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Neue jüdische Presse · 1903-10-02 · Heft 48 (2.10.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 48 (2.10.1903)
Date
1903-10-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 48 des Frankfurter Israelitischen FauliliMattes. (Nachdruck verboten). Briefe aus Rußland. Den Brennpunkt des jüdischen geistigen Lebens bildet heute unbestreitbar das östliche Europa, in erster Reihe Rußland. Es sollte deshalb jeder, der sich noch als Glied des jüdischen Volkes fühlt, bestrebt sein, sich eilte gründliche Kenntnis des kulturellen Lebens und «Schaffens der russischen Judenheit anzueignen. Wie ist es aber mit dieser Kenntnis bestellt? Unter den hnnderttausenden westlichen Juden giebt es nur sehr wenige, die infolge eines regen Verkehrs mit östlichen Juden und einer ernsten Befassung mit ihrem geistigen Leben das Judentum des Ostens richtig zu erfassen und zu beurteilen vermögen. Dabei hat man noch in der Regel einen Dünkel, daß Gott erbarme! 'Wohl ist man geneigt, zur Entkräftung der antisemitischen Behauptung von der Arbeitsscheu des jüdische» Volkes auf die jüdischen Arbeitcrmassen im Osten mit selbstgefälligem Stolze hinzuwcisen, nichtsdestoweniger läßt man es nur zu oft an per gebührenden Achtung gegen ebendieselben Leute fehlen. Wenn in Westeuropa etwas für die östliche Judenheit geschieht oder geschehen soll, fällt es keinem Menschen ein, sich zu erkundigen nach den WünschenderinteressiertenKreiseodernach der Ansicht der jüdischen Intelligenz des betreffenden Landes, die doch mit den breiten Volksschichten in engem Kontakt stehen und daher ihre Verhältnisse und Bedürfnisse besser kennen müssen. . . . Diese Mißachtung gegenüber der östlichen Judenheit rührt daher, daß man nicht die geringste Kenntnis hat von dem ganzen, großangelegten Kulturleben unserer Brüder im Osten, von der imposanten Renaissance-Bewegung auf allen Gebieten des geistigen Schaffens, die dem jüdischen Leben und Streben einen Zug ins Große, eine gigantische Wucht, einen dramatischen Schwung verliehen hat. Dieses sonderbare Leben den Lesern dieser Zeitung soweit eben möglich vorzusühren, soll die Aufgabe des folgenden Artikel-Zyklus sein. Es soll in periodischer Regelmäßigkeit Bericht erstattet werden über das Leben und Treiben der russischen Inden; die wichtigsten Ereignisse und Erscheinungen sollen besprochen und zu einem einheitlichen Gesamtbild zusammengesaßt werden. Ich werde also ans der Wirklichkeit des jüdischen Volkslebens ausgehen, mir die Beschreibung und Erklärung des tatsächlich Gegebenen zum Ziele setzen und keine andere Gesichtspunkte hineintragen, als die, aus dem Gewirre der Erscheinungen etwas Einheitliches herauszulöjen. Das Hauptgewicht wird, nach dem bereits Ausgeführten, auf die geistig-kulturelle Seite gelegt werden. Um aber das Verständnis für das Ganze zu erleichtern, will ich zunächst einige einleitende Aufsätze allgemeiner Natur geben, die — in knappen Zügen — einen Gesamtüberblick über die ökonomischen, sozialen, politischen :c. Zustände gewähren sollen. Das Interesse der Leser werde ich dadurch zu gewinnen suchen, daß ich keine bloßen Behauptungen aufstellen, sondern meine Schlüsse nur statistischem Materiale und gut beglaubigten Tatsachen entnehmen werde. I. W i r t s ch a f t l i ch e u n d P o l i t i s ch e Verhältnisse. (Die materielle Rot und die Gesetzgebung. ^Die Willkür der Beamten. Tie Gesellschaft. Die Stellung der Eentralregierung zur Judensragc. Ter Senat. Schlußbenierkung.) Daß die. sozialen und rechtlichen Verhältnisse der russischen