Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 20 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. tätig sein. Das Zcntralbüreau übernimmt alle geschäftlichen Angelegenheiten, und namentlich di: Herausgabe von Flugblättern und Broschüre». Die oberste Instanz für Repräsentationszwecke nach außen, dem Aktionskomitee in Wien gegenüber, für Streitfälle, Ueberwachung der Organisation u. dergl. bleibt das Zentral-Komitec, das seiner Verwaltungstätigkeit enthoben, besser und erfolgreicher wie bisher arbeiten kann. Die Trennung der Gewalten ist durch diese Dreiteilung vollständig durchgeführt und es ist zu erwarten, das; die neue Organisation den inneren Bau des deutschen Zionismus stärken und kräftigen werde. Ms Ort für das neu zu gründende Zentral- Büreau schlug der Referent Be rlin vor, das infolge seiner zentralen Lage, seiner vorzüglichen Arbeitskräfte, allein im stände sei, die Verwaltungstätigkeit zu leiten. An dieses Referat schloß sich eine lebhafte Debatte, deren Resultat die Ueberweisung der Vorschläge an eine siebengliedrigc Kommission war. lieber de» Nationalfonds berichtet Dr. Robert Hantle -Berlin. Im Berichtsjahr sind in Deutschland '13 000 Mark eingegaugcn. Tiefe Spende hat unter der für die Kischincwer Märtyrer eingeleiteten Sammlung, die Mark 6000 ergab, gelitten. Trotzdem sind in diesem Jahre wesentlich mehr Beiträge zu verzeichnen, wie in dcni letzten. Die Oelbaumspende ergab bisher Mark 600.—, nalich die Hkunburger Herren beteiligten sich sehr rege daran. Ms bestes Propagandamittel empfahl Herr Dr. Hantle die Nationalfondsbüchfc. 15 Institutionen und Personen sind in diesem Jahre in das goldene Buch eingetragen worden, 29 Conteu werden noch geführt. Allgemeine Fragen der Propaganda behandelte Herr Assessor Dr. Groneman- Hannover; er stellte folgende Leitsätze auf: Bei der Propagierung des Zionismus ist die Darlegung des historischen.Werdeganges unserer Bewegung und die nachdrückliche Betonung der nationalen Grundlagen unserer Idee unerläßlich. Es ist ferner ausdrücklich festzustellen, daß der Zionismus nicht für einen Bruchteil, sondern für die Gesamtheit der Juden arbeitet. Der Schekel darf von denjenigen Juden angenommen werden, welche sowohl die öffrechtl. Sicherung der Heimstätte, wie deren Errichtung in Palästina als wesentliche Bestandteile des Programms anerkennen und auch über die nationale Grundlage des Zionismus unterrichtet sind. ■ lieber diese beiden Thesen fand eine lebhafte Debatte statt, in der namentlich die unbedingte Betonung des nationalen Moments als unerläßlich für unsere Agitation bezeichnet wurde. Die erste These wird einstimmig angenommen. Der Stand der K o l o n i a l b a n k ist nach den Ausführungen des Herrn Bankpräsidenten Wolfsohn-Köln ein sehr günstiger. Die Geschäfte sind viel umfangreicher als im vorigen Jahre. Auch die Filiale der Bank in Jaffa entwickelt sich, sodaß voraussichtlich die Verhältnisse es erlauben werden, im nächsten Jahre auch in Jcrusalcin ein Institut zu eröffnen. Die Shares werden jedes Jahr in großer Anzahl verkauft: wenn auch in Rußland fast alle Zionisten schon ini Besitze von Aktien sind, so sind noch gerade in Deutschland viele Aktien abzusetzen. Auch die zionistische Zeitung, die „Jüdische Rundschau" ist im Aufblühen begriffen, der Etat balanciert und cs ist gute Aussicht vorhanden, daß in diesem Jahre ei» Ucberschuß erzielt wird. (Schluß folgt.» Stimmen über Obcrrabbiner Roth's Broschüre. n. Ich hatte die Roih'sche Broschüre nicht gelesen: wie ich überhaupt dem Zionismus ferne gestanden habe. Erst eine Artikel-Serie eines Frankfurter Herrn in einem bekannten, orthodoxen Blatte gegen diese Broschüre hat mich infolge ihres scharfen Tones veranlaßt, den so schwer angeklagtcn Atientäter kennen zu lcriicu. Ich nahm das Buch zur Hand und las es — ich las cs mit steigendem Juleresse und mit steigendem Erstaunen und zivar mit steigendem Interesse, hcrvorgcrusen durch die Sachlichkeit und Innigkeit, mit der der hochwürdige Bersasscr zu den Lesern spricht und mit steigendem Erstaunen darüber, daß man einem solch' ernst und ausrichtig Frankfurter Jsraelitiches Familienblatt. geschriebenen Werke in so schroffer Weise entgcgentreten kann. Zu meiner Verwunderung ersah ich ans dem Buche, daß der moderne Zionismus nicht ein Werk Herzl's