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Neue jüdische Presse · 1904-08-19 · Heft 32 (19.8.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 32 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Vellage zu Nr. 32 des Franksurter Israelitischen FamilieMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Ein Protest der Preßburger Judenschast. — Ein Brief des Oberrabbiner von Klausenburg an den Oberrabbiner von Waitzen. —Feuilleton: Gedanken und Erinnerungen, von R. Sokolow. — Familien-Nachrichten. — Barmizwohs. Ein Protest der Prestbnrger Judenschaft. In der Budapcster „Jüd. Mg. Zeitung", dem Organ der ungarischen Orthodoxie, wurde folgender Protest veröffentlicht: (Preßburg), J2 aiu0ujt 1904 Die von dem Waitzencr Rabbiner und Konsorten im „Tel talpijoth" apostrophierte Preßb u r g e r Jndenschaft erhebt hiermit energischen Protest gegen das wahrhaft beschämende und durch nichts gerechtfertigte Kesseltreibe ti,welches von einer nicht unbeträchtlichen Anzahl ungarisch-orthodoxer Rab b onim im Anschluß an die Pre ßkampagne des offiziellen Organs des Unglaubens und der A s s i m i l a t i o n und in getreulich er Befolgung der Weisungen desselben gegen die Abhaltung d e s M i s r a ch i st e n t a g e s i n P r e ß b u r g veranstaltet worden ist. Sollte es denn mit der Orthodoxie in Ungarn schon so weit gekommen sein, das; ihre berufenen Vertreter sich dem Diktate eines „Egyenlösög" unterwerfen? Das mrtimisrachistische Treiben deS „Egycnlösög" konnte von jedem, der die Tendenzen und die Kampsesweise dieses assimilatorischen Blattes kennt, als etwas ganz natürliches und selbstverständliches füglich ignoriert werden. Mer wenn orthodoxe Rabbiner, von denen vorausgesetzt werden muh, dag sie sich der Würde und der Pflichten ihrer Stellung bewußt sind, ihre Namen unter ein Pamphlet setzen, das nichts andere? enthält, als eine Flut von Verdammungen und Beleidigungen, gerichtet gegen eine gewaltige Geistesströmung des ächtestcn und wahrsten Judentums und gegen Männer, die von dem aufrichtigen und selbstlosen Bestreben geleitet sind, die Glaubensfreiheit im Judcntume zu stärken, den verblichenen Glanz der Orthodoxie zu erneuern; so muß ein derartiges Vorgehen jedem gesetzestrenen Juden die Schamröte in's Antlitz treiben. Es ist unsererseits wirklich nicht nötig, die hervorragenden Männer, die „Talmidei 'chachomim ngdaulci hadaur", die sich am 10. Elul in unserer Stadt versammeln werden, gegen die maßlosen Angriffe und grundlosen Verdächtigungen des „Tel talpijoth" in Schutz zu nehmen: aber diese Männer sind unsere Gäste und wir können nicht d u l d e n, d a ß unsere G ä st e, n o ch b e - vor sie den Boden unserer Stadt betreten haben, solchen Ilnwürfen ansgesetzt seien, von welcher Seite dieselben auch kommen mögen. Dagegen muß umsomehr protestiert werden, da wir wissen, daß diese Angriffe nur durch den sachlich ganz nebensächlichen Umstand hervorgeruscn worden sind, daß die Misrachisten als ihren ersten Kongreßort das orthodoxe Preßburg ausersehen haben. Es soll hier nicht über den Wert oder Unwert, über den Segen oder die Gefahren der zionistischen und misrachiflischen Prinzipien gerechtet werden, hierüber mag sich jeder Jude selbst ein Urteil bilden, der die bisherige Wirksamkeit und den Kongrcßaufrns der Misrachim unbefangenen Geistes mit den Denunziationen ihrer Gegner vergleicht. Das endgültige Urteil bleibt der jüdischen Zukunft Vorbehalten. Aber — so muß jetzt gefragt werden — wie ist es nur möglich, daß orthodoxe Rabbiner an eine jüdische Gemeinde die beleidigende Zumutung stellen, sie möge ihre Tore vor einer ansehnlichen jüdischen Versammlung, die ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehmen will, schließen, und diese aus weiter Ferne herbeieilenden Männer derart vor der Oesfentlichkeit beschämen? Diese Zumutung müssen wir mit Entrüstung zurückweisen, damit man in der Welt nicht von uns sage, daß wir das primitivste