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Neue jüdische Presse · 1904-08-26 · Heft 33 (26.8.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 33 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 33 des Frankfurter Israelitischen Famüienblattes. Wie der Protest der ung. Rabbiner entstanden ist. Ungarischer Brief Non Iwri. Der Protestaufruf vieler ungarischer Rabbiuen gegen die Misrachi-Konferenz hat den ungarischen Rabbinerstand blosgestellt. Wir möchten über diese unrühmliche Agitation einige Daten bringen. Der Aufruf erging von dem Waitzner Oberrabbiner Silber- Pein, der sich von einem holländischen Rabbiner, den der Waitzner Rav als „Gaon hazaddik" tituliert, der aber, wie männiglich bekannt, garnicht auf dem Standpunkte des orthodoxen Judentums steht, und von einem nach herostratischen Ruhm dürstenden Rabbinatskandidatcn, der früher Zionist — kein misrachistischcr — war, und damals noch seine orthodoxe Anschauungen mit dem Zionismus in Einklang bringen konnte, über die religiöse Stellung des Misrachi irreführen ließ. Unter den wahrhaft srommen in Ungarn herrscht große Verwunderung darüber, wie die Veranstalter des Protestes einfach weltbekannte Gaonim in Rußland, von deren Frömmigkeit die Protestler selber überzeugt sind, auf die unbegründete Verleumdung hin als „Betrüger" zu brandmarken wagten. Mit welcher Skrupellosigkeit und Verletzung der elementarsten Forderungen des Anstandes diese Agitation seit Wochen vor der Konferenz getrieben wurde, das woUen wir nur an einem Falle zeigen, an einem Falle, der die Entrüstung aller Anständige» in Ungarn, sowohl in zionistischen, wie in nichtzioniftischen Kreisen hervorgerufen hat. Der Fall, den auch der „Zsidö Neplap" gebracht hat, ist folgender: Ein fremder Rabbiner kam nach Päpa, in die Gemeinde, deren Rabbiner ein Mitglied des zionistischen Aktionskomitee ist. Der ehrwürdige Herr Oberrabbiner zp. Päpa wird sowohl in seiner Gemeinde, wie in ganz Ungarn, außer seiner großen Gelehrsamkeit, besonders wegen seiner echten Frömmigkeit und seines makellosen, reinen Charakters, verehrt. Selbst seine größten Feinde werden diese edlen Vorzüge des Päpaer Oberrabbiners nicht in Abrede zu stellen wagen. Der fremde Rabbiner nun wünscht, in der Synagoge Predigen zu dürfen. Der zuständige Rabbiner, ohne dessen Erlaubnis er das selbstredend nicht tun kann, ist soeben abwesend, seine Erlaubnis wird also schriftlich eingeholt. Der vornehme, überaus höfliche Päpaer Oberrabbiner erteilt schriftlich seine Erlaubnis dem fremden Rabbiner, auf seiner Kanzel predigen zu dürfen. Und was tut der fremde Rabbiner? Er benutzt die Erlaubnis des Ortsrab- Liners auf dessen Kanzel zu einer Hetzrede gegen den Zionismus, den der Ortsrabbiner vertritt und fordert die Gemeinde auf, die Bestrebungen des Ortsrabbiners, dessen Gastrecht er Lenießt, zu ignorieren und der Mahnung des früheren Rabbiners der Gemeinde, der den Zionismus verirrt eilt und dessen Schüler der Redner ist, folge zu leisten. Was dieser Mißbrauch des Gastrechts bedeutet, das wissen alle Anständigen. Der Aufruf, des Waitzner Raw wurde nun an alle Rabbiner versendet und auch einige scharfe Worte, ohne Begründung, von dem als chassidischer Fanatiker bekannten Hußter Rabbiner beigesügt. Zu welchem Zwecke das geschah, das erliest man aus dem Briefe des Klausenburger Oberrabbiners, den derselbe an den Waitzner Oberrabbiner gerichtet hat und der in der „Mg. jüd. Zeitung" in Budapest, wie auch im „Franks. Jsr. FambQ" abgedruckt war. Der chrw. Herr Oberrabbiner von Klausenburg sagt da: „Dazu wollen Sie noch gewaltsam die Ansicht des Rabbiners von Hußt den Rabbinern Ungarns aufdrängen, indem Sie jedem von ihnen dessen Aeußerung, das Urteil des Einzelnen, wie eine vom Himmel heruntergefallene Kundgebung zusenden. . . Durch die Zusendung des Hußter Urteils wird auf die übrigen Rabbiner ein Zwang ausgeübt, indem darin dekrediert wird, daß diese Bewegung