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Neue jüdische Presse · 1904-04-22 · Heft 15 (22.4.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 15 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 15. Seite 4. daß die Besorgnis ihr Herz mehr erfüllte, als die -Trauer um den Begrabenen. Wer ihre Seele stärkte sich im Vertrauen auf den Höchsten, dem allein sie Gehorsam schuldete. Sic hatte schon alles vorbereitet. Sie sandte den Knaben fort zu seinem neuen Herrn, ohne ihn zu begleiten. Sic wartete dann bis znm Abend; und kaum war die Dämmerung auf die Erde gefallen, da entschlüpfte sie, eingehiillt in ein dunkles Gewand, aus einem verborgenen Hinterpförtchen, schlich auf abgelegenen Wegen durch die Felsen und befand sich bald in der endlosen Steppe. Geheul der Wölfe und Schakale schlug durch die lautlose Oedc an ihr Ohr, schwach zitterten die Sternlei» am Himmel, unter welchem sich leicht geflockte Wolken jagte», der Nachtlvind erhob sein Säuseln und wehte den Staub der ausgetrockneten Steppe hinter ihre eilenden Schritte her. Doch sie gedachte des Ewigen, der Gott ist und dessen Auge wacht auch in der Nacht und über den Einsamen und schritt unaufhaltsam weiter. Sie glaubte sich der höchsten Gefahr entronnen, und des andern kümmerte sie sich nicht. Um Mitternacht ging der Mond bleich am Horizonte auf und legte ein fahles Licht auf die Steppe. Horch! Da schallte Hundegebell von weitem her. — Sollte es eilt einsames Gehöft sein, in welchem der treue Wächter angeschlagen — Nein, es kam näher. — Jetzt unterschied sic auch den Schlag von Pferdehufen. Es war eine Jagd, die windesschnell dahinraste. Wer jagt wohl um Mitternacht und wem gilt die Jagd? — Todesschauer durchrieseln das schutzlose .Mädchen, ihre Kniee drohen zusammenzubrechen, sie kann kauni von der Stelle. Wer das Hundegebell kam näher; daher, von wo sie gekommen. Es ward ihr gewiß: man setzte ihr nach. Sie rafft sich auf, und mit der Schnelle des Rehes eilt sie querfeldein über den graslosen Boden der Steppe. Eine Hügelkette nimmt sie auf, sie steigt auf und nieder, bald rechts, bald links, dann wieder eine Strecke zurück und seitwärts, um ihre Verfolger irre zu führen. Der Instinkt lehrte sie das Rechte. Sic durchwatet ein Bächlein, und drüben am Ufer entdeckt sie eine Höhle, die dunkel ihr entgegengähnt. Ob sie hineinflüchten soll? Ob ein Raubtier darin lagert? Sie hat keine Wahl, sie arbeitet sich durch das Gestrüpp und sinkt ohnmächtig hin auf den feuchten Boden.- Wo waren unterdessen ihre Verfolger geblieben? Sie vernimmt sie nicht mehr. Sicherlich hatte man ihre Spur verloren. — Eine Stunde vergeht, ohne daß ein Laut die, Schläge ihres klopfenden Herzens gestört hätte. Da kehrt denn die Hoffnung in ihre Brust zurück und mit ihr das Blut wieder in sein gewohntes, gleichmäßig-ruhiges Tempo. Die ermatteten Augenlieder sanken nieder, und der Tröster der Bedrängten, der Schlummer, stand ihr zu Häupten. Ihr träumte von großer Gefahr, Flammen umwogen die Höhle, wohin sie sich geflüchtet. Sie versperrten den Ausgang und drangen leckend an den Wänden der Höhle empor. Da streckte eine Hand aus dem Flammenniecr sich ihr entgegen, sie erblickte ihren Vater, der ihr die Hand reichte und ihr zuricf: ,Lomm', Du bist gerettet!" In demselben Augenblicke faßte eine Hand ihre Rechte und schüttelte sie auf. Sie erwachte und Frankfurter Israelitisches Familienblatt. sah — den Chan von Baktschi-Serri an ihrer Seite und die Höhle von Fackeln erleuchtet. „Du hast es mir sauer gemacht, Mirjam, aber ich habe Dich doch nun!" Mirjam vermochte nicht zu antworte». „Als es Nacht geworden," fuhr er fort, ,„klopften meine Leute an Deine Hütte; doch niemand öffnete, und als wir endlichgewaltsam eindrangen, da fanden wir das Nest leer. Glücklicherweise hattest Du vergessen, das Hinterpförtchen zu schließen, ünd diese Unvorsichtigkeit