Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 47 (25.9.1903)
- Date
- 1903-09-25
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 47. dieses Genres äußerst vorteilhaft ab durch die elegante Diktion und die überaus humorvolle Darstellung, Vorzüge, welche sie lvürdig an die Leistungen unserer besten Ghettoschriststeller anrcihen: baß der rühmlichst bekannte Verlag auch die äußere Ausstattung nicht vernachlässigte, ist selbstverständlich. Wir können daher das Büchlein unseren Lesern wärmstens zur Anschaffung empfehlen. S. Sprechsaal. Frankfurta. M., 21. Sept. Mein Brief ab Neuenahr hat in Nr. 74 des Israelit angeblich von einem süddeutschen Lehrer eine große Beantwortung gefunden, die mich veranlaßt, so wenig ich auch über freie Zeit zu verfügen habe, noch einmal zur Richtigstellung die Feder zu ergreifen, obschon der Artikel im Israelit verdient — ignoriert zu werden. — In diesem Blatte hat einmal eine Gemeinde die Stelle eines Synagogendiencrs ausgeschrieben, Gehalt 300 JL, ist Bewerber auch Schächter, so erhöht sich das Einkommen um 300 JL, kann derselbe auch den Vorbcterdicnst versehen, so erhöht sich das Einkommen bis 1000 JL, und kann derselbe auch als Prediger fungieren, dann steigt das Einkommen ans 1400 JL Tritt der süddeutsche Lehrer für diese Gemeinden ein, so mag er es ruhig tun. Meine Idee galt nicht den Gemeinden, die einen Vorbeter und Schächter haben wollen, der auch ein bischen Lehrer sein darf. Ich habe das große Ganze im Auge. Doch ich will den Artikel im Israelit von Anfang an beantworten. Es ist eine alte Erfahrung, daß man an einem großen Platze mehr Zerstreuung findet, als an einem Leinen. Infolgedessen geht die Zeit an einem großen Platze rascher herum, als an einem kleinen. Was setzt Sie nun in Staunen? Warum das? (Aber wirklich?) Sie wollten etwas sagen, damit Sie was gesagt haben. _ An der zitierten «teile des vor 100 Jahren erschienenen Merkchens, können Sie so wenig wie ein anderer irgend etwas ändern. Es ist gedruckt und bildet das Urteil eines kompetenten Mannes. Wie es mit der Logik des Artikelschrcibers aussieht, geht aus dem Inhalte des ganzen Artikels hervor. Ein Mann, der sagt, unsere Gemeinden wollen einen Vorbeter und Schächter, der auch nebenbei ein bischen Lehrer sein darf — ein solcher Mann hat kein Recht über ein Thema mitzureden, das den Zweck hat, mitzuhelfen, an der Besserung der Verhältnisse, an denen wir leiden, am allerwenigsten das Recht, über den Bildungsgrad von Männern zu sprechen, die er nicht kennt. Wir wollen dem süddeutschen Lehrer nach Süddeutschland folgende Blumenlese auf Rosch Haschana überreichen. Was ist ein Rabbiner, der am Kol nidre- Abend bei einer Predigt sich des Ausdruckes bedient: Ter Kol - nidre - Abend ist ei» hochdramatischer Moment? Am Grabe eines jungen Mannes von 20 Jahren sprach derselbe Herr: Bei derartigen Anlässen, reichen sich freigläubige und strenggläubige brüderlich die Hand, sobald aber der Akt vorüber ist, beginnt der Tanz ums goldene Kalb aufs neue. Ter Herr ist Bezirksrabbiner. Ein Rabbiner (Dr. — ohne Bart), dessen frühere Adresse in Handels- und Gcrichtssachen Handelsniann Tr. . . . war, predigte über das Gebet und sagte unter anderem: „Wenn wir auch nicht das verstehen, was wir beten, die Hauptsache ist, „d a ß wir beten.'