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Neue jüdische Presse · 1904-05-19 · Heft 19 (19.5.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 19 (19.5.1904)
Date
1904-05-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. das Streben nach allgemein Humanitären Idealen zu unterdrücken vermögen. Dasselbe Milien trägt auch Tschirikows Drama; doch hier ist es mehr der geistige Zwiespalt, der uns veranschaulicht wird. Die Alten, schon gewöhnt an. die Knute, kennen nur passiven Widerstand; anders die Jungen, die mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln dafür kämpfen, das; ihre Ideale, wie soziale Gerechtigkeit, allgemeine Verbrüderung denn doch einmal zum Siege gelangen. Beide, Tschirikow und Juschkewisch, lassen ihre Dichtungen austlingen in ein großes Judenmassakre L la Kischinew; ihre Werke verdienen als flammende Proteste zweier hochbegabter Schriftsteller gegen die Judenbedrückung in Rußland die weitest« Verbreitung. © Feuilleton. 0 Ungleiche Bahnen. Eine Geschichte aus dem Leben. Bon Jacob Levy. (Fortsetzung.) - 4. Kapitel. Marie wunderte sich außerordentlich, als Kurt heraufkam und fein Wenteuer erzählte. Seine Atutter dagegen war nicht so erbaut davon. „Sie hätten besser auf den Jungen achten sollen, Marie. Jetzt will er immer zu den Leuten gehen und wird Me möglichen Untugenden annehmen." „Das glaube ich nicht, gnädige Frau. Die Kinderchen sind sehr artig und so sauber in ihren ärmlichen Kleidern, daß man seine Freude daran haben muß." „Mama, bitte, bringe mich doch auch zu Bett und erzähle mir dabei, so wie die Mama von Fritz und Fanny. .Fritz hat mir gesagt, daß seine Mama sie jeden Abend tot macht, wenn sic im Bette liegen und daß sie dann so lachen müssen. Komm' liebe Mama, ich bin doch auch .Dein Kinds" Und Kurt umfaßte sie mit seinen Acrmchcn. 'Seine Mütter sagte etwas ungeduldig: „Kurt, dazu 'habe ich keine Zeit. Ich habe Dich ja lieb. Du bist mein süßer Junge, Tu darfst aber Mama nicht quälen. Marie bringt Dich zu Bett und dann schläfst Du schön ein. Morgen bekommst Du auch Schokolade. Gute Nacht, mein Kind." Sie küßte den stillgewordcnen Knaben, der nun nichts mehr sagte. Marie, deren Augen feucht geworden waren, nahm Kurt auf den Arm und flüsterte ihm zu: „Komm' Liebchen. Ich ziehe Dich jetzt aus und erzähle Dir eine wunderschöne Geschichte vom heiligen Christopherus." — — — — — — — — — — Die Tage wurden kürzer, der Herbst nahte. Die Blätter färbten sich bunt. Jeder Windstoß ließ sie raschelnd zu Boden wirbeln. Kurt erfreute sich daran, wie jeden Morgen die Friedrichallee von den welken Blättern bedeckt war, die fleißigen Arbeiter nicht ermüdete», sie zu einem niedrigen Hügelzusammenzukehren und schließlich in kleinen Wägelchen wegzufahren. Er hMe sich .abgewöhnt, seine Mutter über das zu fragen, was er wissen wollte. Er lief in eiligen Fällen zu Marie. Meistens aber ging er über den Hof zu Webers, wo Tante Mka ihm immer geduldig, immer freundlich über alles Bescheid gab. Sein Vater war einen großen Teil des Jahres auf Reise. Kurt hing leidenschaftlich an ihm und es waren Freudentage, wenn Papa zu Hause war. Dann brachte Marie den Knaben um die Mittagszeit in's Geschäft. Sein Vater ging mit ihm spazieren und gab ihm all' die Liebe und die Liebkosungen, deren ein kleines Kindcrherz bedarf, um sich, wie eine zarte Pflanze im Sonnenschein zu entfalten. Und das kluge, wißbegierige Kind hatte so vieles zu ftagen. Der brummelnde Herr Weber sprach von so manchem, was Kurt