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Neue jüdische Presse · 1904-03-25 · Heft 12 (25.3.1904) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 12 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
Seite 10 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 12. Seite 10. als wir Christen, er kennt Moschiach besser als wir, nur weiß er nicht. Laß sein Ideal eines Moschiach schon historisch Realisiert ist usw." — Unter dem Datum vom 9. September 1903. — Kirschs Psalmenauslegung hat mir oft Licht gegeben. Ich wollte gerne einmal aus H i r s ch s Schriften ein Bild jenes Messias zusammenstellen, das mit meinem Bild ganz nahe verwandt wäre, näher als mit dem Christentume eines Delitzsch." Unter dem Datum vom 10. Januar 1901. — ,Zch müßte ihm (dem Stifter der christlichen Religion) dankbar sein, selbst wenn ich. seine Worte und seinen Geist nichts - achten würde, allein dafür, daß ich durch ihn und seiner Anhänger Vermittlung zum Glauben an Thenach gekommen bin; denn ich hätte wohl auch Hirsch nie sllidiert, wenn ich nicht Christ wäre." Unter dein Datum vom 20. Januar 1901. — „Ich gehe überhaupt damit um, mir aus Hirsch eine Zusammenstellung zu machen über den Moschiach, den er erwartet." — * Zum Schlüsse sei mir gestattet der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, daß obige Zeilen dazu beitragen werden, in Manchem der vielen Tausende, denen S. R- Hirsch inmitten des Ringkampfes zwischen Religion und Kultur, Glauben und Wissen, Altem und Neuem ein treuer Wegweiser auf ihrem Lebenspsade ist, denen der Genius Hirschs einen tiefer«, ganz tiefen Einblick in den Gottestempel des Judentums gewährte, die Ueberzeugung zu befestigen, daß er keinem Phantom nachgeht, so er sich der Führung des großen Meisters anvertraut, der Führung des Mannes, dem „als dem Führer auf dem schönem Wege, vertrauungsvoll die Hand darzureichen" selbst ein Abraham Geiger sich getrieben fühlte, als er „die seelenvollen Ergüsse seines tiefen Gemütes las, als sie, wie der befruchtende Regen, in sein Herz einbrangen, als er die erhabene, kräftige Persönlichkeit, die, durchglüht Von einer tiefen Ueberzeugung, nichts Schöneres kennt, als diese Ueberzeugung mitzutellen, die, in warmer Religiosität und Sitüichkeit, den tiefgefühlten Schmerz über so manche. Entartung ausspricht, mit voller Ehrerbietung begrüßte." (A. Geigers Zeitschrift 2. S. 351.) Tefilloh- Gedanke«. i. Adaunaulom. J. T. Du erwachst an einem Wintcrmorgen aus deinem Schlummer. Schlaftrunken reibst du dir die Augen. Es ist lall und rauh draußen. Das warme, weiche Lager lockt. Doch du mußt dich eilen, die Stunde des.Gebetes naht, und du willst als frommer Jude das Gotteshaus besuchen. Dein Kopf ist noch nicht klar. Die wirren Vorstellungen der Traumwelt beherrschen dich noch. Es durchschaüert dich. Es ist so unbehaglich. Ein gewisses Gefühl der Einsamkeit überkommt dich. Cs ist so still, so verlassen und öde liegt das weltvergessene Dörfchen da. Doch dort strahlen schondie Lichter des Gotteshauses und bei deinem Eintritt erklingt es nach alter Weise: „Herr der Welt, der König war, bevor noch irgend ein ' Geschöpf geschaffen". Welcher Trost, welche Beruhigung liegt doch in diesen einfachen Worten. Die letzten Gebilde deiner beunruhigenden Träume schwinden vor der Helle und Klarheit des Gottesgedankens. Wie Sphärenmusik wirkt es besänftigend auf dein ganzes Wesen. Hier hast du festen Boden unter deinen