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Neue jüdische Presse · 1904-02-19 · Heft 7 (19.2.1904) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 7 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 7 des Frankfurter Israelitischen FamilieMattes. Wann wurde der Tempel gebaute Zur morgigen Ha stör a. „Und es war vier hundertundach tzig Jahre nach dem Auszug der Kinder Israel aus Mizrajim im vierten Jahre ImMonatSlw, dasistimzweiten Monat der Regierung Salomos über Israel, d».baute er ©ott ein Haus. (Kön. I. 6. 1.). - Bei diesem ersten Satze unserer dieswöchentlichen Hastora drängen sich dem aufmerksamen Leser einige Schwierigkeiten aus. 'Vor allem ist ausfallend,' haß hier das einzige Mal in ganz „Nach" vom Auszuge aus Egypten an .gerechnet wird; welche besondere Veranlassung liegt dazu vor? . Der Auszug aus Egypten war es, der zum ersten Mal Israel Gottes schützende Vaterhand, welche es, eine egyptische Sklavenkaste, zur Höhe eines Gottesvolkes hob, erkennen ließ. 'Damals baute Israel Gott ein Mischkon. Durch dieses Wohnen Gottes in Israels Mitte, sollte Israel im Bewußtsein der Gottesnähe sich selbst veredeln und heiligen. Doch als die vierzig Jahre der Wüstenwanderung beendet waren, wurde auch das Misebkon abgeschlagen und bis zur Zeit von König Salomo, nur zeitweilig an verschiedenen Orten errichtet. Erst König «alomo baute den Tempel. Aber Israel als das „Ass schebeanim'*. das lviderstrevendste und hartnäckigste der Völker, war noch nicht reif jilr den Geist und die -Gesinnung, dieihm durch das Mikdosch symbolisiert werden sollte, und nachdem der Tempel, eben der llnempfänglichkeit Israels wegen, »ach vieryundertundzehnjährigem Bestände zerstört wurde, bedurfte es noch einer Läuterung von siebenzig Jahren, um vierhundertundachtzig Jahre nach Grundsteinlegung zum ersten Lot hamikdosch das zweite erbauen zu lassen. Es lägt sich somit merkwürdigerweise unsere ganze Bolksgeschichte vom Auszuge aus Egypten bis zur Erbauung des zweiten Mikdosch in zwei gleich große Perioden teilen, die in ihrem inneren Verlaus sich auch genau entsprechen. Belehrung, Verschmähen derselben, Strafe und durch diese endlich würdig zur neuen Belehrung, das ist das gemeinsame Charakteristikon der beiden Zeitabschnitte, die je 480 Jahre umsatzten, vom Auszug aus Mizrajim bis zur Erbauung des ersten und von da an b,is zur Grundsteinlegung des zweiten Tempels. Darum tvkrst hier am Eingang der zweite» vierhunderiundachtzig. Jahre das Gotteswort einen bedeutsamen Rückblick auf den Anfang der ersten (d. h. auf Jeziat Mizrajim*). Zur genaueren Bestimmung,der. Zeit wird das vierte Regierungsjahr Salomos 'angegeben. Dieses vierjährige Zögern scheint auf 'den ersten Blick befremdlich, wenn man bedenkt, daß David seinem Sohn schon alles Material zum Tempelbau hinterließ und ihm befahl, es direkt nach Antritt der Regierung zum Teinpelbau zu verwenden. (Chron. l. 28, 10. ff.) Warum wartete' Salomo doch vier Jahre, bevor er den Bau in Angriff nahm? . Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir vor allem .die Erwiderung betrachten, die Gott David gab, als dieser vergeblich um Erlaubnis zum Bau des Lot Hamikdosch gefleht hatte. „. . . . . Wenn deine Tage voll sein werden und du dich zu deinen Vätern gelegt haben wirst, so werde ich deinen von dir gezeugten Nachkommen auf den Thron bringen und ich. werde seine Regierung fest gründen. Er wird ein'Haus für meinen.Namen bauen . . . ."