Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 55 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemein ist die Ansicht, daß wir vor tiefgehenden Wandlungen stehen, und es fehlt weder an Propheten, die da künden, welche Gestalt die Wandlung annehmen wird, noch . an Aerzten, die da sagen, welche Gestalt die Wand- . hmg annehmen soll. Und wenn wir nun daran gehen wollen, das Judentum zu schildern, so sind , wir uns dessen bewußt, daß diese Schilderung lückenhaft bleiben muß, die Parallele zwischen Vergangen- ■ heit und Gegenwart nur iu einigen Hauptpunkten gezogen werden kann; aber vielleicht hat auch diese skizzenhafte Darstellung ihre Berechtigung, vielleicht rüttelt sie auf aus dem beschaulichen Dahinträumen, vielleicht weckt sie den Blick für die Nöte der Leit. Denn das Judentum, diese kraftvolle, mächtige Eiche, die den gewaltigsten Stürmen finsterer Jahrhun- . derte standgehalten hat, ist geschwächt; ein, unscheinbarer Strauch ist alles, was übrig geblieben ist. / Das Judentum hat eine glänzende Vergangenheit; unzählige Namen glänzen im Sonnenstrahle eines un- . sterblichen Ruhmes: unzählige Helden leben fort im liebenden Gedächtnis dankbarer Enkel, aber die Heroen sind äusgestorben in Israel, die Gegenwart ist ' unsagbar traurig, umso trauriger, als die Trauer keine allgemeine ist. Nur ganz vereinzelt sind die ,Jirmijahus, die auf den Ruinen des jüdischen Volkes weinend stehen. —Kann man diese unheilvolle Metamorphose erklären? Versuchen wir es, uns über die' Miseren des Alltags zu erheben und einen Blick . auf , die lichtumslutete Vergangenheit unseres Volkes zu werfen; vielleicht gelingt es uns, einen Strahl .mit hinüber zu retten in die Gegenwart, der uns erleuchten kann, vielleicht finden wir dann die Mittel , zur, Gesundung des Judentums. . Nehmen wir unsere Lehre in die Hand und forschen wir nach der Bestimmung des jüdischen Bol- . kes, lernen wir aus ihr unseren Lebensberus 'kennen ' . und schöpfen wir aus ihr unsere Ideale. In un- ' zweideutigen Worten wird uns die Pflicht auferlegt, ein Volk Gottes zu sein, ein lebendiges Denkmal der göttlichen Herr- L jchaft, das Gewissen-der Menschheit, ' der Maßstab für alles Hohe und Edle. Und wir sind ein Zeugnis geworden : für das Walten der Gottheit! Wenn wir nur in ganz großen Umrissen uns die tränenreiche '. Geschichte unseres Voltes vergegenwärtigen, wenn . wir nur daran deuten, wieviel unsägliches Leid dieses Volk erfahren, wenn wir jene traurigen Ka- - pitel aus der Geschichte vor uns aufschlagen, aus > denen jede Leite von blutigen Metzeleien spricht, wo weder Alter noch Geschlecht berücksichtigt wurde, ' und wenn wir schließlich wissen, daß dem Juden die Lust, die er einatmet, stets mißgönnt wurde; wenn . wir dies bedenken und das jüdische Volk dennoch be- , . stehen sehen, so gewinnen wir die Ueberzcugun', , daß dieses Volk einen Talisman besitzt, der es sicher geleitet und es schützend und schirmend seinem Licle , . zuführt. . -.Wäre die Lehre nicht meine Lebensbeschäftigung . . gewesen, ich wäre längst d.urch mein Elend zu Grunde . gegangen," lautet ein Psalmvers. Würde das jüdische Volk in der Sorge um das tägliche Brod ganz aufgegangensein, und hätte es sich nicht viel- . mehr immer, einen Raum gelassen, wohin der wüste . Lärm um Brod, die oftmals rohen Ausbrüche des . . instinktiven Erhaltungstriebes keinen Eingang fanden, -so hätte es . schon längst das Geschick aller! numerisch schwachen Völkerschaften ereilt, es wäre zu- Grunde gegangen. — So aber halle das jüdische- Volk seine Plätze und Stätten, wohin kein .Laut von außen dräng, wohin