Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 48 (2.10.1903)
- Date
- 1903-10-02
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. vollen Wangen. Erst ein Luftzug, der aus der geöffneten Tür von Tr. Secligs Sprechzimmer drang, lies; die übereifrige Gcrta aufblicken. Sie sah den Arzt in der Tür stehen, aus der soeben eine Frau mit verbundenem Kops trat, dieselbe Patientin wohl, die vorhin die wilden Schmcrzcnsschreie ansgestosten hatte. Adam Scelig sagte ihr noch ein paar Worte mit warmer, tröstender Stimme, aber sein inniger Blick haftete an der anmutigen Gruppe auf der Schwelle. Er trat heran und fuhr dem Kinde liebkosend über das Haar. „Nun, Antje, was macht der böse Arm? Wollen wir einmal schein ob er besser wird?" Tas Kind rührte sich nicht und fragte nur, ans seine Gespielin weisend: „Wie heisst sic?" „Ecrta," antwortete der Arzt. „Ich bleibe bei Gcrta," sagte die Kleine bestimmt. Seclig lachte. „Ja, was machen wir da, Antje? Ten Arm must ich sehen, sonst lvird er ganz schlimm. Soll die Gerta mitkonunen, wenn ich ihn ansehe?" „Ja," nickte Antje. „Gcrta soll mittommen." Adam Scelig verdolmetschte dieser den Wunsch der Kleinen. „Tun Sie dem Kinde den Willen," bat er. „Es ist ein nervöses, schmächtiges Tingchen, das sich unnütz erregte, wenn ich cs zwingen würde, ohne Sie zu gehen. Und das müstte ich tun, falls Sie sich weigern. Aber ich mache Sie vorher darauf aufmerksam, das; Sic all Ihre Willenskraft aufbietcn müssen, wenn Sie den kranken Arm des Kindes sehen. Eine Samariterin sein, ist schön, aber schwer. Feiglinge dürfen solch heiliges Amt nicht ausüben." „Ich bin nicht feige. Komm Antje." Sie hob die Kleine behutsam empor. Ein fast mütterlich zärtlicher Ausdruck lag ans ihrem rührend ernsten, jungen Gesicht, als sie dieselbe in das Zimmer des Arztes trug. Und totenbleich, aber ohne Zittern hielt sic das wimnicrnde Kind, während Tr. Scelig das arg verbrühte Acrmchen behandelte. Ms die Kleine dann wieder angekleidet auf Gertas Schoß saß, griff Adam Scelig nach des jungen Mädchens Hand und zog sie an seine Lippen. „Besten Tank, tapserer, kleiner Assistent." Gerta entzog sich ihm ungestüm mit tiefem Erröten. Ihr scheuer Blick schweifte im Zimmer umher und blieb gleichzeitig mit dem des Arztes aus der Büste Spinozas haften. Ein matter Strahl der trüben Novcmbcrsonnc huschte in diesem Augenblick schemenhaft darüber hin und gab dem Marmor für Sekunden unheimlich ironisches Leben. „Wer ist das?" fragte Gerta befangen. „Ein.grausamer Prediger menschlicher Nichtigkeit," antwortete Scelig unniotivicrt zornig. Und dann fügte er ruhiger hinzu: „Baruch Spinoza, ein jüdischer Tenker, den die Weltgeschichte in Ehren nennt. Ich erzähle Ihnen vielleicht später einmal von ihm. Jetzt warten meine Krauten." Er ging zur Tür. Gerta folgte mit dem Kinde. Und dann schien cs ihr plötzlich, als hätten sich die harrenden, häßlichen Kranken seit vorhin verschönt. In aller Auge», die auf ihr ruhten, lag warmes Wohlwollen, das sie sich nicht zu deuten verstand. Ecrta kannte das Volk, von dem sic stammte, zu wenig, um', zu wissen, daß all diese Armen, vom Glück Enterbten ihr die Frcundlichteit dankten, die sie einem ihrer Kinder erwiesen hatte, daß alle Anwesenden ihr von dieser Stunde an ehrliche Freunde waren. Sie fühlte nur instinktiv, daß die Lust im Ghetto sie nicht mehr fcindlichkalt, sondern mit wohltuender Wärme umwehte. Zärtlich küsste sic abschicdnehmcnd die blasse Antje. „Komm recht bald wieder zu mir, du Kleines." VIII. „Ich will Sie vor eine Wahl stellen, Gcrta. Tie Entscheidung steht allein bei Ihnen. Ich wüsste zwei Mädchen, die ich zu Ihrer