Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1903-12-25 · Heft 59 (25.12.1903) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 59 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692298-2692356--00646-2695049
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10. ordnen sich die Güste jum Glückwunsch an Las neue Paar, wobei jeder der "Reihe nach Än-Geschenk darreicht; dabei läuft mancher indische Gebrauch unter. . Zum Schluß geben die Eltern des jungen Paares den nächsten verwandten ein kleines Geldgeschenk und lösen diese dafür die Knoten, mit welchen die Kleider des Paares aneinandergekiiüpft wurden. Inzwischen ist es dunkel geworden; an den Lichtern der Synagoge werden Fackeln entzündet und unter ihrem Scheine zieht man zum Elternhause der Braut. Matronen vollziehen an der Frau allerlei indischen Gebrauch; schließlich wird das Ehepaar gebettet, aber entspxechend ihrem kindlichen Alter in gesonderten Räume». Noch während drei Tagen sammeln sich die Gäste bei den Schwiegereltern und Verwandten zu mancherlei Kurzweil; schließlich kehrt jedes Ehctcil zu den Eltern zurück, bis die Frau zur Jungfrau herangeblüht ist. Dem Neugeborenen wird der Kopf in die Länge ^gedrückt, die Nase gxradegezogen, die Ohren beim Mädchen durchstochen' Groß ist die Furcht der Eltern vor Beschädigungen durch bösen Blick. Keine Kosten winden gescheut und berühmte Geisterkundige aus Wüter Ferne verschrieben, um den richtg n Talisman dagegen zu erhalten, der Spruch mag hebräisch lauten oder ein indischer Mantra sein; ist er als kräftig aygepriesen, so wird er dem Kinde in einer Umhüllung umgehängt.. Man unterscheidet trockenen und nassen bösen Blick, »jedem gilt cs, mit anderen Mitteln cntgegenzuarbeiten. Gegen den trockenen Blick wird das Kind gebadet, dann auf einen niedrigen Stuhl gesetzt und eine erfahrene alte Jüdin läßt aus der Hand fünf- bis zwäuzigmal Salz und Asche von Kopf zu den Füßen fallen, Sprüche murmelnd. Dann werden Allz und ' Asche zusammcngekehrt und mit einem Teile der Asche des Kindes rechte S.irn und linke Fußsohle gerieben; der Rest wird in den Ofen geschüttet und zischt das Salz auf der Glut, so gilt dieses .als Zähneknirschen des um sein Opfer gebrachten bösen Geistes. Gefährlicher ist Oli, der nasse Blick; Asche ist gegen ihn unwirksam, dagegen wird Salz mit Reis und Gelbwurz gemengt und dem Kind ün Stück in den Mund gezwungen. Inzwischen stellt man einen Topf mit glühenden Kohlen, einen anderen mit Wasser, eine Pfanne, einen Schuh und ein Messer um das Kind herum; dieses muß den Bi sen in das Feuer spucken,die Matrone schüttet die Kohlen rasch, in den Wassertopf und bewegt diesen langsam von des Kindes Haupt zu seinen Füßen. Am.achten Tage nach der Geburt erfolgt die Beschneidung und zwar in der Synagoge. Eigentümlich dabei ist die Bereitstellung eines leeren Stuhles für den Propheten Elias. Sterbenden wird keine Ruhe gegönnt. Erachten Kundige den Tod bevorstehend, so wird bei Männern rasch ein Barbier geholt, um den Kopf zu schecren; die Verwandten rasieren dann eiligst den ganzen. Körper imi> es gilt als böses Zeichen, wenn der Kranke aus- »haucht, ohne diese Peinigung vollständig ertragen zu haben. Im Augenblicke des Todes nötigt man dem Merkenden noch Zuckersyrup und Traubensast ein, dafür güben ihm die Verwandten laut schreiend den Trost, für feine Kinder und sein Vermögen sorgen zu wollen. Stirbt der Hausherr, so zerreißt der älteste Sohn oder bei dessen Mangel derjenige Verwandte, der um feine Vertretung angegangen wurde, die Kleider; die Witwe zerbricht ihr Geschmeide und macht aus ihren Fciertagskleidern ein Bündel, das sie unter das Bett des Toten wirst. Der Leichnam wird dann von den Verwandten gewaschen und einer besorgt den Einkauf der Gegenstände zur Totenausstattung. Es sind nötig für beide Geschlechter sieben irdene