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Neue jüdische Presse · 1903-12-11 · Heft 57 (11.12.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 57 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Fvsnkfurtev « r Abonnementspreis ML 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Nöstzeitrrrrgsliste 8741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.80 vierteljährlich (Ausland ML 2.—). J3 . ' d Redaktion and Haupt-Expedition: Fr«nkfurL ». M. Vergerstraße 25, parterre. Herausgeber: Sa ly Geis. Jnfertionspreis für die viergespaltene Petitzelle 25 Pfg., für die Rellame-Zeile ML 1.—, im lleinm Anzeiger (Famllien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, ML 5.— Li» 8.— das Tausend. Ro. 57. Freitag, dea 32. Kislew 5664 (11. Dezember 19V3). Ro. 57. Channka-Fantasie. Bon M e n a ch e m. Dort rufet mich der Flämmlein Lichtcrfülle, Und über diese Schwelle tret' ich ein, Rechts winket die Mesusah in der Hülle Und links Chanukalichter - Schein. 'Ich küsse die Mesusah und ich schreite Die allgewohnten Stufen froh hinan. Schon singet man das Lied der Festesfreude, Und Kinderstimmen meinem Ohre nah'n. Da muß auch ich die trauten Töne singen .In leichtbeschwingter froher Melodie, Und durch die Nacht der Gasse laut erllingen Vernimmt man: Moaus zur Jeschuosi.... Wir enden nun und schütteln uns die Hände, Ich grüße meinen Rabbi, der bewegt. Die Bücher sammelnd nach des Tisches Ende, Aus diesen nunmehr einen Trendel legt. Des Hauses Frau, die Nüsse uns verteilet. Wir setzen uns, da fragt das Enkelkind: „Was deuten wohl die Zeichen, die dein Trendel Aus allen Seiten eingegraben sind?" Ter Rabbi lehrt den Knaben sie.erkennen: „Ein großes Zeichen*) ward uns dort gewährt." Auch weiß er, große Taten ihm zu nennen. Durch die die Väter einstmals Gott geehrt. Nun zieht der Trendel summend seine Kreise, Die Nüsse ändern oftmals ihren Ort, .Dabei vernimmt man oft ein Kichern leise Und wechselt dann so manches Schcrzeswort. Die Zeit entflieht, der Trendel wandert weiter. Bis dann der Rabbi endet unser Spiel, Der Kinder Augen strahlen hell und heiter. Denn der Gewinn war heute groß und viel. Und als ich mich nunmehr zum Gehen wende. Da lädt man mich zum nächsten Slbcnd ein. Ich drücke mit Gutnachtgruß alle Hände Und wandre durch die Gasse dann allein. So summe ich, von allem noch befangen. Was 'dieser Abend Trauliches gebracht. Die Sangesweise, die wir freudig sangen Hinaus nun in der Gasse düstre Nacht.... Doch nun! Was war das wohl? Ein schrilles Klingen! Und nochmals rujet mich-das Telefon. Es waren Träume, die mich hier umfingen? Der Ofen glühet — und es dunkelt schon. Der Dämmrung und der Wärme Mächte lassen Mich hier erblicken eine stille Nacht, Die in des Ghettos düstre, ernste Gassen Den Freudensang und Lichterglanz gebracht. Was hier umschlossen von des Ghettos Mauern, In Herzensttefen still verborgen lag. Wird über alle Zeiten weüerdauern. Kennt Stunde nicht, weiß nichts von Nacht und Tag. Und wenn Chanukalichüein heute blinken Im unbeengten, freien Erdenraum, Will ich Erinn'rung aus dem Scheine trinken. Genießen, was der Dämmrung stiller Traum. , Aus freier Brust will freudig ich dann singen Chanuka's lleb geword'ne Melodie, Ich weiß im Echo wird's dann wieberllingen: ■ — Moaus zur Jeschuosi. — Charmka-Ge-anken. Herrliche Gedanken sind es, die die Chanuka- Zeit in uns wachruft. ' Bescheiden leuchten die kleinen Lichtchen in bas Dunkel der kalten Nächte hinaus. Ja