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Neue jüdische Presse · 1904-08-12 · Heft 31 (12.8.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 31 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 31 des Frankfurter ZfraMscheu Familienblattes. Der Sabbat. Lebenskraft und Lebensmut Giebt der ew'ge Gott all denen. Die sich stets mit Herzensglut Nach des Sabbats Weihe sehnen. Wundergleiche Wirkung schafft Sabbats reiche Segenssülle, Jede Fiber unsrer Kraft, Ruhet sichtbar feiernd stille. Süße Wonne, Sabbattag, Lebenssonne, Gut der Güter, Nach der Woche Sorg' und Plag' Sinkt die müde Hand hernieder. Geist und Körper adelst Du Allen, die Dich wahrhaft hüten. Häufest Schätze immerzu. Spendest Rast und Ruh' den Müden. Glück und Freude, holdes Paar, Schickt der Sabbat seinen Treuen, Trübsal reicht er denen dar, Die an ihm sich Schaffens fteucn. Friede, Sabbatruh' begehrt Juda's Volk im Erdenrunde, Doch nur dem Gott Fried' bescheert. Der ihm treu im Sabbatbunde. Frankfurt a. M. Josef Carlebach. Erinnerungen \ und Gedanken von N. So ko low. Aus dem Hebräischen'übertragen von I. K. IÜ lSchluß). jC-©o mächtig wirkte auf Herzl der Anblick der jüdischen Armut, der -sich ihm in Wilna darbot. Wiederholt sagte er mir, wie auch manch ändern: seiner Beamten: „Ach, was Hab' ich in Wilna zu sehen bekommen! Ach, was ich dort nicht alles ansah!" Wenn mau ihn so sprechen hörte, war man fast geneigt zu glauben, ein Autodafe oder eine Bartholomäusnacht oder ein Skelettenhaufen von verhungerten Menschen und derartige andere Schreckensszenen hätten sich dort vor seinen Augen abgespielt. Und mir kam er dann wie ein Kind vor, wie ein kleines Kind, das eben zum erstenmale in die große Welt hinaustrat und nun zum erstenmale da erblickte, daß der eine sich satt ißt, während der andere unter dem Tische die trocknen Knochen aufliest. Wer ich besann mich bald eines Besseren: ich erkannte in dieser seiner Kindlichkeit einen Zug des Erhaben, das mir heilige Scheu einflößte und mich zittern machte. Und wahrlich! In gar mancher Hinsicht war Herzl ein zärtliches Kind und dies ist nicht minder seine Größe. „Er sah, was andere nicht sehen" — meinte Leopold Kahn. Und ich möchte noch hinzufügen: selbst wenn er nur das sah, was auch uns gewöhnlich nicht zu entgehen pflegt — so empfand er doch dabei ganz anders als wir, inniger und feiner. Die Macht der Gewohnheit unterdrückt in uns gar manche Gefühle; wir werden abgestumpft und abgehärtet gegen das alltägliche Menschenelend. Nur er unterlag dieser Macht nicht. Nur er allein war fähig, sich aufzuregen und zu empören auch angesichts der allbekannten und allgewöhnlichen Mißstände des Lebens. Und er war nie theatralisch; er tat nie affektiert. Ja, er war vielleicht der einzige unter uns, der es vermochte, sich mit allen Fasern seines Herzens gegen jedes Unrecht zu empören und jenen tiefen Seelenschmerz zu empfinden, der auch eine noch so sehr starke Körperkonstrnktion untergraben durfte. So mächtig wirkte in Herzl das Mitleidsgesühl! * * Die Judenexzesse des vorjährigen Frühjahrs brachten sein Blut in Wallung und schlugen ihm tiefe Wunden in sein großes Herz. Und sie spannten seinen Eifer an und steigerten seine Opferwilligkeit. Msdann entbrannte in ihm der qualvolle Wunsch: sofort Hilfe seinen Brüdern zu senden. Es war wie ein „kategorischer Imperativ", der aus der Tiefe seiner Brust hervorstieg und gebieterisch verkündete: Rasch ans Werk! Jetzt muß nun etwas