Juden geradezu unerträglich sind, darüber dürfte heute, wo der deprimierende Eindruck der Kischinewer Greuel noch nicht verwischt ist, kaum noch Jemand in Zweifel sein. Weniger klar ist man sich aber über den Umfang der wirtschaftlichen Not, unter der die russische Judenheit zu leiden hat. Tatsächlich aber sind die ökonomischen Zustände nicht weniger entsetzlich, als die politischen und rechtlichen. In den 25 Gouvernements des Ansiedelungsrayons schmachten die Juden in grenzenlosem Elend, obgleich sie vor den schwersten physischen Arbeiten nicht zurückschrecken und ein sehr bedeutendes Kontingent unmittelbar produktiver Arbeiter stellen. Nach einer sehr niedrig veranschlagten Berechnung giebt es unter den Juden des Ansiedelungsgcbietes 130 000 Bauern, 112 000 Taglöhner, 64 000 Fabrikarbeiter und 420 000 Handwerker. Diese jüdischen Bauern sind noch ein Ueberrest der guten alten Zeit, wo der Jude in Rußland noch Ackerbau treiben durfte. Jetzt freilich darf er keine Ländereien mehr erwerben, kein außerhalb der Stadtgrenzen liegendes Grundstück kaufen, mieten oder pachten; — diese Bestimmung hat s. Zt. zchntausende von Familien brotlos gemacht. — In den Ostseeprovinzen darf er nicht einnial städtische Grundstücke erwerben. Ein jüngster llkas erstreckt das Verbot auch auf die außerhalb des Ansiedelungsrayons gelegenen Städte in Bezug ans die privilegierten Juden, denen der Aufenthalt dortselbst gestattet ist. Die verhältnismäßig geringe Zahl der jüdischen Fabrikarbeiter ist einerseits darauf zurückzuführen, daß der Ansiedelungsrayon überhaupt arm an Industrie ist, andererseits ist der jüdische Arbeiter wegen der Befolgung der Sabbatgesetze aus eine geringe Anzahl von jüdischen Fabriken angewiesen, die am Sabbat still stehen. Bisweilen tritt noch das brutal feindselige Verhalten des christlichen Fabrikarbeiters hinzu, ü,m ihm die Möglichkeit eines Fortkommens aus seinem Gebiete völlig abzuschneiden. Immerhin ist, wie wir bereits gesehen haben, die Zahl der physisch und unmittelbar produktiv Arbeitenden eine sehr hohe. Aber kein Fleiß, keine Tüchtigkeit, keine A n st r e n g u n g in der Welt nützt ihnen, um die ruinierende Wirkung der zahlreichen, u n - mcnschlichen Gesetze zu entkräften, die ihnen die Möglichkeit redlichen Erwerbes aufs äußerste erschweren. In erster Reihe kommen hier in Betracht die sogenannten „Maigesetze", auch „provisorische", „temporäre" genannt, weil eine heuchlerische Regierung den Eindruck, welchen diese barbarischen, jeder Gesittung und Kultur hohnsprechende Gesetze aus jeden Unbefangenen inachen mußten, dadurch zu schwächen glaubte, daß sie weiß zu machen suchte, es handelte sich nur um momentane, vorübergehende Verordnungen, die nur so lange Geltung haben sollten, bis eine zur Untersuchung und Behandlung der Judenfrage eingesetzte Kommission ihre Arbeit beendigt haben würde. Seit jener Zeit sind allerdings bereits mehr als 22 Jahre verflossen, die Kommission hat aber noch immer ihre Arbeit nicht zu Ende geführt, die „temporären" Gesetze sind noch immer in voller Kraft und Geltung, zur großen Freude einer Eliqne von gewissenlosen Beamten, welchen sie die erwünschte Gelegenheit bieten, ihren Eifer als Wächter der össentlichsn .Ordnung" zu bekunden und die Juden aä majorsm eaesaris gloriam auf jede Weise zn placken und zu schinden. Diese Gesetze beschränken die Bewegungsfreiheit der Juden auf ein Minimum, verbieten ihnen den Aufenthalt in dem bei weitem größten Teile Rußlands und machen ihnen auch im Ansiedelungsrayon die Dörfer völlig und das gesamte Gebiet 50 Werst (54 Kilometer) rund