wahrlich, ein *) NSs Godoi Hojoh Schorn. bescheidenes Denkmal an jene große Zeit, in der ein lleines Häuslein mutiger, von Gottesbegeisterung erstickter Kämpfer mit Gottes Hilfe wahre Wunder vollbrachte. Entwurzelt schien der alle Stamm des Judentums. Ja, es schien so! Aber noch war die Wurzel nicht ganz dem gewohnten. Erdreiche entrissen, in das sie seit Jahrtausenden verpflanzt war; noch trieb der Stamm, wenn auch nur vereinzelt, grüne Zweige. Und dennoch, wer hätte für die Wiedererweckung des Judentums damals noch etwas gegeben? Lichllose Nacht breitete eine Decke verzwciflungsvollster Trostlosigkeit über Libanons Cedern. — Ihres Reiches beraubt, sollten unsere Väter auch noch ihres Glaubens verlustig gehen. Schon glaubten die Feinde, das Feuer der jüdischen Religion aus dem Herzen ihrer Anhänger gelöscht zn haben, hatten sie doch kein Mittel gecheut, um es soweit kommen zir lassen. Mer noch war ein Fünkchen da, ein Fünkchen, das noch einmal zur herrlichsten Flamme echter Gottesbegeisterung werden sollte. In dem Herzen eines alten, an dem Rande des Grabes stehenden Mannes, war dieses Fünkchen zur jugendlich hellauflodcrnden Flamme geworden, und in den Herzen seiner heldenmütigen Söhne fand dieses Feuer reichen Nährstoff. Ausgerüstet mit- Begeisterung kür den Glauben Gottes, mit echt jüdischem Bewußtsein, mit dem Verzweislungsmut zu siegen oder zn sterben, nahmen sie, die so winzig an Zahl, den Kampf gegen die ihnen hundertfach überlegenen Feinde auf. „Nicht mit Heercsmacht, nicht mU Körpcrkraft, sondern mit meinem Geiste, spricht der Herr Zebaoth." Mit dieser Gesinnung als Waffe, waren sic in den Zreiheitskamps gezogen und in diesem Freiheitskampfe war es einzig und allein dieses rückhaltslose Gottvertrauen, das ihnen zum Siege verhalf. Zum Andenken an jene Zeit zünden wir nun alljährlich Lichtchen an, damit deren Schein uns immer wieder zum Bewußtsein bringe, daß wir Jude» sind und sein sollen, und daß wir stets von einem aus der Gedankenwelt unserer Propheten, aus dem Judentume seine Kraft schöpfenden Vertrauen zu dem Leiter unserer Geschicke erfüllt sein müssen, denn nur so und nicht durch Macht können wir uns unserer Feinde erwehren. Sehr oft wird dem Juden der Vorwurf der Feigheit, der Mutlosigkeit gemacht und leider nicht immer ist der Vorwurf unberechtigt! — Wie kämpft doch jeder Mensch für seine Ehre, wenn er sie angegriffen sieht, wie für sein Vaterland, wen» er es bedroht glaubt. Warum kämpft der Jude nicht mit eben solcher Begeisterung für seine Religion? Für seine Religion, die doch auch gleichzellig >ein Vaterland und seine Ehre in sich birgt! Sind wir denn nicht mehr die Söhne der Makkabäerhelden, rollt nicht dasselbe Blut in unseren Adern? Oder sind wir es nur noch dem Namen nach und nicht mehr im Geiste? Welche Kampfesart für ihre Religion haben manche Juden? Sie treten den Feinden ihres Glaubens nicht entgegen, warum denn auch ja? — Sie wollen ja gar keine Juden mehr sein. Sie schämen sich ja, wenn der Name Jude in ihrer Gegenwart ausgesprochen wird, Hallen es für eine Ehre und Gnade, wenn man ihnen den Juden nicht ansieht! — Nicht so dürfen wir handeln, das ist unserer Ahnen nicht würdig. Wir sind Juden und wollen Juden sein! Noch glimmt Gott sei Dank der Funke echter Glaubensbegeisterung in dem Herzen mancher Juden. Wahrlich wir Juden, die wir aus unsere Ahnen mit mindestens ebensoviel Stolz und Hochachtung Hinblicken können, wie der blaublütige -Adel; wir