persönlichen Bedienung Vorschlägen würde. Tie' Eine ist ein geschicktes, flinkes Ting, das bereits in wohlhabenden Haushaltungen gedient hat und auch leicht in solchen wieder eine Stellung findet. Tie Andere dagegen ist ein mürrisches, verbittertes, ältliches Mädchen, das von ihrem Verdienst einen kranken, alten Vater zu ernähren hat. Sic müßten diese Tiencrin auch ganze Stunden am Tage entbehre», da ihr alter, gelähmter Vater bei jeder Verrichtung auf die persönliche Hilfeleistung seiner Tochter angewiesen ist. Allerdings hätten Sic dann die Befriedigung ein gutes Werk zu tun. Also wie entscheiden Sic," fragte Tr. Scelig. Gcrta schwieg eine Weile, dann meinte sic zögernd: „Ich könnte doch der Mürrischen etwas schenken und die Andere als Tienerin nehmen." „Nein. Tamit wäre sür die Ersrerc nichts getan. Tie braucht nicht ein einmaliges Geschenk, sondern einen dauernden Verdienst. Mit unverdienten Geschenken nimmt nian armen, arbeitsfähigen Menschen nur noch den letzten Nest von Stolz. Merken Sie einmal auf das, was ich Ihnen jetzt sage, Gerta. Unsere Religion, die ja auch die Ihre ist, gebietet den Reichen, den zehnten Teil ihres Einkommens den Armen zu geben. Auf dieses Gesetz pochen die jüdischen Armen als ihr gutes Recht. Unser Wert, das Werk der gebildeten Juden muß es sein, den jüdischen Proletarier geistig soweit zu Frankfurter Israelitisches Familienblatt. heben, daß er das erarbeitete Brot dem erbettelten vorzieht. An diesem großen Wert arbeiten Sie mit, wenn Sie das alte Mädchen in Ihren Ticnst nehmen." Tie Angeredete antwortete nicht und Scelig fuhr fort. „Tas Mädchen hat aber auch eine gute Eigenschaft, die gerade Ihnen sehr sympathisch sein wird. Sie ist eine überaus gute Tochter. Ihre Bitterkeit gegen alle Welt entspringt auch aus dem Groll darüber, daß cs ihrem alten Vater so schlecht geht. Ueberlegcn Sie sich die Sache, Gcrta, und sagen Sic mir später, was Sie wünschen. Ich habe noch einige Patienten zu besuchen, bin dann aber gern bereit. Sie zu den Mädchen zu begleiten, die übrigens beide deutsch sprechen." (Fortsetzung folgt). Bücherschau. Tie jüdische Wissenschaft des jüdischen Verlags. (Schluß.) S. L u b l i n s k i. Tie E n t st e h u n g des Jude n t u m s. Jüdischer Verlag. Berlin 1ÜU3. 71 Seiten. Wie schon der Name besagt, will der Verfasser nicht eines der vielen Gebiete jüdischer Wissenschaft behandeln, sondern sein Blick ist aus das Ganze gerichtet, er schöpft gleich aus dem Vollen: Tie Entstehung des Judentums! Wer diese Ucberschrift auf einem Heftchen von 71 Seiten findet, wird sich wundern, daß es dem Verfasser möglich war, ein solches Thema so kurz zu skizzieren; verwundern aber wird er sich, wenn er erfährt, daß dem Verfasser noch Raum blieb, zur Darstellung der Entstehung des Ehristcntums und — der Sozialdemokratie. . . Tatsächlich hätte der Verfasser sein Wcrkchcn ebensogut Tie Entstehung des Ehristcntums, oder noch richtiger, Tic Entstehung der Sozialdemokratie nennen dürfen; denn die Behandlung der Unmasse des gegebenen Stoffes bewältigt er vermittelst zweier, dem Lexikon der Sozialdemokratie entlehnten Schlagmorte: „Proletariat" und „Bourgeoisie" sind die zwei Zauberworte, mit deren Hilfe er den ganzen Inhalt des Judentums, das seit seiner Entstehung die ganze Menschheit umgeschasfcn, und sie in neue Bahnen gelenkt hat, erschöpfen zu können glaubt. Tas Eintreten der Propheten für Recht und Gerechtigkeit, für die 'schwachen und Gedrückten, Witwen und Waisen, soll diese gradezu merkwürdig einseitige Hypothese beweisen, „so daß sich manchmal die Prophercnrcde in den Leitartikel eines sozialdemokratischen Blattes