nicht verstand, wie Schabbcs und Jorftef und Kurt sah so viel Frundes, wie Kiddusch und Habdalah und Arbakanfauß. Und sein Vater wurde nicht müde, zu antworten, so weft er Bescheid geben konnte. Sonntags ging die Familie Ehtmann in den Park, wo sie ihre gewohnte Gesellschaft traf — Lösers, Direktor Epstein und Gemahlin. Dort fanden sich immer noch sonstige Bekannte,' sodaß es an ihrem Tisch immer lebhaft und lustig zuging. Die gute Laune Ehrmanns verschwand leider regelmäßig., weil Direftor Epstein immer neue Einfälle HMe. die Zeit und Geld kosteten und die Frau Ehrmann immer lebhaft aufariff. Löser lachte über' den Aergcr seines Vetters. Ms er eines Tages mit Frau und Kind svät erschien und. kaum Platz genommen hatte, faßte ihn Ehrmann am Arm, wie ein Adler seine Beute und zog ihn so mit heraus. Draußen angelangt, stöhnte Ehrmann: „Ich flaube, daß mich der Schlaa rührt. Nicht nur, daß ball» das große Wohltäsigkeitsfest vor sich gehen Frankfurter Israelitisches Familienblatt. wird, das mich soviel Geld kostet, jetzt will dieser Epstein einen geschlossenen Verein nur für die seiirere Gesellschaft gründen und ich soll mitwerben und Mitwirken. Meine Frau ist.von dieser Idee begeistert und behauptet, nur dies fehle noch in der Gemeinde. Und Ivenn - ich nicht wolle, >vürde sie selbst zu Men besseren Familien gehen und sie für die Gesellschaft begeistern. Kann ich bestraft werden, wenn ich diesen Kerl totschlage?" Löser lachte und sagte bcgitkigend: „Verliere de» Kopf nicht, alter Freund. Ich durchschaue diesen Herrn Direktor Epstein. Er will durch seine Pläne in den besseren Kreisen Zugang gewinnen, die sich ihm bis jetzt im großen Ganzen verschließen und er braucht Euch dazu, weil mit Deinem Namen die Sache ein solides Gepräge gewinnt. Deine Frau ist ja vorläufig Veruunftsgriinden unzugänglich. Deshalb müssen die Ereignisse sie belehren und bekehren." Sie waren wieder an ihrem Tisch angelangt, wo über den neuen Verein lebhaft debattiert wurde. Epstein wollte Löser als Mitbegründer verpflichten. Der lehnte kurz und bcstimnit ab. Frau Ehrmann war der Ansicht, daß die bessere Gesellschaft der Gemeinde mit Begeisterung zustimmen würde. „Es ist eben nicht Jeder ein Philister." Das Wohltätigkeitsfest nahte heran. Hübsche junge Mädchen schwärmten in der Stadt herum zum Kartenverkauf und erzielten großen Msatz. Niemand konnte den holden Verkäuferinnen widerstehe» und so kaufte Jeder eine oder mehrere Karten, bis schließlich beinahe die ganze Gemcindc damit versehen war. Das Fest nahm einen glänzenden Verlauf. Frau Ehrmann spielte meisterhaft und der stürmische Applaus, den sie erntete, war in der Tat verdient. Bei den lebenden Bildern kam ihre plastische Schönheit voll zur Geltung. Sie stellte Judith, über den schlafenden Holofernes gebeugt, dar und ihr Mann nickte ganz vergnügt, als ihm sein Vetter Löser in's Ohr flüsterte: „Jetzt sehe ich ein, daß Du Deinem Weibe nichts versagen kannst, wenn es Dich bittet." — 6. Kapitel. Es waren auch verschiedene ältere Herren anwesend. die sehr erstaunte», als sie sich dort trafen. „Stern, wie kommst Du hierhin?" „Meine Enkelin hat mich so lange gequält, sic verkauft hier Ansichtskarten. Aber Du, Wolf, der doch sonst so solide ist?" „Meine Schwiegertochter ließ mir keine Ruhe." lind so fanden sich zu ihrer großen Freude vier Herren, alte Freunde, die sich jeden Sanistag in der Synagoge sahen. Den alten Leuten wurde aber der Trubel bald lästig und so fragte einer, ob man nicht irgendwo