Füßen, hier hast du den ruhenden Pol gefunden in der Erscheinungen Flucht. Du fühlst dich nicht mehr einsam und verlassen, du bist bei deinem Gotte. Doch da beginnen sich die nagenden Zweifel zu regen. Tu denkst an dein Tagewerk. Schwierige Geschäfte sind abzüwickeln. Du hast mit harten, bösen Menschen zu tun. Schlauheit und List, Roheit und Grausamkeit, Kampf und Streit, wildes Wetten und Jagen, die scheinen heute die Herrscher zu sein. . Haben sie den alten Gott abgelöst die vielen Götter -des Tages? Konnte er ein König sein, als noch kein Geschöpf da war. Haben die Geschöpfe den Schöpfer verdrängt, wie die alten Göttersagen erzählen, daß auch im Himmel ein Herrscher dem andern folge. . Wie kommt es, daß 'man von Gott so wenig sieht im Leben und Wirken der Menschen? Hat er sich grollend zurückgezogen von der entarteten Welt? „Ms durch seinen Willen das All entstand, da ward sein Name König genannt?" t Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Törichter Grübler, was plagst du dich mit unfruchtbaren Zweifeln? Nimm die Welt, so >vie sie dir gegeben ist. Er hat sie so gewollt. Cr hat auch dich gewollt mit all deinen Leiden und Qualen, mit all deinem quälenden Sinnen und Denken. Sieh dort oben blinkt noch einer jener Sterne, anch ein Geschöpf seines Willens. Die Gelehrten sagen, er 'ei soweit von uns entfernt, baß das Licht viele Jahre braucht, um zu uns zu dringen. Wie mag er wohl aussehen? Gleicht er vielleicht unsrer Mutter Erde? Leben auf ihm vielleicht Geschöpfe von Fleisch und Blut wie wir? Gibt 'es auch dort Kampf ums Dasein, Zank und Streit und Hader und Unvollkommenheit? Was tut das uns? Ein einziger llarer, heller, harmonischer Strahl ist es, in den eine ganze Welt sich für uns vereinigt. Nun, mein Freund, so erscheint auch unser scheinbar so unmaßliches Crdenleben in den Augen eines Sternenbcwohners. Wie wird es erst in den Augen Gottes erscheinen? Tie Zeiten und die Räume überblick! er Für ihn löst sich alles auf in eine gewaltige Harmonie. Und vielleicht kommt auch eine Zeit, wo diese Erbe nicht mehr ist? Die Gelehrten sagen es. Es wird ja wohl noch Millionen Jahre dauern. Man brauche sich jetzt noch keine Sorgen zu machen. Aber kommen wird es. Auch au; diese Zeit hast du schon einen Ausblick. „Und wenn das All dahin geschwunden, wird er allein noch König sein, der Ehrfurchtgebietende. Er ist, er war, er wird sein in Herrlichkeit. Er ist einzig, kein zweiter ihm gleich. Ohne Anfang, ohne Ende, 'sein nur ist die Macht und die Herrschaft". Tas ist der Gott der Philosophen, der kühne Tanker, die erste Ursache, das bewegende Prinzip, die Kraft, der ordnende und regelnde Geist. Hast du darum dein warmes Lager verlassenn, bist hinausgeeilt in die eisige Winterskälle. Dieser Gott bedarf deiner nicht, so wenig wie du helfen kannst. Wenn deine Gedanken mit ihm spielen wollten, das hättest du auch inr behaglichen Stübchen besorgen können beim prasselnden Ofenfeuer. Doch höre weiter erklingt die einsinnige Weise. „Er ist 'mein Gott, mein lebendiger Erlöser, mein Fels in Leid und Zeit der Not." Was ist das? Hast du auch recht gehört? Die Eisscholle löst sich, die Lust wird warin und wärmer, Frühlingslüste wehen. Sind wir denn nicht noch im Winter. Doch nein, cs war nur eine Täuschung deiner Sinne. Das Herz ist dir nur auf einmal so warm geworden. Was wohl eine Weile vor dem alles durchdringenden Gefühle der Liebe, die deine Seele durchzitterte und in ihr