Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 2 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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rarJrv?,rt*<r^3 Nr.2. & Frankhlrier JsraEsches - Famiüenblaü. Seiten. ■. ', ter, eine zärtliche. Schwester,, ein i sanftes, frommes, -/X ' tugendhaftes Mädchen tvstr, ddm der Ewige den Lohn I -t nicht vorenthältenwerde- Dann folgtnoch^ ein kurze? Gebet und er wirft die ersten drei Hände voll nasser eisiger Erde auf den schmucklosen Sarg. Einige Herren folgen seinem Beispiel, und dann vollenden die Totengräber ihr trauriges Werk. — Das schrille Weinen der Geschwister übertönt das dumpfe Poltern der Erdschollen. „Seid doch blos etwas gefaßter", trösten einige Gutmütige noch die weinenden alten Mädchen, und alle, die nicht selbst noch ein liebes Totes zu besuchen haben, hasten dem Ausgang zu. „Adieu, auf Wiedersehn." „Hast Du es denn so eilig?" „Ja, ich will noch hier in der Nähe einen Besuch machen. Das paßt gerade gut". „Sie, Kutscher, fahren Sie schnell. Ich gebe ein gutes Trinkgeld". „Dore, laß Dich mal bei mir sehen zu einer Tasse Kaffee".' „Mama, komm doch, man erkältet sich ja". .„Adieu, adieu", schwirren die S.inimen durcheinander. Dann wird es nach und nach still. Der November deckt seine frühe Dämmerung allmählich über die Erde. Die Geschwister der Toten sitzen im warmen Zimmer zusammen. Nach den Aufregungen der letzten Zeit macht sich die Reaktion geltend. Sie sind froh, daß das Hinlaufen zum Krankenhaus, das Zeit, Mühe und Geld kostete, zu Ende ist. Sie sind ja alt. Sie wollen ihre Ikuhe haben. Nur Annas Hündchen fährt unruhig hin und her, als habe es Sehnsucht nach „Mütterchens" streichelnden Händen. Und draußen fährt seufzend und klagend der Sturm über die weiten .Hügelfelder der Großstadt und küßt das frische Grab so wild, daß die sterbenden Blumen daraus sich angstvoll an die eisige- Erde schmiegen. Ein bettelarmes Aienschenkind ist gestorben. Und als es geboren wurde, da lachte doch verheißend die Frühlingssonne am wolkenlosen Himmel, da jauchzte die Lerche Jubellieder und glückliche Eltern segneten den kleinen Liebling. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Die Zustände der Galizischcn Juden. In dem Dezember-Monatsheft 1903 „Ost und West"/ Berlin, lese ich zufällig einen Artikel von dem Vorstand des Hilfskomitees der Jrcden Galiziens; der Artikel ist mit dem Namen ,Lewy, Wien" unterzeichnet. Herr Lewy fragt: Wie ist es möglich, daß Fräulein Pappenheini aus Frankfurt a. M. und 'Frau 2r. Rabinovitz (Rußland) in der Zeit von vier Wochen sich in die Zustände der galizischen Juden einweihen konnten? Ich kann ihm nur erwidern, daß man zu einem Einblick in die grauenhaften Verhältnisse der galizischen Judenheil keine vier Wochxn braucht, denn wer nur ein bischen Herz und Gefühl besitzt, der wird bei einem Aufenthalt in Galizien schneller, wie ihm lieb ist, die Not unserer dortigen armen Glaubensgenossen sehen. Obzwar ich 'die Schrift der genannten Damen nicht gelesen und nur aus der Kritik des Herrn Lewy davon Kenntnis genommen habe; kann ich den Autorinnen nur beistimmen. Mir kann Herr Lewy nicht sagen,, daß ich die Verhältnisse der Be- - völkerung nicht kenne, denn ich habe sie nicht durch eine, kleine Reise kennen gelernt, sondern bin in diesen traurigen Verhältnissen ausgewachsen. Jedenfalls sind die Kenntnisse des Herrn Lewy in dieser Sache keine allzugroßen. So hebt er rühmend hervor, daß durch das Hilfskomitee zum Wohle der galizischen Juden eine