— . * Die Aufgabe bc§ Bet Hamikdosch war - es, die' Menschen mit einander zu verbrüdern und zu versöhnen. David nun taugte wohl dazu, für Gottes Sache aus Erden zu kämpfen,, doch durften seine, immerhin mit.Blut befleckten Kriegerhände, nicht das Lot Hamikdosch bauen, das ein Mittelpunkt des Friedens und der Eintracht werden sollte. ' Dieses durfte auch nicht von dem Material gebaut werden, das ' durch die .Beraubung der übrigen Völker von David erbeutet worden war. Hätte nun Salomch welcher der von Gott erkorene Tempelbauer war, Stoffe hierzu verwendet, die ihm sein Vater hinterlasseu, so wäre Gottes Absicht ja doch nicht erfüllt worden, denn ebenso gut wie wir von einem König ' sage», daß er einen .Palast gebaut, auch wen» es seine Arbeiter taten, ebenso hätte man das Lot Hamikdosch nach David und nicht nach Salomo , genannt. So aber sammelte Salomo als Friedenssürst, wie dies fa schon sein Name andeutet, selbst das Material zum Tempelbau, und hierüber mögen wohl vier Jahre verslossen sein. (Ein weiterer Beweis für die Richtigkeit unserer Annahme, daß Salomo die ihm von- David übergebenen '-schätze nicht zum Tempelbau verwandt habe, ergibt sich aus Kön. I. 7. 51.; Als überflüssig dürste es uns wohl erscheinen, daß sogar der Monar genannt wird, in welchem der .Tempelbau begonnen hatte. Indes wird es uns begreiflich erscheinen, wenn wir die Kommentierung hören, die unsere Weisen s. A. zu „bachodesch snv‘ geben: „Siw hu chodesch ijor, dis be siwo liloni,“ „Siw, das ist -er Jjarmonat, in welchem die Bäume *.) Vergleiche hierzu Ärbarbanel, dem Wir in unseren, obigen Ausführungen gefolgt sind. Sprossen trägem" 'Im hellen, heiteren Frühling hatte Salomo mit dem Mikdosch-Bau begonnen. Nicht trübe Asketik und Lebensentsagung predigt das Judentum, sondern Fröhlichkeitnnd Freude bringt es seinen Bete nn e r n. Dieser Gedanke wird uns durch das Nennen des Frühlingsmonates nahegelegt. Mit der Blütezeit der Natur begann auch diejenige Israels. —s— Aus dem Reiche der Knute. Der russische Aerzte-Kongreß, der Ende Januar in Petersburg abgehalten wurde, hat, wie die „Bolksztg." erfährt, eine Auflösung durch die Polizei erfahren. Auf dem Kongreß in Petersburg war ein Tag der besonderen Beratung über Tuberkulose und Bolksgesundheitspflege Vorbehalten. Während der Verhandlungen wurde die Tatsache erörtert, daß die Unkenntnis der gewöhnlichsten Gesundheitsgesetze und der unnräßige Alkoholgenuß der Verbreitung der Tuberkulose in außerordentlich hohem Grad Vorschub leisten. Das Ergebnis der Beratung war die Empfehlung eines planmäßigen Vorgehens gegen die Tuberkulose, wozu die Gewährung persönlicher Freiheit der Aussprache in der Presse und in Versammlungen als notwendige Vorbedingung bezeichnet wurde. Angesichts der in Rußland herrschenden kulturverhöhnenden Zustände ward die Aufstellung dieser Grundsätze als ein Angriff gegen die Maßnahmen der Regierung aufgefaßt. Ein planmäßiges -Bestreben dieser Art bringt in Rußland die Organisation sofort bei der Polizei in Verdacht und setzt sie der Verlegenheit aus, künftighin ihre menschenfreundlichen Aufklärungen nur in Sibirien betätigen zu können. Dieser Punkt war aber noch nicht