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Neue jüdische Presse · 1903-12-18 · Heft 58 (18.12.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 58 (18.12.1903)
Date
1903-12-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 58 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Gedanken eines deutschen Edelmannes über die Jndensrage. Von Alexander Freiherr Pawel - Rammingen. Unter dein obigen Titel ist soeben im Verlage \ »on Hermann Walther, Berlin, (Preis 1 Jf.) eine Broschüre erschienen, die sicherlich Aufsehen erregen wird. Wir geben ans dieser Broschüre nachstehend einen Teil des Kapitels wieder, das von dem „Einfluß des jüdischen Geldes" handelt: „Der stete Fortschritt jüdischer Begabung für den Handel, der Einfluß des Erfolges, den diese Begabung hat, ist auf dem. Gesamtgebiet des Erwerbslebens unverkennbar. Der 'Erfolg .aber macht sich in dem Wachstum des „jüdischen Geldsackes" bemcrklich und dieses bedingt eine nicht ganz unbegründete Besorgnis. Das Börsenwese.n mit seinen Anhängen ist nahezu unbeschränktes Gebiet der Juden, steht unter Einfluß jüdischer Reichtümer, die aut diesem Feld ungehindert arbeiten. Der 'scharfen Beobachtungsgabe, der rechnerischen Findigkeit, lnrzumbergroßenBefähigung der Juden in Dingen des Handels verbau t r T e u t s ch l a n d d e n m a cht v o l l c n A u f - j ch w u n g, dessen w i r uns im Erwerbsleben freuen; das ist ein Vorteil, den wir in das Schuldbuch der Juden als Guthaben eintragcn müssen, den wir gercchterweise ihnen nicht zum . Vorwurf machen dürfen. Wir können es nur als Wohltat empfinden und genießen, daß wir. das; unser Vaterland anfängt, auch aus dem Weltmarkt eine große Geige zu spielen und den ^.on anzugeben im friedlichen Wettstreit der Völker um die irdischen Güter. Wir können nur freudig begrüßen, daß der allgemeine Wohlstand im Innern des Reiches zunimmt, wie zahlenmäßiger Nachweis klarstellt, g:- ' : winnt das Volt dadurch doch nur Ansehen und Macht nach. Außen, vermag es dadurch doch bessere Lebensbedingungen sich zu erwirten, besser zu leben. Alles das ist also kein Grund, mit den Juden zu hadern. Geschieht das aber, so kennzeichnet sich das unzweifelhaft und unzweideutig als Ergebnis nackter Mißgunst. Außerdem spricht daraus armselige Unfähigkeit, aus gegebenem Beispiel Nutzen zu ziehen; es beweist, daß wir nicht lernen wollen, um dem in seiner Art glücklicher Begabten erfolgreich an die Seite zu treten. Wie erwähnt, hat der Jude die Anlage zum Erwerb .ererbt und ständig ansgebildet, durch I w a u g v er a n la ß t. Ehedem suchte er sein tätlich Brot durch Schacher im Kleinen zu verdienen, heute gewinnt er Reichtümer durch große Unternehmungen und seine Handelsberechnnngen sichern ihm seine Stellung aus dem Weltmarkt. Nachdem die ihm ehemals beschnittenen Federn wieder wuchsen, lernte der Jude höheren Flug als vordem. Cr erschien besser ausgerüstet und geschult als < wir auf dem weiten Kampflatz dep Handelslcbens unserer ifeit, der einer beständige» Messe gleicht. Kein Wunder ist daher sein Erfolg in Handel und Erwerb, nicht auffallend ist, daß er auf diesen Gebieten die Herrschaft errang, die er — ein Poriämpser neugcärteten Zeitalters.