Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 1 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Herder und das Judentum. i Zum hundertsten Todestage Herders. Bon Benno Fischer. Fortsetzung.) Wir finden tatsächlich sehr viele echtjüdische Züge in Herders Gedanken. So wenn er den Grund der Religion in den „Tatsachen der Geschichte" erkennt, «erden wir finden, daß nach jüdischer Auffassung 'unsere Thora auch nur auf der geschichtlicheir Tatsache der Sinaitischen Gesetzgebung, nicht aber etwa •«Ulf irgendwelcher philosophischen Spekulation festgegründet ist. Oder wenn er über den Grund für die Ausübung der Moral spricht, so lehrt er auch da in Uebereinstiminung mit dem Geiste des Judentums, daß dieser nicht etwa in der Glückseligkeit oder der Vervollkomninung, oder wie alle die Begriffe auch heißen mögen, zu erkennen sei, sondern lediglich in dem P s l i ch t g e b o t. „Hier muß man" — so sagt er einmal „hinter allem doch endlich . . . zum alten Wort Gottes zurückgehen: D u sollst! Du sollst nicht! sofern dies nicht konventioneller Geschmack und Vergnügen, sondern Pflicht und Vernunft vorhält." Ergänzend fügt er da noch hinzu: „Allerdings vervollkommnet uns die Ausübung der Pflicht; nicht aber müssen wir sie tun, um über Gewinn an Vollkommenheiten zu markten. Das Gebot heißt: Du sollst! nicht: Du wirst! 'welches blos eine höfliche Bettelei wäre." — Mit noch größerer Liebe als zum Pentateuch, wandte sich Herder, wie das bei einem mit hellenischem Geist begabten Dichter und einem protkstantischen Theologen wohlverständlich ist, zu den übrigen .Teilen der jüdischen Bibel, besonders zum Hohelied, den Propheten und Psalmen, lieber das Hohelied schrieb er das Werk „Lieder der Liebe", „die ältesten und. schönsten aus dem Morgenlande", wo er mit dem reinsten Enthusiasmus den Nachweis führt, daß dieses Salomonische Hohelied durch und durch poetisch, ja daß es d»E Urbild der Liebe sei, das „in seiner uralten hebrluschen Einfalt" alle Situationen und Wendungen der Liebe aufs zarteste znni 'Ausdruck bringt. Das Lied gehört in Gottes großen Hohelied s eines mystisch symbolischen Charakters entdes Gottgeliebten" (Salömon), der später als Greis durch die.Weiber zum Toren ward, und soll uns dazu dienen, daß wir uns „aus der süßen Unschuld dieses Liedes Saft und Arzenci für unser krankes Jahrhundert bereiten." Wenn auch Herder so das Hohelied seines mystrisch symbolischen Charakters entkleidet, so können wir doch anerkennen, daß er selbst unserer Propheten, worin „Hoffnungen eines großen Lichts, das allen Völkern aufgehen, eines Bundes der Freundschaft, das alle Nationen umfassen sollte, einer Religion, die ins Herz geschrieben, eines goldenen Friedens, an dem alles teilnchnien würde, glänzt wie eine Morgenröte." Auch mit der ph i lo l o g ische n n n d spr achphilosophischen Untersuchung der hebräischen Sprache beschäftigte sich Herder, und wir finden seine Gedanken darüber in der Schrift „Vom Geiste der cbräischcn Poesie". Er sucht da den Ursprung der hebräischen Sprache auf, geht bis in den Bau derselben hinein, forscht ihren Grundlagen nach und findet sie in den, aus der Urzeit überlieferten Ideen und Bildern der von religiöser Anschauung getragenen geschichtlichen Ueberlicsernng des hebräischen Volkes. Herder offenbart da einen feinen Sinn für die Schönheiten unserer heiligen Sprache, preist an ihr eine» angenehmen Wohllaut, eine Mannigfaltigkeit und Modulationssahigkeit, Lebendigkeit, -Anschaulichkeit und einen tätigen Charak- Betracht ein schärferer Ehrenrichter ist. als ter.. Mag der heutige Stand der hebrä.schen sprachgemeine Christ es sein kann." Ta die Tuben i .