben angewiesen sind, kräftiger denn je unterstützen, damit die Not wenigstens zum Teile gelindert werde. Und man kann nicht leugnen, die Jtldcn tun ihr Möglichstes! So meldet „Kiew. Storno“, daß bei der letzten Sitzung des Kiew er j ü d i s ch c n S p i t a l s folgende neuere Spenden angcmeldet wurden: Tic Brüder Lazar und Löb Brodsky spendeten 21,000 Rubel, Frau Lisa Brodsky 25,000 Rubel zur Errichtung einer Abstellung für epidemische Krankheiten; die Erben des verewigten Salonion F r ä n k e l 40,000 Rubel zur Gründung einer Sal. Fränkelstistung mit 12 Betten für Nervenkranke. Außerdem verpflichteten sich .die Erben, jährlich 1000 Rubel zur Erhaltung dieser Abteilung bcizustcucrn, während ein Bruder des Verstorbenen, Doktor M. Fränkcl, sich vcrpslichtet, dieser Abteilung als Arzt gratis vorzustehcn. Herr M. B. $> alp er in spendete 50,000 Rubel zur Gründung einer Heilanstalt für jüdische Lungenleidende, verbunden mit einer Massenheilanstalt, und verpflichtete sich, zur Erhaltung dieser Anstalten jährlich 1000 Rubel beizutragcn. Odessa. Die Odessaer Zeitungen melden, daß die dortige Polizei den ganzen Straßen Handel plötzlich aufgehoben hat, indem sic die Händler nicht mehr auf den alten Standplätzen an den Straßen und Plätzen duldet. „Diese neue Verordnung", so schreibt „Ödeskia Nowosti" „bedeutet ein großes Unglück für viele hunderte jüdische Familien, welche sich in dieser ohnehin schrecklichen, schweren Zeit von diesem Straßeithandcl, wenn auch kümmerlich, ernährt haben — jetzt können sie buchstäblich vor Hunger sterben." Tas jüdische .Komitee für Arme in Odessa hat darauf eine allgemeine Versammlung einberufen, und es wurde in derselben beschlossen, eine Bittschrift an das Stadtoberhaupt zu richten, damit die polizeiliche Verfügung, die h u n d c r tc jüdische Familien in den Hungertod treibt, wieder aufgehoben werde. Baku. Die kaspische Fischereiverwaltung hat. wie die „Bakinskija Jswestija" melden, die Juden Perlmann und A l t m a n n verständigt, daß der dirigierende Senat entschieden hatte, daß die Zubereitung von Fischwaren, das Salzen und das Sortieren der Fische nicht als Handiverk betrachtet werden könne, welches Juden das Wohnrecht außerhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons einräumt. Mithin sind alle Juden, welche dieses Handwerk ausüben, nicht berechtigt, in den .Fischereigebicten zu wohnen. Diese Entscheidung bedeutet für viele tausende jüdischer Familien den Verlust ihrer bisherigen Existenz. G Feuilleton. G Aus bewegter Jett. Erzählung aus der Zeit der französischen Revolution. Bon R. Fortsetzung. „Hall, der kommt uns nicht ans den Augen!" riefen die Soldaten streng. „Bagatelle, er wird Euch nicht davonlaufen, ich stehe gut für ihn; er sieht auch garnicht wie ein Ausreißer aus; kommen Sie nur mll!" Tarauf führte sie den Gefangenen in die Küche, wischte eiligst mit ihrer Schürze einen Küchenstuhl rein, stellte chn zum Herd und sprach geschwätzig, indem sie die Kaffeemühle holte und gebrannte Körner hineinwarf: „So, jetzt fetzen Sie sich, guter Freund, und tun Sie wie zu Hause; Gott ist überall, überall wohnen Menschen und ein Jud' bei einem andern ist nicht fremd. Nicht wahr. Sie sind ein Jud'? Mein Jakob hat Sie gleich dafür erkannt. Sie