“ — — — Sobald es mir die Zeit erlaubt, werde ich dem Herrn Lehrer weitere Beispiele aus Süd- und Norddeutschland bringen. — Wir haben noch einige Stunden bis zum Beginne des Neujahrsestes und will ich dem Herrn Lehrer, der ja glaubt, daß man beim Lesen meines Briefes in eine Purimstimmung gerate, folgende Notizen mitteilcn, die mir von einem Vorbeter aus einem Landorte in Süddeutschland gegeben wurden. Es sind dies kurze Notizen, nach welchen Melodien die Melech eljon am Rosch haschanoh von ihm gesungen wurden. Melodie Nr. 1 Wer hat dich du schöner Wald, Melodie 2: Schöne Minka, ich muß scheiden, Melodie 3: Muß i denn, zum Städtle naus. Das ist ein Vorsänger, der auch Schächter und ein b.i ß ch e n Lehrer i st. Bor wenigen Jahren sollte ein bayerischer Lehrer aus dem Würzburger Seminar in Baden eine Religionslehrcrstelle übernehmen. Ter Bezirksrabbiner prüfte denselben und frug u. a. nach den Namen der Könige in Juda und Israel. Der Lehrer konnte keine Antwort geben. Aber, sagte der Rabbiner zu ihm, man sollte doch voraussetzen dürfen, daß ein Religionslehrer dies wissen müsse. Allerdings, sagte der Lehrer, sollte man das voraussetzcn dürfen, allein — er wußte es nicht. Ich greife nicht den Stand der Rabbiner oder der Lehrer an, sondern ich sage, wie muß cs da aus sehen, wo Leute wirken,wie ichsieeben ge schilderthabc. Ein Prediger in Norddeutschland hat am Tischoh beav seinen Abschiedskommers gefeiert. — Wie glauben Sie, daß es in dieser Gemeinde aussieht. Ich muß schließen und behalte mir vor, mr den Artikel des Israelit noch zurückzukommcn. Ter Sache, nicht der Person, gelten meine Zeilen. Nicht als Streithahn möchte ich von Ihnen scheiden und reiche Ihnen deshalb zum Abschiede vor dem neuen Jahre die Hand, als Beweis, daß ich nicht im Groll von Ihnen scheide. Ploni. Da' Herr Ploni noch ein zweites Eingesandt in Aussicht gestellt hat, so wollen wir erst dasselbe abwarten, che wir zu seinen Ausführungen Stellung nehmen. -_Tic Redaktion. Cheiderkirrder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) Milton hielt im Lesen inne und stierte mit immer erhöhter Aufmerksamkeit nach der Unterschrift: „Rahel Markstein?" — las er dann in forschendem Fragctone — „Rahel? Ist cs möglich?" „Was wäre nicht möglich?" „Wo war sie her?" — fragte Milton weiter, ohne die Frage des Freundes zu hören. „Habe ich nicht erfahren." „Ein merkwürdiger Zufall!" „Welcher- Zufall?" „Ein merkwürdiger Zufall, daß auch mein Mädchen, das erste und einzige Kind, das ich geliebt — ich liebte cs, weil ich es auf Händen trug und liebte cs später noch wie man nur 'seine einzige Schwester wohl 'lieben kann, daß dieses Mädchen — nun es waren in jenem Alter nur eitle Kindereien — daß dieses Mädchen auch Rahel hieß und Markstein." Dieses fand Schalem weder auffallend, noch sonderbar. „Die Namen wiederholen sich" — meinte er — „dies ist nichts weniger als natürlich. Daß sich eine solche Schönheit, ein solches reizendes Wesen bei keiner anderen Person wiederholen kann, ist mindestens ebenso sicher und natürlich." „Da irrst Du Dich gewaltig, mein Lieber" — wendete Milton ein. — „Es war ein Kind, sage ich Dir, wie ich kein zweites im Leben gesehen. Ich sah es auch später als. blühende Jungfrau von ll> Jahren. Eine Weltschönheit, sage ich Dir, wie ich sie cbcnsalls zum zweiten Male nicht gesehen." „Du ereiferst Dich ja" — lachte Schalem — „bist wohl eben noch in sie verliebt?" „Dieses war ich nie. Tu mußt bedenken, daß man selten Liebe in diesem Sinne zu einem Mädchen empfinden kann, das man seit der frühesten Kindheit in seinem ganzen Cntwickelungsgange verfolgt, das man sozusagen selber hcrangezoge». Ich liebte meine kleine Cousine mit der ganzen Glut meiner Seele — wie man sein einziges kleines Schwesterchen liebt. Die Gefühle erkalteten später, wie sie in der Frenide immer auch zu Eltern und Geschwistern erkalten