Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 21 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Vellage zu Nr. 21 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Rückwanderer! Berlin. Am 29. Mai tagte im Sitzungssaal der Armenkommission der jüdischen Gemeinde eine Konferenz betreffs der Frage der Rückwanderer. An der Konferenz nahmen Teil Vertreter der jüdischen Gemeinden Berlin, Breslau, Köln, Königsberg, Posen, Kattowitz und Hamburg, außerdem als Delegierter des Israelitischen Untcrstützungsvereins für Obdachlose in Hamburg, Herr Laskar-Hamburg und Vertreter des Hilssvereins der deutschen Juden und der Mliance Jsraelite universelle. Herr Julius Cohn begrüßte die Erschienenen namens der Berliner 'Armenkommission und schlug die Wahl d es Herrn Theodor Oschinski - Breslau zum Vorsitzenden vor. Der Vorschlag fand allgemeine Billigung. Herr L a s k a r wies auf die durch das Reskript des M i n i st e r s des Innern geschaffene äußerst schwierige Lage speziell an der holländischen Grenze hin, wo die preußische Regierung den Rückwanderern den Eintritt verwehrt, falls dieselben nicht im Besitze größerer Geldmittel sind, llm dieser Schwierigkeit zu begegnen, empfahl Herr Laskar: Eine Organisation derjenigen größeren Gemeinden, welche auf dem Wege von der holländischen Grenze nach Berlin liegen, damit dieselben die mittellosen Rückwanderer, die ihnen von der Grenze ans, rcsp. von Rotterdam aus zugeschickt werden, entsprechend weiter bcsördern, bis dieselben in Berlin und in den Bereich der schon vorhandenen Organisation, die ihre Repatriierung vornimmt, gelangen. Um die seitens der Regierung gemachten Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, solle man eine Audienz beim Minister des Innern nachsuchen, und von demselben die Anerkennung der bereits bestehenden Organisation zur Repatriierung der jüdischen Rückwanderer verlangen. Der Vorsitzende verlas einen Brief des Vereins Montesiore in Rotterdam, in dem derselbe zunächst bedauert, zu der Konferenz keinen Delegierten entsenden zu können, und dann mitteilt, daß im vorigen Jahre über 500 mittellose jüdische Rückwanderer in Rotterdam gelandet sind, welche auf Kosten des Vereins nach Köln weiter befördert wurden, daß aber jetzt die Gefahr vorläge, daß diese Weiterbeförderung durch die Polizeimaßregeln der preußischen Negierung unmöglich würde. Herr Feilchenfeld - Köln und .Herr D r. N a - than-Berlin weisen daraus hin, daß für alle diese Rückwanderer, ob sie nun aus England oder den Vereinigten Staaten von Nordamerika kommen, der Weg über Rotterdam und die darauf folgende große Landreise in jedem Fall einen bedeutenden Umweg vorstelle. Dabei gewinne nur der preußische Eisenbahnfiskus, während /die Wohltätigkeitsanstalten der Gemeinden die unnütz vermehrten Lasten zu tragen haben. Es müsse darauf hingewirkt werden, daß die Rückwanderung auf dem geographisch nächsten Wege zu geschehen habe und besonders empfehle sich die Route über Hamburg. Herr Dr. Nathan hob noch hervor, daß es auch im Interesse aller beteiligten Faktoren liegt, die Rückwanderung möglichst zu konzentrieren, um mit einem geschulten Personal an die Prüfung der einzelnen Fälle heranzutreten. Herr Laskar führte aus, daß es sich bei den Rückwanderern in ihrer großen Mehrzahl um ganz bedauernswerte Elemente handle. Die Leute sind mit ihren eigenen Mitteln, nachdem sie das letzte, was sie besaßen, verkauft haben, nach England oder Amerika gereist, und haben versucht, sich dort eine neue Existenz zu schaffen. Dabei sind sie gescheitert, und das Elend, das sie durchzumachen hatten, war so groß, daß ihnen das Elend, das sie in ihrer Heimat Rußland oder Galizien, verlassen hatten, noch erträglicher erschien. Teils als Arbeiter auf den Schiffen, teils mit Hilfe irgend welcher Unterstützungen arbeiten sich diese Elemente bis zu den Hafenstädten durch. Dann aber sind ihre Mittel vollkommen zu Ende, und wenn man sich ihrer nicht annimmt, müssen sie als Wanderbewer das Land überschwemmen. Dadurch