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Neue jüdische Presse · 1903-09-18 · Heft 46 (18.9.1903) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 46 (18.9.1903)
Date
1903-09-18
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. „Mynheer ter Borg, weder Gertas Großmutter noch ich, ihr Vormund sind informiert, daß dieselbe verlobt ist. War cs Aaron Rüben?" Der Holländer schwieg und maß den ernsten Sprecher mit feindseligem Blick. „Dann sprechen Sie, Gerta. Wußte Ihr Vater um Ihr Verlöbnis?" „So wenig, wie ich selbst," lachte das blonde Mädchen. „Jan neckt ja bloß." „Dann Litte ich um Verzeihung, Mynheer. Einem allerdings etwas eigentümlichen Scherz gegenüber fällt mein Einspruch fort." Ter Borg würdigte den Arzt keiner Antivort. „Gerta," wandte er sich tiefernst an das lächelnde Mädchen. „Sic haben mir gestern die Erlaubnis gegeben, mir meine kleine Braut zu holen. Wollen Sie sie auf Einspruch dieses Herrn zurücknehmen?" „Mynheer, Gerta ist noch viel zu jung, um selbstständig. über so ernste Dinge entscheiden zu können," enthob Dr. seelig das verwirrte Mädchen einer Antwort. „Wiederholen Sie Ihre Frage in einigen Jahren. Nicht wahr, Mutter Rüben?" „Ja, ja," stammelte die alte Frau. „Sc hat ja noch »ich genug Zeichel. Se is ja noch, c Kindche." „Sie hören es, Gerta," sagte der große Jan. „Sie sind ein urteilsloses Kind, das über sich noch nicht zu verfügen hat. Ich muß also noch eine lange Zeit warte», ehe ich mein kleines Mädchen wieder nach Deutschland bringen darf. Inzwischen werde ich in Villa Gerta alles halten, wie es war, damit Sie es nach Jahren wieder finden, wie es zu Ihres Vater Lebzeit. Adieu, liebes, kleines Gertakind. Haben Sie denen daheim noch etwas zu bestellen?" Der kluge Handelsherr hatte seine Ehancen glänzend auszunutzcn verstanden. Die Erinnerung an die geliebte Heimat, an den toten Vater machte die Wunden in Gertas Gemüt von Neuem bluten. Er, Jan, war das Einzige, was ihr geblieben war -von der schönen, sonnigen Kindheit. Es war nur natürlich, daß sie sich jetzt. mit angstvoller Heftigkeit an ihn klammerte.^ „Nein, nein, Jan, «ie dürfen nicht gehen. Ich laufe Ihnen nach. Ich will mit Ihnen." „Das geht nicht, Gerta. Sie sind eben kein Kind mehr.' Wenn Sie jetzt zu mir kommen,- darf es nur geschehen als meine Frau." „Dann komme ich eben als Ihre Frau," sagte Gerta bestimmt. Der Holländer lächelte glücklich. „Ich erwarte Sie, Liebling. Und nun, adieu." Er küßte das schluchzende Mädchen und flüsterte ihm zu: „Gehen Sic recht oft zu meiner Mutter." Dann verließ er mit einer tiefe» Verbeugung für Mutter Rüben, ohne Adam Seelig zu grüßen, mit Frau Rate das Zimmer. Gerta blickte ihnen leise weinend am Fenster nach. So gern Adani ihr auch einige Trostworte gesagt hätte, hielt er es doch für klüger, sie vorläufig sich selbst zu überlassen und ging hinaus. Und dann saß er sinnend in seinem Zimmer, das ihm in seinem neuen Schmuck so fremd vorkam, wie er sich selbst seit gestern Abend. Adam Seelig, der begeisterte Jünger seines stammverwandten Meisters Spinoza, war gewöhnt, sein Handeln und Denken strenge zu kontrollieren. Auch jetzt ging sein geschultes Denken dem rascheren Schlage seines Herzens aus die Spur. Schluß ans Schluß zog er und mit tiefem Erschrecken kam er zum Resultat. — Er liebte!! Er liebte heiß, ungestüm und mit wildem Begehren das blonde, kindliche Mädchen, von dem er nichts weiter wußte, als daß es schön war, wieder lichte Tag und eine trotzige, ungezügelte -scele hatte. _ Keine strengere Aufgabe hätte man dem Schüler Spinozas stellen können, um die Anwendung seiner Lehre von der Unterordnung des Einzelnen zum Wohle aller, vom Untertauchen des einzigen Individuums in die Weltseele aus das praktische Leben zu beweisen, als indem man ihm zumutetc, daß er dem Mädchen, dem jede Fiber seines '-»eins in maßloser Zärtlichkeit entgegendrängte, ein strenger, ernster Erzieher blieb. Adam Seelig schwankte keinen Augenblick zwischen eigenem Glücksbcdürfnis und seiner