mit „Apikorsus" verbunden sei." Das hat auch seine Früchte getragen. Wir kennen eine Anzahl von .Fällen, wo Unterschrift erfolgt ist ohne Prüfung, der Sache, lediglich unter dem Druck des Urteils des Hußter Rabbiners, der in seiner Gegend ein autokratisches Regime führt und aus dessen Munde Leben und Tod über die Frömmigkeit eines Menschen ausgeht. Ein sprechendes Dokument dafür ist die Versicherung des Klausenburger Oberrabbiners in dem vorerwähnten Brief, wo es heißt: „Ich selbst habe in Bartfcld mit einzelnen Rabbinern gesprochen, welche mir sagten, sie seien gezwungen dem Hußter Urteil zuzust i m in e », weil sie befürchten, sonst vom Hußter Rabbiner und von seinen Anhängern als Teme i i m bezeichnet zu .werde n." Wie die Veranstalter . des Protestes mit dem ehrwürdigen Herrn Obcrrabbiner zu Prcßburg umgingen, verdient auch öffentlich fcstgestellt zu werden. Ter Preßburger Oberrabbiner hat ausdrücklich erklärt und das klare Versprechen abgegeben, er werde ich gegenüber der Misrachi-Konferenz neutral verhalten, eine Stellung, die, wie jeder, der den ehrwürdigen Herrn kennt, weiß, seinem Charakter, jeder öffentlichen Stellungnahme auszuweichen und seinem gegenwärtigen Gesundheitszustand entspricht. Auch noch, als der Sturm der Protestler schon lustig losging, hatte der ehrwürdige Preßburger Oberrabbiner seine Unterschrift zum Protest verweigert und auf die Anfrage des Waitzner Raw, ob er zur Konferenz seine Zustimmung gegeben, ganz seinem Versprechen gemäß, neutral zu bleiben, erklärt, er stehe in keiner Verbindung mit der Konferenz („cn li din udworim imohem"), eine Erklärung, die der Mainzer Israelit in übelwollender Tendenziösität dahin verdreht hat, als Hütte der Preßburger Lberrabbiner geschrieben, „er wolle von den Leuten nichts wissen". Tiefe tendenziöse Verdrehung des, „Israelit" ist mit dem Zusammenhang und dem gegebenen klaren Versprechen ganz unvereinbar. In Ungarn wurde diese. Erklärung auch nicht mißverstanden. Auch der Klausenburgcr Oberrabbiner sagt in seinem Briefe über diese Erklärung des Preßburger Oberrabbiners: „Trotz alledem war er fest genug in seiner Ansicht, um Ihrer Behauptung nicht zuzustimmen; er gab Ihnen nur eine 'Antwort, die weder kalt noch warni ist, und das Verdienst seiner heiligen Ahnen stand ihm bei, daß er sich in dem Netz nicht fangen ließ, welches ihm gelegt wurde." Doch die Veranstalter der Hetze blieben dabei nicht. Sie bestürmten den heilungsbedürftigen ehrwürdigen Mann ohne Unterlaß, bis der kranke Mann — wie wir aus sicherer Quelle wissen, ist derselbe leider ganz gelähmt — den Terrorisierungen nicht widerstehen konnte und einer ihm Vorgesetzten Erklärung seinen Namen unterschrieb, nachdem man ihm versichert hatte, alle Rabbiner hätten schon den Protest unterschrieben. Wie die übrigen Unterschriften erzwungen wurden, darüber noch diese Schilderung: Ein großer Teil der Untersertiger des Protestes mußte zweimal aufgefordert werden, dem Diktate Folge zu, leisten. Wir kennen FäUe, wo eine dreimalige Aufforderung mit Trohungen erfolgen mußte, bis die Betreffenden ganz eingeschüchtert, für ihre rabbinische Prestige fürchtend, dem Zwange nachgaben. Wir kennen die Namen, nnd sind nötigenfalls bereit, sie zu nennen. Besonders wichtig sind die Bemerkungen, mit denen Biele ihre Unterschriften begleiteten, die aber in ganz »»qualifizierter Weise bei der Veröffentlichung einfach unterdrückt wurden. Einer hat z. B. seine Unterschrift mit einer schriftlichen Bemerkung begleitet, die dahin lautete, daß, obzwar er überzeugt sei, der Zionismus verstoße nicht gegen die Thora, besonders aber, daß der Misrachi gerade auf der Grundlage von Thenach und Schaß und' Poskim stehe, jedoch da es sein Lehrer, der Waitzner Raw es ist, der ihn zur Unterschrift auffordert, er es als ein Gebot der Ehrfurcht gegen seinen Lehrer erachte, ihm Folge z» leisten. Desgleichen wurden auch andere Bemerkungen und Bedingungen anderer