geschehen! Jedoch unterliegt es keinem Zweifel, daßauch die Anwesenheit Herzl's in Wilna, wo er die Judennot in ihrer ganzen Tragik durchschaut und erfaßt hatte, diesen Entschluß noch mehr belebte und bekräftigte. Und es war nicht der Eindruck eines Augenblickes, er bohrte sich tief in seine Seele und setzte sich fest in sein Gehirn. In Wien und dann in Basel verfolgten ihn fortwährend jene herzzerreißenden Gestalten der jüdischen Rasse; er dachte immer an sie und sprach des öfteren von ihnen. Manche sagten ihm zwar: Es wäre ja eine Sisyphusarbeit, wollte man die Armut völlig aus der Welt sortschaffen. Manche wiederum wandten ein: Der Zionismus ist doch keine Wohltätigkeitsinstitution und kann sich nicht mit Pallativ'.nittcln gegenüber der gegenwärtigen Notlage abgeben. Manche nun erwiderten ihm: Es sind ja Millionen und Milliarden nötig, um für unsere gequälten und verfolgten Brüder eine sofortige .Hilfsaktion in Angriff nehmen zu können. Er gab ans all diese Einwände leine Antwort. Erbittert und entrüstet ging er im Zimnrer hin und her. Er schwieg und seine Augen blitzten wie durch eine schwarze Wolke. Ein qualvoller Kamps wütete jetzt in seiner großen Gedankenwelt, ein Meer von glutvollen Gefühle» tobte iu dem großen Herzen. Und es geschah nun, daß seine weise Mutter zu ihm sprach: „Lieber Sohn, rege Dich doch nicht so auf! Was nützt ja die Aufregung'? Wer hät den» so was nicht angesehen?" Da richtete er aus sie seine funkensprühenden Augen, steckte die Hand tief in die Tasche und in etwas gebeugter Haltung anttoortete er: „Mutter! Du hast es aber nicht gesehen." Er sprach dies in einem heftigen Ton, den er sonst nie gegenüber seiner so heißgeliebten Mutter anzuschlagen pflegte. Und hat er sich jetzt gegen ihre Worte doch auslehnen können, — so war es der schwierigste Moment und die höchste Stufe seiner Aufregung. * . * Mehrere Religionsphilosophen sind darin einig, daß das Wesen des Judentums in der Ethik, in der Erhabenheit seiner Sittengesetze besteht. Liebe, Mitleid, Barmherzigkeit — sie sind die Vorzüge des jüdischen Volkes. So war im verflossenen Zeitalter Rabbi Samuel David Luzatto der markanteste Vertreter dieser ethischen Richtung. Und in dieser Voraussetzung durfte man wohl ganz getrost sagen: in Herzl fand das Judentum seinen prägnantesten Ausdruck. Freilich hat er die jüdische Religion, ihre Gesetze und Vorschriften so gut wie gar nicht gekannt. Er war, nach talmudischer Auffassung, ein „tinauk schenischbah" (ein Kind, das noch als Säugling dem Judentume geraubt wurde). Wer er respektierte innerlichst die jüdische Religion. War er doch ja durch und durch eine tiefreligiöse Natur. Im Laufe der Zeit lernte er, alles .Heilige im Volke zu verehren. Er hat die Assimilationsblüten a:w seinem Hause entwurzelt und sorgte viel für eine jüdische Erziehung seiner Kinder. All' dies geschah aus innigster lleberzeugung; er handelte so, wie es ihm sein Gefühl und Verstand leiteten, ohne daß er sich darum gekümmert hatte: was man von ihm fordere oder was man eben von ihm nicht fordere. * Ist es nun keine besondere Leistung, wenn Jemand von Idealen spricht, dagegen aber ein sehr großes und wahres Verdienst, wenn Jemand ein Ideal in seinem Lebe«: verkücper,. hatte — so war Herzl einer der besten und vollkommensten Menschen ans der Erde. Und ich kenne keinen Seinesgleichen. Ist nun das Gute der Inbegriff des Judentums, so ist damit das Wesen Herzl's — das Wesen des Judentums! .,/ Aus aller