um die Grenze fast unzugänglich. Tie Folge dieser Einschränkungen ist nackte Armut und progressiv zunehmendes Elend. Schon 1887 hat die bekannte Pahlen'sche Kommission offiziell feststellen müssen, daß 90«» aller Juden in größter Armut und von der Hand in den M und leben. Seit dieser Zeit hat sich die Lage noch um ein Bedeutendes verschlimmert. Es folgte anfangs der 90er Jahre die Epoche der großen Ausweisungen. In der Zeit weniger Monate wurden hunderttausende von Menschen in die westlichen Gouvernements gedrängt und die Stadt Berditschew z. B. wuchs in wenigen Monaten von 20000 ans 75 000 Einwohner an. Nach einer privaten zuverlässigen Statistik, die durch Umfrage von Haus zu Haus gesammelt wurde, sind 50«o, stellenweise sogar 75»» aller russischen Juden arbeits- und brotlos. In manchen Gegenden ist der Hungertyphus an der Tagesordnung. In gewissen Städten kommt es bisweilen vor, daß dieBetten stunde »weis evermietetwerd e n. 1897 mußten in Odessa 40 000, in Wilna 22000 Seelen zu Ostern Unterstützung zu Anschaffung von Mazzoth annehmen. (Dabei ist zu bemerken, daß der russische Jude eine unüberwindliche Abneigung für Entgegennahme von Unterstützungen hat und bisweilen das äußerste über sich ergehen läßt, ohne sein Leid einem Anderen zu klagen. <co wurde z. B. vorigen Winter in Kowno eine jüdische Frau mit samt ihrer Tochter eines Tages in ihrem Zimmer tot ausgefunden, weil sie es vorgezogen hatten, vor Hunger und Kälte zu sterben, anstatt die Wohltätigkeit edler Menschenfreunde in Anspruch zu nehmen. Ter offizielle Bericht des jüdischen Hilfskomitees zur Unterstützung der 1900 und 1901 von der Hungersnot betroffenen besfarabischen Juden erzählte, daß die Komiteemitglieder oft zu einer List Zuflucht nehmen mußten, um die verschämten Hungernden ausfindig zu machen. Wir werden in einem anderen Zusammenhänge über die Ursachen dieser merkwürdigen Erscheinung zu sprechen kommen.) In Warschau können nur 5»» aller Juden Gemeindesteuern zahlen und über die Hälfte aller Sterbenden müssen aus Gemeindekosten beerdigt werden. (Fortsetzung folgt.) Aus einem Reisebriese. Die Heimreise ging zunächst bis Koblenz, wo wir übernachteten. Eine schöne Stadt, die sich groß entwickeln wird. An Sehenswürdigkeiten zähle ich das Kaiser Wilhelm-Denkmal an der Mündung der Mosel in den Rhein, welches durch seine Größe einen ganz imposanten Eindruck macht, und das Denknial der verstorbenen Kaiserin in den Rheinanlagen. In letzteren Anlagen verkehrt die Welt und lauscht auf das gute Konzert der Kapelle. Ein merkwürdiges buntes Leben herrscht auf dem Rheine und hier bemerkt man. wie Handel und Verkehr sich fühlbar macht. Die jüdischen Verhältnisse sind hier, genau wie an vielen anderen Plätzen. Schablone ohne Geist, und es fehlt nur der richtige Mann, der bescheiden, mit dem richtigen Worte eingreist. Am andern Morgen ftüh bestiegen wir, vom herrlichsten Wetter begünstigt, einen Perjonendampser und fuhren auf demselben bis Bingen. Es war dies meine erste Reise auf dem Rheine. Wir saßen oben am Hinterdeck und hatten auf diese Weise die abwechielnden Bilder der Landschaft stets vor uns. Wie viele unseres Glaubens befahren den Rhein, ohne daran zu denken, wieviel jüdisches Blut hier gesloffen ist, wie viel die Juden am Rheine zn dulden hatten — weil sie Juden waren — und heute? Heute wohnen wir in einem Staate, der seine Verfassung hat. Rechte haben wir heute noch keine. Doch so wie die Sonne die Wolken verdrängt, die das Licht verdunkeln wollen, so sicher wird der Zeitpunkt kommen, daß die Welt zur Einsicht kommen muß, den Juden die