Wallungen und Regungen erweckte, selig unerhört, nie vorher gekannt, nie geahnt und gefühlt? Jst's denn aber wahr? Tiefes mächtig erhabene Wehen, das die Denker der Jahrtausende noch nicht auSgedacht, mein Gott, niein Erlöser, mein Hort und Fels in Leid und Not! Ja noch mehr, mein Panier, meine Zuflucht, mein Schicksal. Ich muß ihn nur rufen. Aber woher weißt du es denn? Ich sühle cs eben, und ich könnte ja nicht leben, so ich es nicht fühlte. Wie könnte ich denn bestehen, ich schwacher Wurm, in diesem unendlichen Gewebe feindlicher Mächte, ich fül,le ein Wehen seines Hauches hier in diesem stillen Gotte?- hause, und so fühlten tausend: und abertausende vor mir, und so fühlte einst ein ganzes Volk und sah dazu nur einen kurzen Augenblick, aber es sah genug des Lichtes, um damit eine Flamme anzuzünden, leuchtend und strahlend für die Ewigkeit. In diesem Gedanken gewinnt mein Leben erst seinen Wert. Tn leidest, Bruder, dein Körper ist siech, deine Seele ist krank, dein Geist müht sich vergebens ab mit den Rätseln des Daseins. Mut, Bruder, noch ist nichts verloren. Noch lebt ja dein Erlöser, der nicht schläft und schlummert, der alte Gott Israels. Dein kranker Körper, er wird heilen, dein müdes Herz, es tvird genesen, deinem ringenden Geiste, ihm wird Licht werden. Er ist. ja dein Erlöser, vor dem es keine Schranken der Zeit giebt. Warte nur, gedulde dich. Du meinst, du wärst zu klein und zu winzig, um beachtet zu werden. Aber in der Ewigkeit ist auch für dich Zeit da. Da ist Zeit da für all die Milliarden und Abermilliarden von Wesen, die in der Erden- und Sternenwelt gelebt und gehofft, geliebt und gelitten, Meteoren gleich aufgeslannnt und wieder zurückgesunken sind in das große Meer der Schöpfung. „In seine Hand befehle ich meinen Geist, wenn ich schlafe und erwache, und mit meinem Geist, meinen Körper. Ter Herr ist mit mir, ich fürchte mich nicht". Ja, die Furcht ist des Menschen Schreckgespenst auf Erden. Sie beschlich mich, als ich beim Morgengrauen die Augen öffnete und mich in meiner Winzigkeit erblickte, ein Atom gegenüber der Masse des Weltalls. Schauer des Bangens ergriffen mich, als ich dich schaute, mein Herr, wie dich die Denker und Weltweisen malen. Da kam die Religion und zeigte dich mir, als mein Gott und Erlöser, da schwanden die Schrecken der Nacht. Giebt es denn Furcht für das Kind an der treuen Brust des Vaters? Wie . warb mir so leicht, so fröhlich zu Mute! Welt, ich trotze dir, Bosheit, ich lache ob deiner nichtigen Tücke. Der Herr der Welt ist mit mir, ich fürchte mich nicht! Personalien. Mülheim (Ruhr), 14. März. Ein seltenes Fest wurde am Samstag und gestern hier begangen, das Geburtstagssest unseres ältesten Mitbürgers, Herrn M i ch a e t Hirsch, der vorgestern sein hunderttes Lebensjahr vollendete. Dem verehrten Herrn zu Ehren hatten die Nachbarn ihre Häuser belaggt, und zahlreiche Glückwünsche von nah und fern, darunter über hundert. Glückwunschtelegramme bewiesen die große Anteilnahme an der Feier. Die israelitischen Gemeinde hielt einen Festgottesdienst ab, bei welchem Herr Plaschinsky, der Vorbeter der Gemeinde, eine Ansprache hielt. Von der Gemeinde wurde dem alten Herrn als Angebinde ein prächtiger Sessel und von den Brüderschaften. ein wertvoller Pokal mit Widmung überreicht. Die Feier nahm dann im Kreise der Familie ihren Fortgang, die aus 6 Kindern, 22 Enkeln und 3 Urenkeln besteht. Am Abend ehrte der „Sängerbund" den Jubilar durch