gab Dich in meine Hand. Tein kühner, ja rasender Entschluß leuchtete mir blitzschnell ein. Meinst Du, Mädchen, ein Jäger der Skeppe, wie ich, wüßte die Spur eines verscheuchten Rehes nicht zu finden? Bald schlugen meine Hunde an aus Deiner Fährte, und sogleich eilten Hunderte von meinen Leuten auf pfeilschnelle» Pferden nach der Richtung hin, die Du genommen. Aber Du hast uns wacker suchen lassen, und so sicher ich war, daß ich Deiner habhaft werden würde, so viele Mühe kostete es doch, zum Ziele zu kommen. Steh' auf und danke mir! Niemals wärest Du nämlich aus dieser Steppe tvieder herausgekommen; immer tiefer wärest Du in sie geraten, denn sie gibt solche Speise, wie Du, nicht wieder heraus. Wenn nicht das Tier der Wüste Dich zerrissen, hätte Dich unrettbar der Hunger getötet. Also steh' auf und folge mir!" Aber Mirjam vermochte nicht aufzustchen. Sic sank zusammen, als sie es versuchte. — Da winkte der Chan, und bald hatte man eine Bahre gefertigt, aus die sie Mirjam behutsam legten. Vier rüstige Tartaren ergriffen die Stangen, und der Zug setzte sich in Bewegung. Der Chan ritt neben ihr. Des Oefteren versuchte er, sie znm Reden zu bringen; aber Mirjam hatte ihr Haupt in ihr Gewand gehüllt und anttvortete nicht. * Der alte Palast der Tartarcnchane hatte sic aufgenommen. Schlafend vor Schwäche und llebermüdung lag sie auf den schwellenden Polstern eines Divan. Endlich weckte sie die Morgensonne. Auf Wunder des Glanzes und der Pracht fiel ihr erwachender Blick. Schwer von Seide hingen die Vorhänge herunter, persische Teppiche bedeckten den Bode», goldene Zierraten bekleideten die Wände. Durch das geöffnete Fenster drang der berauschend süße Duft seltener, buntfarbiger Blumen, die leise ihr den Willkommen» grüß eiitgcgenflnstcrteii von draußen. Springquellen glitzerten im Strahl der Sonne und warfen ihre plätschernden Wellen in marmorne Becken. Vögel sangen in vielstimmigen, melodisch-harmonische» Akkorden ihr Morgenlied. Alles atmete Leben, überall jauchzte Lust und Herrlichkeit. Doch wild wogten die Bilder in der Jungfrau! — Die armselige väterliche Hütte, die grauscuvolle Steppe, der wunderbare Harem des Chan, — der sterbende Vater, die grabesfeuchtc Höhle, der jugendlich kraftvolle und männlich schöne Chan! — Sie rang nach Fassung, schloß die Augen und überließ sich willenlos dem Gewühle der sie durchflutenden Empfindungen. Wankte sie in ihren Entschlüssen? Kam ihr die Ahnung eines ungekanntcn Glückes, so daß die Erinnerung, wer sie sei und was sie gewollt, davor erblich? — Ich weiß es nicht. Sie hatte so schon fast.eine Stunde mit ihren gaukelnden Gedanken — halb wachend, halb träumend — gespielt, als Plötzlich herannahende Musik in ihr Ohr tönte. Weich schwollen die Klänge immer näher, legten sich schmeichelnd um ihre Seele, bis sie plötzlich mit Hörnerschmettern in Jubel und Triumph losbrachen. Die Tür sprang auf und gefolgt von einer Reihe glänzend gerüsteter Knappen, erschien der Chan in aller Pracht seiner Herrscher-Insignien. Mirjam hatte sich erhöbe». — Mit langsamen, behutsamen Schritten, als träte er auf heiligen Bode», näherte sich ihr der Chan, faßte sanft ihre Hand und führte sie zum Divan zurück, wo sie sich niederlassen mußte. Er selbst blieb aufrecht vor ihr stehe» und blickte sie lange schweigend an. Sie schaute leise und schüchtern an ihm auf: Der schöne, gewaltige Jüngling, welch' ein herrliches Bild! — Fremdling, ein Seufzer stieg aus ihrem Busen, aber cs war nur einer! „Hast Du Dich beruhigt, Mirjam?" fragte endlich der Chan. „Wer alles verloren, selbst seine Freiheit, wie könnte der der Ruhe genießen!" antwortete sie traurig. „Sei hier Gebieterin, und Du hörst auf. Gefangene zu sein." „Eine Gefangene ist eine Sklavin und kann mir - Sklavin werden." „Und warum willst Du nicht meine Sklavin werden? Ewig werde ich Dir zu Füßen liegen, werde Sklave der