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Neue jüdische Presse · 1903-12-11 · Heft 57 (11.12.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 57 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Der Prozeß in Kischirrew. Me Verhandlungen in diesem Prozesse sind in Rücksicht aus die vornehmen, wahren Rädelsführer keine öffentlichen, weshalb ans den Vernehmungen nur Bruchstücke in das Publikum dringen. Was wir da hören, genügt aber, um uns die ganze Tragödie noch einmal lebendig vor Augen treten zu lassen. Wir wollen unfern Lesern eine nochmalige Schilderung der bestialischen Scheußlichkeiten, die in Kischinew ihre blutigen Freudenfeste gefeiert hatten, ersparen und beschränken uns deshalb daraus, einige interessante Episoden der Gerichtsverhandlungen zu skizzieren. Am 27. November wurde der Handwerker und Zunftobmann Stepanow, einer der eifrigsten Helfershelfer Kruschewans, vernommen. Trotzdem Stepanow nicht die geringste Schulbildung besitzt, war er Mitarbeiter der „Snamja" und hat einen der wütendsten Hetzartikel gegen die Juden in diesem Blatte gezeichnet. Stepanow ist aus diese Arbeit ungemein stolz, und als er heute als Zeuge auftrat, da deklamierte er ihn von Anfang bis zum Ende. Der Präsident folgt diesen Deklamationen, die bei dem verständnislosen Herdeklamieren des biederen Handwerkermeisters allgemeine Heiterkeit erwecken, an Hand der „Snamja". Präs.: Wissen Sie denn nichts weiter auszusagen, als was in dem Artikel enthalten ist? Der Zeuge schweigt verlegen. — Präs.: Haben Sie auch noch an anderen Journalen mitgearbeitet, als nur an der „Snamja"? — Zeuge: Ich hatte nie Gelegenheit, bei anderen Blättern mitzuarbeiten; jedoch die ossiziellen Eingaben an die Behörden, betr. die Handwerkerinnung, verfasse und schreibe ich immer selbst. (Stürmisches Gelächter.) Advokat Großmann: Haben Sie wirklich den in der „Snamja" erschienenen Artikel selbst versaßt? — Stepanow: Ja. — Wvokat Großmann: Dann erklären Sie mir folgendes Rätsel: Der Aufsatz in der „Snamja" ist in vorzüglichem Russisch, in litterarischer Sprache verfaßt, während ich hier eines der von Ihnen als Obmann verfaßten und eigenhändig geschriebenen Schriftstücke in der Hand habe (er zeigt ein solches vor), worin es in jeder Zeile von grammatikalischen und orthographischen Fehlern wimmelt. Advokat Großmann verliest Satz für Satz diese authentische schriftliche Arbeit Stepanows, die allgemein erheiternd wirkt. Ter Zeuge wird verwirrt, saßt sich aber und erwidert: Dieses Schriftstück habe ich in großer Eile geschrieben, da ich zu einer korrekten Abfassung keine Zeit hatte, während ich für den Artikel in der „Snamja" mich durch einige Wochen unter Benützung von Lehrbüchern vorbereiten konnte. (Wiederholtes Lachen.) Warum lacht man denn darüber? Ich habe in Sachen der Handwerker anläßlich des in Petersburg abgehaltenen Kongresses der Zünfte Eingaben versaßt, über welche Niemand gelacht hat. Karabtschewski: In Ihrem Artikel in der „Snamja" kommt u. a. der Satz vor: „lieber die Inden werden noch alle Plagen ergehen, die über Pharao gekommen sind!" Können Sie vielleicht sagen, wer ist das „Pharao"? Was ist das für ein Mann? — Stepanow (denkt eine Weile in augenschein- .licher Verlegenheit nach): Ich glaube, daß dieser Name in der Bibel vorkommt!" — Karabisch ewski: Gut. Wissen Sie auch, in welchem. Lande Pharao gelebt hat? — Stepanow: Ich bitte um Verzeihung, ich habe in kleinem Leben keine Geographie gelernt! — Slbuofat Grusenberg: Sie sind laut Ihrer Angabe ein ständiger Mitarbeiter an. Kruschewans Blättern. Sie haben