müssen. Würde mir das Land meiner Väter offen stehen, ich würde jetzt keinen Augenblick zögern, meine Verwandten in meinem Heimatstädtchcn aufzusuchen und auch ineinc kleine Rahel in rein geschwisterlicher Liebe in meine Arme zu schließen ..." „Offen gestanden" — meinte Schalem, der einmal in Stimmung war — „hatte ich mit meiner- Scherzfrage keineswegs beabsichtigt, eine so feierliche Rede heraufzubcschwörcn." Ja er hatte sich in Feuer hineingercdet, zum ersten Mal seit vielen Jahren. Dieses merkte jetzt auch Milton und er mußte selber über sich lachen. „Hast Du an das Fräulein geschrieben?" — erkundigte er sich lvciter. „Nein! Ihre Adresse Hab ich nicht. Sollte cs uns nicht gelingen, sie in London ausfindig zu machen?" „Dieses kann unter Uinständen sehr schwierig werden, aber unmöglich ist cs keinesfalls." 10. K a p i t e l. Es war gegen Mittag, als der Blitzzug von London in die Seestadt Dover am Pas de Calais eintraf; ein unübersehbarer Menschenschwarm bedeckte den Bahnhvsplatz und bewegte sich eiligst unter ungeheuerem Geräusch von Wagen der Straßenbahn, Droschken und Karren nach dem Wasser, dem Hasen zu. Den größten Kontingent der Ausgcstiegcncn bildeten, wie iinmer, Auswanderer, Touristen und Geschäftsreisende. Die einen, die europamüde, die Schiffe mit dem Kurs nach dem atlantischen Ozean bestiegen, die anderen, die durch den Pais de Ealais die Fühlung mit dem Kontinent erhalten. Diejenigen, die Dover als Reiseziel hatten, waren entweder die ihre Freunde und Verwandten bis hierher begleiteten, oder die solche hier abholen wollten. Zu den letzteren gehörte auch die junge Dame, die soeben einer Droschke entstiegen war. Ihr Rcisetäschchen an ihrem linken Arm, schritt sie mit festein Fuße, indem sie mit der Rechten den hinderlich, langen Reisemantel etwas in die Höhe zog, die Promenade ans und ab. Ihre vollen Wangen glühte» vor aiigenchmer Erregung, ihre blauen, seelischen Augen blickten, erwartungsvoll um sich her. Mehrere Passanten blieben vor ihr stehen, um die wandelnde Schönheit aufmerksam zu mustern und einige junge Offiziere schauten ihr mit Monocli nach. Sie schien diese stummen Ovationen bereits bis zum Ucberdrusse gewöhnt zu sein, denn sic setzte gravitätisch ihre Promenade fort, ohne jemand mit einem Gegenblicke zu würdigen. Es waren drei Jahre her als sie hier zum ersten Mal 'war. Wie hatte sie doch damals der stattliche Hafen entzückt! Hier noch dieselben gewaltigen Stcindämme, die den künstlichen Platz umgeben. Dort die riesigen Festungswerke, die die umringenden Höhen krönen. Dort auch die vergoldete Kuppel des Kirchturms, der neben der Schloßruine wie Vergangenheit und Gegenwart dem Durchreisenden von dem 100 Meter hohen Hügel'herabwinken. Es hatte sich hier in drei Jahren nichts geändert. „Und auch hier," sagte sie sich, indem sic im Gehen leise die Brust berührte, „auch hier ist es beim alten geblieben." Alles hatte sich im Laufe dieser drei Jahre um sie geändert. Auch mit ihr soll "eine Umwandlung stattgefunden haben, sagte man ihr allgemein. Sic. sei lange nicht mehr die russische Emigrantin, sondern eine Londoner Weltdame. Aber hier in ihrem Herze», sie konstatierte dieses mit Genugtuung, hier ist es beim alten geblieben. Und heute, beim Anblick des Hafens, der ihr die Erinnerung an die Heimat und die Reise so lebhaft vorhält, jetzt in der Erwartung der Freundin,- die nach ihm ihr zweiter Schutzengel war, heute fühlte sie es am mächtigsten, wie bei aller Aussichtslosigkeit ihn noch einmal zu sehen, sein Idealbild immer in ihrer Seele fortleben müsse. Sinnend blieb sie an einer