Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1904-03-25 · Heft 12 (25.3.1904) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 12 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692358-2692370--00798-2695232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Vellage zu Nr. 12 des Frankfurter Israelitischen Famüien-lattes. An nnfeve Lesev! wir richten an unsere Leser, welche das Blatt bei der Post abonniert haben, die Bitte, das Abonnement für das zweite Quartal {<)0^ rechtzeitig zu erneuern, damit die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleidet. — Preis pro Quartal inkl. Franks- Zusendung \,02 Mark. Diejenigen Abonnenten, welche unsere Zeitung von uns direkt beziehen, erhalten dieselbe ohne besondere Erneuerung des Abonnements fortlaufend zugesandt. Nach Beginn des neuen Quartals können wir Abbestellungen nicht mehr annehmen. SHT Infolge vielfacher an uns ergangener Anfragen und um den Wünschen der meisten unserer geehrten Abonnenten zu entsprechen, erklären wir uns gern bereit, der Einfachheit und der Porto-Ersparnis wegen Abonnementsbeträge auch für mehrere Quartale auf einmal im voraus entgegenzunehmen. Die Geschäftsstelle des „Franks. Jsr. Familienblatles." Briefliche Aentzerrmgen eines christlichen Theologen über S. R. Hirsch. Mitgeteilt von M. E. Philipp F i s ch e r., Rabbiner i» Düvavänya (Ungarn). „Vorläufig ist Hirsch nur' eine Lokalgröße." — Nie vergesse ich diese Worte, mit denen ein übrigens in allen Beziehuiigen ehrenwerter Herr eine schon heftig werbende Kontroverse, die ich mit ihm über die geschichtliche Bedcutnng des erwähnten großen Lehrers in Israel hatte, seinerseits für abgeschlossen erklärte. Hirsch eine Lokalgröße! Es ist wohl richtig, daß Frankfurt in erster Reihe der Ort ist, wo der Meister echt jüdischer Lebens- und Weltanschauung am längsten und nachhaltigsten gewirkt, wo seit circa einem halben Jahrhundert alle von den verschiedenen Leiten ausgehenden Bestrebuirgen, die die Festigung alter Gesetzestreue bezwecken, auf ihn, den genialen Religionsphilosophen, auf 'seine gottgesegnete Wirksamkeit zurückzuführen sind. Denn hier in Frankfurt hat er, nachdem er seine Würde als Landcsrabbiner von Mähren und österreichisch Schlesien niedergelegt hat, um — wie der der Richtung seines Lehrers u'ntreu gewordene Schüler Grätz sich einmak spottweise ausdrückt — ein „ketzerriechender" Klausner zu werde», erst 'recht, als der Wicdcrerwecker des in Todcsschlaf versunkenen jüdischen Pflichtbewußtseins sich bewährt, der neues Leben den bereits erstarrten Gebeinen einzuhauchen vermochte. Wer aber die Geschichte der jüngsten und allerjüngsten Vergangenheit kennt, der wird wissen, daß die Gesetzestreuen ihre Widerstandskraft gegenüber den Einflüssen der Neologie in ganz Deutschland und weit über seine Grenzen, zum großen Teile der Wirksamkeit Hirschs zu verdanken haben. Daß Hirsch keine Lokalgröße ist, davon zeugt auch ein anderer Umstand. Ein Mann, dessen Werke tagtäglich mehr und mehr verbreitet iverden, bleibt keine Lokalgröße., Und man möge sich bei den jüdischen Buchhändlern erkundigen, ob denn irgendwelche ähnliche Werke so gesucht werden, wie die - Hirschs. Wie iveit über die Werke Hirschs und damit seine Gedanken dringen, davon möchten wir einiges erzählen. Bor ca. 4 Jahren machte ich in Frankfurt a. M. die Bekanntschaft eines jüngeren evangelischen Theologen, den eben der Zauber der Persönlichkeit Hirschs, in Lessen Werke, hauptsächlich in dessen Bibelwerk er sich früher schon vertiefte, nach der Stätte hinzog, wo es 'dem Meister vergönnt ward, mit solch herrlichen Werken sein Volk, ja die Menschheit, zu beschenken. Er hielt sich längere Zeit in Frankfurt auf. Besuchte auch die Vorträge des sel. Direktor Mendel Hirschs. — Unsere Bekanntschaft entwickelte sich zur Freundschaft. Denn trotz des tiefen Abgrundes, der zwischen unseren Anschauungen — den Anschauungen eines Rabbinatskandidaten und denen eines lutherischen Vikars — klaffte, ja klaffen mußte, fanden wir einen Einigungspunkt in der Hochhaltung und Verehrung der Thora und eines ihrer größten Erklärer. — Wir stehen heute noch im Briefwechsel miteinander. Da unser Briefwechsel sich naturgemäß hauptsächlich um religiöse .Fragen spann, so kamen wir auch oft auf den größten jüdischen Bibelkommentator der Neuzeit, S. 'R. Hirsch, zu sprechen, dem auch der Vikar sich zum Führer in der Exegese des Alten Testaments erkoren. Nun möchte ich eben diese Aeußerungen eines protestantischen Theologen, der nebenbei erwähnt, mit einer ausgezeichneten Kenntnis der hebräischen Sprache ausgerüstet ist, .