also gewiß den Artikel im „Bessarabetz" gelesen: „Die Assimilation der Juden"? — Stepanotv: Ich glaube, man macht sich über mich lustig, daß man mich über unverständliche „türkische Dinge" ausfragt. Ich habe das Wort Assimilazija nie gehört. — Grusenberg: So? Und wie, kommen Sie zu den Ausdrücken: „Kongreß, Kultur, ökonomische Situationen" usw., die in Ihrem Artikel Vorkommen? — Stepanow: Diese Worte habe ich in meiner Grammatik gefunden. Wahrlich ein merkwürdiger Zeitungsschreiber, dieser Hetzer allerersten Ranges, der die Mörder bewirtet, mit Geld versehen und angeeifert hat. Meser Mann kann nur die Puppe für einen anderen gewesen sein, der sich nicht die Finger verbrennen wollte. Am 30. November wurde ein höherer Gouvernementsbeamter Namens Buchalo vernommen, der aus eigener Initiative eine Anzeige an die Staatsanwaltschaft über die von ihm selbst beobachteten Gewalttaten erstattet hatte. Er hat besonders mit Entrüstung beobachtet, wie die Weinhandlung des David Feldstein, die sich gerade gegenüber dem zweiten Polizeirevier befand, vollständig zerstört wurde; die gegenüberstehenden Polizisten sahen dem Zerstörungswerke ruhig zu. M folgt die Vernehmung des ehemaligen städtischen Spitalarztes Dr. Doroschewsky, dessen Ausführungen man. mit Interesse und Spannung entgegensah, da er als hochangesehencr Arzt von keiner Seite verdächtigt werden kann. Allgemeine -Stille herrschte im Saale, während der Zeuge seine eigenen Beobachtungen zu Protokoll gab. Ter Zeuge war im städtischen Krankenhause tätig und hatte als erster Arzt den Verwundete» die Hilfe zu leigen; der Anblick der Opfer war ein so furchtbarer, daß er mit Worten nicht zu schildern sei. Tiefen Eindruck Uiachten die Aussagen eines nun anftretenden Zeugen Namens Fisch mann, der ein großes Warenlager an der Ecke der Nikolajewskaya- und Puschkingasse besaß. An den Ostertagen war das. Lokal geschlossen, die Exzedenten zertrümmerten die eisernen Rollbalken undbrachen unter lautem Gejohle ein. Was sie nicht mitnehmen konnten, wurde zerstört und, vernichtet. Das geschah in der zweiten Nachmittagsstunde am Montag, den 20. April, in Anwesenheit des Bizegouverneurs Ustrugow, des Gendarmerie-Obersten Chansenkow, zahlreicher Polizisten und einer großen Ansammlung von Personen aus den Kreisen der Intelligenz, die dem Zerstörungswerke mit vielem Interesse zusahen. Auch Militär war unter Führung von Offizieren aus dem Schauplatze ausgestellt. „Als die Banditen heranrückten," erzählt Fischmann, „gaben die Offiziere Befehl, daß die Soldaten einige Schritte zurücktreten, um den Plünderern Platz zu machen. Ich war wie von Sinnen vor Aufregung und lies von eineni Funktionär zuin andern; ich flehte den Bizegouverneur und den Gendarmerieobersten an, diesem Vandalismus Einhalt zu tun und mich und meine Familie vor dem Ruin JH schützen. Alles war umsonst! Man ließ sogar die Soldaten erbeutete Gegenstände fortschleppen. Daß Bürger aus den gebildeten Ständen tätigen Anteil an den Vorgängen nahmen, ist mir durch eigene Wahrnehmungen bekannt. Ich habe selbst gehört, wie der Notarius Pissartschewsky und Stadtrat Sinardino an der Ecke des Boulevards der versammelten Menge zuriefen: „Das ist einmal ein Festtag! Gehet heim, leget eure Sonntagskleider an!" Der Student Malai, der eben vorübergmg, rief mit lauter Stimme: „Rasch zur Arbeit, die Zeit ist kurz!" Es blleb nicht unbemerkt, daß der Präsident endlich die ausdrückliche Nennung von Personen aus den Kreisen der Intelligenz, die sich aktiv an den Exzessen beteiligt hatten, zuließ. Man vermutet, er habe eine Weisung