Töpfe, Seife, Sabdscha (Lawsonia alba), Blumen und bei Männern zweiundzwanzig, bei Frauen zweiunddreißig Meter weißen Stoffes; alles kostet fünfzehn bis drüßig Mark. Die Verwandten machen dem Toten Hemd und Hosen, dann rollen sie den Leichnam in lange weiße Tücher ein und binden die Hü le fest; nur der Kopf bleibt sichtbar, in die rechte Hand drückt man Sabdscha. Die Totenlade dient nur als Tragbahre, sie ist in der Synagoge aufbewahrt und wird von dort geholt. Das Grab schaufeln Tagelöhner aus unter Leitung eines Verwandten; es muß flache Böschungen haben.' Unter Vortritt des Vorbetrrs wird der Sarg von den Verwandten in langem Zuge zur Begräbnisstätte getragen. Am Grabe wird die Leiche der Lade entnommen, zwei Verwandte steigen in das Grab hinunter, andere reichen den Leichnam hinab. Gebettet wird der Tote auf die bloße Erde mit einem Kissen unter dem Kopf; in dieses Kissen steckt jeder Verwandte eine Handvoll Erde, tunlichst wird zunächst dem Kopfe etwas Staub aus Jerusalem gelegt, den jüdische Händler aus Jerusalem kommen lassen und zu dem Prüfe von fünf bis zehn Mark die Unze von zweiunddreißig Gramm verkaufen. Die Trauerver- "xammlung wirft noch eine Handvoll Erde in das Grab, das von Arbeitern dann zugeschanfelt wird. Die Familienangehörigen des Toten werden ins Dranerhans geleitet und dort ihrem Schmerze Überlassen; vor dem Auseinandergehen wird Branntwein zur Herzstärkung gereicht. Die Familie trauert sieben Tage; die. Weiber essen dabei auf der Melle, wo. das Sterbebett siand. Am siebenten Tage holen Dorbeter und Verwandte die Hinterbliebenen zum ersten Grabbesuch ab; der Hauptleidtragende setzt zu Häupten des Toten einen Stein, zu dessen Füßen einen kleineren, rechts deren sechs, links fünf;, sämtliche Frankfurter Israelitisches *5ronrißenMait. Nr. 59. Meine werden.fest eing:stampft. Dann nimmt derselbe Kläger einen Krug mit Wasser, schu let davon um das ganze Grab, wirft den Krug dann zu Scherben, bestreut das Grab mit Kokosnuß'ernen und pflanzt einen Sabdschazweig. zu Häupten des Toten. Hierauf geht man nach Hause, läßt Dfcharat lesen und die Dschikhir genannten Gebete verrichten und nimmt ein leichtes Mahl mit Branntwein und Tabak. Diese Erinnerungsfeier wird noch am Schlüsse des ersten, im sechsten und zwölften Monat verrichtet; ein Grabstein muß binnen Jahresfrist gesetzt sein, ist aber nicht Regel. Die Sozialdemokratie als Vorspann für den Antisemitismus ist wohl in Oesterreich schon längst -eine .bekannte Tatsache; bei uns in Deutschland wollte man aber bisher noch nicht glauben, daß sich diese ehrenwerte -Tätigkeit mit den Prinzipien der Freiheit, Gleichheit -und Brüderlichkeit vertrage. Bereits, bei den jüngsten preußischen Landtagswahlen hat die Sozialdemokratie uns eines Bessern belehrt; und auch die letzte Stadtverordnetenwahl in Berlin entsprach dieser neuen Taktik. Hierüber schreibt die Breslauer Zeitung: In einer dritten Abteilung in Berlin steht der einzige Antisemit Pretzel zur Stichwahl gegen den Liberalen Leis. Um die Wahl jenes Pretzel nun zu sichern, haben sie „Wahlenlhaltung" für die Genossen proklamiert, aber damit nicht genug, haben sie noch folgendes Manöver für zweckdienlich e.achtel: Der „Vorwärts" berichtet nämlich von einem angeblichen „freisinnigen Gaunerkniff.". Die „Freisinnigen" sollen ein Flugblatt mit 48 fingierten Unterschriften verbreitet haben, worin sie die, Genossen" auffordern, für L:iß zu stimmen. Natürlich ist dem „Vorwärts" dieses Flugblatt auf den Tisch geflogen, und nun gehl's in der bekannten, sozialdemokratischen Manier los. „Ganz gemeiner freisinniger Schwind:!", „niederträchtige Fälschcrtunststücke", „arg - verludertes freisinniges Ma'orat", „llap. creürrer Lebegreis", das sind so einige der Rcd:b üten, in denen d:r „Vorwärts" der Wut Luft macht, die ihn. seit dem Dresdner Parteitag erfüllt und die er gegen Herrn Bebel nicht äußern darf. Er versichert, daß . dies dem „Vo.wärt/' bekannt geword:ne Flugblatt, 6e's n Urheber, Unterzeichner und Drucker er verschweigt, „jeden anständigen Menschen mit Ekel erfüllen müsse." Dazu bemerkt selbst das sonst so sozialistenfreundliche „Berk. Tgbl.": "Sich davon zu überzeugen, ob dieser.