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Neue jüdische Presse · 1903-10-16 · Heft 49 (16.10.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 49 (16.10.1903)
Date
1903-10-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches ittiniliniMatt. Abonnementspreis ML 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Postzeitungsliste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband ML 1.50 vierteljährlich (Ausland ML 2.—). Redaktion und Haupt-Expedition Mvankfuft ». M. Bergerstraße 25, parterre. -M]M- Herausgeber: Saly Gers. & Jnfertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile ML 1—, im kleinen Anzeiger (FamUien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, ML 5.— bis 8.— das Tausend. No. 49. Freitag, de« 25. Tischri 5664 (16. Oktober 1963). No. 49. Borchi Nafschi. Von Tr. H e r m a n n K l e i n. Ein sinniger Brauch reicht uns nach Pesach die „Sprüche der Väter" in die Hand, damit wir iin Frühling und im Soinmer zur Zeit, da alle Kräfte in der Natur erwachen, da das ganze All Leben und Werden atmet, über dieses allseitig pulsierende Leben den Sinn dieses Lebens und in dem beständigen Wechsel alles Seienden das Ewigbleibende nicht vergessen mögen. Wir sollen zeigen, daß wir nicht eilt winziges Atom im Banne der ewigen Gesetze des Universums sind, sondern kraft der uns von Gott verliehenen Freiheit über diesem Leben stehen und uns aus der Regsamkeit und Lebensfülle ans uns selbst znrückziehen können. Einen ähnlichen, wenn auch andern Sinn, hat der Brauch, der uns nach dem Hüttenfeste eine Serie Psalmen reicht, deren erster eine Hymne auf die Schöpfung darstellt, die uns in den lebhaftesten Farben das Keimen und Werden, das Sein und die Reife vor die Seele führt und ein Frühlingsgefühl iin Winter, wo das Leben in der Natur stagniert, in uns wachruft. Es wird uns in diesem Lobgesang die Lehre ans Herz gelegt, daß wir eine Höhenstellung^iuzunehmen haben, die uns zur'Freude über das Lein und die Fülle führen soll, auch ju einer Zeit, wo keine äußere Spuren von diesem Reichtum künden. Gehört ja doch der Winter mit dazu, um diesen Reichtum hervorzubringen. Ter Winter ermöglicht den Frühling und wir sollen uns daher über die Zeit erheben und im Winter das schöne Frühlingslied ertöne» lassen. lind wenn wir nun dieses Alles aus das geschichtliche Leben übertragen, so erwächst für uns die Lehre, daß wir auch im harten Winter den Mut nicht sinken lassen sollen, sondern ein Frühlingslicd anstimmen dürsen. Wird es uns auch schwer, all der Lchinerzcu und all der Pein, die uns die Tücke und Bosheit zufügen, zu vergessen, so müssen wir uns über die Verhältnisse, unter denen wir leiden, erheben, was uns umso leichter werden dürfte, wenn wir bedenken, daß auch der Winter mit dazugehört, den Frühling vorzubereiten. „Bei ihnen wohnt der Vogel des Himmels, wo zwischen Geklüfte heraus sie sich hören lassen." Tie Vögel des Himmels, meinen unsere Weisen, sind die Völker, die über Israel herfallen und ihn von Gott und seinen Gesetzen zu entfernen bestrebt sind. Israel aber läßt nicht von seinem Gotte, denn so heißt es ja: „Zwischen Geklüfte heraus lassen sie sich hören," und bekennen sich als seine Tiener zweimal täglich. (Jalkut z. St.) Wenn Jißroöl noch so sehr bedrängt wird, wenn die Völker sich seiner bemächtigen wollen, wenn er noch, so sehr in die Enge getrieben wird, so giebt es für ihn noch 'immer einen Ausweg — und dieser Weg ist der in die Höhe. „Meine Taube in der Felsenschlucht dort in der Kluft der Steine zeige mir deine Gestalt und lasse mich deine Stimme hören, denn süß ist deine Stimme und schön deine Gestalt." Wenn du in der Felsenschlucht bist, umgeben von Mächten, denen beizukommen du verzweifelst, wenn du so tief gesunken bist, daß du an ein Aussteigen nicht mehr glauben kannst, so zeige mir doch deine Gestalt, deine wahre Gestalt, wie sie dir eigen ist, ohne fremde Zutat, und lasse mich deine