haben so ein jüdisches Gottesfnrcht-Gesichtchen, mein armer Mensch, Sie haben gewiß schon lang nichts gegessen? Nun, essen Sie unterdessen eine Bohlet) sie sind erst frisch gebacken, werden aber schon abgekühll sein. Gleich ist der Kaffee fertig; ja, ja, ich Hab' auch Kinderl', leben sollen sie mir, wer weiß, wer ihnen einmal mft einem Kaffee dienen wird!" Bon diesem Zärtlichkeitsausbruch ging sie dann plötzlich in einen drohenden Ton über: „Geht Ihr mir aus der Küche, Ihr Satanim, oder ich schütte Euch einen Topf heißen Wassers über den Kopf! Nein, was ich mit meinen Kindern ausslehe, das hat Hiob nicht gelitten; die Revolution hätte schon garnicht gedacht werden sollen. Ta habe ich einen ältesten Sohn, meinen Eliah, er ist jetzt zwanzig Jahre alt, und war meinem Manne schon, so schön im Geschäft behilflich; vor einigen Monaten geriet er jungen Brauseköpfen in die Hände, die ihn überredeten, mit ihnen nach Paris zu gehen und in die N'ationalgarde zu tteten; da machte er sich in der Nacht auf und davon, nachdem er uns einen Brief zurückließ, er könne dem Drang nicht widerstehen, seinem Vaterlandc zu dienen; seit sechs Wochen haben wir schon nichts von ihm gehört. Auch einen Lehrer haben wir gehabt, der mit nnsern Kindern so schön gelernt hat, bis man ihn vor zwei Jahren zum Militär nahm. Seit der Zeit laufen unsere Kinder herum und lernen nichts; jo weit Frankreich istj ist kein Lehrer zu bekommen, wenn man ihn auch mit schwerem Golde bezahlte. Welcher junge Mensch nur gesunde Glieder hat, der wird in das Heer gesteckt oder geht von selber dazu. Ta Hab' ich.einen achtjährigen Jungen, er kann noch nicht oren-); wenn mein Mann Zeit hat, nimmt er sich ihn ein Bischen her, er hat aber selten Zeit, er ist größtenteils abwesend; daß sich Gott erbarme über unsere Kinder, sie wachsen auf wie die Schgoozim?) Halt, halt, nein, nein, so Hab' ich's nicht gemeint, das Wasser wäre bald übergelaufen! so, so, gleich können Sie ihren Kaffee trinken, er wird zwar nicht gar fein sein,- aber herzlich gegönnt; so, jetzt ttinken Sie mit Gesundheit; legen Sie doch den schweren Hut ab; weißt Tn was, Aaron, hol' des Vaters Hauskäppche» heraus!" „Wär' es nicht möglich, daß Sie diese Geschichte ein andrcsmal erzählten, und uns etwas schneller unser Essen fertig machten?" fragte sie einer der Soldaten, etwas barsch in die Küche tretend. „Gleich find Eure Kartoffeln fertig," erwiderte die Hausfrau. „Tie können Sie für sich behalten; wir wollen Braten und Wein!" „Tas bekommen Sie im Gasthaus einige Häuser weiter unten." „Ten Rat können Sic auch für sich behalten; wir wollen, daß Sie uns Braten und Wein geben sollen." „Wo soll ich's hernehmen? ich Hab' nichts." „Sie haben doch so viele Töpfe auf dem Herd stehen; das dampft ja Einem so ganz appetitlich entgegen!" „Tas ist auf die Feiertage." __ > „Wir wollen heute unfern Feiertag hier haben; sobald sich das Wetter ändert, ziehen wir weiter." „Ich wollt', es wär' schon!" „Kurz und gut, will sie uns etwas Gutes zu essen geben, oder soll ich ihr sogleich den Schädel entzwei schlagen?" erwiderte der Soldat, indem er eine Gebcrde machte, welche zeigte, daß es ihm mit seiner Trohung Ernst sei. Mutter und Kinder schrien laut auf, — da erschien wie ein Engel vom