ein Ständchen. Gestern vereinte ein größeres Fest inr Kirchholtesschen Saale die zahlreichen Freunde und Bekannten des Jubelgreises, der durch die Herren Schöndorf und Kann von seiner Wohnung abgehvlt und znm Festlokal geleitet wurde. Bei seinem Eintritt in den Saal wurde Herr Hirsch von der Kapelle mit einem Tusch empfangen und dann zu dem mit Blumen geschmückten Ehrensitz geleitet. Auch bei dieser Feier wurde des Jubilars in Wort und Lied gedacht. München. Der Sohn des unlängst verstorbenen königl. sächsischen Generalkonsuls Maximilian Ritter von Wilmersdörfser, Herr Bankier Theodor Wilmersdörfser wurde zum k ö n i g l. s ä ch s i s ch e n Konsul ernannt. — Der jüdische Bildhauer Hugo Kaufmann wurde zum königl. Professor ernannt. Brüstel. Samson Wiener, der in dem bekannten Prozesse des Königs von Belgien gegen seine Tochter, der Rechtsvertreter des Königs war, ist eine der hervorragendsten Persönlichkeiten des Brüsseler Barreaus. Er ist Präsident des Provinzialrates von Brabant und mit. der älteren Tochter des verstorbenen Sampson Lucas, Miß Jessin Lucas verheiratet und auf diese Weise mit den hervorragenden Faniilien Francis Lucas und Benjamin Elkan Mocatta verschwägert. Der Vater Samson Wieners, Jacques Wiener, starb in: greifen Alter von 81 Jahren im Juni des Jahres 1899. Jacques Wiener, der ebenfalls in Brüssel lebte, war der berühmteste Medailleur seiner Zeit. Von ihm stammt auch die Zeichnung für die erste belgische Postmarke. Jacques Wiener tat sich auch im öffentlichen Leben der belgischen Juden hervor, sowohl als langjähriger Vizepräsident des „Israelitischen Zentral-Konsistoriunls von Belgien", wie auch als Präsident der Knltusgemeinde in Brüssel. Ostrowo, 16. März. Der langjährige erste Vorsteher der Synagogengemeinde Herr Kaufmann Di. Rothstein feierte heute seinen 70. Geburtstag. Die Gemeinde überreichte ihm aus diesem Anlaß einen kostbaren silbernen Tafelaufsatz und eine Adresse. Der Krankenpflegeverein, dessen Ehrenmitglied Herr R. ist, ehrte ihn durch Ueberreichung einer Standuhr, und die städtischen Körperschaften beglückivünschten den langjährigen Stadtverordneten. Ans den Vereinen. Frankfurt. 24. März. Gestern Abend hiell der „Montefiore, Verein für die Pflege der idealen Interessen jüdischer junger Leute", seine ordentliche Generalversammlung ab, die sich eines lebhaften Besuches und eines angeregten und anregenden VerlanseZ erfreute. N lieber den Kassenbericht, der u. a. 902 Jk Mitgliederbeiträge und 1273 Jk Geschenke answeist, entspann sich eine lebhafte Debatte. Gegenüber den großen Leistungen des Vereines, sind die Einnahmen , durch Mitgliederbeiträge zu gering, und bleibt sonder Verein zu sehr auf das Ungefähr Her Geschenke angewiesen. In den Einnahmen und Ausgaben mehr Stabilität herzustellen, war das Motiv, das die Diskussionsredner — die Herren Louis Kahn, Ludwig . Katz, Martin Meyer, Elkan, Sigmund Singer, David Draller —: zur Ergreifung des Wortes veranlaßte. Da Herr Sigmund Singer, der Präsident des Vereins von dessen Entstehen an, eine Wiederwahl ablehnte, so wählte die Versammlung Herrn' Eisenkrämer zum Präsidenten. Sämtliche Redner erkannten die selbstlose und mustergültige Tätigkeit des Herrn Singer, durchdie der Verein auf seine heutige Höhe von 750 Mitgliedern gekommen ist, dankbar an;, sämtliche Mitglieder ehrten ihren rangjährigen Führer durch Erheben von den Sitzen.

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