große Anzahl Mädchen mit Haarnetzarbeiten beschäftigt werden. Jetzt ist die 'Frage, wieviel verdient so ein Mädchen pro Tag? Die Antwort ist 60 Kreuzer, so daß man sagen kann: zum Leben zu wenig, doch zuni Sterben zu viel. Wie lange denken Sie sich, lieber Leser, die Arbeitszeit? mindestens 12—14 Stunden; und da will man behaupten, daß das keine Wohltätigkeit sei. Wenn Herr Lewy meint, die armen Mädchen seien faul, so ist ihm nur zu empfehlen, dieselben kennen zu lernen; er wird dann eine andere Meinung .bekommen, er wird dann bestrebt fein, das Wohltätigke'itsshstem zu ändern und wird nicht über unglückliche Menschen ein ungünstiges Urteil fällen. Ich glaube, wir dürfen den beiden Damen dankbar sein, daß 'sie so manches an das Tageslicht gebracht haben. Jacob Rosenwasser, stud. mus. Berlin, Lottnmstraße 22, lll. Aus de« Vereine«. Frankfurt a. M., den 14. Januar. Der gestrige Abend des Vereins „Nachlas Zwi" war anläßlich des Jahrzeitstages Samson Raphael Hirschss s. A dessen Mahnen geweiht. -«Herr.- Leopold -.Schwab hielt.Lie. Gedeyitz;ede...die, bekannten Broschüre Hirsch's unter dem Titel Hirsch in seinen Neunzehn -Briefen 'einen vrogrannnatische» Grundriß der gesamten jüdischen Welt- und Lebensanschauung gegeben, so benutzte der damals Dreißigjährige in Nastulei Naftali diese Lebensanschauung als Waffe gegen die in jenen Tagen so iippig blühende Reformbewegung; und daß er diese feine Wafjen in seltener Meisterschaft zu führen verstand, ist ja allgemein zur Genüge bekannt, das zeigten aber auch wieder einmal die zahlreichen Proben, welche der geschätzte Redner aus der Broschüre zum besten gab. Die neuarrangierte Kunstausstellung in S ch n e i - ders Kuustsalon enthält in erster Linie das großartige, auf der Pariser Weltausstellung mit der goldenen Medaille ausgezeichnete, durch Reproduktion in Photographie und Radierung populär gewordene Original-Gemälde „Beethoven" von L. Belestrieri, Paris, sodann Kollektionen von: Prof. Karl Haider, Schliersee (11 Gemälde) und Ullrich Hübner, Berlin (10 Gemälde); außerdem ein .Hauptwerk „Johannistag" (1903) von Prof. Hans Thoma, das Bildnis der spanischen Tänzerin „Gnerrero" von F. A. von Kaulbach, München, 2 Kreidezeichnungen von Prof. Ludwig Knaus, 5 Landschaften von C. Th. Meyer- Basel, München, 3 Landschaften von Max Roßmann, Amorbach, ein Tamenbildnis von Max Schüler, Frankfurt a. M., 2 Landschaften von Adolf Staebli, 2 Gemälde von Prof. Tony Stadler, München, 1 Gemälde von Prof. F. von Uhde, München, sowie 3 Aquarelle und ein Oelgemälde von Hans Völcker, Wiesbaden. Ferner sind vertreten-: Wilhelm Mthein, Arnold Böcklin, Anton Burger, Tr. Pet. Burnitz, Gugl. Ciardi, N. Tiaz, I. F. Dielmann, A. I. Franke, Jak. Happ, Prof. Anton Hangeler, §. von Lenbach, Max Liebermann, A. Lutteroth, Jak. Maurer, G. Schönleber, B. Bautier, G. Carelli, Fritz Gractz, A. Hoeffler, Hugo Kanffmann, G. von Max, I. G. Mohr, H. Mühlig, C. Th. Reiffenstein, O. 3s. Roeder-Stein, I. scheuerer, I. von -chloegl, I. Sperl, F. Stuck, W. Süs, M. Thody, W. Trübner, F. Wucherer, u. A. m. Skulpturen und Plaketten usw. sind ausgestellt von B. Bosselt, Ernst Fischer, Heinr. Hahn, Adolf Hildebrand, F. Hoering, I. Kowärzick, F. Kuschela, E. von Röge, Ludwig Sand, Stephan Sindrng, Ed. Stanick, F. '«tuck. F r a n k s u r r a. M. Konzert SergeiK.lib a n s k y. Am Dienstag, den 19. Januar 1904 veranstaltet der auch hier trefflich accredierte Baritonist Herr Sergci Klibansky, Konzertsänger zu Berlin unter Mitwirkung des hervorragenden