Himmel der Gefangene von hinter dein Herd hervor, welcher in einem Satz den Ungestümen an der Brust faßte, zur Küche hinausschleuderte, ihm' in den Vorhos nachfolgtc und ihm einige heilsame Lehren mit der Faust bcibrachte, die er mit den Worten begleitete: „Ta wir schon einmal, im Abrechnen sind, mein Herr, wollen wir die Rechnung ganz begleichen: hier für die Bougre, hier für die Kolbenstöße, hier für's Jagen zum Ofen und hier endlich für das rohe Benehmen gegen die Hausfrau!" „Weh' der Stunde, daß ich's erlebt habe!" rief die Hausfrau kreischend und händeringend; „vergessen Sie nicht, daß Sie ein Gefangener in einem fremden Lande sind!" „Tas weiß ich wohl; was mit mir geschieht, ist mir gleichviel; aber überzeugen sollen sich die Franzosen, daß die Oestreicher keine Memmen sind," erwiderte kalt der Gefangene. Tie zwei andern französischen Soldaten, als sie das Gekreisch hörten, liefen eilends herbei und als sie den Gefangenen ihrem Gefährten so derb zusetzen sahen, fragten sie die Frau erstaunt, was da wäre; als diese ihnen den Hergang berichtet hatte, wandten sie sich an den Gefangenen mit den Worten: „Weiß er, daß sein Leben in unsrer Hand.ist?" „Ja wohl, aber so lange ich noch lebe, kann ich kein ruhiger Zuschauer bleiben, wenn ein Stärkerer einen Wehrlosen angreist. Jetzt, meine Herren, schalten Sie über mich!" erwiderte Jener, indem er sich ihnen mit Festigkeit cntgegenstellte. Die beiden Soldaten ttaten unwillkürlich zurück und blickten ihn ehrerbiettg an;' darauf sagte der Eine zum Andern:. „Ten könnten wir brauchen; der hat das Herz und den Kopf auf dem rechten Fleck." Ta hörte man Plötzlich die Türe öffnen und der kleinste Knabe rief freudig aus: „Mutter, der Vater ist gekommen!" Ein noch rüstiger Mann in vorgerückteren Jahren trat ein mft einem Pack in einem Arm-und einem Korb im andern; die Kinder sprangen ihm freudig entgegen und bestürmten ihn sofort mit der Frage, was er ihnen mitgebracht hätte. Nachdem er Jedem einen 'Apfel heraüsgeholt hatte, ttat er zu seiner Frau, welche ihm herzlich die Hynd drückte und ihn mit einem .Wortschwall bewtllkommte: - „Weh' wie froh bin ich, daß -Du schon da bist; ich Hab' mir schon garnicht denken können, wo Tu bleibst; wär'st Tu fünf Minuten früher gekommen, da hättest Tu sehen sollen, der Schreck ist mir schier in die Knie geschlagen." . Und sie erzählte mit schnellen Worten das Abenteuer mit dem Soldaten. Er warf darauf dem Gefangenen einen dankenden und dem Soldaten einen drohenden Blick zu; sie aber fuhr fort: „Laß' gut sein, der hat schon sein Teil, er kann zufrieden sein; aber säg' mir, was hast Tu in dem Korb und wo bliebst Tn so lange: Tu wußtest doch, daß heute Erew Jomtow ist?" „Verschiedene Gelder Hab' ich eingetrieben und mich um Fische umgesehcn. Sieh', wie schöne Fische ich auf Jomtow mitgcbracht habe! Jetzt soll Gott noch zu Minjaitt) und zu einem Baal Tokea-H helfen. Wer weiß, ob der Meier aus Saint Menehould und der Wolf - aus Chapeaubas in dem Wetter heute Herkommen; wenn sic bis drei Uhr nicht hier sind, so bleibt mir nichts anderes übrig, als nach Verdun in die Synagoge zu gehen; sie werden wahrscheinlich auch dahin gehen, weil der Weg dort besser ist." „In dem Wetter willst Tu nach Verdun gehen, was denkst