ihnen gebührenden Rechte einzuräumen. Bon Bingen ging's per Bahn nach Hause, wo wir am Freitag Mittag im Kreise unserer Kinder jubelnd empfangen wurden. (Nachdruck verboten.) Ein Schüler Spinozas. Erzählung aus dem Amsterdamer Ghetto. Von Henny Rosenbaum. (Fortsetzung.) Eerta wiederholte ihre Worte mit dem gleichen Erfolg. Ter Arzt rührte sich nicht. Da platzte sie erbost los: „Sagen Tie doch der Großmutter, was ich will." „Sie bitten mich den Dolmetsch zu machen. Gern." „Ich bitte nicht." „Ach so." Sldain lehnte sich ruhig in den Sessel zurück. Eerta mußte ihre Sachen haben. Sie begann sich in ihren Reisekleidern zu unbehaglich zu fühlen, deshalb erklärte sie nach kurzem Bedenken mit zuckender Lippe: „Ich bitte darum." Tr. Seelig brachte nun der Großmutter ihren Wunsch bereitwilligst zum Verständnis und versprach auch, eine passende Dienerin zu besorgen. Tann sprach er noch ein kurzes hebräisches Gebet, das Gerta garnicht mehr lächerlich erschien, und hob mit einem „gesegnete Mahlzeit" den Tisch auf. Als Mutter Rüben abräunite, näherte er sich Gerta und fragte freundlich: „Kann ich Ihnen noch in irgend was behilflich sein?" „Rein. Warum sind Sie denn überhaupt so freundlich zu mir? Ich will daS garnicht." Ter Arzt lächelte leicht. „Ich bin das Umgehen mit Kranken gewöhnt. Tie wollen oft nicht glauben, daß der Arzt, der ihnen weh tut, cs doch gut mit ihnen meint. Sie, Gerta, sind aber auch krank. Sie haben das Trotzfieber, eine böse Gemütskrankheit. Dagegen Hilst nur schonnngsvolle Milde." Er nickte freundlich und ließ das verblüffte Mädchen allein. VH. Ein scharfer, sich öfter wiederholender Klingellaut weckte Gerta aus ihrem leichten Mittagsschlaf. Sie hörte sich ermunternd in dem nur mit Stühlen und Spinden möblierten Nebenzimmer verschiedene Stimmen, ein leises Kinderweinen, dann einen gedämpften Schmerzenslaut. Neugierig öffnete sie die Tür und sah sich nun einer Anzahl Leuten gegenüber, wie sie solche heute auf der Straße so lebhaft interessiert hatten. In der Nähe allerdings waren sie weit weniger reizvoll und in manchem dieser scharfmarkiertcn Gesichter war der ausgeprägte Leidenszug das einzig Sympathische. Verbände, übermäßig warme Hüllen, leises Stöhnen charakterisierteil die Anwesenden als Kranke. Gerta wollte wie benommen von dem scharfen Geruch der Desinfektionsmittel, der sür die Räume eines Arztes so bezeichnend ist, zurückweichen, aber die Schmerzenslaute, die aus Tr. Seeligs Zimmer drangen, bannten sie auf ihren Platz. Dabei fiel ihr Blick aus ein vielleicht sechsjähriges, überschmächtiges Mädchen, dessen bleiches, schwermütig hübsches Kinderköpschen der spanische Schleier umrahmte. Das Kind trug einen Arm in der Binde und hatte sich bisher angstvoll weinend an seine Mutter geklammert, war aber bei Gertas Eintritt verstummt und starrte nun mit unverhohlenem Entzücken aus die lichte Mädchenerscheinung. Tan» faßte es Mut, kam naher und schob plötzlich vertraulich das gesunde Händchen in Gertas herabhängende Rechte. Mt einem bezaubernd lieblichen Lächeln beugte diese sich zu ihm herab und fragte es zärtlich streichelnd nach seinem kranken Aermchen. Aber das Kind verstand sie nicht. Doch Gerta kannte etwas, das allen Kindern, holländischen und deutschen, gleich verständlich ist, Süßigkeiten. Sie holte schnell ihre große Konfektschachtel und bot sie der Kleinen. Und dann tauerten das große, blonde und das kleine, braune Kind auf der abgetretenen Schwelle, suchten und wählten in der schachtet nach den besten Stücke» und schmausten mit

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