Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 6 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 6. Dm Schluß der Sprechstunde' Hopste es an der Tür und Doktor Berg trat ein. „Verehrter Herr Rabbiner, ich folge Ihrer freundlichen Einladung und besuche Sie, ohne eine sogenannte geschäftliche Veranlassung zu haben." „Das ist recht, mein lieber junger Freund. Sie Legleiten mich zu meiner Familie und nehmen zwang, los eine Tasse Kaffee mit uns." „Wer, Herr Rabbiner, ich 'kann doch nicht so ohne weiteres.... „Gewiß können Sie, ohne alle Umstände." Nun erhob sich der Rabbiner und schritt vor seinem Gast ln das behagliche Wohnzimmer, wo seine Frau und seine Tochter sich befanden. „Hier, meine Lieben, bringe ich Herrn Doktor Berg, meine Frau, meine Tochter Regina." . Die Gattin des Rabbiners, eine Frau mit sans. ten, noch jugendlichen Zügen sagte, nachdem die Herren . Platz genommen hatten: „Ich mache Ihnen noch nachträglich mein Kompliment über den geistreichen Purimscherz im Verein, der so vielen Beifall'fand." . verehrte Frau," erwiderte Berg und ein Schatten flog über sein Gesicht, „erinnern sie mich nicht an diese Tollheit, die besser unterblieben märe. und die ich bereue." „Run," meinte der Rabbiner, „Sie brauchen das nicht zu bereuen. Es war ja ein harmloser Scherz, den ich auch gutgeheißen habe." „Aber Her Meyer ist infolge seiner Interpellation krank geworden, was Ihnen auch bekannt sein wird." „Das wohl," sagte der Rabbiner ernsthaft. „Wer trotzdem trifft Sie keine schuld. Sie haben es harmlos und gut gemeint und wollten uns nur eine heitere Stunde bereiten. Sie dachten sicher nicht daran, daß sich Jemand dabei zum Gespött machen wird, also sind Sie auch nicht für die Folgen verantwortlich." Die Miene Berg's wurde immer düsterer, bei -den letzten Worten erblaßte er. Er murmelte: „Gleichnis, ich werde mir ewige Vorwürfe machen." ' Der Rabbiner tröstete: „Nun, der Mann wird mit Gottes Hülse schon wieder genesen. Die Leute sind übrigens von einer großen Sorge befreit. Herr -Meyer konnte bei dem für die große Familie kärglichen Gehalt nicht viel zurücklegen, und da bringt -eine schwere Krankheit auch große Sorgen. Nun er- - zählt mir Frau Meyer, daß ein unbekannter Wohltäter — durch Vermittelung des Dollar Friedheim — ihr eine größere Summe zur Verfügung gestellt hat, sodaß sie ihrem Mann die beste Pflege angedeihen lassen kann," „So," meinte Berg gleichgültig, „das ist ja für die Leute erfreulich." Regina, die ihn unausgesetzt beobachtete, fragte ihn, wie ihm das Purimfest gefallen habe. Bei dem Klang ihrer Stimme stutzte Berg und blickte scharf in ihr liebliches Antlitz, das sie ihm unbefangen zugewendet hatte. „Wer vorzüglich, gnädiges Fräulein, das war ja ein Maskensest vornehmster Art. Sie waren doch auch zugegen?" -„Gewiß," lachte sie, „wie die ganze Gemeinde und ' habe viel getanzt." _ „So?" fragte er sinnend, „daß ich sie doch bei Ihren Eltern nicht gesehen habe. — Sie waren auch im srnne ,deS Festes kostümiert, mein Fräulein?" „Gewiß, ich war eine babylonische Wirtin und mein Kvftüm kleidete mich reizend. Nur wurde mir meine Rechnung: „mit Kellschrift aus sechs Ziegelflein" nachgerade zu schwer," seufzte sie drollig. - Berg dachte im stillen: dies Mädchen ist nicht die Griechin, die