seine Söhne nach dem . aufregendem Kampf -im.Weltengewühle flüchten konntM und die Spannung löste, sich hier insanfte -H'ar-- monie; kein noch so leiser Mißton störte hier die harmonische Tätigkeit des seines Judentums sich bewußt getoordenen Mannes. Es waren dies die Lehrhäuser, in denen Thora gelehrt und gelernt wurde. Hier herrschte Ruhe, heiliger tiefer Gottesfriede. Ter gequälte, verfolgte Jude vergaß hier jeinen Schmerz, die Thoraworte waren Balsam, der die brennenden Schmerzen seines wunden und verwundeten Herzens linderte; wie auf Adlersittigen wurde er cmporgehoben, entrückt der qualvollen Gegenwart, entrückt den Miseren des täglichen Lebens, emporgetragen in das Reich det Ideale. Sie werden dieses Judentum kennen, das ich hier geschildert habe. Es war dies das Ghettojudentum, die Bewohner der engen Gäßchen, der armseligen, baufälligen Häuschen. Wie glücklich und stolz waren diese Kinder des Elends. Diese Parias der Gesellschaft beneideten keinen Fürsten; glückliche zufriedene Herzen schlugen da in diesen schmucklosen Hütten. Hatten sie doch dasjenige, was ihnen wertvoller war denn Gold und Silber; sie hatten ihre Thora und damit ihren Gott und ihren Glauben. Und auch stolz waren diese Berspottelen, stolz auf ihre glorreiche Ausgabe, stolz aus ihre glänzende Vergangenheit, stolz sogar aus ihre Ee. enwart. Denn das Bewußtsein ihres Wertes war wach und lebendig in ihren Herzen. Sie wußten, daß von den duntleu, lichtlosen Ghettogäßchen Licht hinausströmt in die sonnige Welt. — Ja die Ghetti waren ein geistiges Jerusalem. . Ein Großer in Israel llagte, als die Ghettomauern fielen, daß Jerusalem nun zum dritten Male zerstört wurde. Die Ghettomauern bargen Schätze, die aus den Gcisteskammern Jerusalems geholt waren. Und mit welcher Liebe hingen die Söhne Jakobs an ihren armseligen Gäßchen. Als einst in Rom sich das Gerücht verbreitete, daß man beschlossen habe, die Ghettomauern zu schleifen, da machten die Juden die größten Anstrengungen, diesen Beschluß zu Hintertreiben. Wie eng wohnte auch da Brüder an Bruder und auch die Herzen waren sich nah. Das Leid des Einen wurde auch vom Andern mitempsunden und auch die Freude des Einen weckte frohen Wiederhall im Herzen des Andern. Sie waren Brüder und warensich dessen bewußt. In der sternenlosen Nacht des Mittelalters war es hell in den Häusern der Juden. Aber dieses Licht war nur dem Mondlicht gleich! Wie das Mondlicht nur in der Dunkelheit der Nacht zur Geltung getan ft, so war auch das Licht des Ghettos auf die finsteren Gäßchen angewiesen. Das Licht erlosch, sobald die Finsternis wich. Dir Ghetto mauern fielen und mit ihnen ihre Bewohner. Tie im Ghetto bewahrte Standhaftigkeit schmolz vor iier Sonne. Tie Nüchternh.it des Elends machte einem gewaltigen Rausche Platz. Tie Freiheit ward das Grab der jüdischen Freiheit. An die Stelle her inneren Freih.it trat die Willkür, Priirzipi.n'o.'igkcil ward zum Prinzip erhoben und Israel vergaß seines Schöpfers, wurde der Fahne untreu, die es bis dahin hochgehalten. Israel, das zum Lehrer der Menschheit berufen war, wurde Schüler! Es erlernte den Wfall, der bis dahin fremd in seinen Reihen war und Israel wa: ein gelehriger Schüler, es hat bald seine Meister übertrofsen, und aus dem Schüler wurde wieder ein Lehrer. Die Juden, die der Welt eine Knltur gegeben, machten Anleihen bei ihren Schuldnern und zahlten mit Linsen. — Ja, das Ghettojudentum an der Schwelle der Ghetti war auch nicht baS Jdealjudentum. Waren auch die Väter treu, hielten sie auch die Lehre in Ehren, erkannten sie sie auch als lebenspendend an, jo verstanden