Pflicht. -Wohl stieg in ihm die Sehnsucht aus nach einer liebenden Mutter, der er, wie der blonde Jan cs getan, sein ungestümes Lieb ans Herz hätte legen können, damit sie mit weichen Frauenempfinden dessen Seele vielleicht ihm zugeführt hätte. Aber seine Mutter war tot. Gelang es ihm nicht selbst, Gerta zu gewinnen, daun mußte er sie verlieren. Adam. Seelig raffte sich zusammen. Er machte sich bereit,' seine Kranken aufzusuchen. Ehe er ging, blieb er jedoch vor der weißen Marmorbüste Spinozas stehen. „Deine Lehre ist groß, Baruch Spinoza, aber hart." (Fortsetzung folgt.) Frankosurtensia. Am Freitag Wend wird nach sünfwöchentlicher Pause die Löb Reiß'sche Synagoge am Hermesweg Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 46. wieder eröffnet, nachdem sie gründlich renoviert worden ist. Die Synagoge macht 'in ihrem neuen, lichten Gewände einen sehr vornehmen Eindruck. Ganz besonders aber ist die innere Ausschmückung des. Oraun Hakaudesch hervorzuheben, der sicherlich mit zu den schönsten der hiesigen Synagogen gehört. Den umsichtigen Synagogenvorstehern, den Herren Jacob S. Posen, L- Klau und Jacob Dahlheim gebührt öffentlicher Dank für die Umsicht und Liebe, mit der sie ihres Amtes walten. Wir bemerken noch, daß die Arbeiten von den Malermeistern Steinlaüf und htumpler ausgesührt worden sind und zwar unter der sachverständigen Leitung des Herrn S. L- Göldschmidt, der in dankeswerter Weise bereitwilligst die Aufsicht übernommen hatte. * * * Bereits der Freitagabend-Gottesdienst in der Synagoge am Börneplatz trug einen festlichen Eharaktcr. Die eigentlichen Feierlichkeiten zu Ehren der 25jährigen Amtstätigkeit des Herrn D r. H o r o - v i tz als Rabbitier der Israel. Gemeinde begannen jedoch erst Samstag früh mit der Festpredigt des Herrn Provinzialrabbiner D r. M u n k, Marburg. Vor einem tausendköpsigen Publikum entwarf der Redner ein Lebens- und Eharakterbild des Jubilars. Das Bild, das Herr D r. M unk kn hoch anziehender, nach Form und Inhalt vorzüglicher Weise von dem Jubilar gezeichnet hatte, fand -seine Bestätigung im wahrsten Sinne des 'Wortes bei der am Sonntag zu seinen Ehren abgehaltcnen akademischen Feier. Hier zeigte es sich, wie die Fäden des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz alle Bestrebungen der zeitgenösischen deutschen Judenhcit umspannen. Neben Rabbinern religiöser Richtung sah man neologe, angesehene Persönlichkeiten der Wissenschaft und des Handels hatten sich ein Stelldichein gegeben, Herrn' Rabbiner D r. Horovitz ihre Huldigung darzubriugen. . Allein 27 Redner als Vertreter von 30 Körperschaften, deren jede Herr Rabbiner D r. Horovitz sein Interesse widmet, betraten das Podium. Wer bereits dem Gottesdienste in der Synagoge und der akademischen F-eier in der Loge beigewohnt und da die ganze Pracht der groß angelegten Veranstaltungen auf sich hatte einwirken lassen, der prallte doch — geblendet und mit verhaltenem Atem — zurück, als er Montag Abend den feenhaft erleuchteten und von Herrn .Hotelier Braunschweig aus Homburg mit einer wunderbaren Tafcldekoratiön verschönten Saal der Frankfurter Loge betrat, der noch einmal all' die Gäste und diesmal bei scstlichein Schmause vereinigen und noch einmal die Lobeshymnen auf den Jubilar ertönen lassen sollte. Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß die Syna» gogen-Jnspektion für den Ehrentag des Jubilars eine Seser-Thora hatte schreiben und 2 Mäntelchen und kompletten Silbcrschmuck dazu hatte anfertigen lassen. Herr Rabbiner Dr. Horovitz verehrte die Seser-Thora der Synagoge. Seitens der Shnagogenbesucher wurden Herrn Dr. Horovitz eine hochkünstlerisch ausgcführte Menoroh und ein gleiches Seder-Service als Ausdruck des Dankes und der Verehrung überreicht. Die Silbergeschenke entstammen dem Atelier des Herrn LeoHorovitz, und die kunstvollen Adressen waren ein Werk des Landschaftsmalers Klusmeicr. A d e l s v e r l e i h u n g. Der „Reichs-Anzeiger" meldet, der österreichisch-ungarische Generalkonsul