ausschlaggebend; erst ein weiterer Beschluß des Kongresses schlug dem Faß den Boden aus. Man hatte nämlich den Mut, die Judenfrage zu erörtern. Es wurde hervorgehoben, daß lleberfüllung und Armut in den Städten die Hauptgesahr für die Züchtung und Verbreitung von Seuchen würden. Die russische Regierung habe nun durch ihre antisemitischen Maßnahmen die lleberfüllung des Ghettos und die darin herrschende Armut ungeheuer vermehrt. Tie Zahl der in Rußlandwohnenden Juden wird aus- 5 Millionen geschätzt, ist aber mit wenigen Ausnahmen auf bestimmte Teile von Städten innerhalb wiederum nur eines Teiles des Reichs beschränkt.' Durch die „Maigesetze", die voni Zaren Alexander UI. am 3. Mai 1892 unterzeichnet wurden, ist den Juden die Erlaubnis, in Dörfern.- zu wohne», überhaupt entzogen worden.' Es ist ihnen nur der Aufenthalt in Städten'und Flecken erlaubt. Ob ein Ort als Dorf oder als Flecken zu betrachten ist, darüber hat allein die Polizei zu entscheiden. Wird die Ortschaft als ein Dorf erklärt, so können die Juden, binnen 24 Stunden ausgetrieben werden. So wurden 1895 alle Flecken der Provinzen Poltawa und Tschernigow für Dörfer erklärt und die Juden mußten innerhalb eines Tages ausziehen.' Die Folgen für die Betroffenen sind in Folge der Kürze der bemessenen Frist selbstverständlich furchtbar. Die Juden müssen ihr Eigentum verschleudern, und ihre Verarmung trägt , zur Verschlechterung der -Verhältnisse in' den Ghettos bei, in die sie flüchten. Tie haarsträubenden Ereignisse in Kischinew während des letzten Winters haben die Bedeutung solcher Maßnahmen unbarmherzig beleuchtet. Man schätzt die Zahl der seit den Maigesetzen aus ihren bisherigen Wohnsitzen vertriebenen Juden auf mehr als 600609, die also wahrscheinlich zur weiteren Uebersüllung der Ghettos in den Städten hinzugekommen sind. . Danach kann es nicht gerade auffällig erscheinen, daß der russische Aerzte-Kvngreß den Beschluß faßte, die „Aufmerksamkeit zu lenken auf die Gefahr, die aus der künstlichen Zusammendrängung der jüdischen Bevölkerung an den genehmigten Wohnplätzen innerhalb der Städte und Flecken des südlichen und westlichen Rußlands entsteht". ES gibt ferner Vorschriften in Rußland, die den Judeir das Baden in Seen oder Flüssen, sowie den Besuch von Seebädern, 'Sanatorien oder Mineralbädern verbieten. Ter Kongreß hat mit Rücksicht darauf 'die Forderung ausgestellt, daß auch jüdischeir Kranken erlaubt sei» solle, Landluft aufzilsuchen oder eine Kur in einem Sanatorium oder einem Badeort zu unternehmen. Ter Kongreß hat im Zusammenhang damit verlangt, daß man den Juden das Recht des freien Ortswechsels zugestehe. Gegenwärtig darf lein Jude in den gesünderen Teilen oder den Vororten einer Stadt wohnen, sondern muß im Ghetto leben. Wie krank er auch sein mag, und obvielleicht sein Leiden nu» durch eine Luftveränderung geheilt werden könnte, er ist gezwungen, in seinem Ghetto zu bleiben. Wünscht er einen Arzt zu befragen, der in einer anderen Stadl wohnt, so kann er das nur nach Einholung einer besonderen polizeilichen Erlaubnis tun. Unter solchen Verhältnissen ist die Sterblichkeit in diesen Städten erschreckend hoch, und gewisse Epidemien nehmen in vielen Ghettos kein Ende. Wenn aber die Vertreter des ärztlichen Berufs sich zu einem Kongreß versammeln und einen selbstverständlichen