Rabbiner, die sie ihrer Unterschrift betfügten, einfach verschwiegen, wie selbst die Pester „Mg. jüdische 3eit", — ein Blatt, das an der Seite der Protestler steht — in der Nr. v. 18. Aug. berichtet: „Ferner wird daraus hingewiesen. daß mancher Raw, dessen Name unter dem K o l K o r e figuriert, dies nur unter gewissen B e - di n g u n g e n erlaubt habe, so z. B. habe der ehrw. Rabbiner zu Neuhäusl zur Bedingung gemacht, „daß die drei Rabbiner, die Autoren des Protestes, i» Bälde eine allgemeine Versanimluiig in dieser Angelegenheit veranlassen werden, wo man nach reiflicher Ueberlegung und gegenseitigem Meinungsaustausch nach dem Majoritätsprinzip nach der Vorschrift der Thora entcheiven werde", während sein Name unter dem Kot köre ohne jede Bemerkung steht." Und gerade diese Ueberlegung fehlte den unterzeichnenden Rabbinern. So sagt auch der Klauenburger Obcrrabbiner in seinem schon erwähnten Brief: „Jeder vernünftige Mensch wird uns ja auslachen und alle Rabbiner, die sich auf dieses Papier stützen, zum tilespött mache». Man wird sagen: so gehen die Führer Israels vor, sie vernichten grausam ohne jedes U e b e r l e g e n und Erwägen einen außerordentlich wichtigen Gedanken, an den sich die Hoffnung der Majorität des Judentums knüpft." Viele von den llntersertigern wußten garnicht. um was es sich handelt. Wir kennen auch solche Fälle, wo dieser Protest verwechselt wurde mit einer gegen die ungarländischen n c o l o g c u Juden gerichtete Aktion. Die guten Leute meinten, es handle sich um die jüdischen Reformer in. Ungarn, die wieder etwas gegen die Orthodoxen im Schilde führen und sic unterschrieben mit gutem Gewissen. (Schluß folgt.) Das Programm des Misrachi.*) 1. Ter Misrachi ist eine auf dem Boden des Baseler Programmes stehende Organisation gesetzestreuer Zionisten mit dem Bestreben, für die Erhaltung der jüdischen Nation im Geiste des geschriebenen und überlieferten Gesetzes zu schaffen und zu wirken. Der Misrachi fiehr die Aufgabe der jüdischen Nation und ihre Lebensmöglichkeit im Festhalten an Thora und Tradition, in der Uebung der Gebote und in dem Bestreben, das Land der Väter als rechtlich gesicherte Heimstätte zu erreichen. 2. Ter Misrachi wacht über die ideelle und reale Tätigkeit der zionistischen Gesamtorganisatio», ist aber dabei unabhängig in seinem Wirken zur Erreichung seines streng religiösen Zieles. 3. Aufgabe des Misrachi ist, mit alle» legalen Mitteln die Erreichung seines Zieles durchznsetzen. Zu diesem Zwecke muß er seine Ideen erklären und verbreiten, damit sic in der Masse Wurzel fassen und bei allen Parteien Anklang finden. Ties erstrebt er durch intensives Wirken, Verbreitung einer von streng religiösem Geiste durchwehten jüdischen Literatur und durch Erziehung der Jugend in seinem Sinne. DerMainzerJsraelit — als verfolgte Unschuld: Ms wir den Mainzer Israelit, herausgegeben von Herrn Oskar Lehmann, durch die „Erklärung" in der Beilage zu Nr. 67, in seiner neuen Rolle eines Verfechters anständiger Kampsesweise erblickten, da wurden wir sehr gerührt, gerührt bis zn Lachtränen. . . Die Sache ist ja so rührend, wenn man bedenkt, daß es derselbe Mainzer Israelit ist, der z. B. mit zum Himmel verdrehten Augen verkündet hat: Die zionistischen Kongreße fänden deshalb vorzugsweise in Basel und London statt, weil dort — der Hauptsitz der Mission ist. . . Derselbe Israelit, der die niederträchtige Verleumdung verbreitet hat: aus der jüdischen Kolonialbank seien Gelder verschwunden, ohne daß man weiß wohin. . . Derselbe, der uns, persönlich ohne jedweden Anlaß öffentlich einer bewußten Lüge fälschlich geziehen hat. Undank ist der Welt Lohn, denn sonst hätte es dieser anständige Kämpe ehrlich verdient, daß er für *) Ter Original-Text des Programmes ist heb« räifch. Unsere deutsche Uebersetzung giebt den ungefähren Wortlaut des Original wieder. Anm. d. Redaktion.

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