*_r__ •._ , .» i i- . c . ... , . _ . _v . . christliche Zeitalter, auf die ganze zivilisierte ausüben, den großen Anteil, den sie dadurch., der Kultur der modernen Zeit haben. Feinsin weist er auch auf die sonst unbeachtete Wirkung^ heiligen Schriften der Juden auf Mathematik, | schichtsschreibung und Zeitrechnung, indem man« die Zeitrechnung der Juden anknüpfte und so s allgemeines Maß und einen Faden hatte, woran i' die Begebenheiten der Weltgeschichte reihen kon den Einfluß aus die Sprachforschung. Auslegn« kunst und Dialektik, die durch das Studium bf Schriften entwickelt worden sind. Auch weiß zu schätzen, daß die Juden „in den dünke Zeiten, die von den Arabern erlangte Wissensä Arzneikunde und Weltweisheit fortgepslanzt. . .!, noch sonst manches Gute geschafft. . .", wozu \ nur sie allein geeignet haben. j Mit treffendem psychologischem Blick erkennj auch den charakteristischen Stolz des Juden 4 feine Ehre und guten Namen und daß er „in man^ forschung in weiter Ferne sein über die Anschauungen Herders, wir finden doch noch manches in seinen Anschauungen, woran noch die Gegenwart festhält. Tie Beschäftigung mit der jüdischen Bibel lag Herder eigentlich nahe durch seinen Beruf. Merkwürdiger ist deshalb seine Zuwendung zum r a 0 =■ binischen Schrifttum. Es ist die Haggada, der er näher trat und für die er ein bei Richtjuden höchst seltenes Verständnis bekundet. Zu einer Zeit als man noch in außerjüdischen Kreisen von Lächerlichkeit und Spitzfindigkeit der Aussprüche und Parabeln unserer alten Weisen redete, hatte schon Herder erkannt» daß dieselben ans die „feinsten Bemerkungen gründen", eingekleidet „in ein Bild, in eine Parabel . . . Anwendung, freie Dichtung mit Worte» oder nur bei Gelegenheit eines Wortes des biblischen Textes" ^gebeu, mit denen man „etwas Neues, unerwartet scharfsinniges und -Schönes" ansdrücken wollte. Und bemerkens- und beherzigenswert sind die Worte, die er über die Verständnislosen und Verächter der rabbinischen Schriften ansspricht: „Dem Pöbel der Schriftsteller zwar waren oft die sinnreichsten Parabeln (der Rabbincn) aus Haß und Verkehrtheit bald lächerlich, bald verächtlich: woher aber? Weil er in ihnen den Sin» nicht faßte und sich an die oft kindisch scheinende Einkleidung mutwillig hielt." Oder an anderer Stelle: „Aber nun, was hatte diese Dichtungsart, diese Einkleidung und Anheftung scharfsinniger Gedanken an Sprache der Bibel — was hatte sie für .von seiner Betrachtungsweise dieser eigentümlichen I e*n .ört . Öc }n ^e Hände anderer Na- - - .... -_ä-I twnen siel, die dies alles sur eigentliche Aus- Schrift eine originelle, neue Seite abzugewinneu und daraus eine sittlich erziehende Lehre für seine Zeit zu ziehen verstand. Noch begeisterter spricht er über die P r o p h e - t e n und P s a l m c u. Herder hat ein feines Gehör, eine tiefe Empfindung und ein großartiges Verständnis für. den „hohen, weithinschallenden Ton des Patriotismus" in diesen Schriften. Diese Psalmen und Prophetenreden sprechen' zu einer Gesamtheit in der „einer für alle steht, alle für einen". Nicht die Stimme des Individuums, sondern die Stimme des Volles zu seineni Gotte, nicht eine Ansprache an die einzelne Seele, sondern eine Anrede an die Volksseele hört er aus ihnen heraus. Und beherzigenswert, weil bedeutungsvoll, sind die Worte, die er hier vorahnend hinznfügt: „Wenn ein Geist der Poesie, der Lehre, der Ermahnung in . diesem Volke (der Inden) wieder aufleben sollte, so kann er nicht anders als in solchem Ton zum Voll singen