Einspruch gegen so offenkundige Anlässe der BoWverseuchung erheben, so werden sie wegen politischer Umtriebe verdächtigt, und die Versammlung verfällt der polizeilichen Auslösung! Es kann noch als ein Glück bezeichnet werden, daß hinterher nicht die Fürsprecher der angestrebten Verbesserungen mit Strafe belegt werden. „Wie unter solchen Umständen die medizinische Wissenschaft und die Bolksgesundung in Rußland Fortschritte machen soll, das ist," schließt die angesehene medizinische Wochenschrift Lancet diese Betrachtungen, „eine Frage, deren Beantwortung der russischen Regierung überlassen bleiben muß." Bunte Chronik. Zum hundertsten Geburtstage Joseph Z e h d n e rs. Zu den berühmtesten Männern, welche aus der jüdischen Gemeinde Glogau hervorgeangen sind, gehört außer den Gebrüdern Munk, assel, Sachs, Friedenthal und Hahn auch der in gelehrten Kreisen einst hochangesehene Londoner Bibliothekar Joseph Zehdner, welcher am 10. Februar 1804 in Glogau geboren wurde und am 10. Oktober 1871 in Berlin gestorben ist. Zehdner wirkte nach seiner Ausbildung zunächst einige Jahre als Lehrer zu Strelitz in Mecklenburg, wo er 1829 eine Abhandlung über den .Wortton in der hebräischen Sprache" im Schulprogramm veröffentlichte. dann in Berlin und folgte 1946 einem Rufe an das britische Museum zu London, an welchem er 22 Jahre lang Kustos gewesen ist. Im Jahre 1848 erwarb das Museum die Samin? lung Michael in Hamburg, über 4000 Bände (hebr-s, deren Katalogisierung rc. nun für Zehdner ein großes Arbeitsfeld bildete, wobei er fein Augenmerk besonders aus Vervollständigung dieser großartigen Sammlung richtete. In seinen freien . Stunden las er mit unbemittelten Studierenden philosophische und andere Schriften. Eine ausführliche Darstellung seines Lebens unß Strebens giebt M. Steinschneider im ^Magazin-für die Literatur des Auslandes" (1371 Nr. 44). Der Verfasser weist darin besonders auch auf den edlen und wohlwollenden Charakter Zehdners hin. Als Meister im deutschen Stil hat unser berühmter Landsmann gleichfalls Hervorragendes geleistet. Zu seinen Schülern grhörr u. a. der deutsche Lexikograph - D r. Daniel Sanders. Bon den zahlreichen Schriften Zehdners sind zu nennen: .Auswahl historischer Stücke aus hebräischen Schriftstellern vom 2 Jahrhundert bis in die Gegenwart" mit vokalis Text, deutscher <sehr geschmackvoller) llebersetzung und Anmerkungen, für Theologen und Historiker, sowie zum Gebrauch in höheren jüdischen Lehranstalten. Es ist dies der erste und fast einzige Versuch, die neuhcbräische Prosa größeren Kreisen zugänglich zu Machen. ' Ferner schrieb er: Nachbildungen von hebräische» Makamcn des Charisi im Literaturblatt des „Orient", Gedichte zu Stahlstichen in den Sammlungen lPorträtalbunis) .Ehret die Frauen" und .Edelstein und Perle" (1836 —45, pseud. R. Z. Ende), Ein Fragment aus dem letzten Gesänge von .Reinecke Fuchs". Satire auf Napoleon lll. (anonym, Berlin 1971, Asher). Zehdner war auch Hauptredatteur des Textes und oer kritische Ratgeber bet der englischen Ueversetzung und bei der Ausgabe der Reisen des Benjamin von Tudela >A. von Humboldt gewidmet, 1840 -41 Berlin, Asher). Der „öataloguo ok tbo Hebroro Look» in tbo Library of the Lrit. Museum (1867) ist ebenfalls von Joseph Zehdner verfaßt.

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