Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 56 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion und Haupt-Expedition: Frsnkfurr «. Mt. Bergerstraße 28, parterre. Herausgeber: Sa ly Geis. No. 56. Freitag, de» 15. Kislew 5664 (4. Dezember 1903). No. 56. B 8 WonnementspreiS ML 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SO Pfg. viertel» jährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) ÜfoßaetiungsCtßEe 8741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband ML 1.50 vierteljährlich (Ausland ML 2.—). & 49 JnfertionspreiS für die viergefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile ML 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Rachrichten, Stellen-Angebote und »Gesuche 2 Pfg. die SWe). Beilagen je »ach Gewicht, ML 5.— bi» 8.— daS Tausend. B Das Judentum einst und jetzt. Bon Dr. Hermann Klein-Frankfurt a. M. ' - (Schluß.) Es ist unendlich tief beschämend für uns, gestehen zu müssen, daß wir unsere Ideale verloren haben und mit unseren Idealen unsere Zufriedenheit, unseren Stolz und unser Glück. Und doch ist die Quelle, die uns in unserem Elend gespeist, die uns alles Ungemach und alles Elend überdauern ließ, nicht versiegt, sie quillt noch immer so frisch als früher, wir müssen nur wieder an sie herantreten, wenn es auch heute nicht Mehr modern ist, Thora zu lernen. - Unsere Brüder, zur linken Hand haben nämlich eine andere jüdische Wissenschaft ins Leben gerufen, die allerdings bei Licht besehen, weder jüdisch noch Wissenschaft ist. Pygmäen haben sich an Stelle der Riesen gesetzt und usurpierten den Geistesthron jüdischer Wissenschaft und jüdischer Weisheit. Ist es nicht sonderbar/ wenn man uns jüdische Geschichte als d r e einzige jüdische Wissenschaft auftischen . will und sich ausschließlich damit abmüht, immer neue Daten über das Leben eines Mischnahlehrers, eines Talmudlehrers, eines Gaon, eines Maimonides nsw., ,zu entdecken? ' Ich will selbstredend durchaus nichts gegen das Studium der jüdischen Geschichte sagen, deren Studium ich für eines jener Dinge halte, die jeder Jude pflegen sollte; aber davon wird kein Mensch mich überzeugen, daß Geschichte die einzige indische Wissensch a ft ist, oder daß sie die Wissenschaft ist, die wir in erster Reihe pflegen müssen. Geschichte verhält sich zur wirklichen jüdischen. Wissenschaft wie Form zum Inhalt oder noch richtiger, wie die Verzierungen an einem Bau zum Bau selbst. Wenn wir uns ein wenig in der Geschichte unseres Volkes umsehen, so finden wir, dckß gerade zu der Zeit, wo das Judentum geistig am höchsten stand, die jüdische Geschichte dasjenige .Gebiet war, das am wenigsten bebaut wurde. Nur ganz wenige und kümmerliche Ansätze zu einer Geschichte der Juden sind uns aus der Glanzperiode unserer Wissenschaften überliefert. Und wenn wir wie jeder geschulte Mensch nach den Ursachen dieser Erscheinung . fragen, so bekommen wir eine Antwort, die uns den Eifer unserer Reformer in der Pflege der jüdischen Geschichtswissenschaft erklärt. Tie Antwort ist nämlich folgende: Die Gegenwart, wie jedem bekannt sein dürste, eignet sich nicht für eine historische Darstellung. Nun war unseren Alten das . ganze jüdische Leben von der Nationalgeburt des jüdischen Volkes bis in ihre Zeit hinein noch immer Gegenwart. Dieselben Interessen und dieselben Ideale, für die die Aeltesten gelebt, waren auch die Interessen und Ideale unserer Alten. Es waren die gleichen Kräfte wirksam, die gleichen Triebfedern; — und die gleichen Ursachen zeitigten auch .die gleichen Wirkungen. Als man aber die Vergangenheit. begraben wollte, als man von den alten Idealen sich trennen wollte, als die alten Interessen nicht mehr wirksam waren, da begann man zu inventarisieren, man schuf Literaturgeschichten, die Kirchhöfe der Gedanken, und man schrieb