von heute zu verwandeln scheint", wie der Verfasser auf Seite 23 schreibt. Nicht um den reinen Monotheismus und einen gottgewcihten Wandel war es den Propheten zu tun, sondern der Name Gottes biente ihnen als „Kampsmort", „denn natürlich mussten die Unterdrückten ihren 'Gott haben, genau so wie die Unterdrücker . . ." (Seite 2.).) „Er wurde mit allen Eigenschaften der Gerechtigkeit und Ethik überschüttet u. s. w. Mit anderen Worten, die Propheten und ihr 'Anhang begannen sich als demokratische Kirche gegenüber der Staatslirche zu organisieren" . . . (2t>—27). Auch „die Kämpfe des Heldeugcschlcchtes der Makkabäer bewegten sich nicht um Rcligions- und Volkssreihcit, sondern cs handelte sich bei ihnen um einen Bürgerkrieg aus sozialen Gründen, und zwar der Kampf des Proletariats gegen die Besitzenden" (32 bis 3(5). Tas Ehristentum (öl—5ö) entstand nicht darum, weil 'der Polytheismus sich überlebt hatte und die Menschheit sür den reinen Monotheismns und dem Leben nach der Lehre, sowie der Auffassung der Nächstenliebe — als Gerechtigkeit noch nicht reis war; nein, „auch hier wurde dura; einen merkwürdigen Zufall der Monotheismus das Losungswort der Rebellen" (ö2). Tiefe kurze Auslese mag genügen, die Wissenschaftlichleit, mit der der Verfasser diese Probleme behandelt, zu charakterisieren. Eine Polemik dagegen zu führen, halten wir sür überflüssig. Tic ganze Auffassung erinnert zu sehr an eine bekannte Anekdote: Ein katholischer Priester kam in seiner Predigt ans den Auszug der Kinder Israels ans Egypten zu sprechen, und sagte: „Als Moses hinter sich die Egypter hcranzichen sah und vor sich das Meer, da kniete er nieder und flehte zu Gott — Vater und Sohn und zum heiligen Geist um Rettung" .... Wir glauben, auch der Verfasser hat, was Einseitigkeit und Verkennung der Zeitumstände und Verhältnisse anlangt, ziemlich Ansehnliches geleistet, und darum wird ihm der Erfolg — ein Heiterieitsersolg — nicht abgesprochcn werden lönnen. Nunmehr möchten wir einige Anmerkungen des Verfassers besprechen, von denen es schwer zu sagen ist, ob sie mehr lächerlich oder betrübend sind. Schon Grätz sagt von den Judenfeinden, daß sie entweder den Monotheismus als bedeutungslos behandeln, oder in'Abrede stellen, daß die Juden seine ersten Bekenner waren. Unser Herr Verfasser will mit dieser Schrift gegen Telitsch, der bekanntlich zu den Letztgenannten gehört, zu Felde ziehen und stellt sich in die Reihe der Erstgenannten. . . Er sagt (Seite Nr. 48. ö): „In jüngster Zeit haben wir einen amüsanten Froschmäusekrieg um Bibel und Babel erlebt ».' s. w. Aber man vergaß, daß er gar nichts Besonderes zu bedeuten hätte, wenn die Juden wirklich als die Ersten aus den stupcndcn Einfall verfallen wären: es gicbt nicht viele Götter, sondern nur einen Gott. Bon Bedeutung ist nur, „daß der monotheistische Gedanke (Ter „stupende Einfall!" Seite ö.) bei den alten Israeliten nicht nur Gedanke blieb, sondern sich zu einer realen geschichtlichen Ai acht ausgewachsen hat" (9). Ties nun geschah, nach Ansicht des Verfassers, in der Weise, daß die Opposition den Göttesgedankcn als „Kampfwort" benützte, ein politischer Knnstgriff also, mit dem die Propheten, die Wortführer der Proletarier, die Unterdrücker bekämpften. .... Tie Treue der jüdischen Tradition, die auch die Schattenseiten im Eharakter der Jdcalgestalten unserer Geschichte und ihre begangenen Fehler überliefert, benutzt er dazu, um sic anzuzweiseln und das Gute, das sie berichtet, in Abrede zu stellen. Salomo ist ihm ein „Tyran", „der keineswegs als Mann Gottes lebte" (seite 9—18). Ter Glanzpunkt dieser in Wissenschaftlichkeit