und reden." — Besondere Empfindung zeigt er für die Klagelieder, worin der Prophet das Vaterland „auf seinen Trümmern beweint, aber gleichzeitig zukünftige Zeiten des Trostes vorbereitet, durch Ermahnung, Lehre und Gesang sie gleichsam herbeiahut." Geschichtlich treu und der Bedeutung entsprechend faßt er auch die -Art dieser klagenden Prophetenreden, wenn er sagt: „So lange ein Brutus dem Vaterlaude Helsen kann oder zu Helsen meint, verschließt er seine Trauer in üch, er schärft die Pfeile seiner Schmerze» zu Waffen gegen die Feinde; wenn aber diese Waffen erliegen, die Feinde siegen und noch ist ein unglückliches Volk da, das Ermunterung, Hilfe, Trost bedarf: bann weift die Vorsehung zärtlich-klagende, sanstfühlende Herze» zu Propheten des Trostes und der Hoffnung, lieber den Trümmern des Elends ertönt die sanfte Laute, wenn über ihnen der Kriegs- und aller Freudengesang verstummt ist." „Wie ciue Turteltaube hört man die Elegie girren über dem Grabe ihres Tempels und Landes; wie eine edle und gefesselte Sklavin sehnet sie sich zurück in ihre Gegenden der Würde und Freiheit. Und da dieses alles, Leid und Freude, gutes und böses Schicksal, bei ihnen immer nur von Einem Gott abhängt, der E i g e n t u m s Herr und Vater ihrer Nation ist, •der dies Volk vor allen geliebt und erwählt hat der es um seiner Sünden, seiner Besserung willen - verstieß, um' seiner Reue, um seiner Rückkehr willen wieder zu Gnaden annimmt und in sein Land sam ,dix I 'A 'dief^FnhalMtoÄd^!"5^ÄMerZHch^ steM legung des Wortes Gottes hielten? Wo der Rabbi am scharfsinnigsten gewesen war, dort war er am dümmsten; eben wo er den feinsten Witz angebracht hatte, schien er ein rasender Schwärmer. .Man inacht:- iSffioHirf, inna mnii hin »uh wieder aar nicht ocr» ... , __ t'niCtcl kaut preist er auch jene Zuktmsisgesichte t-großeir . I lächerlich, was man hin und wieder gar nicht oer stand: und indem man den schönen, glänzenden Staub auf dem Flügel des Schmetterlings mit grob?» Händen «»greifen, ja gar zersägen und zerteilen wollte, freilich so ging der Schmetterling und seine Flügel verloren." Unter dem Titel „Jüdische Dichtungen" oder „Blätter der Vorzeit" gab Herder einige gelungene Uebertraguncen solcher aus Talmud und Midrasch geschöpften Parabel» heraus. Er hatte diese» Parabeln, in denen er „dichterische Ideen" fand eine eigene Ausbildung, aber ohne daß dadurch der eigentümliche Schmelz der Traditio» verloren gegangen wäre. Gewiß hat man seitdem nicht nur jüdischer, sondern auch nichtsildischerseits bessere und vollkommenere Bearbeitungen geliefert. Herder hat aber das Verdienst, dies zum erstenmal und gleich da mit vielem Verständnis, versucht zu haben. Wir komnien nun nach der Vorführung der -Auf fassungen Herders über das geistige Judentum zu der Betrachtung seiner Gedanken über das jüdische Voll selbst. Seine Charakter, sierung des-jüdischen Volkes ist gemessen und bestrebt der Wahrheit die Ehre zu geben. Er hebt die Vorzüge nachdrücklich hervor, wie er auch die Schattenseiten sichtbar 'zeigt. An der äußerliche» Kürperbildung der Juden erkennt er bis in die spätesten Zeiten hinein, „trotz ihrer weiten Zerstreuung, das Gepräge der asiatischen Bildung" und zählt sie zu den „schöngebildeten Völker". Er wiedergibt ihre Geschichte -Altertunr bis zum llntergang des jüdische» Staats wesens. Hier hebt er besonders ihren „feurigsten Nationalstölz von dem sie belebt wurden" hervor und spricht sich da folgendermaßen, aus: „Jedem Volk gießt bei seiner ersten Bildung der. Patriotismus Flammen in die Adern — bei feinem aber hat er dies gährendc