bekommen, der Gerechtigkeit nunmehr einen etwas freieren Lauf zu lassen. Ein Vertreter der Nnllage richtet an Fischmann die Frage: Was haben Sie sich gedacht, als Sje in Gegenwart hoher Funktionäre und des Militärs die Exzedenten unbehelligt in Ihr Lokal eindringen sahen? — Fischmann: Ich glaubte, es sei tatsächlich ein allerhöchster Beseht gekommen, uns Juden zu berauben und zu vernichten. Vergilbte Blätter ans Frankfnrts Vergangenheit. Franksnrt, Januar 1852. Dieser Tage trafen wir im hiesigen Anzeiger eine Mitteilung, die den Beweis liefert, daß auch noch jetzt bei uns die väterliche Religion in der Brust manches ihrer Bekenner so warm und heiß glühet, daß selbst die Bande des Blutes vor ihrem bewältigenden Einflüsse zurückweichen müssen. Dr. med. Fl e s ch, hatte, trotz den inständigsten Bitten seines betagten Vaters, an seinem erstgeborenen Sohne die Beschneidung nicht vornehmen lassen. Der alte Herr F l e s ch zeigt nunmehr öffentlich an, daß er, nachdem sein Sohn durch Unterlassung der Beschneidung das Bundeszeichen zerstört, er sich ferner nicht als Vater eines solchen entarteten Sohnes angesehen wissen wolle, wie denn alle und jede Blutsverwandschafts-Verhältnisse zwischen ihnen hiermit ganz und gar aufgehoben seien. — Die Erklärung bedarf keines weiteren Kommentars; möchte diese Gesinnung sich nur häufiger geltend machen, nicht als vereinzeltes Zeichen ächter Religiosität darstehen. Ueber die Verhältnisse unserer Altgläubigen mit, Nächsten ein Mehreres. Frankfurt, den 17. Januar 1852. Durch Ratschluß von gestern ist den als Juden geborenen hiesigen Bürgern anbefohlen, sich der „hiesigen israelitischen Gemeinde" zuzuzählen und die Abgaben und Steuern an dieselbe zu entrichten, oder zum Christentume überzutreten. Dieses Ratskonklustun ist erfolgt, weil viele Juden jungen Geschlechts es nicht für zweckmäßig hielten, sich zu irgend einer Religionsgesellschaft zu halten, woraus viel Streit entstand. Frankfurt, den 13. Febr.. 1852. Die Schwierigkeiten mit denen unsre, d. h. die neu konstituierte, altgläubige Gemeinde stets noch zu kämpfen, sind in der Tat nicht geringe, allein dem ernsten Willen ist, zumal wenn derselbe in einer religiösen Ueber» zeugung seine Grundbasis findet, nichts zu schwierig luind so hoffen auch wir endlich noch, zum Ziele zu gelangen. So sind wir Beispiel halber, da es unserm Rabbiner Hirsch nicht gestattet wurde, einem eigenen Schauchet für unsere Gemeinde Kabolel, zu geben, wir hingegen noch weniger von der Schechitoh der Gemeindc-Schochtim essen werden, bis jetzt noch genötigt, unser Koscher-Fleisch allwöchentlich von den: nahen Homburg jür uns hereinkommen zu lassen, was natürlich mit mannigfachen Opfern für uns verbunden ist, zu denen wir indes uns lveit eher verstehen, als nach jener Seite hin Konzessionen zu machen. Im klebrigen sind gerade in den jüngsten Tagen Schritte unsrerseits vorbereitet, teilweise schon gelungen, die unsere Stellung bald wesentlich gegen früher verbessern werden. — Auch mit dem Bau unserer eignen Synagoge, zu der bekanntlich Rothschild 70000 Gulden, die übrige Gemeinde 30000 Gulden beigesteuert, wird es nun hoffentlich bald Ernst werden, und wir dadurch auch äußerlich ein bindendes Merkmal als selbstständig konstituierte Gemeinde haben. Jahresberichte. Frankfurt m M. Der Israelitische Hülss- Verein (Verein zur Beschränkung des Wanderbettels und Auskunftsstelle für Israelitische Armenpflege) veröffentlicht seinen 21. Jahresbericht für die Zeit vom l. Oktober 1902 bis 30. September 1903, ivelcher Bericht die Nützlichkeit dieser