ist zu harmlos und munter. „Ich muh Ihnen rückhaltlos gestehen, Herr Rabbiner, daß das jüdische Leben mir immer sympathischer wird, ich kannte es in der Tat nur von der Schattenseite." Der Rabbiner lächelte.. „Wir haben aber nicht immer Purimseste, doch," fuhr er ernster fort, „ich muß Sie korrigieren. Das jüdische Leben hat keine Schattenseiten und was Sie in öffentlichen Lokalen — eingehender behaupten Sie ja das jüdische Leben nicht studiert zu haben— an einzelnen Juden bemerkten, ist das jüdisches Leben?" -Berg sagte: „Ich verdiene diese Zurechtweisung." Das Gespräch wechselnd, bemerkte er in leichterm . Tone, „'aber ich möchte gerne wissen, wem wir die Idee und den Plan des Festzuges verdanken." . „Das verdanken wir alles meinem Famulus, der aych die Zeichnungen zu den Kostchnen des Festzuges geliefert hat." -,Jhr Famulus ist nicht nur ein tüchtiger Orientalist, sondern auch ein genialer Künstler. / Kenne ich ihn nicht, Herr Rabbiner?" „Doch," antwortete der Rabbiner behaglich, „es ist meine Tochter." ,. - - Berg starrte das junge Mädchen verblüfft an. „Ich wünsche Ihnen Glück, mein-Fräülein, in Ihrem jugendlichen. Alter diese gründliche Studien." „Bjtte," sagte sie gleichmütig, „überschätzen Sie mich nicht. Die Idee. des Festes mußte sich mir doch, durch den Purim selbst' aufdrängennnd die Detailshabe ich 'aus allen Kupserwllckeii Meines : Bäters.' zusammengestelll. Doch brechen wir, .soweit : von mnnem Verdienste rhabej die:Rede ist, davon ab." Das Gespräch nahm noch eine Welle in heiterer Weise seinen Fortgang, als beim Schlagen der Uhr Berg erschreckt aufsprang. „Meine Herrschaften, ich habe meinen Besuch ungebührlich lang ausgedehnt, aber ich habe mich wie zu Hanse gefühlt." Die Hausfrau bemerkte mü ihrer sanften Stimme: „Wenn Sie sich wohl bei uns fühlen, so wiederholen Sie Ihren Besuch häufig und ball»." „Da Sie, mein junger Freund, das jüdische Leben studieren zu wollen scheinen, so lade ich Sie ein, Frellag Wend unser Gast zu sein." Berg sagte, vor Freude errötend: „Wie darf ich wagen, dies anzunehmen," aber ausdas freundliche Zureden der Frau des Hauses sagte er ohne weitere Umstände zu. ' Regina bemerkte ihm beim Wschied unbefangen: „Bringen Sie aber auch ihre kritischen Augen mit, ein Freitag Wend ist bei den Juden etwas ganz sonderbares." Berg lächelte nur schweigend, eine tadellose Verbeugung machend. . IV. Berg war eine vielbeschäftigte Persönlichkeit. Er brachte den Ruf eines scharfsinnigen "Juristen mit nach Neustadt und da sich herausstellte, daß Fama in diesem Falle nicht übertrieben Halle, wurde er sehr rasch ein gesuchter Anwalt. ' Außerdem war er Vorstandsmitglied der nationalliberalen Partei und bei seiner glänzenden Beredsamkeit, - die dom Feuer der Ueberzengung getragen wurde, schwang er sich rasch zur ersten Stütze seiner Partei ans. Die bevorstehenden Reichstagswahlen begannen berells, die Gemüter zu erregen.. In Neustadt kämpften Nationalliberale und das Zentrum um das Mandat, zum ersten Male aber tauchten auch die Antisemiten ans. Da sie mll ihrer Agitation sich in gewohnter Weise an die niedrigen Instinkte der Menge wandten und viele Beamte zu den ihrigen zählten, konnten sie nach Herzenslust in zahlreichen Versammlungen das Volk bearbeiten. Da halle nun Berg