in Ruhe einen Klabbriiaß spielen könne. „Gewiß, in der Nähe ist eine jüdische Wirtschaft. dort gehen wir hin." Die Herren machten sich scelenvcrgnügt aus den Weg zum alten Sußmann und der - war über den seltenen Besuch nicht wenig erstaunt. Sie setzten sich, tranken Kaffee, rauchten, und wie das alte Leute so gerne tun, sie sprachen von alten Zeiten, da sie noch .Kinder waren. Die Männer, die sich schon sechszig Jahre und länaer kannten, hatten so viele Erinuernnn-n gemei»sam. Fast bei Jedem aber, den sie erwähnten, mußten sie oloiv hascholaum sagen. „Wie schön, wie gemütlich ivar cs früher in den jüdischen Häusern," sagte Stern, ein kleines, eisgraues Männchen. „Mein Vater selia, er ist jcbt an die vierzig Jahre im Gan Eden, erräblte aus seiner Jugendzeit, wie in Deutz, seinem kieburtsort, der Pessach noch so recht gehalten wurde. Am Erev Pessach war alles fertig, die Männer hatten nichts mehr zu tun. Da standen nun die jungen Leute in der Haustür, in Hemdsärmeln, damit man das schöne weiße Hemd bewundern konnte und rauchten aus neuen Pfeifen Tabak. Am vorigen Pessach hatten sie sich ein Päckchen Tabak znrückgelegt und der war nun jetzt jonteftiq. Am Chol Hannuoed ging mau in's Theater, natürlich ans die Gallerie. In den Pausen verzehrte man Mazre. Mandeln und Rosinen. Wenn Maz-ekrümmelu und Mandelschalcn in den Sperrsitz fielen, machte man sich auch nichts daraus. Und die Schulen damals! Heute haben die Kinder es doch besser.' Da war früher im Cheder ein Lehrer, Reb Gumpel und der batte einen Uwerlehrer, Masemordchen, einen verwachsenen Menschen. Die anälten und straften die .Kinder bis auf's Blut. Uick> wenn gar zu viele Kinder zu prügeln wären, mußte die Frau von Reb Gumvel helfen. Wenn dann ein Knabe mit halb abgerissenem Ohr nach Hause kam. Zagte der Vater: „Eine Brochoh auf die Hand des Lehrers. Kannst Du nicht aufvassen?" Ein anderer rief: „Habt Ihr niemals von Reb Schmul gehört? Der war aus Polen und bezog den Pützcheu's Markt niit Chnmauschim, Talleisiim und so weiter. Er heiratete ein Deutzer Mädlben und blieb nun dort wohnen. Als er einundachtriä Jahre alt war, wurde er so krank, daß die Ckewroh zu. ihm, kam. Die Sterbeaebetc wurden gesagt. Er lag regungslos: einer der Männer beugte sich über ihn, um zu sehen,, ob das Leben erloschen war. Nr- 19. Da schlug er die Augen auf und sagte: „Gebt sich mir ein Schnaps." Er wurde wieder gesund und lebte noch sechs Jahre." Alles lachte. Ein anderes Männchen erzählte: „Am schönsten aber war es in Amsterdam. Als' zwölfjähriger Junge kam ich dort zu einem Verwandten, einem armen Schuster, in die Lehre. Ich habe aber mehr Dummheiten gemacht und mich mehr auf der Straße Herumgetrieben, wie gelernt. Ich kann heute noch keinen Schuh machen." Die Männer schmunzelten über den Redner, einen steinreichen Rentner, früher Lederhändler. Und, nun erzählte er weiter von damaligen Originalen und manchmal ziemlich derbe Sachen. Die Herren freuten sich königlich. An Kartenspiel dachte niemand mehr und der alte Sußmann, der mit seiner langen Pfeife im Hintergrund stand und zuhörte, erinnerte sie auch nicht daran. Da schlug die Uhr zwölf und die fröhlichen Plauderer fuhren erschrocken in die Höhe. „Schon Mitternacht, ich sollte jetzt schon zwei Stunden schlafen!" „Ich auch, ich auch," riefs durcheinander. „Nun," lachte Salme, „laßt uns das Krias Sch'ma al hamittoh (Nachtgebet) schon unterwegs sagen, dann können wir uns zu Hause sofort der Ruhe hingeben." „Die Zeit ist aber auch