Juden) die wir bas Vorbild solcher Männer wie der Makkabäerhaben, dürfen nicht feige sein, dürfen uns nicht unseres Glaubens schämen. — Wollen wir die Lichtchen, die jetzt zum Andenken an große begeisterungsvolle Helden in allen echt jüdischen Häusern brennen, nicht auch in unseren Herzen zünden lassen? Wachet aus 'ihr Brüder! Ter Geist der Makkabäer ruft uns, laßt ihn einkehren in unsere Herzen und bekennet euch zn den Worten unserer Propheten, die euch schon vor 2600 Jahren zugerufen haben: „Nicht durch 'Heeresmacht und nicht durch Körperkraft, sondern nur nach Maßgabe der treuen Pflichterfüllung im Dienste eurer Ausgabe als Juden, im Dienste Gottes, werdet ihr der euch entgegentretenden Hindernisse Herr werden." Jos. Sänger. Aus aller Wett. Deutschland. Mainz, P. Mortara, dessen Entführung au-s dem jüdischen Elternhause in Bologna vor ettva 40 Jahren in der ganzen zivilisierten Welt das größte Aufsehen erregt hatte, predigte heute in später Nachmittagsstunde in der Christophskirche unter ungeheurem Andrange des teils frommen, teils blos neugierigen Publikums. Er hatte schon die Treppe -zur Kanzel betreten, als er noch einnial zurückschritt und dem Kirchendiener Auftrag gab, die Lichter an der Kanzelbrüstung auszulöschen. Wie es scheint, ist der Priester augenleidend, trägt er doch eine dunkle Brille. MortaraS Kopf mit dem sehr stark gelichteten Haupthaar erinnert an Papst Pius IX. Das Gesicht hatte in dem Zwielicht einen milden Ausdruck, die Stimme klingt jugendfrisch und die Aussprache, die den Ausländer zeigt, war nicht ohne Reiz. Er sprach über Liebe, Barmherzigkeit und die heutige gottlose Zeit. Sehr naiv meint er: Früher begnügten sich die Ketzer einen Glaubenssatz in Zweifel zu ziehen, heute leugnen sie alles. Am Schluß seiner Predigt kam k. Mortara aus seine eigene Lebensgeschichte. Er habe nicht das Glück gehabt, die katholische Kirche Mutter nennen zu dürfen: seine Mutter sei die Synagoge gewesm. Doch als „achtzehnjähriges Kind" — diesen Lapsus korrigierte er: — „als 18 Monate altes Kind wurde ich von einer christlichen Magd getauft", ihr danke er es, daß er als Missionär, Priester und Ordensgeistlicher das Wort Gottes künden dürfe. Seine Bekehrungsversuche scheinen nicht durchwegs von Erfolg begleitet zu fein,, benn von feinen Brüdern und Schwestern in Italien teilte er offen mit, daß sie noch in der „Irrlehre" lebten. Berlin. Der Deutsche Reichsanzeiger macht bebekannt: Stipendium der Nathalie Hirsch, geborene Wolfs - Sttstung. Die Stiftung hat den Zweck, jüngere anerkannt talentvolle, fleißige und strebsame Personen weiblichen Geschlechts und jüdischer Religion, die sich in Nottage befinden, zu ihrer Ausbildung zu unterstützen. Zur Erreichung dieses Zweckes werden jährlich die Zinsen des Stiftungskapitals nach Wzug der Berwaltungskosten in Form eines Stipendiums ver» wendeL Das Stipendium für 1904, welches hierdurch ausgeschrieben wird, beträgt 350 M Dasselbe soll mtt einer Person zugute kommen und zwar zunächst einer in der Königlichen akademischen Hochschule für Musik sich der Gesangskunst widmenden Schülerin. Sollte keine würdige Bewerberin unter diesen sich befinden, so sollen in zweller Linie Schülerinnen der akademischen Meisterschulen für musikalische Komposition in Betracht kommen. Falls sich muh unter diesen keine geeignete Bewerberin findet, so können an dritter Stelle «chülerinnen der akademischen Hoch-

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