viel zu tun, um seine Partei zu kräftigen und zu vergrößern. — Frellag aber halle er von seinen Arbeiten sich frühzeitig frei gemacht, um zu Dollar Leesers zü gehen. Er wurde von Regina empfangen. „Mein Fräulein, ich komme zü früh, störe ich noch?" „Wer gewiß nicht, nur müssen Sie mit mir vorlieb nehmen. Mutter betet noch Und Vater ist noch in der Synagoge. Sie werden übrigens über die Gesellschaft staunen, mit welcher er heimkehrt." „Staunen? dürste ich fragen?" „Natürlich," lachte sie, „ich muß Sie doch vorberellen. Wir Haben jeden Sabbat zwei Männer als Gäste, damit die vorgeschriebene Zahl zum Tischgebet anwesend ist." „Und diese zwei Männer?" „Sind Männer von großer Frömmigkeit und großem Witz." — In diesem Augenblick trat die Müller mll freundlichem Gruß ein, die Tür zum Speisezimmer offen lassend, aus dem heller Lichterglanz schimmerte. „Der Vater wird im Augenblick kommen," und noch während sie dies bemerkte, trat der Hausherr ein, sein Söhnchen an der Hand, von zwei weißbärtigen Männern gefolgt. Er küßte seine ihm entgegenellende Tochter auf die Sttrn und nickte dem Doktor Berg freundlich zu. , Dann summte er, im Ziminer aufünd abschreitend, den uralten Willkommgruß des Sabbat, das „Scholanm äleichem“ und ließ die Lobpreisung des braven Weibes, das „Eisches ckajir folgen. Am Schluffe sagte er gutgelaunt zu Berg : „Sehen Sie lieber Freund, wie galant wir schon von Religionswegen sind, jeden Frellag Wend müssen wir die gute Hausfrau preisen." Berg machte. ein verwundertes Gesicht. Wie er die von dem Knaben schnell geholte deutsche Uebersetzung des Liedes las, nickte er'zustimmend mll dem Kopfe. Der Sohn des Hauses, ein etwa neunjähriges Kerlchen mit munterin Sextanergesicht, fand bei Berg ein reges Interesse für seine Ansichtskartensammlnng und eroberte bei Tisch einen Platz-neben ihm. Die Leiden Männer, die er als Reb Gerschom und Reb Wolf kennen lernte, sprachen nicht viel, sondern beschäftigten sich mit dem „Mauze", einem ziemlich ausgiebigen Stück Challe. (Dieses feine, geflochtene Weißbrot wird auch in manchen Gegenden Barches- Tqtches genannt.) Bei den .Fischen mit Rosinensauce, die Berg zum ersten Male aß, meinte er, dies erwähnend, ,hie jüdische Religion, die solche Fische hat, , ist doch schön/ - Reb Gerschom blickte auf und fragte: „Wo ist der Herr zu Hause?" -- „Aus Westfalen." »Westfalen ist kleiner als Gdünuoin.**) „Weshalb?" „Well es hineingeht." \ Alle lachten. Berg' fragte ihn amüsiert: „Warum denn gerade Westfalen?" , ' 5 ‘ *) Gehmnom Hülle. Reb Gerschom brummte: , „Sie kennen ka Fisch: mit brauner Sauce? Sie md größer als Gan Eden.***) „Ich größer, wieso das' denn?" , „Weil Sie nit hineingehen." „Ja," sagte der Rabbiner munter, „mit Reb Gerschom dürfen- Sie nicht anfangen, der hat eine charfe Zunge." Das Gespräch wurde , allgemeiner. Berg bewunderte im Süllen, das aufmerksame, häusliche Walten Regina's,. wie sie für die beiden - Schabbesgäste ihres Vaters sorgte, wenn sie sich genierten, zuzulangen. Dann neckte sie sich mit ihrem Brüderchen, kam aber den Winken ihrer Mutter zuvor, kurz, sie war das belebende Element bei; Tische. Berg aber hatte das dunkle Gefühl, als ob sie ihn beobachte, alS ob er vor dem Mädchen, das sich so kindlich fromm hatte segnen lassen, ziemlich klein