Tu?" fragten Mutter und Kinder bekümmert. „Wetter hin, Wetter her, an Rosch - Haschonoh«) muß jeder ehrliche Jude in die Schulet) gehen, mag's kosten, was da will. — Aber liebes Weib, hast Tu garnichts Warmes im Hause? Ter Frost schüttelt meine Glieder." „Kaffee, wenn Tu willst." „Sei es Kaffee, wenn's nur bald da ist. Haben die Kinder schon etwas gegessen?" ' „Noch nicht," riefen Alle mit toehklagender Stimme. „Warum gibst Tu den armen Schäfchen nichts zu essen?", sprach der Mann zur Hausfrau in zärtlich vorwurfsvollem Tone. „Nun,. die Kartoffeln sind schon fertig; übrigens sind sie nicht so sehr zu. hemitleiden; sie haben erst um elf Uhr Jeder eine Bohle gegessen," erwiderte die Hausfrau gleichgültig. „Kommt herein in die Küche essen, heute darf man's nicht so genau nehmen. Ter Stubenboden ist erst frisch gewaschen worden, hätt' ihn gern sauber gehalten bis Jomtow. Geh^ waschen. Mann: geh't waschen, Kinderl; geh'» Sie waschen, guter Freund! Wartet, kein Handtuch da, wischt Euch die Hände an meiner Schürze ab; was soll man tun, heut' muß man sich so. behelfen/' „Und was kriegen wir denn zu essen," fragten die Soldaten, welche bisher stumme Zuhörer geblieben waren. „Was wir haben, wenn's Ihnen beliebig ist,, meine Herren. Bedenken Sie, daß Sie hier nicht in feindlichem Lande, sondern bei französischen Bürgern sich befinden. Wenn Sie sich unangemeldet bei mir einquartierten, müssen Sie vorlieb nehmen mit dem, was ich vorlieb nehme; sonst erlaube ich Ihnen, sich's anderswo besser zu suchen; ich bin ein Mann und lasse mich nicht in's Bockshorn jagen," erwrderte der Mann mit Festtgkeit. Als die Ungestümen sahen, daß sie auf einen mutigen Gegner getroffen hatten, sttmmten sie die Saiten herab und nahmen ohne Widerrede an dem Küchentisch Platz. Als Alles sich's so bequem wie möglich gemacht hatte, richtete der Hausherr an den Gefangenen das Wort: „Mso sind Sie ein Jude, Scholaum Alechem«); tun Sie hier >vie zu Hause. Sie sind hier Gefangener? ' Nun, es kann noch eine Zeit kommen, wo Sie den Tag segnen werden, an dem Sie hergekommen sind; nichts Aergeres soll einem deutschen Juden zukommen, als französischer Unterthan zu werden. — Haben wir also einen Minjanmann mehr hier. In unsrem Ort wohnen drei jüdische Familien, worunter acht Barmizwa«) sind; da kommen immer an jedem Sabbath und Feiertag ein Jude aus St. Menehould und einer aus Chapeaubas her, wenn schönes Wetter ist; Erstcrer ist zugleich Baal-Tokea und letzterer ein wunderschöner Baal Tefilla?«) Was Letzteres betrifft, kann ich zur Not aushelfen; mach' ich's auch nicht so fein, mein' ich's doch ehrlich mit Gott; ist's den Leuten nicht recht, soll's ein Anderer besser machen; mit dem Schofarblasen") aber niird's schwer geh'n." „Ta kann ich zur Not aushelfen," bemerkte der Gefangene. i) Eine Art jüdischen Festtaggebäckes. -) Hebräisch lesen. s) Gassenjungen. 4) Eine Anzahl von zehn Mannspersonen, welche bereits das dreizehnte Jahr überschritten, haben, ohne welche bei den Juden kein öffentlicher Gottesdienst gehalten werden darf. s) Einer, der das Widberhorn satzungsgemäß zu blasen versteht. ' 6) Neujahr. T) So viel als „Synagoge". 8) Friede über Euch. ' , 9) Confirmirter. 10) Vorbeter. 11) Widderhorn. > (Fortsetzung folgt.)