Estrade stehen, schaute nach der Uhr und sah sich prüfend nach allen Seiten um, sie befand sich durch das sich ausbreitende Dammwerk vor lästigen Blicken geschützt und als sie sich dessen vergewissert hatte, setzte sie sich auf die hölzerne Gallcriebank nieder. Sie machte ihr Täschchen auf und kranitc darin an einigen Briefschaften herum. Drei Papierstücke zogen ihre besondere Aufmerksamkeit auf sich. Sie überflog das eine, cs war der letzte Brief ihres Vaters, die Antwort aus ihre slehentliche Bitte, die Eltern mögen zu ihr nach London ziehen. „Es freute sie," schrieb Nachum, „daß es ihr so gut gehe. Zur Auswanderung könnte er sich in seinen alten Tagen nicht entschließen. Jetzt, wo er den schweren Mclamedbernf aufgegeben und ihre Hilfe es ihm ermöglicht, ein beschauliches, glückliches Leben bei der Eemoroh und den Wissenschaften zu führen, würde cs ihm um so schwerer fallen, sich von den altgewohnten, lieben Verhältnissen zu trennen." Der weitere Inhalt des Briefes langweilte sie beinahe; es waren die ewigen Fragen über Motele, der doch jetzt, da der Krieg zu Ende ist, sicher wieder in London sein müßte. Motel, von dem sie wie ihre Verwandten bisher nicht die geringste Spur entdecken konnten. Seine Geschicke gingen ihr ans Herz. Vielleicht ist er in Ehina umgekommen, auf fernem Schlachtfelde, ohne Freund und Teilnahme gestorben, ohne ein Wort der Klage oder des Trostes in das Massengrab geworfen worden. Nichts legt Zeugnis davon ab, daß sich dieser Tote um etwas von den anderen ausgezeichnet. Nichts deutete darauf hin, daß hier ein Verzweifelter, ein vom Schicksal betrogener, einer, der schon in der frühesten Kindheit ein edles Herz und eine liebevolle Seele aufwies. In den blauen Augen perlten zwei große Tränen; aber mehr als Gefühle des. tiefen Mitleides, des bitteren Schmerzes, wie man ihn beim Verluste cincs guten Freundes oder Bruders empfindet, mehr als dieses, hatte ' ihr Herz für den verschollenen Vetter und Jugendfreund nichts übrig. „Wenn Du ihn doch treffen solltest, dann grüße ihn" — schrieb der Vater. Es waren ganz dieselben Worte, mit dcncn' er sich von ihr damals in Kowno verabschiedete. Hatte sie ihn getroffen? , Nein, aber .... Tie steckte den Brief ins Täschchen zurück und in ihrer Hand blieb noch neben einem kleinen zierlichen Brieschen ein mit leichtem Seidepapier umhülltes Kabinettbild. „Ich habe ihn getroffen" — sagte sie sich, das' Bild betrachtend — „aber nicht den Motele meiuer Kindheit, sondern den meines Herzens; gefunden und wieder verloren . . Oder? Nein doch nicht" — sie ließ noch einmal ihre Blicke nach den gewaltigen Steindämmen und ewigen Hügel» schweifen — „Verloren? nein! Hier in der Mcnschenbrust geht nichts verloren; es bleibt beim alten!" Hastig schob sie auch das Bild ins Täschchen zurück und nahm das zierliche Briefchen vor; cs war das letzte von. der lieben Rosa im Gasthaus „Robenschein" an der russischen Grenze. Es war die Mitteilung ihrer heutigen Ankunft in England, um deren Willen sie, Rahel, heute nach Dover geeilt war. Wie hatte sie doch damals das einfache Mädchen lieb gewonnen; es war so, als. ob sie damals das Schicksal durch die Hände eines Schutzengels in die eines andern werfen ließ, damit sie Gefahr und Verzweiflung nicht zu gründe richten. Als sie damals den Freund verlor und hilflos voll Scham und Enttäuschung alles aufgab, da stand plötzlich die vorher nie gekannte Rosa wie eine alte Freundin vor ihr, flößte ihr neuen Mut und neue Hoffnung ei» und führte sie wieder auf den richtigen Weg ihres Lebens und ihrer Zukunft ... (Fortsetzung folgt.)