Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 24 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 24 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Noch einmal -er „Verband der deutschen Juden."*) Am 29. v. M. fand in Berlin die konstituierende Sitzung deS Ausschusses des „Verbandet der deutsche» Inden" statt. Unsere Befürchtung, der Verband strebe nach einer staatlichen Organisation der deutschen — oder wenigstens der preußischen — Juden, scheint sich zu bestätigen. Den» die vom Ausschuß eingesetzte Kommission zur Bearbeitung von Gesetzes und Versassnngsfragcn kann neben der ebenfalls gebildeten politischen und juristischen Kommission kaum einen anderen Zweck haben, als eine staatliche Dtp n tsatio u auszuarbeiten. Es ist bereits an dieser Stelle ans die Gefahr hingewiescn, die uns gcsetzeStrenen Juden von solcher Organisation droht: von der mit den Machtmitteln des Staates ausgerüsteten irreligiösen Majorität erdrosselt zu werde». . Roch etwas anderes ist es, das uns veranlaßt, noch einmal zu dem Verbände das Wort 311 nehmen. In der erwähnten Ausfchiißsitznng wurde auch eine literarisch-apologetische Kommission geschaffen unter Vorsitz v 0 n :>i a b b i n c r P r 0 f. D r. M a h b a u m. Tic Wahl dieses Vorsitzenden könnte allein schon genügen, jeden gesetzestrcuen Inden über die Stimmung der maßgebenden Kreise im Verbände aufzuklärc». Ein Verband, der beansprucht, die Vertretung aller deutschen Juden zu sein, gibt die jüdisch-literarischen Angelegenheiten vorzüglich einem Mamie in die Hände, der es selbst kaum bestreiten ivird, nach Ansicht der gesetzestrenc» Juden ein Kaufcir bc-ikkur zu sein: Solch ein Mann ist nach der Meinung des Verbandes in erster Linie geeignet, darüber zu entscheiden, durch ivclchc literarischen Erzeugnisse das Judentum verletzt wird, durch ivas für literarische Arbeiten es geschützt wird! Mit Absicht ist hier vom Juden t u m, nicht von den Juden, die Rede; denn nichtreligiöse, literarische Angrisfe gegen die I n d c n gehören doch zweifellos vor das Forum der politischen oder jurislischeit Kommission. Gilt denn der literarisch-apologetischen Kommission ein Angriff gegen den Talmud und gegen die Paußkim als Angrisf gegen das Judentum, und ist nach ihrer Ansicht ein Apologet verpflichtet, ans ißwei derabbonon Rücksicht zu nehnien? Wäre es so, dann hätte sich die Komniission gegen ihren Vorsitzenden zu wenden, der den issur hanzooh öffentlich mißachtet. Schließt sie sich aber der Ansicht ihres Vorsitzenden an, so verzichtet sie darauf, auf gesetzcstrcue Mitglieder des Verbandes Rücksicht zu nehmen. -— Wir haben die Wahl des Vorsitzenden der literarisch - apologetischen Kommission näher betrachtet, weil durch sie der Ronsens der ganzen Komniission iil dem Verbände, der die Vertretung aller deutschen Inden sein ivill, am krassesten hcrvortritt. In eine». Verbände, unter dessen Mitgliedern die Anschannngen über das Judentum im denkbar größten Widerspruch stehen, ist eine einheitliche literarisch-apologetische Tätigkeit unmöglich. Die Bildung einer solchen Kommission wirft ein eigenartiges Licht auf das Verständnis der Ausschußmehrheit sür Fragen, die das religiöse Judentum berühren. Rach dem Bericht der „Jüdischen Presse" über die Sitzung des Ausschusses, gehören diesem nunmehr 49 Herren an. Unter ihren Namen sanden ivir (> von gcsctzcstrencn Juden. Da aber von ihnen nur einer dem Ausschuß ursprünglich angehört, die übrigen erst in der Sitzung kooptiert wurden, wissen wir nicht, ob diese die Wahl angcnomme» haben. Wie dem auch sei, es ist eine aussälligc Tatsache, daß mehrfach von g e s e tz e s t r c u e r Seite gegen, von n e 0 l 0 g e r Seite f ü r den Verband geschrieben ist, daß aber — so weit uns bekannt ist — von ge - sctzes treuer Seite nirgends für den Verband geschrieben ist. Wüßten wir nicht, daß gesetzestrenc Juden dem Verbände angehören, aus dem Stillos Zu einer sachlichen Diskussion dieser ernsten Frage stellen wir unser Blatt gerne zu Verfügung. Wir selbst