vergangen, ich glaubte, wir wären erst eine halbe Stunde beisammen," schmunzelte Stern. , Die Anderen stimmten lebhaft zu und nun ging man vergnügt fort, eigentlich stolz darauf, so lange geschwiemelt zu haben. Die alten Herren hatten sich in ihren Erinnerungen wieder verjüngt und beschlossen, öfter zusammenzukommen und sich von früheren Zeiten zu unterhalten. Mittlerweile stiegen auf dem Feste die Wogen des Frohsinns immer höher. Die schönen Verkäuferinnen, die unermüdlich zum Nutzen der guten Sache ihre Waren angepriesen, konnten mit ihrem Erlös sehr zufrieden sein. Die Darsteller der lebenden Bilder waren in den Saal hinabgestiegen und bewegten sich in ihren bunt schimmernden und glänzenden Gewändern wie Märchenprinzen und Feen unter den modern gekleideten Menschenkindern. Die befreundeten Familien Ehrmann, Löser und Epstein saßen zusammen und eine tüchtige Flaschen-, batterie auf ihrem Tische erklärte die besondere Fröhlichkeit des männlichen Teiles der Gesellschaft. Die Frauen Ehrmann und Epstein, letztere als Scheherazade sahen in ihren raffinierten Kostümen bildschön aus und kokettierten mit ihren Kavalieren, die ihnen angelegentlichst den Hof machten. Frau Löser, die hübsche junge Frau in ihrer einfachen eleganten Toilette wurde von den Männern schnöde übersehen. - Sie sagte lächelnd, ihrem Mann mit dem Finger drohend: „Warte, Alter, Du kommst mir nach Hause!" Judith und Scheherazade, die eine Weile zusammen geflüstert hatten, erhoben sich plötzlich. »Jetzt gehen wir an's. Werk und werben für unfern projektierten Verein." Ehrmann machte ein Gesicht, als ob ihm Jemand auf den Fuß getreten hätte und die Freude war ihm wieder einmal gründlich verdorben. Die Damen schleuderten durch den Saal, verfolgt 1>on den bewundernden Blicken der Herren. Bon den bekannten Familien lebhaft angerusen, ließen sie sich gerne „aus äinen Augenblick" nieder und entwickelten bald den Plan der neuen Gesellschaft. Die Herrschaften hörten alle mit großem Interesse zu, lobten die Idee, aber — beteiligen wollte sich nicht Einer. Man machte Ausflüchte, wollte sich nicht vordrängen — aber der eigentliche Grund der Weigerung war sichtlich ein gewisses Mißtrauen. Bei aller Liebenswürdigkeit gegen die Damen wollte man sich vergewissern, wer aus den besseren Kreisen sich anschließen würde. Dabei blieb es und die Damen lehrten ziemlich kleinlaut an ihren Tisch zurück. — Das Fest war glänzend verlaufen.' Für die Armen fiel ein erkleckliches Sümmchen ab. Die Veranstalter, alle Mitwirkenden hatten sich mit Ruhm bedeckt. So waren alle befriedigt, bis auf zwei. (Fortsetzung folgt.) Bunte Chronik. Die älteste Frau Ungar ns.-Das Budapester Elisabeth-Armenhaus beherbergt gegenwärtig eine interessante Pfründnerin, die Witwe Josef Borsos, geborene Jetti Einzig, welche wohl die älteste Frau nicht nur Ungarns, sondern Europas . sein dürfte. Aus den Dokumenten der Greisin geht hervor, daß sie im Jahre 1788 in Sarospatak geboren ivlirde, sie ist daher gegenwärtig 116 Jahre alt. Die Frau wurde in die Spitalsabteilung des Armenhauses aufgenommen. Sie laboriert nämlich chon seit 30 Fahren an einem Herzleiden, ein Fall, der auch vom medizinischen Standpunkte interessant ist, da alte Leute diesem Leiden gewöhnlich rasch erliegen. Die Hundertsechszehnjährige ist noch ipt Vollbesitze ihrer geistigen Kräfte und stets bei guter Laune. Körperlich ist sie nätürlich sehr herabgekommen, doch kann sie noch gehen.

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