Stimme hören, die vor Schmerz und innere Erregung vibriert, die so weich und ' biegsam ist, die so rührend bitten kann; und aus der Schlucht giebt es einen Ausweg, der in die Höhe führt, denn süß ist deine Stimme und schön deine Gestalt. „Aus den Geklüften heraus lassen sie sich hören." Sind sie noch so sehr bedrängt, sind auch ihre Schritte von Feinden umstellt, so lassen sie doch zweimal täglich ihre Stimme hören, denn sie haben begriffen, daß sowohl das „beschochbcho" als auch das „bekumecho", das Taniederliegen sowohl als auch das Sichaufrichten von Gott stammt. Diese Erkenntnis verleiht ihnen die Kraft, im Winter da» Frühlingslied anzustimmen. „Segne meine Seele, Gott! Gott, mein Gott, unendlich groß bist Tu, mit Macht und Herrlichkeit hast Tu Dich umkleidet." R. Ehunya bemerkt zu dieser Stelle: „Wir finden, daß Alle» Gott preist, es giebt aber keinen größeren Ruhm für Gott, als der von Jißroöl gezollte." Tie ganze Schöpfung ist das Gewand Gottes, in welchem sich seine Wesens- Herrlichkeit osfenbart. Von dem kleinsten Stäubchen bi» zum kunstvollsten Gebilde, von dem leblosen Atom bis zum erhabensten Kunstwerk preist und lobt Alles die Allmacht Gottes. Alles Geschaffene spricht und zeugt sür die Größe de» Schöpfers. In Allem ist seine Hand sichtbar, in Allem giebt sich sein machtvoller Wille kund. Ta» Jneinandergrcifen der verschiedensten Rädchen, die wunderbar abgetönte Harmonie, sie lenken de» Menschen Blick auf den Urquell aller Harmonie. Tiefe Harmonie zu störe», hat der Mensch m seiner Macht, da er eine Ausnahmestellung inmitten alles Geschaffenen cinnimmt. Gelangt ec aber ans sreiem Antriebe dazu, ein Tiener Gottes zu werden, so krönt er das ganze SchöpfungSwerk. Allen anderen Wesen ist ihre Bahn und ibre Stellung vorgeschrieben, die sie nicht verlassen dürfen, sie m ü s - s e n zur Verherrlichung Gottes beitrage», der Mensch allein könnte die vorgeschriebcne Bahn übertreten und wenn er es nicht tut, so will er zur Verherrlichung Gottes beitragen. Tarin liegt nun gerade der besondere Wert seines Dienstes, weil er dienen will. In richtiger und rechter Weise wird Gott erst dann gepriesen, wenn freie, vernunftbegabte Wesen sei» Lob verkünden. Und wie leicht dürfte es diesen vernünftigen Wesen werde», treu zu bleiben ihrem Gotte, wenn sie die ganze Fülle der Erde an ihrem Auge vorüberziehen lassen, wenn sie mit dem Psalmisten die schäumenden Wellen der Tiefe sehen, die Berge und Hügel bedecken, den friedlichen Lauf des Baches verfolgen, das Rauschen der gewaltigen Schwingen unserer Luftbeherrscher vernehmen, das Gebrüll der Löwen hören. All diese Farben und Töne müssen sich in ihnen zur Harmonie gestalten, deren Schlußakkorde in den Worten zusammengefaßt werden: „Wie erhaben sind Teine Werke, Gott!" Und wie soll sich unsere Hoffnung nicht heben, wenn wir sehen und hören, daß alles Vergehen nur ein Mittel zunr Entstehen ist. „Tu sendest Deinen Geist und sie werden auf» Neue geschasfen und Tu erneuerst die Fläche der Erde." Wie in der Natur dem Winter der Frühling folgt, wie in der Natur der Tod Leben hcrvvrbringt, so ist es überall. Sie verscheiden, aber Tein Wille erschafft sie aufs Neue, gleich der Erde, die sich in jedem Fahre in neuer Kleidung zeigt. Wie da» Samenkörnchen der Erde übergeben wird, damit es neues Leben hervorbringe, so werden auch die übrigen Geschöpfe neu entstehen, wenn sic auch längere Zeit hindurch verschwunden waren. Und gleich den Geschöpfen die Ideen. Auch sie kennen nur vorübergehend Nacht und Tod. Sie entstehen aufs Neue, auch wen» man sie bereits tot wähnte. Sie feiern eine Auferstehung, der dann kein Tod mehr solgt und „die Herrlichkeit Gottes steht dann für alle Zeiten fest."' Winter und EiS haben Vieles in uns erstarren lassen, das Edelste und Beste in uns haben wir erstickt, wir standen nicht über der Zeit, aber es giebt auch dafür eine 'Auferstehung und alles Schlechte wird verschwinden und unsere