— längst mit ihnen; vertraut betreten hat . Ebenso wenig ist cs uns zu verargen, daß wir dem Juden im Bewußtsein unserer geringeren Gewandtheit auf diesem Platze anfangs mit neidvollcm Miß.rauen begegneten. Eine sittliche Entschuldigung aber gibt es nicht dafür, daß unser Empfinden sür die Judenschast eine Härte und Schärfe annahm, wie cs die judcnscindlichen Hetzereien zeitigen. Sollte unser Handel mit der »;eit völlig „verjüdeln", wie so feinsinnig geweissagt wird, sind wir ganz einfach selber schuld daran, indem wir uns nicht überwinden können, von unseren unfreiwilligen Lehrmeistern zu lernen. .Gegen die Erfolge der jüdischen Handeltreibenden hört man immer die gleichen Anklagen laut werden; diese komme» aus dem Munde der fudenseindlichen Hetzer und werden in vielfachem Echo in allen Volksschichten nachgeplappert. lieberalt cröffnete und schürte man den Kleinkrieg gegen jüdische Krämer und Vermittler, Makler und Börsenlente, Pferde- und Viehhändler mit großem Wortschwall: man behauptete, daß diese Leute ihre Kunden „betrügen und aussangen", wo sie können, daß sic hierbei gerieben grundsätzlich zu Werke gehen und daß es das höllische Vorhaben bei all' ihrem Tun. sei, die armen christlichen Opfer, die ihnen, willig und bieder vertrauend, ins Garn gehen, bis auf den letzte» Heller auszurauben. Der jndenseindliche Wortführer macht sür den Betrug des einzelnen Schuftes jüdischer Abkunft dreist - und rundweg die gesamte Judenheit der Welt verantwortlich und betört die leicht erregbaren Massen durch das Märchen von großer Verschwörung aller lebenden Juden gegen alle Andersgläubigen. Aus der Hand liegt, daß eines Einzelnen Verschulden der Allgemeinheit nicht zum Vorwurf gereichen kann, ebenso wie der Einzelne für die Taten und Fehler der Menge nicht hastbar ist. . Jedes Gerechten Rechtsbewußtsein sträubt sich dagegen. Ludem ist es einer Verschwörung unmöglich, über den ganzen Erdkreis sich zu erstrecken; die Erfahrung lehrt, daß solche Vereinbarungen zur 'Ausübung derart unedler Absichten nie geheim gehalten wurden, nie Bestand hatten. Jum teuflischen Lweck einer Verschwörung den Plan einer Aufspeicherung aller irdischen Reichtümer in Judenhänden zu machen — das ist ein Gedanke, eines satanischen Denkers würdig, aber auch ebenso 'unausführbar! Ter jüdische Krämer und Händler ist den christlichen Mitmenschen meist an scharseni Spürsinn, kluger Berechnung und vorsichtiger Umsicht überlegen. Er besitzt eine unzerstörbare Ruhe und Sicherheit beim Ankauf, ein genaues «chätzungsvermögen, besonders aber die Gabe — selbst immer unbeobachtet — 'Andere zu beobachten und deren Schwächen zu erkennen: diese macht er wohlweislich sich zu nutze. Tie Geschäftsgewandtheit des Juden kommt aber außerdem in seiner Geschmeidigkeit beim Verkauf zum vollendeten Ansdruck. Auch der stidische Börsenmann arbeitet meist mit beharrlicherer Ruhe, größerer Fach- und Sachkenntnis und mehr Berechnung und Vorsicht als der Christ. Er prüft bei seinen Erkundigungen über die Arr und Aussichten einer besonderen Unternehmung jede Einzelheit mit scharfem Verständnis: seine Nachforschungen dringen bis in den Kern ein und lasse» keinen Nebenumstand unbeachtet: er wägt das Für und Wider sachkundig prüfend ab und legt dabei die günstigen und nachteiligen Aussichten jeder „Sache" aus die Goldwage. Ter Kundschastcrdienst bei den Juden ist weit ausgebildeter als bei uns, und der Jude läßt sich durch vergebliche Fragen nicht ermüden. Ten scheinbar gleichgiltigsten Umstand zieht er mit peinlicher Sorgfalt in den Kreis seiner Berechnung und verfolgt unentwegt alle Möglichkeiten, die ein Geschäft bietet. Der Jude arbeitet in erster Reihe .mit dem Rechenstift bei jedem Plan, der ihm vorliegt. Wir iiberlassen uns dagegen allzuoft leerer, schöngefärbter Hossnuiig, geben uns vertrauensselig täuschenden Verheißungen anheim, lassen uns von bleichen Aussichlen aus gleißenden Gewinn blenden und fallen — im