Blut länger erhalten, als bei diesem." — Als das größte Verdienst rechnet Herder den Juden den Vorzug, jenen „ausnehmenden Unterschied von allen übrigen asiatischen Völkern", daß sie „geschriebene Annalen ihrer Begebenheiten aus Leiten haben» in denen die meisten jetzt aufgeklärten Nationen noch nicht schreiben. konnten" und die „beinah mit abergläubischer Gewissenhaftigkeit Zeit Herders) außerhalb der soziale» Einrichtu« stehen, nicht von dem Kastengeist der Stände: herrscht, von den konventionellen Sitte» und sitten der Gesellschaft nicht eingezwängt sind dieselbe unbefangen betrachten und beurteilend mögen, so schärft das ihren Blick und besä sie zu einem gesunden Urteil, verleiht ihnen reineres Gefühl für Ehre und Charakter. Wir; nen uns da des ivchmütigen Gedankens »ich wehren, daß diese Vorzüge, die Herder noä den Juden vor der Emanzipation rühmend he. hebt, den Juden nach der Emanzipation alh lich abhanden koinmi. In dem Glauben, man T der empfangenen bürgerlichen Gleichstellung sick würdiger eriveisen, als wenn man die eigenen mesvorzüge preisgebe »nd alle Sitten »nd U: der europäische» ltzescllschaft sich eifrig aneigne, die Juden »ach der Enianzipatioil gelehrige Sä ihrer Umgebung geworden. t Rühinend hebt er die mustergültige Wohltz keit hervor. Er findet da ebenso „überrasch^ als „befremdende" Züge „von leidenschaftslosen, möchte sagen gesetzlichen Großmut und § tätigkeit". Diese Züge scheinen Herder „überrasä und „befremdend" wahrscheinlich deshalb, weil er, wußte, daß der Begriff der Wohltätigkeit nacht scher -Anssassung nicht im Almosen geben, »I laßt durch unkontrollierbare, zufällige Gefühv Wallungen, sondern in einer vom Religions! geregelten Pflicht besteht, die durch jahrhunß lange Ucbung iiiS Bewußtsein der Inden gegangen ist. — -Auch dem Scharfblick der Juden spendet er.? jedem vorzüglichen Charakterzug im Felde! Menschheit" sein Lob. — Mit Bewunderung | auf die Festigkeit des jüdischen Volkes^ er das hohe .Knlturniveau, das ihm das Bu. Bücher verlieh. „Unter Drangsalen, die dies Jahrhunderte lang betroffen haben, welch Nation hätte sich auf dem Grade der Knlti halte», auf denr sie ihr inhaltreiches Bw Bücher, die Sanrmtuilg ihrer heiligen S mit ihnen die Schreib- und Rechenkunst (Schluß folgt.) festhß Vergilbte Blätter aus Franks Vergangenheit, Frankfur t a. M., den 2. März 1849.j heute ausgegebene Nummer 23 des Amtsblatts freien Stadt Frankfurt proniulgiert das Gesetz die bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichhe Staatsangehörigen. Dasselbe zerfällt in sechs 1 und lautet: „Wir Bürgermeister und Rat der Stadt Frankfurt erklären hiemit auf Beschluß konstituierenden Versammlnng vom 25. Jan.) in Gemäßheit der Grundrechte des deutschen 3T Art. 1. Tie bisher noch bestandenen Besä ungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen! der hiesigen Bürger des israelitischen Religionsbe nisses und der hiesigen Beisassen, so wie der j bürgerlichen Rechte der Gemeindeglieder der schäften sind ausgehoben. Art. 2 ». 3. Speziell die Beisassen betr« Art. 4. Alle Mitglieder der Frankfiirter s gemeinde werden Frankfurter Bürger genannt Die Mitglieder der Landgemeinden als ihrer Gemeinde bezeichnet. Art. 5. Tie öffentlichen Aemter siild für staatbürger gleich zugänglich.! -Art. 6. Die den vorstehenden Grundsätzen streitenden Bestimmungen des älteren Rechtes sämtlich außer Kraft getreten. s Beschlossen in der großen Rats-Bersamä den 20. Februar k849. Frankfurt a. '31., den 9. März 1849. 2| jüdisch-deutsche General-Synode soll dennoch^ halten werden, so sehr von kompetenter '-m