Geschichten, die Kirchhöfe der Begebenheiten. Oder, und was noch schlimmer ist, man trieb Geschichte, um ans . ihr Berechtigung und Begründung für den Abfall zu holen. Daß man . dabei der Geschichte Gewalt ' antun, verschiedene Tatsachen verschweigen und wieder andere Facta verdrehen mußte, hat erst in jüngster Zeit der größte jüdische Historiker unserer Tage, Halevy, mit der ihm eigenen Gründlichkeit und Tiefe nachgewiesen. Unwilllürlich nahm auch der fromme Judeetwas von diesen zersetzenden Gedanken in sich"aus,auch in-dieser- Auffassung, des-Judentums. " haßen' sich - frenide Külturprodukte gemengt. Wenn ich nun frage, wo der Spaten zur Besserung anzusetzen ist, so ist die Beantwortung nach meinen Ausführungen keine schwierige: Werden wir Ghettojuden in der Freiheit;'ein Ghettoleben ohne Mauern ist das Ideal, dem wir nachstreben müssen. Dieses Ideal erreichen wir, wenn wir wieder das Judentum kennen lernen und wieder in seinem Lichte wandeln. Mit der Vertiefung unseres inneren Judentums wird dann auch das Selbstbewußtsein zurückkehren und wir werden in der Freiheit wieder so rein und so glücklich werden, als unsere Väter im Ghetto gewesen sind. Wir müssen unser Leben vertiefen, wir dürfen nicht an der Oberfläche haften bleiben. Dann wird auch das Selbstbewußtsein zurückkehren, der gerechte Stolz auf unseren inneren Wert. Wir werden dann nicht aufjubeln, wenn irgend ein armseliger Skribent uns unsere Wissenschaft lobt, und auch nicht verzweifeln, wenn das Gegenteil eintrifft. Ich denke hier an die Tragikomödie des Babel-Bibelstreites, die sich vor kurzer Zeit vor unseren Augen abspielte. Was wurde da nicht alles zu Tage gefördert, wie die Pilze schossen da die sogenannten „jüdischen Gelehrten" aus der Erde. Gar häufig fühlte man sich da versucht zu fragen: „Ist Saul auch unter den Propheten?" Und das merkwürdigste in der ganzen Geschichte war, daß gerade von derjenigen Seite am lautesten geschrieen wurde, die mit dazu beitrug, den Boden für die Lehren eines Delitzsch vorzubereiten, die schon längst die Konsequenzen, die sich Delitzsch ergaben, antizipierten. Uns ließ die ganze Sache kalt, denn wir fühlten und fühlen kein Bedürfnis unsere Lqhre vor derartigen Angriffen zu verteidigen. Uns, die wir sie, kennen, oder ihre Kenntnis anstreben, spricht; ihr Inhalt von ihrer Göttlichkeitwir fühlen den Gotteshauch aus ihr uns entgegenwehcn, uns ist sie zu erhaben, als daß wir sie zum Gegenstand einer kritischen Untersuchung machten. Und so wollen und sollen wir auch weiter fortfahren, alles gehobenen Hauptes entgegenzunehmen, wir wollen uns nicht freiwillig zum Ambos der Menschheit erniedrigen. Die Eiche steht, trotz aller Stürme, die sie umbrausen. Werden wir würdig unserer Ahnen, die für das Judentum gekämpft, gelitten und für dasselbe gestorben sind. Werden wir Juden und seien wir nichts als Juden. Und wenn wir nichts anderes anstreben werden, als Juden sein zu können, dann wird jene Halbheit und Zerrissenheit aus unserer Mitte schwinden, die heute unser Volksleben vergiften. Möge das Hinüberschielen nach anderen Kreisen aufhören, das Kokettieren mit der Afterweisheit der anderen endlich einmal ein Ende nehmen, das ängstliche, zaghafte und tiefbeschämende Haschen nach allen möglichen und unmöglichen Produkten der grundverschiedenenLebensprinzipien der verschiedensten Völker vergehen. Wagen wir es, wenn es auch zuweilen unbequem wird, eme eigene Lebensanschauung zu haben, versuchen wir es nach einheitlichen Prinzipien, die ihre Quelle in der einzigen Kraftquelle des Judentums, in der Thora haben, unser Leben zu regeln, erlauben wir uns einmal, wir selbst zu sein, und unser Blick wird frei werden, unser Schritt sicher, unser handeln zielbetyußt und wir wieder Menschen, mit denen man rechnen wird müssen. Zünden wir das Licht