dunklen tappend — herein. Wir überlassen uns günstigen Falles allzu gerne fremdem Urteil in blindem Glauben an die Redlichkeit der Menschen, schleppen uns an fremdem Leitseil dahin, statt selber kräftig fortzuschreiten, und das Ende vom Liede ist leider gar oft die verspätete Erkcnnlnis, daß wir begehrlichen Ratgebern Folge leisteten. Das gibt dann den Anlaß für uns, diese der unlauteren Beweggründe zu zeihen, und dann gibt es allzuleicht den Vorwand für uns, der. judenfeindlichen Heeresniacht uns anznschließen, den abgesagten Gegnern unserer bisherigen Ratgeber in die allzeit offenen Arme zu fallen und so die judenfeindliche Bewegung fördern helfen. Wir bedenken dabei nicht, daß wir unsere Verluste durch eigene Unkenntnis und torhaste Trägheit verschuldeten; den Gewinn aber streichen unsere neuen Bnndesbrüder ein, denen wir neues Wasser auf ihre Mühle lieferten und deren Truppen wir durch einen neuen Genossen vermehrten. Ein großer Teil, wenn nicht die ausschlaggebende Mehrzahl derselben, setzt sich aus ähnlichen Schiffbrüchigen zusammen, die der selbstverschuldete Zusammenbruch ihrer Verhältnisse veranlaßt hat, falsche Schlußfolgerungen ans' ihren Erlebnissen zu ziehen. Allzeit hat der Starke den Schwächeren unier-;ocht, Lorbeeren zu ernten. So lange die Menschenerdc Wesen verschiedener Begabung herbergte, hat der Geistesheld dem Sklaven der Tummhei: die Narrenkappe aufgesetzt und sich selbst mit dem Strahlenschiin unsterblichen Ruhms gekrönt. So lange dkese alte Erde Ieht, gab es Sieger und Ueberwundene feder Art, jenen zu Nutz, diesen zum Nachteil: ebenso gut hat jedes deitalker,;eder Tag Betrüger und Betrogene gesehen und nie wird die <.eit erwachen, nie das Land entdeckt werden, da geistige und körperliche Größen ihre Naturanlagen zum eigenen Schaden als tote Schätze zinslos und brach liegen lassen, v Nicht ist der i/wect dieser Blätter, Unrecht und Unschönes zu beschönigen oder nur zu entschuldigen; als guter Staatsbürger und unbeteiligter; uschaner trete ich aber ein für eine gleichartige Beurteilung aller im bürgerlichen Leben, abgesehen von der gejctzlichen Gleich-Berechtigung." Hierzu haben wir zu bemerken: Das Börsenweien mit seinen Anhängern ist nicht, wie der Verfasser schreibt, nahezu unbeschränktes Gebiet der Juden, sondern w a r es während 2 Jahrzehnten nach dem Kriege von 1870/71. Wie gewöhnlich, so waren auch hier die Juden die erfindende, riskierenv?, treibende Kraft, und wie so häufig, wurden ihnen auch .hier.' die Früchte .ihrer Arbeit ans der Hand genommen: ,/ . ' Deutschland verdankt der jüdischen Bevölkerung den machtvollen Aufschwung, dessen wir uns im Erwerbsleben erfreuen. Doch die Banken und Jndnstricwerke sind bereits zum Teil voni jüdischen zum christlichen Einsluß übergegangen und diese Entwicklung setzt sich immer weiter fort. Wir' kennen Banken und Jndustricwerke, die noch 1 oder 2 jüdische Direktoren, 1 oder 2 jüdische Aufsichtsrärc haben, und ' die trotzdem bereits grundsätzlich kein jüdisches Personal mehr anstellen. Tie jüdische Bevölkerung. Deutschlands ist seit 1890 fortgesetzt ärmer geworden, und es ist bei der außerordentlichen Erschwerung, die ihrem Lebenserwerbe von Staat und Gesellschaft bereitet wird, nicht die geringste Aussicht vorhanden, daß sich dies in absehbarer Zeit wieder nach der günstigen Seite hin ändert. Im übrigen sind die Worte des Freiherr» Pawely Rammingen ein klares Spiegelbild der Wahrheit.