Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 20 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 20 des Frankfurter Israelitischen Famllienblattes. Delegiertentag der zionistischen Bereinigung für Deutschland. Am Pfingsten traten in den schönen, festlich dekorierten Sälen des „Conventgarten" in Hamburg 100 Delegierte aus allen Teilen Deutschlands zusammen, um über die zionistische Bewegung in Deutschland zu beraten. Die Hamburger Herren hatten alles aufgeboten, um den Delegierten die Stunden, die von anstrengender Beratung frei waren, so angenehm als möglich zu machen. Sonntag Abend fand ein gemütliches Zusammensein statt, in welchen! Herr L e w i n s o h i! die Anwesenden begrüßte und die Hoffnung aussprach, das; das Resultat der Sitzungen ein günstiges und für den Zionismus ein gedeihliches werden möge. * _ * * Montag erösfnete der Vorsitzende des Zcntrak- Komitees, Herr Rechtsamvalt Dr. M a x Bodenh e i m e r - Köln, den Delegiertentag mit einer Eröffnungsrede, in der er aussührte, daß zum siebenten Male die Zionisten Deutschlands zusammen kämen, seitdem in der freien Schweiz das Progrannn sestgestellt wurde, an den! wir festhalten und das eine Richtschnur ist für unsere Agitation. Keine großen Ziele sollen heute ausgestellt werden, sondern wir wollen nur das Band enger knüpfen, das die Zionisten Deutschlands umschließt. Wir haben die Widerstände niederzukämpfen, die sich uns entgegenstemmen, wir wollen das zionistische Gebäude immer größer, immer herrlicher gestalten. Ist der Zionismus auch noch nicht so groß, wie wir wünschen, so haben wir doch in den wenigen Jahren GO Ortsgruppen geschaffen, und 57 Vertrauensmänner vertreten unsere Interessen in kleineren Orten. 6000 deutsche Juden sind zu unseren Fahnen geeilt, die in. dem Zionismus das Rettungswerk aus der politischen, sozialen und ethischen Judennot erblicken. Zwar gibt es noch andere Rettungswerke, die bestrebt sind, die Not zu lindern, aber wir unterscheiden uns vor diesen dadurch, daß wir durch das ganze Volk für das ganze Volk arbeiten, daß wir die Juden in einen! Zentrum vereinigen, während die anderen sie zerstreuen wollen. Wir kennen keinen Unterschied unter den Juden, der Russe ist uns so lieb wie der Deutsche, wenn er Jude aus vollem Herzen ist, und wir werden es nie zulassen, daß ein Erisapfel in unsere Bewegung gebracht wird, dadurch, daß man die Ausländer aushetzt. Wir achten und ehren sie alle und wollen sie in unserer Bewegung nicht missen. Auch von Palästina wollen >vir nicht ablassen, wir wollen das Endziel unter allen Umständen zu erreichen suchen, die Mittel dazu sind verschieden. Vielleicht wird uns die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Ostafrika dem Hcimatlande näher bringen, als zerstreute Kolonien in Palästina und den Nachbarländern. Sollten wir uns in dem Weg aber geirrt haben, dann ist es ein leichtes, wieder zurückzufinden zur richtigen Stelle. Wir wollen wackere Soldaten unserem Volke sein, die in treuer Kameradschaft den Weg zur Freiheit suchen und ihn auch finden werden. Wir wollen gute Juden, ehrliche Menschen bleiben und dann kann der Ersolg nicht ausbleiben. — Bei der dann erfolgten Bureauwahl wurden Dr. B o d e n h e i m e r - Köln, Tr. F r a n ck -Altona, Dr. M. Kaufmann- Freibnrg zu Vorsitzenden gewählt. Das erste Referat hält Herr Professor D r. Otto Warburg-Berlin über: „Unsere Aufgaben in Palästina und Syrien". Nachdem der Zionismus sein Programm sich gegeben hat, und die theoretischen Kernfragen genugsam erörtert sind, so führte der Referent ungefähr aus, so beginnen wir nun in die praktische Tätigkeit einzutreten. Wir wollen die Juden offen und frei nach Palästina führen, nicht auf dem Wege der Kleinkolonisation, wie die Alliance isrealite , und ähnliche Institute, sondern auf dem rationelleren der Schnellkolonisation. Unsere Tätigkeit muß also einerseits darauf gerichtet sein, den Charter zu erlangen, aber wir haben andererseits die Möglichkeit, eine Reihe von Aufgaben zu erledigen. Es ist in der