„ganz gemeine freisinnige Schwindel", dieses „niederträchtige Fälschcrkunststück", wirklich von den Liberalen ausgeht,- hat der „Vorwärts" selbstverständlich für überflüssig gehalten. Eine Anfrage bei den liberalen Organisationen des Wallbe'iris und bei deren Kandidaten selbst hätte freilich, was der „Vorwärts" geahnt haben mag, ergeben, daß alle in Betracht kommenden Stellen dem angeb ich freisinnigen Flugblatt fern stehen und von ihm nicht das Geringste wissen. Das versichern diese Herren aufs nachdrücklichste, und niemand hat einen Grund, ihnen nicht zu glauben. Seibstver st Endlich wäre die Anegrbr eines solchen Flugblatte mit fingierten Unterschriften zur Umgarnung sozialdemokratischer Wähler eine politische Unanständigkeit erster Güte. Aber ehe der „Vorwärts" diese Unanständ'gkeit den Liberalen zur Last legte, mutzte er sich überzeugen, daß sie tatsächlich die Urheber dieser Unanständigkeit seien. Eine Anfrage bei dem Drucker hatte genügt, die Urheber zu ermitteln. . Der „Vorwärts" hat merkwürdigerweise darauf verzichtet, obwohl er doch ein Interesse daran haben muß.e, diejenigen zu ermitteln, die so die Autorität - der sozialdemokratischen Partei den Wählern dieser Par ei gegenüber mißbrauchten. Obwohl der Fall denkbar ist, daß einer oder ein paar mit-der Haltung der Parteileitung nicht zusriedene Sozialdemokraten hinter dem Flugblatt stehen, obwohl auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß es sich um ein antisemitisches.Schwindelmanöver handelte, um die sozialdemokratische Parteileitung gegen Leis noch in zwölfter Stunde auf den Plan, zu rufen, wütete der „Vorwärts" doch kritiklos in Berserkerart gegen die Freisinnigen als die Urheber dieses Flugblattes! Selbst wenn das Flugblatt wirklich von irgend einem Liberalen herrührte, der zu dieser politischen Unanständigkeit sich hinreißen ließ, lag noch kein Anlaß vor, die gesamten Liberalen des Wahlkreises der , gemeinen Fälschung mir nichts, dir nichts zu bezichtigen. Das Flugblatt ist, ' von einem Liberalen verfaßt, eine Unanständigkeit, mindestens eine ebensolche Unanständigkeit aber ist das Verfahren des „Vorwärts", die Sache sans facon der liberalen Wahlkreisorganisation in die Schuhe zu schieben. Wie man sieht, tut die Sozialdemokratie allerorten alles, um endlich jedermann die Augen über den wahren Charakter dieser Genossen zu öffnen, und das ist gut. . Trotzdem ist Pretzel in der Stichwahl durchgefallen. - ■ ' r ^i; u;. Bücherschau. Ozar liathora wehatalmud. Bib elu nd 'Talmud sch atz: Ein Buch für die jüdische Familie von I. H. Kohn. Achte Auslage, neubearbeitet von Rabbiner Dr. S. Bamberger, H a m b u r g. Verlag der hebräischen Buchhandlung von George Kramer. 5663 — 1903. XV. und 447 S. gr. Oktav. Preis 4,50 M. Die alten Familienbücher, aus denen unsere Großmütter, vielleicht auch noch unsere..Mütter, an den heiligen Ruhetagen Erbauung und Belehrung geschöpft und uns in traulichem Kreise erzählt, sind längst veraltet und meist vergessen.' Wir kennen sie kaum mehr, und, wenn wir sie kennen, so können wir sie meist nicht lesen, gewiß aber nicht an ihnen, uns' erfreuen, wie wir es in.der Kindheit Jahren unter liebevoller Anleitung getan. Wir brauchen es gewiß nicht sehr zu bedauern, daß die altmodische Ausdrucksweise der Zeena-Ur'enä-Literatur geschwunden ist aus dem Leben der-heutigen deutschen Judenheit; um so bedauerlicher aber ist eine Folge ihres Schwindens,' die Seltenheit guter Familienlektüre, die Ersatz schassen könnte für. das, was wir' mit jener Literatur verloren' haben. Zwar.