Violinvirtuosen Herrn A. Wittenberg- Berlin ein Konzert im kleinen Saal des Saalbans. Karten sind in der Konzertagentur Firnberg, Schillerstraße, zu haben. Klibansky, früher Schüler der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft, woselbst er bereits als Kuabe bei den stattgehabten Lchulfestlichkeiten infolge seiner klangvollen Stimme berechtigtes Aufsehen erregte, trat nach'Absolvierung der Prima in, das hiesige .yochsche Konservatorium ein, um bei hervorragendeit Meistern wre Kammersänger Pichler, dem berühmten Konzertsänger Sistermanns, Herrn Belwidt uiid Fräulein Sohn Gesang zu studieren. Eine selten feinfühlende Dortragskunst, die aus einem warm empfindenden Herzen quillt, im Vereine-mit einer trefflich geschulten Stimme eroberten dem jungen Künstler in Berlin, wo er nach Beendigung seiner Gesangstudien bei Eugen H i l d a ch, Professor des Kunstgesangs, sein Domizil nahm, schnell die Herzen der kunstliebenden Kreise. Klibansky, der treu andem orthodoxen Glauben hängt, ist als Künstler ein gern gesehener Gast der vornehmsten Cercles der Reichshauptstadt. Auch als. Gesanglehrcr hat er sich in Berlin bereits einen bedeutenden Namen gemacht; er ist seit Jahresfrist als Gesanglehrer am Konservatorium des Westens verpflichtet. . st. 8. Bücherschau- Meyers Großes Konversations-Lexrko n. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage. Mehr als 148000 Artikel und Verweisungen' auf über 18 240'Seiten Text gut mehr als 11000 Mbildungen, Karten und Plänen im Text und auf über 1400 Jllustrationstafe'ln (darunter etwa 190 Farbendrucktafeln und 300 selbständige Kartenbeilagen) sowie 130 Textbeilagen. 20 Bände in 'Halbleder gebunden zu je 10 Mark. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) Beim Durchblättern des soeben erschienenen 4. Bandes von Meyers Großem Konversations-Lexikon, der die Wörter Chemnitzer bis Differenz umfaßt, fallen sofort eine Anzahl Artikel ans, die uns Deutsche besvnders interessieren, da sie alles behandeln, was sich aus Deutschland bezieht. Der Artikel „Deutschland" gibt mit seinen zahlreichem prächtigen Karten und Tafeln ein ganz treffliches Bild von den geographischen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissenrnsers Vaterlandes- In prägapze Gebiet mach allen. Richtungen hin behänd wobei eine Reihestatistischer Tafeln nach densten Erhebungen sehr viet zum Die Geschichte unsers Volles ist in großen'Zügen, äi geradezu fesselnder Darstellung bis in unsre Ta^ bearbeitet, vier sehr gute geschichtliche Karten gebe ein übersichtliches Bild der jeweiligen Entwickeln»! Die großen Perioden des Befteiungskrieges u des deutsch-französischen Krieges haben besonders ai führliche selbständige Artikel erhalten. Vorzüglich i der Artikel „Deutsche Literatur" abgefaßt, dieser Al schnitt kann direkt zum selbständigen Studium auf beste empfohlen werden. Sehr interessant ist am der neue Artikel „Deutsches Voll" mit einer Kar! über die Verbreitung der Deutschen in Mitteleuropl Wir erkennen aus diesem Aufsatz so recht, wie si das deutsche Volk aus dem Gemisch der Stämm der Völkerwanderung heranskristallisiert hat, und w es ihm dank seiner Zähigkeit und Rührigkeit geluuge ist, überall in der Welt seinen Platz an der Sonm einzunehmen. Der Artikel ,/Deutscher Orden" gib einen Zeitraum dieser Expansionstätigkeit genauem wieder, während die zu diesem Band gehörigen Ar tikel „Deutsch-Ostafrika" und „Deutsch-Südwestasrika die koloniale Ausbreitung der letzten Dezennien bl leuchten. Dazu zeigen die Artikel „Dampsschiffahri mit der Weltverkehrskarte und der Beilage der DampsA schiffreedereien, wie die deutsche Flagge in der ganze« Welt jetzt achtunggebietend weht und deutsche 38« allerorts auf deutschem Kiel versrachtet wird. D neben gibt der Artikel „Deutsche Schulen im A land" einen guten Begriff von den Bestrebung«: das Deutschtum im Ausland zu erhalten. Für dl Verständnis der Vorgänge unsrer ostasiatischen Pol tii ist der Artikel „China" mit den beiden Karte namentlich der zweiten der Provinzen Tschi-li un Schantung, sowie die Karte vom Unterlauf d Peiho, dem Kriegsschauplatz der letzte» Jahre, vo größtem Interesse. Aber auch in die Geschichte un in die Literatur dieses bis jetzt so geheimnisvolle' Landes werden wir genail eingeweiht. Die'Errungen schäften der Technik im Dampfmaschinenwesen un>»^- im Dampfschiffbau finden in größer» Aussätzen eiil^ treffliche Behandlung. Auch hier sind eine ReihHI. ganz neuer Tafeln dazugekommen, die auch den Laie mit der sonst schwer verständlichen Materie vertrai machen. — Die Erwähnung dieser aus dem Reichtu des Wissens, der in dem Band ausgestapelt ist, he ausgezogenen Artikel wird genügen, um erkennen z: lassen, daß wir es in dem vierten Bande wieder mii einer ganz hervorragenden Akquisition der deutsches f'U Literatur zu tun haben, die inhaltlich und in de«MZ Ausstattung ihresgleichen sucht. - " Ulrich Frank: B e im Patriarchen. Die Toten. Breslau 1903. 296 S. 8°. Prei , 3 Jk Schlesische Verlagsanstalt von S. Schottländ" Bon diesen hübschen Erzählungen gilt dasse wie von den vor kurzem in demselben Verla erschienenen derselben Verfasserin. (Vgl. Nr. 47 bei Franks. Jfr. Familienbl.) Befremdend ist nur, daß dH Verfasserin Taufe und Assimilation, die in jeder ihr Geschichten behandelt werden, in die schönste Ha monie ausklingen läßt, statt sie als Gesinnungslosi keit zu brandmarken. 8. Schriften des deutschen Vereins jii Armenpflege und Wohltätigkeit. 6! Heft. Das Elberfelder System. Festbericht ans Ai (aß des 50jährigen Bestehens der Elberfelder Ai menordnung, erstattet von Stadtrat Dr. Münste berg-Berlin. Leivzig. Verlag von Duncker Humblot 1903. 54 S. 8». Preis 1.20 Jk Die Neuordnung des?lr menwese ns d Stadt Elberfeld vor 5 0 Jahren. In läunisfestschrift der städtischen Armenverwaltunj Elberfeld 1903. Baedeckersche Buch- und Kunsthanl lung. 144 S. 8«. Preis 1.50 „Ik Zu einer Zeit, wo fast in jeder größeren jüdtz schen Gemeinde der Ruf nach Reorganisierung dis Armenpflege begleitet wird von Schlagwörtern Einführung des Elberfelder Systems, Zentrqlisatil sämtlicher Wohltätigkeitsvereine, ist es wohl Pfli der maßgebenden Faktoren der Gemeinde, sich nau über das Wesen des sogenannten Elberscid Systems, dem an Erfolg keine andere Armenord nutz gleichkommt, sowie über die Möglichkeit seiner Et führung in jüdischen Gemeinden zu orientieren. Das Elberfelder System sucht die Ar dadurch zu 'bekämpfen, daß es die Verhältnisse je, einzelnen der Unterstiitzungswerber. durch sogenani Pfleger — das Pflegeramt ist ein Ehrenamt anfs genaueste erheben läßt. Durch diese Erhebunl, sollen die Gemeinden in die Lage versetzt werd ihre Unterstützungen den Bedürfnissen anzupass denn vor allem wird dadurch vermieden, daß beitsscheue Elemente in ihrer Arbeitsscheu du Zuteilung milder Gaben bestärkt werden; gegen müssen kranke oder alte Individuen, die w lich arbeitsunfähig sind, vollkommen ansgehall Werden. Arbeitswillige» und Arbeitsfähigen soll aber bx.i l DK'e'k^A'e.nihir'kr' nqchgewiesin»? werden. tTK*>tae fl tSS