Welt. Deutschland. Frankfurt a. M. Jeden Abend kominen mit dem 6 Uhr -1:5 Minuten aus der Richtung Bebra- Fulda cintreffendcn Personenzuge größere Trupps russischer Juden mit Frauen, Kindern und Gepäck ans dein hiesigen Hauptbahnhofe an, um nach 11 Uhr über Köln nach Rotterdam weiterzusahren. Die Eisenbahnbehörde hat diesen Auswandern das Tamenzimmer neben dem Wartesaal 3. und 4. Klasse rechts reserviert. Die Herren Bankier M i ch e l M a i n z und Bankier Lazarus Klau haben den Ehrendienst übernommen, während des Aufenthaltes dieser Leute die Verpflegung derselben zu überwachen. Trotzdem bleibt dem Liebeswirken des Publikums »och zahlreiche Gelegenheit zur Betätigung: Kleidungsstücke, Speisen und Geld finden eine gute Stätte. Berlin. Die Pässe der Juden an der russischen Grenz e. Der B o s s. Z t g. wird geschrieben : Es kommt nicht allzu häufig vor, daß die Vertreter einer großen Nation, daß die sonst einander aus das heftigste betämpsenden Parteien in einer politischen .Frage einer Meinung sind. Dieser seltene Fall ist jetzt in den Vereinigten Staaten eingetreten, imb er hat auch «in gewisses Interesse für uns Deutsche. Sowohl die republikanische als auch die demokratische Konvention haben anläßlich der Aufstellung der Präsidentschaftskandidaten «ine Resolution angenommen, dahingehend, daß die Regierung darauf sehe, daß die Pässe aller amerikanischen Bürger gleichviel welcher Religion oder Rasse anerkannt werden. Eventuell sollen neue Verträge mit denjenigen Ländern abgeschlossen werden, in welchen ungeregelte Unterschiede gemacht werden. Diese Resolutionen sind speziell auf Rußland gemünzt. Nun wird allerdings schon seit wer weiß wie viel Jahren von der amerikanischen Regierung vergeblich das hier Gewünschte zu erreichen gesucht. 'Alle Noten, alle mündlichen Vorstellungen, die namentlich Staatssekretär Hay dem russischen Botschafter Grafen Cassini gemacht hat, sind ohne Erfolg gewesen. Aber man hasst setzt, daß gegenüber dem einhelligen Wunsche der Vertreter der ganzen amerikanischen Nation die russische Regierung doch andere Saiten aufzieheu wird. Man betrachtet in den Bereinigte» Staaten die Paßsrage keineswegs als eine nur die Juden angehende Frage, sondern als eine Frage der nationalen Würde. Ter Annahme der Paßresolution in beiden Konventionen sind vorangegangen zahllose Volksversammlungen, in denen entsprechende Resolutionen gefaßt worden sind. Wie man >oeiß, hat sich auch die deutsche Regierung vergeblich bemüht, durchzusetzen, daß die Pässe deutscher Bürger jüdischen Glaubens an der russischen Grenze respektiert werden. Man hofft nun in Amerika, daß jetzt alle Kulturstaaten an Rußland die gleiche Forderung stellen werden, und daß Rußland die Erfüllung dieser Forderung nicht mehr ablehnen werde. Der vor einiger Zeit in Newyork interviewte Fürst llchtomski hat eine solche Konzession an die amerikanischen Juden nicht für unmöglich erllärt. Wie dann das gleiche dem benachbarten und befreundeten Deutschland verweigert werden könnte, ist schwer einzusehen. Berlin. Durch die Neuorganisation, die der deutsche Zionismus im Juni 1W4 aus dem Hamburger Delegiertentag empfangen hat, ist die gesamte zionistische Agitation in einem Berliner Zentralbureau vereinigt, andererseits sind, aber in den neugegründeten Gruppenverbänden Stützpunkte geschaffen worden, von denen aus der Zionismus allmählich alle deutschen Gemeinden ergreifen kann. Das

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