Geschichte noch nie vorgekommen, daß Völker in kurzer Zeit eine Großkolonisation ausführen, die amerikanischen und südafrikanischen Kolonien haben sich anfangs wenig und unsicher entwickelt, bis sie groß und stark wurden, sodaß sie eine starke Infiltration Ertragen konnten. Wenn heute nach Nordamerika jährlich eine Million Menschen kommen, so ist das eine Kolonisation im großen Style. Die Baron Hirsch'sche Idee, in Argentinien im Laufe eines Jahrzehntes 1 Million Juden anzusiedeln, konnte nicht in Erfüllung gehen, weil Argentinien noch nicht genügend entwickelt ist. Was wir also erstreben müssen, ist anfangs nicht die Großkolonisation, sonder» die Schnellkolonisation. Uns erwachsen folgende Pslichten: die eigene Kolonisation zu unterstützen, durch Versuchsanstellungen, neue Gesellschaften zu gründen, die die Produktionsbedingungen der Landwirtschaft verbessern und neue Gebiete dem Handel und der Industrie zu erschließen. Also kein Geld für Kolonisation, sondern Hilfe für Ueberwindung von Schwierigkeiten, die anfangs in Hülle und Fülle auftauchen. Genossenschaften zur Produktion, Verkaussgenossenschaften, Genossenschaften für Maschinen, alle auf solider Basis gegründet, müssen geschaffen werden. Die Landwirtschaft lvird voraussichtlich der wichtigste Faktor in Palästina bleiben, und daher mutz es auch unser Ziel sein, diese zu heben, daneben hat der Boden noch andere wertvolle Schätze, die ausgebeutet werden können, z. B. Phosphate, Kalisalze, die schon heute sehr geschätzten Asphaltablagerungen aus dem roten Meer, Schwefel- und wahrscheinlich auch reiche Petroleumlager. Auch, sonstige Industrien, wie Ziegeleien, Brennereien, Glasfabriken usw. können ohne große Schwierigkeit in Betrieb gesetzt werden. Ebenso muß dem Handel, der jetzt primitiv geführt wird, durch Verbesserung der Transportwege, Einrichtung der Schiffahrt aufgeholfen werden. Organisationen find zu diesem Zwecke zu schaffen, die imstande sind, den Ausbau zu erleichtern und die jüdische Kolon iatba n k soll das ihrige durch Diskontierung von Wechseln, durch Arrondierung und Parzellierung von Ländereien tun, um neue Kolonisten dem menschenarmen Lande ztiznführen. Auch die Wissenschaft ist im Stande durch Erforschung des Landes die Basis der wirtschaftlichen Eütwickelung abzugeben. Die neugegründete Zeitschrift „Palästina", herausgegeben von der zionistischen Palästinakommission, soll znm Sprachrohr aller derer werden, die sich mit der Entwicklung Palästinas beschäftigen. s.Herr Professor Marburg ist Herausgeber der Zeitschrift. D. R.) Wichtig ist auch die Landaufnahme, damit wir wissen, was in den einzelnen Orten am besten angebaut wird. Die Palästinakommission hat sich ferner mit der Auswanderungsfrage zu beschäftigen und den Emigranten das notwendige Material an die Hand zu geben. Land soll durch den von Jahr zu Jahr wachsenden jüdischen Nationalfonds gekauft werden, das im Besitz des jüdischen Volkes bleibt. Das brachliegende und schwer zu verpachtende Land kann nach Ansicht des Referenten mit Oelbäumen bepflanzt werden, die von denen gekauft werden, die Interesse an Palästina nehmen. Es ist zu hoffen, daß jeder Jude einen Oelbaum in Palästina hat und der wohlhabende sich jedes Fahr einen neuen pflanzen läßt. (Der Preis eines Lelbaumes beträgt 6 J£.) Nicht nur für die zionistische Bewegung ist der Oelbaum von Bedeutung, sondern später können mit dem Ertrage der Oelbäumc gemeinnützige Anstalten errichtet werden. Vor kurzer Zeit haben die Zionisten das Recht erlvorben, für eine Versuchsstation und ein Versuchsdorf Land zu kaufen, und in nächster Zeit wird in Hamburg eine Handelsgesellschaft ins Leben treten, die in Verbindung mit der russischen Gesellschaft „Geulla" die Ausbeutung Palästinas in die Hand nehmen wird. Also Vorbereitungen sind genügend getroffen, und wenn es auch in nächster Zeit langsam gehen wird, so dürfen wir nicht verzweifeln. Ein anderes Projekt, das zwar nicht für den Zionismus, aber zur Linderung der Judennot in Betracht kommt, ist N o r d s y r i e