glänzenden Schrift bildet sicherlich folgendes, was der erleuchtete Verfasser bei der Schilderung der Entstehung des E'hristentums, „das bekanntlich sozialdemokratischen Ursprungs sein soll", zum besten giebt: „Für die Fuden ivar Damals der Augenblick gclommen, in der ehrenvollsten Weise vom Schauplatz der Weltgeschichte abzntretcn. Tie nationale Ehre hatte durch die heroische Verteidigung Jerusalems alles erlangt, was ihr billigerwcise zulam" (S. öö). „Und um überhaupt das letzte -Wort auszusprcchen, die Aufgabe der Juden wäre es damals gewesen,. Ehristen zu werden. Es hätte ihr Ehrgeiz sein müssen, im kämpfenden Proletariat des Weltreiches aufzugchen und in der Borderreihe seiner Märtyrer zu stehen u. s. w. Auch-'haben es damals tatsächlich viele Juden begriffen, wo ihr historischer Ort war. Sie erkannten, daß der Augenblick zu einem großartigen und ehrenvollen Tod in einer höheren Gemeinschaft gekommen war und verschmähten es, zu einem Winkelvolkstnm, das nicht leben und nicht sterben konnte, zu verkrüppeln." Ferner: „Es war ein Unglück, daß von einem Teil des jüdischen Volkes, der vielleicht nur eine bedeutende Minorität gewesen ist, dieser Augenblick zu einem ehrenvollen Tod verpaßt wurde, daß Ahasver so töricht war, den Krcnzcsträger von seiner Schwelle zu verweisen. Ohne Zweifel haben sehr ehrenwerte Motive dabei mitgespielt: hartnäckige Treue und urwüchsige Pietät, auch wohl die Abneigung starker Naturen gegen unvermeidliche Umbiegungen und Zugeständnisse." (Vergleiche seite 01—08.) Um all diesen Wahnsinn, der nicht einmal Methode hat, anhören zu können, wollen wir uns in Erinnerung bringen, daß der Verfasser vom Urchristentum spricht, wie er es ausdrücklich bemerkt, und dieses ist, in feinen Anfängen, „Sozialdemokratie!" Gut, aber auch das Judentum ist ja nach Ansicht des gelehrten Verfasser aus derselben Grundlage emporgewachsen, warum sollten da also die Juden erst aufs Neue werden, was sie vermöge des Judentums schon waren? Warum sollten die Heiden nicht Juden werden? 'Nun, der 'Augenblick zu einem ehrenvollen Tode ist für Herren wie der Verfasser sicherlich nicht vorüber. Wenn Jndcntum und Urchristentum — Sozialdemokratie ist, so ist Sozialdemokratie —. Judentum und was besser ist — auch Ehristentum. Es wundert uns nur, daß der Herr Verfasser noch immer den Namen Jude trägt. Es dauert sicherlich nicht mehr lange, bis er die Konsequenzen aus seiner Lehre zieht. Aber was sollen wir zu den Herren des jüdischen Verlags sagen, die ihr literarisches Unternehmen gegründet haben, um jüdische, nur jüdische Kultur zu verbreiten? Tic Herrn wollen im Dienste des Zionismus stehen, und wagen, cs, ihren Lesern, die doch zumeist in zionistischen Kreisen zu suchen sind, solches „Gewäsch" zu bieten, das mit antisemitisch' nicht zu hart bezeichnet wird?! 8. Personalien. Jarotschin. Hier starb am 23. crt. Herr Rabbiner Salo Bloch. Düren. Herr Sanitätsrat Dr. Oesterreich, feierte sein bOjährigcs Doktorjubiläum. In Budapest starb die bekannte Schriftstellerin Bertha Kätscher im 43. Lebensjahre. Briefkasten. 6. Selbstverständlich, liefern wir den neuen Abonnenten den Anfang der Erzählung „Ein Schüler Spinoza's" gern gratis nach. Wir bitten nur um Einsendung der Postabonncmcntsqnittung. worauf sofortige Zusendung des bis jctzr erschienenen Teiles der Erzählung erfolgt. Z. Die Ihnen wie so vielen anderen anfgesallencn. in feinster, kunstvoller Stickerei gehaltenen Thoramäntel für die anläßlich des Amtsjubiläums des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz gestiftete Seserthora itänimt aus dem Atelier der Firma A Rothschild, hier. Bürnestraße 33.