e-eele Gott preisen, — auch dann, wenn wieder Winter werden sollte. Tas Frühlingslied im Winter, es wird uns begleiten in unserem Wirken und mit unserem Leben werden wir Gott preisen und unser s-ein wird zu einem ewigen, nimmer endenden Hallelujah. (Nachdruck verboten). Briefe ans Rußland. (Fortsetzung.) Zu der allgemeinen, dauernden ökonomischen Misere gesellen sich oft „vorübergehende", lokale Kalamitäten ivie z. B. Judenexzesse, Hungersnot, Feuerbrünste, die Jahr aus, Jahr ein, während der Som- »icrsaison im 'Ansiedelnngsgebiet furchtbare Verheerungen anrichten re. Erwähnt seien ferner die zahlreichen speziell jüdischen Steuern, die die materielle Not noch erheblich steigern: 1. sür Koscherfleisch (Korobkas, 2) für die Vermietung von Läden, Häusern, Speichern, 3) für den Betrieb von Fabriken, Brauereien, kausmännischen Betrieben, l, für da» Tragen von Pelzkäppchen (wir geben gelegentlich die Erklärung für diese sonderbare Steuer), 5} auf Sabbatkerzen, ferner 6) sür Erbschasten! Viel schwerer noch als die oben skizzierten rechtlichen Mißstände lastet ans den russischen Juden die schrankenlose Willkür des Beamtentum», von der sich ein europäisch gesitteter Mensch kanin eine Vorstellung machen kann. Zur Illustration seien hier einige Beispiele angeführt. Wie bereit» erwähnt, sind die Juden in Rußland einer besonderen Fleischstener nnterworfe». Tiefe Steuer, die jährlich Millionen einträgt, sollte von Gesetzes wegen ausschließlich zur Gründung und Erhaltung jüdischer religiöser und gemeinnütziger Institutionen dienen. Tatsächlich aber schaltet und waltet die Behörde mit diesem Gelde nach ihrem Belieben, ohne auf die Interessen der Juden noch im Geringsten Rücksicht zu nehme», sodaß die Juden, die doch von keiner anderen Staats- und Stadtsteuer dispensiert sind, oft zu demselben Zwecke das Tappelte beitragen müssen, als ihre christliche Mitbürger. Taß bei der Verausgabung dieser Gelder alles ausschließlich in christliche Taschen fließt und der Jude sorgfältig von jeder indirekten Nutznießung seiner mit Schweiß und Blut erarbeiteten Abgaben serngehalten wird, braucht bei dem russischen Tschinowniksregime*) nicht erst gesagt zu werden. Ja, wenn diese speziell jüdische Steuer sür allgemeinnützliche Gegenstände, wie etwa Straßenpflaster, Wasserleitung und ähnliche» verwendet würde, dann ginge es noch. Wie häufig werden aber ans den Korobkageldern**) die Kosten einer Institution gedeckt, die für die Juden ebenso wichtig ist, wie etwa — die heilige Lynode, 'oder irgend eine Erziehungsanstalt für Adlige. Tie Veruntreuung der „Korobka" seitens der Behörde ist so sehr System geworden, daß in der Gesellschaft sich endlich ganz verkehrte Begriffe von der eigentlichen Bestimmung dieser Steuer ansgebildet haben. Vor einiger Zeit war in einer russischen, durchaus nicht antisemitischen Zeitung zu lesen, daß die Berditschewer jüdische Gemeinde die Regierung angegangen hätte, von ihren Korobkagcldcrn eine gewisse Lumme als Beitrag zu einenl Neubau de» jüdischen Krankenhauses zu bewilligen. Tiefe Zumutung erschien der Zeitung so sonderbar, daß sie die Beiiierkung nicht unterdrücke» konnte, die maßgebenden Kreise dürften kauin das Gesuch der Berditschewer Judenheit für berechtigt anerkennen. Wie gewissenlos die jüdische Bevölkerung bei Gründung von Schulen ausgebeutet wird, werden wir in einem Kapitel über Erziehungswesen zeigen. Von geradezu köstlicher Naivität ist die cynische Offenheit und Selbstverständlichkeit, mit der all das Placken und 'Schinden der Inden vor sich geht. So z. B. nahm vor einigen Jahren der Gouverneur von Grodno keinen Anstand, die blutarme jüdische Bevölkerung seiner Stadt mit einer hohen Steuer zur Errichtung einer Tonikirche zu belegen, und die armen *) Tschinownik — Beamter. **) Korobka — gemeinhin Koschersleischsteuer. Abonniert bas Frankfurter IsrarUtischr Iamitirnblatt!

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