Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1904)
- Date
- 1904-03-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IranKfrrrteH: Jftarlitifdirs finilinblott. 1 > Diese Zeitung erscheint jeden Freitag. Sämtliche Postanstalten des In- und Auslandes, sowie die Geschäftsstelle des Frankfurter Israel. Familien- Llattes in Frankfurt a. M. nehmen Abonneinents- Bestellluigen schriftlich und mündlich entgegen. ' (Abonnementspreise siehe Schluß des redaktionellen Teiles). < -_i_,___ HedaKtton Md chekchaftsft-lle: Srsnkfurt s. M.. Leiligkreuzgaffe 32. Ecke Llapperfeldstraße (grgrniider der Urnen Zeit). ——- H>sra«sgebep: Salg ^eis. " I Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile..... 25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Stellen-Älngebote und -Gesuche die Silbe 2 „ Beilagen: Das Tausend Mk. 5.— bis Mk. 8.—. < - — > ^2. Jahrgang. Mittwoch, den 14. Nssau 5664 <36. März 1964). No. 13. Des Pesachsestes wegen erscheint die nächste Nummer am 15. April. Der Seder-Abend. (Nach dem Oppenheim'schen Bilde.) Zum Tag, der einstmals Israel befreit. Zum Pesäch rüstet man sich weit und breit: Der Herr der Welt, sei» heilig' Volk zu retten, Gar machtvoll aus Egypten's Sklavenketten, Befreit es damals ans der Knechtschaft 'Not Und gibt die Feinde preis, dem Untergang, dein Tod! Wie schön weis; die Hagadoh zu berichten Von jenen Wundertaten, jenen lichten. Des heil'gen Festes Pflichten und die Rechte, Sie künden eindrucksvoll die Scdernächte. Und wie's der Vater lehret seinen Sohn, So lernte er's vom eigenen Pater schon. Den Hausherrn zeigt das Bild im Kreis der Seinen, Den Sedertisch gedeckt mit schneeigem Leinen, Ihn selbst mit weißem Kittel angetan. Und au das Sederbett lehnt er sich an. Aus einer Schüssel sieht man ansgebant Mazzoth und Knochen, Ci und Bitterkrant. Der Hausherr nimmt die Schüssel in die Hand Und zu den Tischgenossen hingewandt. Zeigt er den Seine» hier der Armut Brot, Dabei erzählend von der Väter Not, Er ladet jeden Hungrigen auch ein, Zn essen, und des.Festes sich zu fren'n. Das jüngste Kind beginnet nun zu fragen: „Warum ist's anders denn in diesen Tagen Und diesen Nächten, als zu allen Zeiten, Was soll das ungesäuerte Brot bedeuten, Wozu das bittere Kraut uns nützen. Und warum sollen angelehnt wir sitzen?" Dann fängt der Vater zu erzählen' an. Was Gott für Wuirder einst an uns getan. Wie er herausgeführt aus fremdem Land Sein Volk »nt Macht und ausgestrecktcr Hand. Und wie er unsere .Feinde hat geschlagen Als er verhängte über sie die Plagen. So trägt er Israels Geschichte vor. Die Kinder lauschen mit gespanntem Ohr. Dann wird das Abendessen aufgetragen Und die Familie speiset mit Behagen Und als .das Tischgebet gesprochen dann. Stimmt man zusammen noch manch' Loblied an. So feiert Pesach man alljährlich wieder. Und jedes Jahr erklingen gleiche Lieder: „Erbait', o Herr, auf's Neu des. Tempels Hallen, Laß in Jerusalem den Lobgesang erschallen, O, mögen unsere Augen einstmals seh'n. Dein Heiligtum dort wieder aufersteh'n." R o s a M e y e r. Die jüdische Freiheit. Bon Benno Fischer. Die erste Handlung in dem großartigen Drama des Judenvolkes ist die mit Gott errungene Freiheit im Pharaonenreiche, die gottgefaudte Erlösung aus dem Sklavenhause Eghptens, — und die erste Tat, die des neuerwachten jüdischen Volkes der Gcgenloart harrt, ist die Befreiung der geknechteten und gequälten, der lebeusbedrohten und sich verlierenden Brüder aus den Händen pharaonischer Machthaber. Ein unbeugsames, zähes Volk, ein rechtes Am keschei auref ist das jüdische. Seit seinem Eintritt in die Weltgeschichte mußte es sich sein Dasein erkämpfen. Es war stets, außer der Hilfe seines Gottes, auf sich selbst gestellt. Feinde ringsum, Uebelwoller überall, selten, daß hie und da ein Gleichgültiger ihm begegnete, Freunde gar hatte es kaum. Was es vollbracht hatte während seines mehrtauseudjährigcn Volkslebens, es vollbrachte es ohne die Brudervölker, vielfach, ja meist trotz ihrer und im Kampfe gegen sie. Und was es vollbracht hatte, wahrlich es ist nicht zu verachten. Biel Gutes kam von ihm in den gemeinsamen Schatz der Gesamtiuenschheit, wovon noch die Gegenwart bewußt und unbewußt zehrt und noch die Zukunft zu zehren haben wird. Aber doch hat das jüdische Volk nicht das geleistet, was es vermöge seiner hohen Intelligenz, seiner großen Fähigkeiten und gesunden Kräfte hätte leisten können, wenn