sie es nicht, sie aus die Kinder zu vererben oder wenn wir nicht so weit gehen wollen, so steht jedenfalls das Eine fest, daß sie es nicht verstanden, die Söhne für die völlig veränderte Leitlage und Leitströmung vyrzubereiten. Die Söhne der letzten Ghettobewohner.waren für das Leben mit und in der- Welt nicht ausgerüstet und so kam es, däßdie Lehre, die den Alten das Leben war, den Händen der wissensarmen Kinder entsank. So kam es auch, daß als die Menschheit den großen Freiheitstraum träumte, in welchem sie sogar die Juden als Brüder anerkennen wollte, die Juden tatsächlich ihre Sonderstellung ausgaben und mit rührender Naivität an allen Jrrtümern und Verirrungen ihrer Mitmenschen participierten. Cs gibt wahrlich keine einzige Verirrung rn den letzten Jahrzehnten, die nicht auch in jüdischen Kreisen ihre Wortführer und Bekenner gesunden hätte. Versuchen wir den Wahrheitsbeweis für diese unsere letztere Behauptung zu erbringen Fortsetzung auf Seite 4. Badisches. Eine Entgegnung. In Nr. 44 und 45 des Hamburger Familienblattes sind zwei Arti.el mit der Ueberschrist „Badisches" erschienen, welche sich mit der Bildung und Organisation unseres Vereins und insbesondere mit dem zum Beitritt zu demselben einladenden Aufruf befassen. Im ersten Artikel der genannten Nummer wird ein Teil dieses Au-russ in einer Art und Weise besprochen, welche uns zur ' speziellen Entgegnung herausfordert, während der andere wörtllch das Flugblatt Gr. Oberrats der Israeliten betr. die Gebetbuchfrage zum Abdruck bringt, auf welches wir vor Kurzem geantwortet haben. Was nun den ersten Artikel betrifft, der dem „Hamb. Familienblatt" von „hochgeschätzter Seite" zugcgangen ist, so irrt sich der ,^>err Verfasser" sehr, wenn er den Kontrast zwischen den faktisch vorhandenen Luständen und der darüber verbreiteten Meinung „mer.würdig" findet. Für uns sind diese Tinge schon lange nicht mehr „merkwürdig", sondern jchon mehr traurig; sie müssen jetzt' nur, nachdem der Gr. Oberrat diese Frage durch das geplante Gebetbuchat.en.a. augeschnitren, auch ö,f.ntlich besprochen werden. Ter Verfasser spricht von einigen „in weiteren Kreisen wenig bekannten Persönlich.ei.en", welche unseren Aufruf unterzeichnet haben. Es sind darun.er einige Synodalmitglieder und Ersatzmänner zur Synode, worauf ja der Erlaß des Oberrats besonders hinweist: im übrigen sind wir der Ansicht» daß der Äe,ähigungsnachwcis für die ö,scntliche Vertretung der Interessen des Judentums nicht durch Reichtum und soziale Stellung erbracht wird, sondern durch Begeisterung und Opsersähigkeit für dieses Judentum; darin aber können sich die Unterzeichner des Aujruss mit den „bekannten Persönlichkeiten" Badens wohl messen. In unserem Ausruf beanstanden wir die mangelnde Kenntnis der Lehren des Judentums; wir beklagen uns darüber, daß die dem praktischen Judentum Treugebkiebenen geflissentlich in den Hintergrund gedrängt.werden; wir bedauern die Stagnation im Gemeindeleben und daß die Lebensfähigkeit der jüdischen Religio n s g e m e i n j ch a ft sich eigentlich nur noch in dem Funktionieren eines allerdings wohlgeordneten Verwaltungsapparats äußert. Daß wir in diesem Sinne uns ganz korrekt und der Wirklichkeit entsprechend ausgedrückt haben, liegt klar zutage und soll in folgendem bewiesen werden. lieber die Gleichgültigkeit der jüdischen Bevölkerung in jüdischen Dingen schweigt sich der Verfasser wohlweislich aus. Vorweg wollen wir betonen, daß wir unter dem (nur äußerlich funktionierenden) „Berwaltüngsapparat" in erster Linie, den Gr. Oberrat der Israeliten und die Synode yerstanden wissen wollen.