holdesten Sklavin sein!" ,^Habe ich Dir meinen Entschluß nicht kund getan? Hat die fliehende, mit wunden Sohlen wie das gescheuchte Reh fliehende Mirjam Dir ihren Willen nicht gezeigt? — Du aber, hast mich in den Kerker geworfen!" „Dieser Palast ein Kerker, Mädchen! — Schau dieses irdische Paradies! Genügt es Dir nicht? Willst Du mehr der Freuden, willst Du mehr des Glanzes? Befiehl, — und alle. Zauber der Erde werde ich vor Deine Füße legen." „Sind nicht dort die goldenen Stäbe vor dem Fenster? Erz sind sie, wenn auch vergoldet. Gib mich frei und ich will Dich mein Lebtag segnen. — Was sollen mir Deine.Freuden? Ich habe sie nie gekostet, ich will sie nicht kosten und werde sie nie kosten. Ich bin eine einfache Karaitiu, unter den Meinen ist meine Stätte, nur bei ihnen fühle ich mich glücklich und wäre es bei Wasser und Brot. Gieb mich frei, und ich werde für Dich beten." „Du sagst, Mirjam, Du habest mir schon Deine Antwort gegeben; nun, auch ich habe sie Dir bereits gegeben. Als ich Dich verfolgte, um Mitternacht hinter Dir herjagte, in Deine Höhle trat und Dich aus dem Schlummer riß, — da wußtest Tn meinen Willen." „Und was willst Du von mir? Meinen Vater, hast Du mir getötet, aus meiner Heimat mich veroannt, nun auch die Freiheit mir genommen. — Was willst Du nun noch?" „Deine Liebe, Mirjam! Und die muß ich haben. Laß mich zu Dir reden. — Sieh', ich bin jung Herrscher geworden, aber die Herrschaft hat mir noch keine Freuden gebracht. Ich habe gekämpft und mich des Sieges nicht gefreut. Was 'sich mir darbot, wollte ich nicht. Streckt' ich die Hand nach etwas aus, so gab es sich mir, und darum zog ich die Hand wieder zurück. Und dennoch will ich, muß ich behalten, was ich habe, ich-ließc mein Leben darum und Wenns mir sonst kein Silberstück wert wäre. (Schluß folgt). rknnrrtmachung. Aus der von Herrn Gumpert; Dann s. A. gegründeten „Kam Benjamin gek. Dann fifan ~ 7”.' J* kommt ein Brautlegat im Betrage von 5000 Gulden — Mark 8,571.43 zur Vergebung. Nach den testamentarischen Bestimmungen des Stifters müssen die Bewerberinnen 1. das 18. Lebensjahr erreicht und dürfen sie das 3 \ nicht überschritten haben; 2. müssen sie die höhere Töchterschule der Synagogen-Gemeinde „Jsraelittsche Religionsgesellschaft" dahier, besucht haben und aus der obersten Klasse derselben mtt gutem Zeugnisse entlassen worden sein; 3. darf ihre eigene Mitgift die Summe des Brautlcgats nicht übersteigen. Anverwandte des Sttsters oder dessen Eheftau Gretchen geb. Schames sind zu bevorzugen. Heber die Zulassung entscheidet endgültig der Unterzeichnete Vorstand. Zwischen gleichberechttgten.Bewerberinnen entscheidet das Loos^ Bewerbungen sind unter Beifügung glaubhafter Zcugnige über die Punkte 1—3 an den Unterzeichneten Vorsitzenden des Vorstandes bis spätestens den 17. SKai d. Js. zu richten. Frankfurt a. M., den 20. April 1004. Der Vorstand der Sgnagogengemeinde „Israekitifeste itefigionsgefefffdiaft“ Dr. med. ß.Roseubaum, Vorsitzender, Hanauerlandstraße 30. Versammlung der frankfurter zionistischen Vereinigung Montag, den 25. April, abends 83/4 Uhr im Saale der Frankfart-IiOge, Escherslieimer Landstrasse. Zur Lösung der Judenfrage. Referent: Dr. A. Klee, Berlin, Mitglied des grossen Actionskomite. Der Vorstand. Auf unseren - A ufruf sind zu unsrer Freude aus allen Teilen des deutschen Reiches und dein Auslande Spenden in solcher Zahl eingelaufen, daß wir von der beabsichtigten Veröffentlichung der Hunderte von Namen notgedrungen abstehen müssen. Wir danken allen Spendern aufs Wärmste und bitten im Interesse der notleidenden Familie um Einsendung noch weiterer Gaben, für die schon hiermit dankend quittiert sei. Dr. Hirschfeld, M. Münz Provinzialrabbiner, Vorsteher der Israel. Gemeinde Gießen. Stockhcim-Glanberg. Koch, Bürgermeister, Stockheim. 391306

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