- hat .seit einigen Jahreneinungarischer Rabbiner nicht ohne anerkennenswerte Erfolge eine „Modernisierung" des alten Zeäna Ur'ena.unternommen, allein auch in seinen Büchern (Band I. : die Wochenabschnitte, Band II: die Haftarot) ist die Sprache nicht rein deutsch, die Schrift (jüdisch-deutsch in Quadratschristi seltsam und bisweilen für das - Auge ermüdend) sobaß für. das Gros unseres Publikums dem Uebelstand nicht abgcholsen ist, und der'Unkundige sowie die nur deutsch lesenden Frauen und Jungfrauen noch immer einer guten Sabbatlektüre, die sie über den Wochenabschnitt und die Bedeutung ausgezeichneter Tage aufklären könnte, entbehren. Ta tritt nun das anzuzeigende' Buch in die Lücke ein;, es ist ein bewährter, aber leider noch zu wenig gekannter und zu wenig verbreiteter-Freund des jüdischen Hauses, der in neuem -Gewände bei uns eintritt und sich in jeder Hinsicht vorteilhaft präsentiert. In rejn deutscher Spräche und in gefälliger Ausstattung bietet uns der Kohn sch e Bibel- und Talmudschatz, den Herr Rabbiner Dr. Bamberger in Hamburg, zum Teil einergründlichen Durchsicht, zum Teil einer völligen Umarbeitung unterzogen hat, eine übersichtliche, Bibeltext und Midraschim geschickt gruppierende Inhaltsangabe der einzelnen Wochenabschnitte, Belehrungen über die Bedeutung und die Vorschriften der Feste und sonstigen Gedenktage und außerdem eine Fülle lehrreicher Erzählungen aus Talmud und Midrasch, von denen uns insbesondere die Biographieen einzelner Mischna-und Talmudlehrer angesprochen haben. — Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis dient dazu, diese nicht in engstem. Zusammenhang mit den Wochenabschnitten stehenden Erzählungen und Betrachtungen leichter auffindbar zu machen und damit auch demjenigen zu nutzen, der außerhalb der regelmäßigen wöchenllichen Sabbatlektüre von den Gold-- kvrnern, an denen der „Bsbel- und Talmudschatz" so reich ist, aufsuchen und sich äneignen will.— Eine willkommene Gabe, deren auch noch gedacht sei, ist die das Buch beschließende Sachs'sche Ucbersetzung der „Sprüche der Häter". — In manchen Gemeinden, die des Lehrers entbehren, wird, um dem erfreulichen Verlangen nach Belehrung zu genügen,' allsabballich von Gemeindemitgliedern aus Erbauungsbüchern vorgelesen. Der Erfolg dieser Vorlesungen, ist, wie kaum anders zu erwarten und wie ich selbst zu beobachten Gelegenheit hatte, nahezu gleich null. Die Sprache ist in den meisten dieser Bücher nicht, schlicht und volkstümlich genug, für jede Sidra ist im allgemeinen eine kurze Betrachtung gegeben, lind da erfahrungsgemäß lleine und arme Gemeinden (und um solche handelt es sich natürlich) nicht alljährlich ein neues Buch anzuschaffen in der Lage sind, wiederholt sich von Jahr zu Jahr dieselbe Vorlesung und verliert dadurch das Interesse, das allenfalls einen, wenn auch noch. ■; so minimalen Nutzen erzielen könnte. — Ter „Bibel- und Talmudschatz" ist leicht verständlich und in bestem Sinne populär geschrieben; er ist reichhaltig und bietet für jeden Wochenabschnitt eine größere Zahl von Betrachtungen; es kann bei seiner Benutzung die notwendige Abwechslung eintreten, und der verhältnismäßig billige Preis. erleichtert seine. Anschaffung. All dies veranlaßt mich, das Werk solchen Gemeinden zur öffentlichen Benutzung und ebenso sehr es allen Kreisen zur häuslichen Lektüre, angelegentlichst zu empfehlen. - Nicht unerwähnt bleibe, daß die Verlagshandlung das Buch auch in verschiedenen, geschmackvollen und preiswürdigen Einbänden in den Handel bringt, die es zu Barmizwä- und Hochzeitsre. Geschenken sehr geeignet und empfehlenswert erscheinen lassen. L. G elegenhei , Uchte-.; Perser Teppiche An Zusehen Morg. v. 10—12 Uhr bei BL Alexander, Zell IbJ. Kein Laden..1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.