n, das nach verschiedenen Richtungen hin zukunftsreich und wichtig ist. Die syrische Bahn soll das Land der Kultur erösfnen, aber bei der düiiiien Bevölkerung ist es unmöglich, die Bahn rentabel zu gestalten. Die Bahngesellschaft verlangte daher Garantien. Die türkische Regierung bewilligte diese gern, aber im allgemeinen baut man daraus nicht allzuviel und nach Ansicht des Referenten ist es ein leichtes für die Jca und die großen jüdischen Bankiers, helfend einzugreifen. Es kommt hinzu, daß der Boden außerordentlich günstig sür Baiiinwolleiibau ist: durch die Baumwollennot gezwungen, die schlimmer ivird, je mehr Amerika von seiner Baumwolle selbst braucht, suchen die Kulturstaaten in ihren Kolonien Banmwollcnplantagen anzulegen, doch bis jetzt ohne Ersolg, auch sind die Aussichten nicht zu kunstreich, da die Neger im allgemeinen schlechte Arbeiter sind. Es ist daher die beste Gelegenheit vorhanden, in Syrien den Anbau zu beginnen, der sehr günstige Resultate verspricht. Gelingt es die Bahngesellschaft, die türkische Regierung und die jüdischen Bankiers zusainmeiizubringen, dann eröffnet sich ein Feld ersprießlicher Tätigkeit zur Linderung der Judennot. Wir sind Schwärmer, so schließt Professor Marburg unter lebhaftem Beifall seine Ausführungen, aber ohne Schwärmerei wird nichts neues erreicht. Gelingt es uns, dem alten jüdischen Volk ein jugendliches Feuer zu geben, gelingt es uns, dem ältesten Kulturvolk der Welt ein Heimatland zu geben, dann wollen wir — Schwärmer gewesen sein. — lieber d i e auswärtige Politik des Z i o n i s m u s berichtet das Mitglied des Aktions- Komitee, Herr D r. Alfred Klee-Berlin. Wir sind von Basel weggegangcn, beschäftigt mit dem Ostafrikaprojekt. Es heißt aber nicht Ostasrika oder Palästina, sondern die Fragestellung muß lauten, entweder Palästina und Ostasrika, oder über Ostafrika nach Palästina. Zwei freudige Resultate hat uns die Zeit vom Kongreß bis heute gebracht. Der Besuch Herzl's beim Papst und die Verhandlungen mit dem Vertreter der italienischen Regierung, Sr. Tittoni. Was die katholische Kirche für die Politik der Völker bedeutet, braucht hier nicht ausgeführt zu werden, und es ist daher erfreulich, daß auch beim Papst Herzl eine wohlwollende Ausnahme fand. Ebenso fand unser Führer volles Verständnis bei der italienischen Regierung. Auch das Versprechen der russischen Regierung, bei der Türkei Vorstellungen sür die Neberlassung Palästinas zu machen, ist erfüllt worden, und hoffen wir, daß wir Nutzen davon haben. — Herr G ustav W o l f s - 5t ö l n giebt den K a ss e n- und Geschäftsbericht. Der Kassenbestand ist günstig, die Zahl der Schekelzahler ständig im Wachsen. * * * Am Nachmittag referierte D r. Kauf m ann- F r e i b u r g i. Br. über A g i t a t i o n s- und Organisationsfragen. Er behandelte vornehmlich den Entwurf, den das Mannheimer Distriktsbüreau eingereicht hat. Das Correferat hielt Fritz S o n d h e i m e r - Fra n k f ii r t a. M., der sich namentlich mit der Frage beschäftigte, wie die Organisation anders gestaltet werden kann. Die gute Organisation ist das wichtigste einer Partei, und diese einzurichlen, muß das Bestreben aller derer sein, die an dem Blühen und Wachsen des Zionismus Interesse nehmen. Der deutschen zionistischen Partei fehlte es bisher an einer arbeitsfähigen und arbeitskräftigen Centralinstanz, zwar ist ein Zcntral-Koniitee vorhanden, dessen Mitglieder sind aber über ganz Deutschland zerstreut. Wollen wir eine Zentrale schassen, die die Agitation und Organisation überwachen und leiten kann, dann muß ein Büreau eingerichtet werden, dessen Mitglieder in der Lage sind, zu arbeiten. An der bisherigen Distriktseinteilung braucht nicht viel geändert zu werden, und ist es wünschenswert, die Distrikte möglichst klein zu machen, damit in jedem Bezirk ein Zusammenhalten und ein Hand in Hand gehen erleichtert wird. Diese Gruppenverbände sollen aus die Jnnenarbeit in den Ortsgruppen Wert legen, sollen Gruppen schassen und für Ausbreitung des Zionismus in deren Bezirk