es in seiner Bolksarbeit für sich und die Gesamtmenschheit, nicht von der Lieblosigkeit, Haß, Unterjochung und Knechtung seitens der Brudervölker gestört, gehemmt, gelähmt und fast zum Siechtum gebracht worden wäre. Still wirkte wohl Juda auch in der schmachvollsten Knechtschaft, auch in den vielen vorübergehenden, unsicheren „Nachtasylen" — was hätte es aber schaffen können, so es in Freiheit, in diesem Grnndelement alles rechten Wirkens und Handelns hätte arbeiten dürfen. Bald war es materielle, bald intellektuelle Knechtschaft, die dieses Duldervolk über sich hatte ergehen lassen müssen. Pharao und Amalek, Nebukadnezar und Haman, Antijochus und Titus — es sind Merkzeichen großer Leiden und gewaltiger Kämpfe in der jüdischen Geschichte. Aber von der Zeit an, daß Jerusalem zum zweitenmal zerstört ward, über eine Million Juden umgekommen, andere Hunderttausende gefangen, gekreuzigt öder als Sklaven weggesührt, und die übrigen Millionen in alle Welt zerstreut wurden, hatte dieser zerstreute Rest, dieser kolotass Jissroel, keine Ruhe gefunden. Jedermann glaubte, nicht nur sie verachten, plündern und töten zu dürfen, sondern zu müssen, und das als ein seinem Gotte gefälliges Werk zu betrachten. Hundertmal ließ man sie in allgemeinen Blutbädern hinschlachten, man würgte sie, man vertrieb sie aus allen Ländern, wohin ihr müder .Fuß gelangte, Ruhe erhoffend, Schutz erstehend. Kaiser und Päpste, Kreuzfahrer und Dominikaner, Fürsten und Pöbel im Mittelalter, und in der Gegenwart moderne Antiscmitenführer, Hofprediger und Dreschflegelgrasen, russische Minister und rumänische Diplomaten, von der Intelligenz koinmandierter roher Christenpöbel lind fanatisierte, blutdürstige Gläubige, Salouantisemitismus und geschäftlicher Boykott, Vorenthaltung von wissenschaftlicher und künstlerischer Anerkennung — alles zielte auf seine Vernichtung. Da wurde am Ansauge der ueuesteu Zeit, in den Jahren der allgemeinen Aufklärung die A s s i m i l a - t i o n als das probate Mittel für die Erringung der vollkommenen Freiheit gehalten und als die alleinseligmachende Lehre bis in unsere Zeit hinein gepriesen. Die schwererrungene bürgerliche Freiheit in den westeuropäischen Ländern schien diese Politik als die einzig zweckentsprechende, zu bestätigen. Hatte man doch überall die Emanzipation in Hinblick, ja in der ausgesprochenen Erwartung oder in der schweigenden Voraussetzung gewährt, daß dieselbe der d u r ch g r e i s e n d st e n nationalen und religiösen Assimilation die Wege bahnen w e r d e.*) 'Die westeuropäischen Jude» mußten indes gar bald dessen bewußt werden, daß die Burg ihrer Rechte und Freiheiten nur eine papierne ist, die sie nicht nur nicht immer zu schütze» vermag, sondern die sie stets mit größter Mühe zu verteidigen und vor jedem ungünstigen Wind zu schütze» gezwungen sind. — Aber was sind das für Leide,; gegen den Jammer unserer osteuropäischen Brüder! Wir müssen Kämpfe führen für die Geltendmachung unserer verbrieften Rechte, sie aber haben nichts „schwarz aus weiß". Daran vergaß der Berliner Kongreß, lind was könnte er auch gegen das gewaltige Kosakenreich ausrichten, wenn selbst der Duodezstaat Rumänien ihm ungestraft die Zähne zeigen darf. — Wir kennen die Lage unserer Brüder in Rußland, wo sie den Massacres und der Auslveisung, in Rumänien, wo sie dem .Fremdengesetz und Gewerbeverbot, in Galizien, wo sie dem elendsten Elend preisgegeben sind — aber auch das müssen wir wissen und uns in's Gewissen rufen: Wir Juden sind a u f n n s selbstgestellt! Air haben keine Hilfe von auswärts zu erwarten. Helfen wir uns selber nicht, so sind wir rettungslos verloren. Andere werden uns nicht helfen, höchstens wenige bemitleiden, die meisten aber über uns triumphieren. Das Schick- *) Der Grund für d iese Erscheinung liegt klar auf der Hand. Da, wie Verfasser nlit Recht anführt, die Völker die Emanzipation nur in der stillschweigenden Voraussetzung einer völligen Assimilation gewährt haben und da diese Assimilation nicht ihren Erwartungen entsprach, indem sie nur langsam vor sich ging, so verloren die Völker ihre Geduld und singen an, wieder in die alte Praxis der Entrechtung der Juden zu verfallen. — Wir wollen bei dieser Gelegenheit noch das Eine sesthalten, daß die Völker das Recht des jüdischen Volkes als separates national-religiöses Element in ihrer Mitte nie anerkannt haben und nie anerkennen werden. Anm. d. Red.