unseres Judentums an und es wird ein Lichtmeer sein, das die Gesamtmenschheit erleuchten wird. Stehen wir treu und fest zu unserem Judentum, hegen wir den Stamm, dessen bescheidene Reiser wir Alle sind, halten wir hoch die Fahnezu der wir am Sinai geschworen. Die Uuterstützuugsattio» in Hömel. Dem Hilfsverein der deutschen Juden ist ein ausführlicher Bericht über die llnterstützungsaktion in Hömelzugegangenaus dem uns die folgenden Daten zur Verfügung gestellt worden sind: Die Geschichte der Exzesse ist zu bekannt, als daß wir sie nochmals zu wiederholen brauchten. Das Resultat derselben war für die Juden 8 Tote, 100 Verwundete, 400 Familien ruiniert und ein Materialschaden von 110,000 Rubel. Die Unterstützungsaktion wurde, .da der Gouverneur nicht, wie in Kischineff die Bildung eines speziellen Komitees erlaubte, von dem lokalen Hilfskomitee für arme Juden übernommen, an dessen Spitze 2r. A. S a l k i n d. steht. Vizepräsident ist Herr M. I. Zeitlin', Kassierer Herr L. Charlapp. . Dieses Komitee besteht aus 18 Personen, denen sich für die besondere Aktion noch weitere 18 Herren aus den jüdischen Honorationen der Stadt anschlossen. Das Komitee wurde in 4 Kommissionen eingekeilt, je eine für Einnahmen, Ausgaben, Informationen und Juriskonsulat. Alle Bittschriften gehen dem Präsidenten zu, der sie der Jnformations - abtellung zuweist. Diese nimmt die Prüfung vor und nachdem das Ergebnis derse.ben vorliegt, wird durch das Plenum die Summe festgesetzt, welche man dem betreffenden Bittsteller bewilligt. Man mußte zuerst Nahrungsmit.el verteilen, dann aber mit Rücksicht -auf die unmittelbar bevorstehenden Feiertage den Aermsten kleine Geldunterstützungen zu Teil werden lassen. Sobald aber dies dringendste Bedürfnis mit rund 2000 Rubel Ausgaben erledigt war, widmete sich die Kommission der Aufgabe durch Beschaffung von Handwerkszeug und Waren den geschädigten Familien wieder zu einer Existenz zu verhelfen. Dafür wurden bisher 35,000 Rubel gebraucht, dieser Betrag ist jedoch nicht annähernd ausreichend. Eine weitere Verpflichtung erwuchs dem Komitee in der Fürsorge für die Familien der getöteten oder arbeitsunfähig gemachten Opfer der Exzesse. Dafür sind bisher 15,000 Rubel ausgegeben worden, weitere 10,000 werden noch allein hierfür nötig sein. Endlich muß das Komitee für die Familien derjenigen .Juden sorgen, welche bei den Exzessen verhaftet wurden, well sie angeblich das Recht der Selbslverteirig ing überschritten, resp. sich gegen Polizei oder Mllitär zur Wehr gesetzt haben. Zur Zell sind noch in Hast aus diesem Grunde 25 Juden, dagegen nur etwa 50 Christen, die wegen ihrer Mitschuld bei den Exzessen angeklagt worden sind. Im ganzen hat das Hilfskomitee bisher verausgabt: 57,000 Rubel, wird aber noch ca. 100,000 Rubel brauchen. Eingegangen sind bisher 80,000 Rubel, darunter aus Homel selbst ca. 8000 Rubel, aus Rußland noch weitere 37,000 .Rubel, vom Hllfsverein der deutschen Juden (inkl. 3500 R. von der Großloge U. O. B. B.) 27,000 Rubel, von der „Israelitischen Allianz" in Wien ca. 5000 Rubel, vom Hilfskomitee für die russischen Juden in Frankfurt ca. 4500 Rubel, endlich von dem Anglo-Russian-Komitee in London ca. 9000 Rubel, in Summa rund 90,000 Rubel. Wie man sieht, ist die nötige Summe noch nicht erreicht, doch fehlt noch von den großen westeuropäischen Organisationen die Alliance israelite universelle, von der das Hilfskomitee in Homel bisher nichts erhalten hat, auch fließen aus Rußland noch immer Beiträge ein. Für den Notfall hat der „Hilfsvercin der deutschen Juden" einen weiteren Bellrag in Aussicht gestellt und auch die anderen Hilfsorganisationen werden nicht, fehlen, falls noch weitere Beiträge nötig sein sollten. So darf man hosfen, daß wenigstens der dringendsten Not auch diesmal noch gesteuert werden kann.