Anstandsgesühl außer Acht gelassen und die Pflicht der Gastfreundschaft unseren Brüdern gegenüber gröblich verletzt haben, indem wir dieselben von unseren Toren hinwegwiesen. Wie könnten wir uns selbst in der Achtung der Welt und des gesamten Judentums soweit herabsetzen? Die politische Behörde gestattet bereitwilligst die. Abhaltung dieses Kongresses und wir sollten so gehässig sein, denselben zu hintertreiben?! Wie sollten wir uns soweit vergessen, unsere fremden Brüder in dieser Weise öffentlich zu beschämen, wo doch laut dem Ausspruche unserer Weisen schon die öffentliche Beschämung eines einzelnen Mannes ein todeswürdiges Verbrechen bedeutet? Wahrlich, die Rabbiner, die uns im „Tel talpijoth" diesen Rat erteilen, sind selbst schlecht beraten und offenbar das Opfer einer Mystifikation geworden. Wir wissen ganz genau, daß nur einige, hetzerische Agitatoren diesen K o l Kore verschuldet haben und daß die große Majorität der Unterzeichneten Rabbiner nur durch die maßlose, e i n s ch ü ch t e r n d e A g i t a t i o n derselben zur Abgabe ihrer llntcrschrift bewegt worden ist. Sowohl die Pester orthodoxe Durchsührungskanzlei, als unser hochverehrter Preßburger Oberrabbiner stehen dem Zionismus schon seit Jahren mit wohlwollender Neutralität gegenüber, so daß dieser plötzliche schroffe Gesinnungswechsel unbegreiflich ivärc, wenn wir nicht auch ans bei uns eingelauscnen Klagen einiger Rabbiner davon Kenntnis hätten, daß sie gewaltsamer Weise unter dem Hochdruck einer gewissenlosenÄlgitationzudieserSlell u n g n a h m e s ö r m l i ch g e z w u n g e n w o r d e n s i n d. Wochenlang hat sich der Preßburger Oberrabbiner, der ursprünglich die Sache der Misrachisten seiner Sympathie gewürdigt hat, dagegen gewehrt, gegen den Kongreß Stellung zu nehmen, da er sich nicht der llnkonseguenz zeihen lassen wollte, daß er, der den Talmndisten ausdrücklich gestattete, an der Bewegung teilzunehmen, er, der 5 Jahre lang der stürmischen Entwicklung des Zionismus in Preßburg gegenüber eine wohlwollende Neutralität bekundet hatte, nun plötzlich die entgegengesetzte Stellung einnehmc. Wer die Ohrenbläser haben den fern von Preßburg in einem Kurort weilenden und der Erholung bedürftigen ehrwürdigen Mann wochenlang in so maßloser Weise terrorisiert und die Misrachisten vor ihm v e r l ä u m d e t, bis er endlich, wenn auch widerstrebend, ihren Willen getan hat. Und ebenso verfuhren sie mit der orth. Landeskanzlei. Und durch solche Ohrenbtäscreien und fast gewaltsame Beeinflussungen sind die meisten der rabbinischen Unterschriften gesammelt worden. Für uns aber kann eine unter dem Zwange des agitatorischen Hochdruckes und aus Grund tendenziöser Irreführungen gegebene Aeußerung nicht jenes bedingungslose Machtwort sein, welches sonst jeder Wunsch unseres verehrte» Oberrabbiners gewesen ist und immer sein wird. So ist dieser Kol Kore entstanden, der in der Geschichte der ungarischen Orthodoxie immer ein schwarzes Blatt bleiben wird. Wahrlich, die Achtung, welche jeder gesetzestreue Jude der rabbinischen Würde als solcher, ohne Rücksicht auf die Träger derselben, entgegenzubringen hat, verbietet es über dieses Schriftstück ein Wort noch zu verlieren. Es richtet sich von selbst und wird, ohne die selsensestc zionistische Ueberzengung der Misrachisten Ungarns auch nur im geringsten erschüttern zu können, nur der Autorität jener Rabbiner schaden, die auf demselben unterzeichnet sind. Deshalb mögen diejenigen, denen der Ruf unserer Orthodoxie noch teuer ist, gleich uns den Mut ihrer Ueberzeuguug besitzen und über diese traurige Episode offen und freimütig ihr Urteil abgeben. damit das gesetzestreue Weltjudentum, dessen Augen jetzt auf uns ruhen, die wahre, unverfälschte Gesinnung der orth. Judenheit in Ungarn kennen lerne. Eia Brief des Oberrabbiner von Klausenburg an den Dberrabbiuer von Waitzen. *) Ihr Rundschreiben mit der beigeschlossenen Aeußerung Se. Ehrwürden des