über Hirsch, einem größern Briefe, den werten Lesern dieses Blattes übergeben. unter denen gewiß recht Viele sind, die mir hierfür Anerkennung zollen werden. — — — Unter dein Datum 28. Dezember l888 schreibt er unter Anderem: „Ich habe gesunden, daß die Wahrheitserkenntnis sich nicht dialektisch entwickelt, sondern organisch, d. h. wachstümlich, wie Hirsch es so tresfend in dem Worte „jaureii“ (das Wort, wie all die hebräischen Citate in seinen Briefen, ist in hebräischen Originalzügen geschrieben) „lehren" verwandt mit „Horoh" schwanger sein findet. Das heißt, jeder neue Keim braucht Zeit zum Wachsen und Assimilieren der vorher^ vorhandenen Wahrheitselemente, und dieses Wachsen wird durch Dialektik und raschen Dispntierzwang leider so sehr verhindert. Der Stifter der christlichen Religion vergleicht darum das Pflanzen des Himmelreichs der Säemannsarbeit. Sein Wort sei der Same. Aber dieses Geheimnis des Himmelreichs versteht unsere christliche Theologie zum größten Teil viel weniger als Hirsch. — Ueberhaupt hat mir H i r s ch in vielen Stücken das Neue Testament schon besser erklärt, als unsere moderne Theologie." — — — „So sinnlos der Gedanke ist. Ihnen durch Konsistorialbeschluß Mose abzusprechen, so möchte ich doch zu Ihren Ausführungen noch ergänzen, was Hirsch ebenfalls so deutlich zeigt, daß die Thora keineswegs aus dem Volke oder aus Moses Kopf enttume einen Hieb zu versetzen glaubt, daneben haut (?) z. B. in der Erbsündenlehre." Unter dem Datum 3. Oktober 1900: „Von Tr. M e n d e l Hirschs Tod habe ich nur ganz nebenbei in einer Buchhändleranzeige eine Andeutung gefunden. Ich war ihm für seine Anregung und sein vertrauensvolles Entgegenrommen sehr dankbar und er hat mir durch sein ganz einfaches, schmuckloses aber wohldurchdachtes Lehren in der Real- und Töchterschule einen sehr guten Eindruck hinterlassen. — —- Zein Stil in den Haphtaroa, die er mir verehrte, ist ncir sogar fast lieber als der seines Vaters, er scheint mir ungesuchter und vertrauenswerter. Bei S. R. Hirsch habe ich immer das Gefühl, daß 'seinem Scharssinn und seiner geistsprühende» Gewandtheit einfach alles beweisbar sei, und das macht mich vorsichtig, um nicht zu sagen mißtrauisch bei aller Freude an seinen Werken. Unter den christlichen Exegeten weiß ich nur Einen, den ich ihm an die Seite stellen könnte, I. Tobias Beck usw." „In der Kommentierung des Alten Testaments weiß ich überhaupt keinen, der mir so lieb wäre wie Hirsch, ich habe Hirsch gewählt, weil mir die anderen zu viel gelehrten Slpparat und zu wenig Geist, und namentlich zu viel christliche Eintragungen haben. Bei H i r s ch muß ich nun freilich manche Rohrflechterei der jüdischen Arbeiterkolonic in Weißensee. I'-CCT* ' ff* sprangen ist, und Ihr Ruhm ist nicht der, daß k sie von Ihnen stammt, sondern Ihnen anvertraut worden ist, ob Gott einen Juden oder einen anderen dazu auserkoren hätte, ändert an der Sache nichts." Unter dem Datum 18. Februar 1803: „Diesen Gedanken,, daß Gott seinen Söhn hingibt zur Erlösung der Menschen in Jammer und Tod, führt Hirsch in vielen Psalmen viel christlicher aus, als die meisten meiner christlichen Kollegen, auch zu Jesaja ö3 in Ben Usiel (hier sind die 18 Briefe gemeint), und nimmt er wohl die ganze Nachkommenschaft Abrahams 'als Sohn Gottes." „Erlauben Sie mir noch zum Schluß einige Fragen usw. — 2. Ist es talmudische Lehre, daß mit den öomaus hamoschisoh die Daurass Haschern ein Ende hat, wie mir aus Hirsch zu Deuter 32, 36 und Psalm 80 hervorzngehen scheint."-- „Aphorismen bei nochmaligem Durchlesen Ihres Briefes: 1. Hirsch zu 5. Buch Moses 30, 6 akzeptiere ich, halte aber 28, 3 dagegen, wo ich ihn nicht akzeptiere."-3. Daß die christlichen Theologen, nicht bloß Delitzsch immer das Neue Testament ins Alte hineintragen, hat mich besonders zu Hirsch getrieben, der viel christlicher (?) interpretiert als Sie glauben, und wo er dem Christent jüdische Eintragungen aüsscheiden oder Seitenhiebe auf das Christentum parieren, aber ich habe doch einheitliches Wortverständnis und geistvolle Zusammenhangserfassung." Unter ' dem Datum vom 26. November 1900: „Da ich gegenwärtig an Jesaja bin mit meinem Lesen, so wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie Mir öesohurun IX. „die Welt des Jesaja" - verschaffen könnten." Unter dem Datum vom 27. Dezember 1900. — „Wenn alle die Barrnherzigkeit und Milde, die Wahrheit und das Recht und die Heiligkeit der göttlichen Wallung in einer äußern, sichtbaren Hülle auftreten wollte, so würde sie in der Gestalt erscheinen, die der Schöpfer dem Menschen erteilte. — Siehe 1. B. M. 49, 10 Hirschs Kommentar. — Jes. 11, 1. Hirsch jun. Hapht. S. 487." '' Unter dem Datum voin 13. August 1901. — „Eine Befruchtung unserer Schrifterkenntnis durch Männer wie Hirsch ist meiner Kenntnis nach eine seltene Ausnahme." Unter dem Datum vom 27. Mai 1902. — „Heute las ich auch Hirschs kleine Propheten Micha 5 und dazu die beste christliche Exegese von I. Beck und ich mußte denken: Hirsch ist viel christlicher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.