werden das. was wir zu den Gesichtspunkten des geschätzten Schreibers zu sagen haben, in der nächsten Nummer darlegen. Anm. d. Redakt. schweigen würden wir das Gegenteil entnehmen. Leider können wir es nicht. Und so müssen wir denn zu unserem Schmerze in dem Verbände die Gefahr sehen, daß er unter den gesetzcstreuen Juden iviederum eine Spaltung hervorzurusen droht. — Von einer öffentlichen A u s spräche ist jedensalls zu hassen, daß sie in unserem Lager auf beiden Seiten, bei den Gegnern des Verbandes, wie bei seinen Freunde», die Ilcberzeugung bestärkt, daß der Wille da ist, sich gegen seitig zu verstehe». Wir richten deshalb au diejenigen gesetzestrenc» Juden, die dem Verbände angehören, die Bitte in einem, der Blätter unserer Richtung — wir sind überzeugt, daß das Frankfurter Israelitische Familienblatt sowie die übrigen gleichgesinnten Blätter gern hierzu ihre Spalten znr Verfügung stellen —, ihren Standpunkt darzulegen zu der drohenden Gefahr de r st a a t l i ch e n O r g a » i f a t i 0 11. s 0 wie zu der l i t c r a r i s d) - a p 0 l 0 g e t i s ch e n K 0 m m i s s i 0 n d c s V c r b a n d e s. Jeder wahre Jude, der die jüdische Geschichte des letzten Jahrzehntes übersieht, wird mit schmerzlichem Bedauern die Perhccrungcn bemerken, die im gesetzestrenen Jiidciitnm einerseits durch die inneren Spaltungen angcrichtct sind, andererseits durch die in vielen Kreisen ständig wachsende Indifferenz gegenüber den Lebensinteresscn des wahren Judentums. Schütze uns Gott davor, daß der Verband iii unsere Reihen einen neuen Riß hineinbringe: vielmebr sei der Verband mit all seinen Gesahren für alle Inden, die dem Glauben ihres Volkes noch treu sind, eine Warnung, wohin die innere klneinigteit führt, und sei er ein Ansporn, zn erkennen, daß nns vor allem not tut der Zufainiiiciischliiß all derer, deren Streben es ist zu leben ke-dass mauseheli wo-jisrosl! M. Die Barmizwoh-Feier und ihre Vorbereitung. Referat des Lehrers E. W e r t h e i m e r aus H a r d - heim, gehalten bei der amtlichen Lehrerkonfercnz sür den Rabbinatsbezirk Mosbach (Baden» in Werlheim a. M. lll extenso mitgeteilt von einem guten Freunde des Referenten. -S.- Der Feiern und Festlichkeiten und Vorbereitungen gibt es viele, in Familie, in Gemeinde, weltliche, religiöse und politische Feiern und Gedenktage, so daß man mit dem Dichter sagen könnte, »wer zählt die Völker, zählt die Namen, die gastlich hier zusanimen kamen." Jeder derselben setzt Geschehnisse. Erlebnisse oder historische Begebenheiten freudiger oder trauriger Natur voraus oder verbindet Hoffnungen und Wünsche, die bestimmend mitwirkend dieselben in konkreter Weise zum 'Ausdruck zu bringen — durch einen feierlichen Akt. Ebenso bedingt jede Feier eine längere oder kürzere Vorbereitung, eine Rüstzeit, je nach Zweck. Absicht und Ziel der Feierniomente. Eine der erhebenstenFeier ist die »Barmizwoh- Feier", die sich nach Itzjähriger Vorbereitung und Saat zu einem Chag hoosif, einem Einsammlungs- Erntefeste gestaltet. Der Mensch, einer Pflanze, einem Baume des Feldes vergleichbar, verursacht seinem Pflanzer und Pfleger, Ernährer und Erzieher Blühe und Pflege, bis er soweit inr Lebensboden Wurzel gefaßt hat, um der Stütze, Wartung und Pflege im großen Ganzen entbehren zu können, um wenigstens gegen die normalen Stürme auf dem Lebensozean gefeit zu sein! 13 Jahre haben Eltern und Lehrer fleißig und wachsam gearbeitet; haben sie in die weichen Furchen ihres Kindes und Schülers die goldenen Samenkörner weiser Lehren gestreut. um für spätere Jahre eine Ernte vorzubereiten, wie sie Gott auf dem Felde des Lebens, im Kreise der Menschheit zu reifen wünscht; 13 Jahre zählten und hofften die Eltern auf die ernstfeierliche Stunde, wo nach dem Ausdrucke unserer Weisen der dezor liatanw, der Sinn für das Gute, im Knaben erwacht. Für dasjenige, was er bis jetzt aus äußerem Zwang und Gewöhnung geübt und gemieden, wird in ihm jetzt das Bewußtsein der sittlichen Notwendigkeit und Pflicht notwendig: er wird damit