Rabbiner von Hust habe ich erhalten. Ich war erstaunt darüber, daß Sie sich bereit finden, über eine so große und wichtige Angelegenheit, wie die zionistische Bewegung im allgemeinen und die des Misrachi im besonderen, ohne mündliche Verhandlung und nur in Gestalt eines verhängten Gesetzes, ohne Angabe eines Grundes zu urteilen. Dazu wollen Sie noch gewaltsam die Ansicht des Rabbiner von Hust den Rabbinern Ungarns aufdrängen. indem Sie jedem von ihnen dessen Aeußerung, das Urteil eines Einzelnen, wie eine vom .Himmel heruntergefallene Kundgebung zusenden. Ich erinnere mich, daß ich vor einigen Jahren diesem Raw durch einen Talmudgelehrten einen Resvin-Beschluß zugcschickt habe, um ihm den Oberem clerabbeou Oorscbvn mattir zu sein. Er antwortete mir daraus wie folgt: „Ich sehe wohl einen großen Mann, aber keinen Grund, und „Omein" allein (ohne Begründung) können wir nicht sagen." Wenn er nun so vorsichtig ist in Bezug auf einen Oberem äerabbevu (lerseboo, wie konnte es ihm einfnllen, daß die Rabbiner Ungarns auf seine Aeußerung ein unbegründetes „Omein“ sprechen sollen in einer den Klall «Allgemeinheit) des Volkes betreffenden Angelegenheit? Haben doch viele und auch gute Juden diesem wundervollen Gedanken ihr Gut und Blut geopfert! .unüpfen doch so viele unserer verfolgten und unterdrückten Brüder ihre Hoffnungeu an diesen Gedanken. Selbst dort, wo cs sich um einen Mörder handelt, hört man nicht vorerst das Urteil eines Großen' Der Rambam sagt in seiner Abhandlung über Lavbeärm: „Durch Tradition hat man gelernt, daß man dort, wo von Menschenleben die Rede ist, nicht zuerst das Urteil des Großen hört, denn vielleicht werden sich die Uebrigen auf seine Ansicht stützen und sich nicht für würdig halten, dieselbe zu widerlegen, während doch jeder Einzelne das sagen I, was seiner Ansicht entspricht." Wenn man nun vorgeht, wo es sich um die Rettung einerjüdischen Seele handelt, um wie viel mehr sollte dies der Fall sein, wo die Rettung tausender und abertausender Juden auf dem Spiele steht! Durch die Zusendung des Huster Urteils wird auf die übrigen Rabbiner ein Zwang ausgeübt, indem darin dekretiert wird, daß diese Bewegung mit .Mpikoreue" verbunden sei. Ich selbst habe in Bartfeld mit einzelnen Rabbinern gesprochen, welche mir agten, sie seien gezwungen, dem Huster Urteil zuzustimmen, weil sie befürchten. ' o n st v o m H u st e r Rabbiner und von seinen Anhängern als Tenieiim bezeichnet zu werden. Wenn es sogar bei uns allen sicher und klar festgestellt wäre, daß man sich al pi hatauroh von der zionistischen Bewegung fernhalten müsse, dürften wir vom Standpunkte der Kulanz (veroob erez kodmoli letaiiroh) nicht ohne weiteres gewaltsam die Bewegung verstoßen, welcher Tausende von Juden Zeit. Geld und Kräfte geopfert haben, zu der viele unserer beraubten Brüder unter dem schweren Joch des «lalas emporblicken, der sie schmachtend entgegenharrcn, wie der weinende Säugling die Mutterbrust erwartet. Schon um unserer Pflicht den Menschen und der Humanität gegenüber zu genügen, hätten wir zeigen müssen, das; wir uns zur Verhandlung und Beratung über diese große Idee versammeln, daß auch wir Schmerz empfinden über den schrecklichen Druck. dem viele unseres Volkes unterworfen sind, daß ivir uns jedoch gezwungen sehen, den Gefühlen unseres Herzens Einhalt zu gebieten, weil der Zionismus stir die „Seele" gefährlich sei. Wir dürfen jedoch nicht so Vorgehen, wie Se. Ehrwürdcn es um, all dasjenige, um was sich so Biel, und auch Redliche, viele Jahre hindurch bemühen, mit einem kleinen, kauni der Größe einer Faust entsprechenden Papier uinzustoßen. Jeder vernünftige Mensch wird uns ja aus- *) Wir geben diese Zeilen wieder, weil Rabbi Moses Glasner, der Oberrabbiner von Klausenbutg, der zweitgrößten jüdischen Gemeinbe Ungarns, bisher sowohl dein Zionismus, als auch dein Misrachi fern gestanden har. Anm. d. Rcdalr.

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