Institution zur Evidenz beweist. Wie groß die Notwendigkeit eines Hülfsvereins für unsere Stadt ist, zeigt sich mit jedem Jahre mehr. Fort und fort wachsen die Ansprüche, welche von Notleidenden gestellt werden. Hatte der Verein im Vorjahr Mk. 46 289 für Unterstützungen ausgegebcn, so steigerte sich die Summe im Berichtsjahr auf Mk. 71740. Hiervon wurden für besonders dringende Fälle auf Spezialsonds Mk. 63 564 verausgabt, gegen Mk. 38 839 im Vorjahr. Auf dem Bureau meldeten sich 2444 Petenten (gegen 2399), hiervon wurden 2274 (2203) mit Mk. 8175 (7450) unterstützt. An Geschenken zur Verwendung vereinnahinte der Verein Mk. 8052 (7758), an Mitgliederbeiträgen Mk. 9996 (10 335), auf Spezialfonds Mk. 53 702 (35 235). Der Vorstand des Vereins legt seinen Mitgliedern dringend ans Herz, keinem Petenten, der ihnen nicht persönlich als würdig und unterstützungsbedürftig bekannt ist, ein Almosen zu verabreichen, sondern ihn entweder direkt an den Hülfsverein zu verweisen oder mündlich, schriftlich oder telephonisch Erkundigung über den Betreffenden bei dem Hülfsverein einzuziehen. Rach Vornahme von Ergänzungs- und Neuwahlen setzt sich der Vorstand nunmehr aus den folgenden t erren zusammen: Charles L. Hallgarten (Vorsitzender), eopold Hirschler. Henry Seligmann, Emanuel Ettinghausen, Alfred Geiger, Jacob S. Bettmann, Hieronymus Dessauer, Jacob Kutz, Moritz Loewenhaar, Moritz Metzger, Philipp Schiff, Willy Stern, vr. Leopold Waller und Max Wertheimer. Der österreichische Verein znr Abwehr des Antisemitismns hatte vorigen Samstag nnter dem Vorsitze des Vizepräsidenten Freiherrn von Seiler im Saale des Wissenschafllichcn Klubs seine Generalversammlung, der Baronin Bertha Suttner, Hosrat Professor Nothnagel, Superintendent Professor Seberiny, Baron Doblhoff usw. beiwohnten. Nach Begrüßung der Anwesenden erstattete der Schriftführer Oberinspektor Engel den Jahresbericht, in welchem unter anderem auch der Ereignisse in Kischinew gedacht wird. Zur Linderung der dort durch. Mord und Plünderung entstandenen Not habe der Verein sein Scherflein beigetrage». Auch zu den turbulenten Szenen in „einer parlamentarischen Körperschaft", zur Hetze gegen die Aerzte und die Vivisektion hat der Verein Stellung genommen. Sodann führte Baron Doblhoss in einer mit großem Beifalle aufgenommenen Rede aus, daß in den letzten Sitzungen des niederösterreichischen Landtages sich eine förmliche Schreckensherrschaft breitgemacht hat. Dieselbe Partei, welche vor einigen Jahren die Rettungsgesellschaft angegriffen, welche die konfessionelle Frage in unsere moderne Zeit als Kampfesmittel geschleudert hat, erkor sich zum Objekt vehementer Angriffe die Männer der Wissenschaft, sic suchte das weltberühmte Ansehen der Wiener medizinischen Schule durch unbegründete Angriffe herabzudrücken. Solchen Vorgängen gegenüber stillzuschweigen, wäre ebensoviel, als sich zum Mitschuldigen zu machen. Es dürfe nicht ruhig zugesehen werden, daß unter dem Vorwände der Bekämpfung des Judentums der modernen Bildung und Wissenschaft direkt ins Gesicht geschlagen wird. Es sei tief zu bedauern, daß die Vertreter der Regierung kein Berdammungsurteil gegen den Inhalt und die Form der verübten llebersälle des hochgeachteten Aerztestandes vorzubringen hatten. Tie leitenden Organe des Staates müssen es endlich einsehen, daß längst die Grenzen des Erlaubten überschritten sind, wenn Wissenschaft, Kunst, Familie und Bildung nicht mehr als Bollwerke zu betrachten sind gegen die Streiche jener beati xossickootos in ihrem

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