wird nur die Abneigung gegen die Juden gestärkt und andrerseits eine erhebliche Summe Geldes, die den Leuten tropfenweise znsließt, verschwendet. Darum bildet die seit 2 Jahren ausgezeichnet snnktionicrende Organisation für die Repatriierung dieser Rückwanderer eine außerordentlich segensreiche Institution, die. leider noch nicht genug bekannt ist und infolgedessen von Gemeinden und Privaten nicht genügend berücksichtigt wird. , Herr Feilchenfeld- Köln empfiehlt, mit den englischen, holländischen resp. amerikanischen Komitees in Verbindung ju treten, damit dieselben diejenigen Rückwanderer, die sie unterstützen, ausschließlich nach Hamburg dirigieren. Herr Laskar betont, daß der Israelitische Unterstützungsverein für Obdachlose in Hamburg, sowie die Hamburger Gemeinde bereits 38000 */£. jährlich für diese Zwecke aufbringen und damit an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind. Würde eine weitere Vermehrung ■ der Rückwanderer eintreten — insbesondere dadurch, daß die Route über Rotterdam ■ anfgegeben wird — so müßten in der Tat die auswärtigen Gemeinden die Hamburger unterstützen. Nach längerer Diskussion werden zwei Anträge des Herrn Feilchenfeld-Köln angenommen. Der erste geht dahin, ev. unter Zuziehung des Deutschisraelitischen Gemeindebundes, noch einmal bei allen größeren Gemeinden, die die neue Organisation noch nicht finanziell unterstützen, um eine solche Beihilfe vorstellig zu werden. — Der zweite Antrag wünscht, daß sich der Vorstand mit den Komitees in London und Rotterdam in Verbindung setzt, um zu erreichen, daß die durch die Wohltätigkeits-Institutionen in diesen Städten expedierten Ziückwandcrer sämtlich über Hamburg geleitet werden. Alsdann bringt Herr O s ch i n s k i den Antrag der Synagvgeiigemcinde Breslau zur Sprache, daß als Borort der genannten Rückwandererorganisation an Stelle von Breslau Berlin gewühlt werden soll. Die Mehrzahl der Anwesenden spricht sich indessen gegen diesen Antrag aus, weil die Geschäfte zur Zeit in Breslau ganz vorzüglich geleitet würden. Die weitere Beratung des Breslauer Antrages wird schließlich bis zur nächsten Sitzung vertagt. Es werden noch einige Nebensächlichkeiten erledigt und dann wird die Sitzung geschlossen. Herren. Herr Dr. B o d e n h e i m e r - K ö l n wird wie bisher der Führer der deutschen Zionisten bleiben. Dienstag Abend fand eine öffentliche Versammlung statt, die von 1500 Personen besucht war. Herr Dr. Klee-Berlin referierte über die „Aufgaben des Zionismus" und erntete begeisterten Beifall bei den 'Anwesenden. Aus aller Wett. Deutschland. Berlin. Wie die .Berl. N. Nachr." Mitteilen haben nach einer Verfügung des Ministers des Innern die Regierungspräsidenten bei Anträgen auf Aende - rung jüdischer Vornamen, sei cs aus Anlaß des Uebertritts vom Judenttlm zum Christentum, oder aus sonstigen Gründen, künftig ebenso an den Minister zu berichten, wie dies bei 'Anträgen aus Aenderung jüdischer Familiennamen durch frühere Erlasse vorgeschrieben ist. Berlin, 1- Juni. Neuere Nachforschungen in der Konitzer Mordassäre haben den Verdacht auf den Arbeiter Maßlos und seinen Schwager, den Schlosser Berg, gelenkt. Bei einer Haussuchung in der Wohnung, die Maßlos zur Zeit des Mordes bewohnt hat, sollen Kleiderfeyen, die als die Reste des Anzuges Winters erscheinen, und Katzenhaare, die in der Farbe mit den Haaren eines von der Familie Maßlos benutzten Katzenfelles übereinstimmen, gesunden worden sein. Weiter soll fcstgestellt worden sein, daß Maßlos eine Rümmer des in Könitz wenig verbreiteten Blattes, in das man den Kopf Winters eingewickelt fand, am Mordtage in einer Gastwirtschaft an sich genommen hat. Die Untersuchungsbehörde nimmt jetzt an, daß Maßlos den Winter in einer heiklen Situation in seiner Wohnung angetrosfen und im Asfekt getötet habe. Maßlos, der bekanntlich in einem der Konitzer Prozesse wegen Meineides zu Zuchthaus verurteilt worden war und sich nach der Verbüßung seiner Strafe nach Westdeutschland gewandt hatte, ist nun, wie das „Tageblatt" meldet, dieser Tage in einer Fabrik bei Halberftaüt ermittelt und verhaftet wordcnl Wien. Ein großer Prozeß beginnt in U n o w in Galizien am 4. Juni gegen die Urheber und Teilnehmer an den Exzessen gegen die Inden, die im 'April 1903 in Unow stattfanden. 