da stände. — Belebt durch die witzigen Einfälle der beiden polnischen Gäste, ging das Mahl zu Ende und. der Rabbiner sagte: „Nun zu unserer Nationalhymne." - ' Erst wurde von' der ganzen Gesellschaft der hundertsechsundzwanzigste Psalm gesungen, und dann sprach Reb Wolf aus die Aufforderung des Rabbiners . hin das Tischgebet. - Nachher begann der Rabbiner, mü seinen beiden Rebbes eine . Lunlle Stelle aus dem /Talmud zu zergliedern und der kleine Ludwig zog Berg zu seiner Sammlung. Regina kam hinzu und Berg fragte sie, ob sie auch Ansichtskarten sammle. . „Sehe ich denn . so aus'?" war die ernsthafte Gegenfrage, dann lachte sie aber. -,Nun, dieser Sport ist doch jetzt, bei den jungen Damen zur Leidenschaft geworden." „Das ist wohl möglich, mir jedoch mangelt die. Zeit dazu. Ich Unterstütze die Müller in der Haushaltung und helfe dem Vater." „So," machte er verwundert, „also studieren' Sie doch." ' - „Nein," sagte sie errötend, „ich mache für ihn Besorgungen, schreibe auch 'bisweilen für ihn ab." „Oh," ries Ludwig, „Regina studiert, viel Geschichte und das aus ganz dicken Büchern." vorlautes Kerlchen, ich lese, aber studiere nicht." Berg 'sagte nachdenklich: „Geschichte war mein Lieblingsstudium, aber sie entfernte mich.immer mehr von der Religion." „Und mich führt die Geschichte immer mehr zur Religion." „Fa," bestätigte Ludwig, „Regina ist sehr fromm. Mutter.hat ihr die ganze Pesacharbeit anvertraut, ohne auch nur etwas nachzusehen." Die Mutter sagte lächelnd: „Das ist 'das größte - Dertrauenszeichen, welches ich meiner Regina geben konnte, indem ich es mir bequem machte und ihr die ganze Arbeit und Aufsicht überließ." „Wer," meinte Berg, „sind deyn wirllich. alle die Formeln nicht größtenteils überfllissig. wäre beispielsweise das Tischgebet, das doch nur Wenige' verstehen, nicht mll einem Fünftel 'seines jetzigen Umsanges groß genug?" Regina antwortete: ,^Fch kann alles übersetzen,, verstehe unsere Gebote und Vorschriften und finde deshalb nichts überflüssig." (Fortsetzung folgt.) , Jüdische Frühttugsgedankeu. i. „. . . . Der Reiche nicht mehr, der Arme nicht weniger, als einen halben Schekel." . Wenn des Winters Frost sich bricht und in der Natur das Ringen nach neuer Entwickelung heimlich und still beginnt, dann regt es sich auch in der Menschen Brust "von Lenzesahnen und Frühlingshofsnung. Im jüdischen Kreise aber gelangen die erhebenden und erlösenden Wahrheiten. zum erneuten Ausdruck, welche die Grundbedingungen für den ewigen-Lenz bilden, der durch die Schöpfung des jüdischen Volkes aus 'Erden vorbereitet werden soll. Es sind dieselben Bedingungen, unter welchen der verachteten Ziegelbrennerhorte im.Pharaonenlande die Freiheit geworden, die auch für die Befreiung der -Menschengesellschäft von allem sozialen Leid, maßgebend bleiben, dieselben Wahrheiten, welche an dem Bän des Heiligtums in der arabischen Wüste, des Vorbildes jenes Heiligtums, zu welchem dereinst die ganze Erde sich gestalten >wird, sich knüpften. ' ' Mir „Parschat Schkolim“ wird die große Predigt eingeleitet, die auf 'dem weiten Erdenkreise alljährlich uns für unser eigenes Frühlingsfest vorbereiten will. . . . Kommt Alle, Alle — so lautet ihr Ruf — .liefert Alle. Bausteine zum heiligen Ban des Gottes- **) Garn Eden Paradies.