ist, sondern sich in.den Bahnen unserer Weisen fortbewegt; daß bereits der Ramban, Rabbi Hirsch Kalischer und noch viele andere auch für den orthodoxen Gegner maßgebenden Autoritäten eine große Volksaktion im Sinne des Zionisnius erstrebt haben. Nachdem also im Prinzip diese Bewegung auf dem Boden des orthodoxen Judentums steht, so erscheint es schwer verständlich, warum die bewußte kritische Beleuchtung sie mit aller Wucht der Worte bis in den Grund hinein in Bausch und Bogen verurteilt. Es kann doch nur im Interesse der Gegner liegen, ihre Bedenken einfach und klar der Beurteilung des Publikums vorzulegcn. Vielleicht ist es bei einer ruhigen Behandlung der Gegengründe möglich, auch die noch abseits stehenden Orthodoxen für eine Sache zu gewinnen, die doch im Prinzipe einem jeden Orthodoxen heiligster Herzenswunsch sein sollte. Ein Laie. Personalien. Hamburg. Herr Hermann Gumpertz, Vorsitzender des deutsch-israelitischen Synagogen-Verbandes, sowie Vorstandsmitglied der Lllisoes israslito universelle und der Gesamtorganisation. der deutschen Judeuschaft beging am 17. ds. mit seiner Gemahlin das frohe Fest der silbernen Hochzeit. Wie bei der allgemeinen Beliebtheit des Jubelpaares nicht anders zu erwarten war, wurden Herrn und Frau Gumpertz an ihrem Ehrentage zahlreiche Aufmerksamkeiten erwiesen. Ratibor. Die Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde hat den Kaufmann Eugen M o t t e k zum Vorsitzenden und den Kaufmann Moses Fabian zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Wilhelmshaven. Die kaiserliche Werft hat zum ersten Male einen Jude», Herrn Gottlieb Maguus aus Hannover angestellt; Herr Magnus ist technischer Zeichner. Konstantinopel. S) oss« f Effendi Krieger, Exzellenz, ein hoher Beamter des Ministeriums, ist im 66. Lebensjahre gestorben. Kopenhagen. Am 25. Mai feierten Herr Professor Rabbiner D r. S i m o n s e n und Frau das Fest ihrer silbernen Hochzeit. Um Ovationen zu entgehen, hat sich Herr Professor Dr. Simonscn bereits vor 6 Wochen mit seiner Frau auf die Reise begebe». New-Nork. Die Regierung verfügte, daß Einwanderer mindestens 10 Dollars haben müssen, auch wenn sie ein Bahnbillet haben und Verwandte sie erwarten. Aus der Lehrerwett. Mainz, 18. Mai. Sein 50jähriges Dienstjubiläum feiert der israelitische Religionslehrer Herr Lehmann am 1. Juli d. Js. Der noch körperlich und geistig frische Lehrer steht im 69. Lebensjahre. Dresden. Herr Rabbiner Dr. Leopold Stein- Berlin 'ist zum Religionslehrer und.stellvertretenden Rabbiner der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde ernannt worden. Schönlauke, 21. Mai. Heute ist Rabbiner S a l o m 011 Waeldler, der hier 40 Jahre amtierte, im' Alter von nahezu 74 Jahren nach eintägiger Krankheit entschlafen. Haigerloch (Hohenzollern), 14. Mai. In der Sitzung der Gemeindevertretung wurde gestern Abend beschlossen, auch die i s r a e l i t i s ch e Schule auf den Gemeiudeverband zu übernehmen, nachdem die evangelische Schule schon vorher auf l. April lausenden Jahres auf den Gemeindeverband übernommen worden war. Dornum (Ostfrieslands. Bolksschulhaus. Dank den Subventionen der Kgl. Regierung und' des Deutsch-Israel. Gemciude-Bundes war es unserer nur aus 18 Familien bestehenden Gemeinde vergönnt, ein Schulgebäude für die hiesige ösfeutliche jüdische Volksschule im verflossenen Winterhalbjahre errichten zu können. Das im April vollendete Haus, im schönsten Teile unseres Fleckens gelegen, enthält eine Familienwohnung für den Lehrer, einen Garten, einen schönen Schulsaal, der allen modernen Anforderungen entspricht usw. Für die gegenwärtig von 20 Schülern besuchte Schule ist unter anderm auch ein Spiel- und Turnplatz vorgesehen. Besondere Aufmerksamkeit für das Zustandekommen des Gebäudes zeigte Herr Landrat Bayer-Norden, der auch den Kauf des Schulgrundstückes bewerkstelligte. Jerusalem. Hier ist die Lehrerbildungsanstalt, welche der Hilssvercin der deutschen Juden errichtet hat, am 5. Mai eröffnet morden. Po» einer feierlichen Eröffnung hat man mit Recht Abstand genommen und einfach mit dem Unterricht in zwei Klassen begonnen. In der Präparandcnklasse sind 10 Schüler, darunter 5 aus Jerusalem und 5 aus den Kolonien. In der 3. Scmiuarklassc sind 8 Schüler, die sämtlich aus Jerusalem stammen. Die erste und zweite Seminartlasse sind noch nicht eingerichtet Nr. 20. und werden erst im nächsten resp. nächstnächsten Jahre mit denjenigen Schülern besetzt werden, welche, die dritte Seminartlasse mit Erfolg absolvierten. Auf diese Weise wird für eine gleichmäßige Ausbildung der Lehrer am besten vorgesorgt. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Der Verein Montes i o r e bringt seinen Mitgliedern zur Kenntnis, daß der zu seinen Lokalitäten gehörige große Garten nunmehr zur Benutzung hergerichtet ist. Derselbe ist mit elektrischem Licht versehen und wird deshalb besonders in den Abendstunden einen angenehmen Aufenthalt bieten. Die Eröffnung wird M o n t a g, 3 0. Mai a. c. Abends SVa U h r mit einem Gartenk o n z e r t stattfinden. Wien. Die Israelitische Allianz, deren Zweck laut Paragr. 2 ihrer Statuten ist: 1. „Die Volkserziehung bei den Israeliten durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen und durch andere geeignete Mittel zu fördern. 2. Dort, wo Israeliten als solche noch zu leiden haben, ihnen eine wirksame Stütze zu bieten. Der Verein soll außerdem nach Umständen statistische und historische Leistungen des Judentums zu fördern suchen" veröffentlicht soeben seinen 31. Jahresbericht. Im verflossenen Jahre hatte die Allianz die folgenden Einnahmen: Jahresbeiträge 26129 Kr., Spenden 15 917 Kr., Zinsen 11448 Kr., Spenden anläßlich der Exzesse in Kischinew und Hömel 221520 Kr. und Kontokorrentzinsen 2504 Kr.; dagegen folgende Ausgaben: Schulzwecke 4423 Kr., literarische Zwecke und Stipendien 2274 Kr., rumänische Schul- und anderweitige Hilfszwecke 3337 Kr., rumänische Emigranten 23 707 Kr., verschiedene Unterstützungen 2765 Kr., für die Abgebrannten in Zloczow 255 Kr., Verwaltung 13 957 Kr., Propaganda 255 Kr. und für die Opfer der Exzesse in Kischinew und Homel 103 878 Kr. Der Vermögensbestand der Allianz in Staatspapieren und Losen beziffert sich auf 270 200 Kr. Das Bureau der Allianz befindet sich Wien I., Weih, burggasse 10. Vakanzen. ttnmbflch (Bayern). Schachet und Synagogendiener per bald. Fester Gehalt 600 Jt., erhebliches Nebeneinkommen, Brennmaterial- und Wohnungsentschädigung. K r u s ch w i tz (Posen). Kantor und Schächter per 1. Oktober. Gehalt 1000 Jt nebst freier Wohnung und Nebeneinkommen. Schwegenheim (Rheinpfalz). Kantor, Religionslehrer und Schächter. Einkommen ca. 2000 Jt und freie Wohnung. K l i n g e n b e r g a. M. Kantor, Religionslehrer und Schächter per sofort. Gehalt 1300 Jt Ortenberg (Oberhessen). Kantor, Schächter und Lehrer per Juni. Einkommen ca. 1150 Jt. Briefkasten. B. M. Wir verzichten darauf, dem neuen antisemitischen Münchener Witzblatte „Der Grobian" die Ehre anzutun, uns mit ihm zu beschäftigen. „Der Jtzig im Himmel", „Der koschere Isidor", „Das Lied vom Levi" sind Geistesprodukte, zu deren gebührenden Würdigung uns jede Befähigung fehlt. Dr. M. Sie fragen, warum wir als eine auf dem Boden der Tradition, die in sich ja die jüdische Nationalität. einschließt, stehende Zeitung, gegen eine jüdische Organisation auftreten; — darauf erwidern wir Ihnen, daß in Ihrer Frage gleichzeitig die Antwort enthalten ist, nämlich: eine jüdische Organisation muß sich entweder aus der jüdischen Nationalität oder auf der jüdischen Religion aufbauen, und weder das ersterc noch das letztere ist hier der Fall. Die Verbands-Leute würden sich sehr energisch dagegen verwahren, wenn man sie, die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, deutsche Bürger jüdischer Nation neunen wollte; und als deutsche Bürger jüdischen Glaubens müßten logischer Weise doch Männer an der Spitze stehen, die mindestens an den Hauptprinzipien des Judentums fcsthalten. Was aber die politische Seite betrifft, die ja die Hauptsache der Organisation sein soll, so sind wir davon überzeugt, daß wir dabei — statt zu gewinnen — nur verlieren können, denn wir riskieren, ein Spielball politischer Leidenschaften zu werden. D. K. Tie von der Zensur auf V-i Jahr eingestellte Zeitschrift Woschod ist eine bereits seit langen Jahren bestehende, sehr angesehene Zeitung, und bestand aus einer wöchentlichen Chronik und einer wissenschaftlichen Monatsschrift. Sie war eine stete Förderin jüdischen Wissens und eine tapfere Kämpferin für die jüdischen Rechte; wegen des letzteren wurde sic auf Plehwe's Befehl eingestellt.