- und deshalb eines Edelmannes würdig. / y Ein Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Bon Henny Rosenbaum. lSchlujz.) Tie lieben Jeilcn hatten unendlich wohltuend aus die junge Empfängerin gewirkt. Aber sie war sich klar, daß sie Klartjes 'Anerbieten nicht annehmen wollte. Das geschenkte Brot werde ihr inimer bitter munden, auch aus den liebevollen Händen von Adam Seeligs Schwester. Sie mußte endlich den Versuch machen, sich auf eigene Füße zu stellen. — — Frau Pater war mit Mary ausgegangen, um einen Besuch zu machen, und Gerta saß allein grübelnd in dem großen Wohnzimmer, welches das trügerische Gold der Oktobersonne erfüllte, als Charlie eintrat. „Guten Tag, Jevrauw Gerta. Ich wußte, daß Sie allein sind, darum verschwand ich aus dem Kontor," lachte er und zog die Hand der jungen Hausgenossin an seine heißen Lippen. Das schöne Mädchen nickte ersrent. „Sie kommen mirsehr gelegen, Mynheer, denn ich dachte eben an sie." „Juchhei, das ist fein," freute er sich. „Ich habe nämlich eine große Bitte an Sie." „Schießen Sie mal los." „Mynheer Charlie, bitte, bitte verkaufen sie mir meine Schmucksachen. Ich weiß nicht, wie ich es ansangen soll," stotterte sie verlegen. „Nanu, wozu denn das?" Gerta enthüllte ihm ihren Plan. — In den Augen des jungen Mannes begann es zu wetterleuchten. „So nun hören Sie mich mal an, schöne Törin," begann er, als sie geendet hatte. „Ihr Plan ist gelinde gesagt — Unsinn. — Recht gebe ich Ihnen nur darin, daß Sie nicht andauernd Wohltaten in Anspruch nehmen tönncn. Aber — Sie können welche erweisen. Sie sind so schön, so zauberschön, Gerta, und wollen sich an das Lager der Leidenden flüchten? Sie süßes, dummes, kleines Mädel, Sie gehören dem Leben, der Liebe. — Geben sie sich selbst, Ihre berauschende Jugend und Sie werden nicht mehr um 'Almosen dienen brauchen." Tie junge Dame sah ihn verständnislos an. Ta trat er ganz dicht zu ihr. „Haben Sie es denn nie gefühlt, daß ich Sie rasend liebe," flüsterte er heiß. „Ich werde verrückt, wenn Sie - sich mir noch länger entziehe». — Werden Sie endlich die Meine." Er riß sie an sich und versuchte sie zu küssen. „Du sollst alles haben," raunte er der sich Sträubenden zu. „Alles, was Tu wünschst, mein süßes. Ich baue uns irgendwo ein lauschiges, verborgenes Nest, wo ich Dich küssen kann, ohne daß cs Jemand sicht. Willst Tu? Antworte mir, Geliebte?" Sie machte sich lraftvoll von ihm los. „Pfui," sagte sie empört. „Mich so zu erschrecken." „'Antworte mir, Gerta," flehte er mit heißen Blicken. „Ich habe nie daran gedacht. Sie zu heiraten." „Heiraten?" Charlie lachte heiser. „Heiraten sollst Tu mich ja garnicht. blonde Puppe, nur lieben: Meine Frau muß Geld haben, das hast Tu leider nicht mehr. Mein Liebchen aber muß schön sein» und das bist Tu. Darum bitte und bettele ich. — Schenke mir Deine Liebe, meine süße Schönheit. Tn sollst es nicht bereuen." 'Außer sich vor Leidenschaft wollte er sie wieder umfangen. Da begriff sie plötzlich die ungeheuere Beleidigung, die ihr angetan worden war. Tic Empörung gab ihr Kraft, de» Rasenden zurückzustoßen. Dann stürzte sie aus dem Jimmer. — Hinaus! Nur fort aus diesem entsetzlichen Haus. Weiter hatte sie keinen Gedanken. Mechanisch stülpte sie irgend eine» Hut auf. Tie scharfe Oktoberlust, die durch ihr Kleid drang, empsaud sic garnicht, als sie ziellos kreuz find guer durch die Straßen rannte. Immer wieder flog die Röte der Beschämung über ihr ttzesicht. Scheu senkte sie den Kops, denn sie hatte die Empfindung, jeder müsse ihr das Entsetzliche aus den Jügen lesen. Auch dann, als schon die Dämmerung den Tag verdrängte, wagte sie nicht aufzublicken. —

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