religiös mündig, wird verantwortlich für sein Tun und Lassen auf religiösem Gebiete. Von dem Tage an, wo der Sohn das Prädikat lseli (»Mann"> erhält, spendet daher der Vater seinem himmlischen Schöpfer vor geöffneter 8eker tauroh Dank für die Gnade und das Glück, sein Kind zu dieser Selbständigkeit heranerzogen zu wissen, sich freuend, daß der Wunsch: „K'schem schenicbnas labris, ken jikoncs l:\taurob, ul'chupoh ul'maasim tauwim" sich erfüllt hat und er so nicht nur physisch, sondern auch geistig seinen Stamnr vermehrt sieht. Gleich den Eltern ist der Lar mizwoh von weihevollem Hochgefühl beseelt, von jevt an als Isch zu gelten und sich als gleichartiges Glied der Gottes- Gemeinde anschließen zu dürfen. Als solches präfentirt er sich das erste Mal. indem er eine Alijob letauroh erhält, oder aus der betr. sidrob vorlicst, oder in der Svnagoge das erste mal vorbetet. In der Birchas hatauroh spricht der Bar mizwoh sein Weihegelöbnis fürs Lebenaus. Gott dankend, daß er dem Gottesvolk — dem ascher bochar — dem auserwählten Volke angehört, dem er das kostbare Gut, die Quelle aller Weisheit, die Lehre der Wahrheit, die Führerin zum ewigen Leben gegeben. Ist der Barmizwoh für seinen Pslichtenkreis erzogen und geschult, sich verständnisvollst und mitLiebe heimisch zu fühlen, dann ist das Ziel langjähriger Vorbereitung erreicht. Jüdisch denkende, fühlende und handelnde Eltern tragen die besecligende Hoffnung in sich: „Wir haben nicht umsonst, gelebt, nicht blos physisch, auch ge istig vervielfachten wir uns. Wir haben uns unsterblich gemacht, da wir geistig fortleben werden in unseren Kindern und Kindeskindern. Bon diesen und ähnlichen höheren Gefühlen erfüllt, verlassen die Ellern in Begleitung des Bar mizwoh die Synagoge, und auf die Synagogenfeier folgt allmählich die eigentliche Familienfeier, beginnend mit Gratulationen der Verwandten, Freunden und Bekannten. 'Auch wird ein Festessen — Seudns mizwoh genannt — abgehallen. In früheren Jahren fehlte niemals der Lehrer an dieser Tafelrunde; heute glänzt er meistens durch seine Abwesenheit. Der Bar mizwoh ist Heute die Sonne, um welche sich die Trabanten des Festkreises bewegen. In früheren Zeiten mußte bei Tisch oft von dem Bar mizwoh eine D’roschoh gehalten werden, um zu zeigen, was er gelernt hat; öffentliche, amtliche Schulprüfungen kannte man nicht. Die vrosehoh war daher der Prüfstein des Wissens. In unserer Zeit ist auch diese schöne Sitte fast verschwunden, an ihrer Stelle hält der Bar mizwoh zuweilen zur Erhöhung der Festesstimmung eine — Tischrede. Nachdem der Gefeierte das .Mesumenbenschen" ausgesührt, schließt die häusliche Barmizwoh-Feier, eine der schönsten religiösen Familienfeier, die Hoffnung anknüpfend von Seiten der Eltern, der Barmizwoh- Sohn, der nun in die Schule des Lebens eintritt, möge in praktisch und sozialer Beziehung den Weg Gottes und der Menschenpflicht stets wandeln und so die weiteren Etappen der Lebenswünsche in Ehre erreichen. Wir kommen zum zweiten Teil, dem „wichtigsten" unseres Themas: »Vorbereitung zur Barmizwoh-Feier". Die Barmiz-Vorbereitnng ist: 1. eine allgemeine; 2. eine rekapitulierende; 3. eine praktisch-anschauende. Wir sind von der Wiege bis zum Grab inimer in Vorbereitung begriffen; wo wir uns niederlassen, sind es nur Absteigquartiere, die wir in der Absicht beziehen, sie wieder zu verlassen. Kindesalter ist Vorbereitung für's Jünglings- und Jungfrauenalter; diese sür den Beruf als Mann und Weib. Das Grundprinzip der Barmizwoh-Borbereitung ist in dem bekannten Satze enthalten : Ohaaauch Fnaar al pi darkau u. s. tu., d. H. Rüste, bereite den Knaben nach Maßgabe seines einzigen Lebensweges vor, im Alter wird er dann davon nicht weichen. Der religiös mündig gewordene Sohn heißt Bar mizwoh, nicht Bon mizwoh, weil er nicht nur ein Sohn der Pflicht in Bezug des inneren Kreises, des spezifisch und religiösen Lebens, sondern auch nach außen — „Broh* — sozial und staatsbürgerliche Pflichten in gleicher Weise als Broh-dar in lauterer