'Angeklagt sind 112 Personen, darunter Polizisten, Gerichtsdiener und Feuerwehrleute. Von den Angeklagten sind inzwischen zehn nach Amerika geflüchtet. Telcgiertcntag der zionistischen Bereinigung für Deutschland. (Schluß.) Am zweiten Verhandlungstag sprach man hauptsächlich über die Propagierung des Zionismus. Schachtel- Breslau, D r. H ch. L o e w e - Berlin, Dr. Halpern -München u. a. wollen die Betonung des nationalen Momentes in der Agitation nicht missen und bringen deshalb eine Resolution ein, in der deutlich ausgesprochen ist, daß der Zionismus eine jüdisch-nationale Bewegung sei. Nach einigen bertlhigenden Erklärungen des Vorsitzenden, Herrn D r. Bodenheimer, in denen er seinen abweichenden Standpunkt darlegte, aber die Erklärung abgab, daß er durch und durch jüdisch-national sei, zogen die Antragsteller ihre Resolution zurück. (Nach diesem etwas nach Ikmfall ausschauenden Rückzug der „Radikalen" hat es jeder Agitationsredner wieder in der Hand, den nationalen Zionismus in einer Versammlung zu vertreten oder nicht, je nachdem er es für opportun hält. Wir halten diese 'Agitationsweise nicht für — zionistisch.)*) Die von Sondheimer-Frankfurt gestellten Anträge zur Organisation, Einrichtung eines Zentral- Büreau, Regulierung der Schelelbeiträge, Neueinteilung der Gruppenverbände, werden nach dem Bericht der eingesetzten Kommission ohne erhebliche Debatte genehmigt. Als Sitz des neugefchaffenen Zentral-Büreau wird nach Vorschlag von Sondheimer Berlin bestimmt und zum Leiter Herr Rechtsanwalt Dr. Arthur Hantke gewählt. Die darauf vollzogenen Wahlen zum Zentral- Komitee ergaben die Wiederwahl der bisherigen *) Unser Standpunkt in dieser Sache — siehe redaktionelle Bemerkung zu „Revision des Zionismus?" Anm. d. Redakt. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Ein erfreuliches Bild des auch heute noch bestehenden jüdischen Wohltätigkeitssinnes zeigt der 3 0. Jahresbericht der Israelitischen Waisen anstatt, bei dessen Durchlesen man recht lebhaft den Eindruck gewinnt, daß — wenn auch sonst durch die Ungunst der Zeiten viele jüdische Tugenden verschwunden sind — das „jüdische Herz" wenigstens noch in alter Weise schlägt. Zuerst erwähnt der Bericht als das hervorragendste Ereignis des abgelausenen Jahres die Uebersiedelung der Knabenabteilung in das neue Heim, Röderbergweg 87. Den stattlichen und imponierenden Bau hat Frau Baronin Edmund von Rothschild zum Andenken an ihren Vater s. A. anfführen lassen, während Frau Baronin W. C. von Rothschild, die Ehrenmutter der Anstalt, die erforderlichen Mittel für die Inneneinrichtung gewährte. Dann gibt der Bericht «ine Nebersicht über die Frequenz. — Bon den 34 Zöglingen, die am Schluß des Jahres 1902 in der Knabenabteilung sich befanden, wurden im Llpril 9 entlassen und traten in hiesige Geschäfte als Lehrlinge ein; die hierdurch erledigten Stellen wurden sämtlich im Laufe des Jahres wieder besetzt. Doch auch die der Schule entwachsenen Zöglinge verblieben bestimmungsgemäß auch als Lehrlinge weiter in der Anstalt. — Die Mädchenabteilung zählt 17 Zöglinge, von denen die noch schulpflichtigen die israelitische Volksschule besuchen und im Hause, gleich den der Schule entwachsenen Zöglingen, der jeweiligen Altersstufe entsprechend, zweckdienliche wirtschastliche Anleitung erhalten. Sehr reich und .mannigfaltig ist, wie bereits oben rühmend hervorgehoben, im Berichte das Verzeichnis der Geschenke, Mitgliedsbeiträge nsw. Wir lassen hier die Gesamt-Uebersicht des Einnahmen und Ausgaben-Apparates folgen: Knabenabteilung: Einnahmen. Geschenke Jfc 16 722.— Jahresbeiträge „ 7 740.25 Zinsen „ 6 215.30 Zinsen und Stiftungen ,, 6 656.08 Synagoge „ 1486.50 Fehlbetrag 1908 „ 1821.77 Sa. Ji 40641.90