Maximilian Benedikt G o l d s ch m i d t in Frankfurt a. M. ist unter dem Namen „von Goldschmidt- Rothschild" in den Adelsstand erhoben. Sprechsaal. Frankfurt a. M., 9. Sept. Ihr Leitartikel in Nr. 45 des Jüd. Familienblattes über die Pensionierung der Religionslehrer an den Jsr. Gemeinde» im ehemal. Kurhesscn wird den Vorstand der Deutsch-Israel. Lehrervereinigung und den Vorstand der Achawa wohl veranlassen, beim Kultusminister die nötigen Schritte zu tun, daß in ganz Preußen diese Pensionierung der isr. Religionslehrer durchgesührt wird. Gleiche Pflichten bedingen gleiche Rechte. Der Religionsunterricht ist obligatorisch und deshalb wird die Regierung sich nicht länger enthalten tönnen, sämtlichen Religionslehrern in Preußen, die den Nachweis liefern, daß sie seminaristisch, gebildet und befähigt sind, einen richtigen Religionsunterricht zu erteilen, die gleichen Pensionsrechte zu erteilen. Ein anderer Gedanke ist's aber, der mir gerade in den Sinn kommt. Wie können wir mit gutem Gewissen junge Leute veranlassen, sich dem Lchrerbcrufe zu widmen? Ich. spreche zunächst von jüdischen Volksschullehrern! Wie sieht's mit der Anstellung derselben aus? Sollten nicht unsere führenden Kreise diese Frage in Händen nehmen, um bei der Regierung darüber vorstellig zu werden? Der jüdische Neligionslehrer bekommt eine Stelle mit Mk. 700—800, öder Mk. 1000 und wenn .er sich einem änderen Berufe widmet, hat er als Lehrling schon diesen Gehalt. Diese Frage zu besprechen, soll meine nächste Arbeit sein. kloni. Bücherschau. Die Renaissance des alten hebräischen Leseunterrichts im Lichte moderner Methodik. Mit 4 lithographischen Abbildungen. Eine didaktische Studie von N. Adler, Lehrer an der israel. Realschule . zu Fürth. Lions Buchdruckerei. 31 S. 8°. Unter diesem anspruchsvollen Titel ist ein Schriftchen erschienen, das ihn selbst dann nicht verdienen würde, wenn alles, was darin vorgetragen wird, richtig wäre. Das Einprägen der Lautzeichen stellt ja nur einen kleinen Teil des ersten Leseunterrichtes dar. Würde dieser nun durch das angepriesene Mittel um etwas Verbeffert werden, so wäre es immer noch eine gewallige Uebertreibung, von einer „Renaissance" des hebräischen Leseunterrichtes zu sprechen. Die Geschichte der Methodik sagt uns. daß der vorgeschlagene Weg weder neu noch gut ist. Aehnliche Versuche wurden seit dem löten Jahrhundert von vielen gemacht, (S. Kehr, Geschichte der Methodik, erster Band, Seite 23 st.) und noch 1852 stellte Di-. H. Puchta in seiner Schrift »Der erste'Schritt ins Alphabet" jeden Buchstaben durch die Figur eines bekannten Werkzeugs, Geräts u. dgl. dar, dessen Name mit diesem Buchstaben anfängt. Dian erkannte aber, daß dies eine Spielerei ist, die mehr zerstreut als fördert. Außerdem sah man ein, daß diese Bilder unnatürlich karrikiert sein müffcn, weil sie sich der Buchstabenform zu nähern haben, während sich in einem solchen Buchstabenbilde das einfache Lautzeichen mit unnötigem, störendem Schnörkelwerk überladen oder mit sonstigen Zutalen präsentirt. Die Schule, darf nur naturgetreue Abbildungen als Anschauungsmaterial benützen, einen Leuchter aber in der Form, wie ihn Adler abbildet, ein Faß. wie er es zeichnet, hat das Kind wohl nie gesehen. Noch weit mehr gefehlt hat der Autor bei der phonetischen Veranschaulichung des Chirik-(i-) Lautes und desPasach-(ä-)Lautes. Nro 1 so l l die Mundstellung beim Sprechen des „i" veranschaulichen, veranschaulicht aber in Wirklichkeit das Sprechen des „u". Wenn wir „i" lautieren, so wird der Mund wenig aber breit geöffnet, die Zunge ist nach dem Vordergaumen hin stark gewölbt, die Luft strömt durch einen schmalen Spalt. Der Verfasser will uns aber glauben machen, beim „i"-Laut werde der Mund wie zuni Pfeifen gespitzt und es erscheine eine runde Oeffnung. Der „a"-Laut, der als eine Oeffnung „nach der Richtung und Weite des Pasach" veranschaulicht wird, so daß ein horizontal verengter Mundraum entsteht, ist ebenfalls falsch dargestellt. Beim „ä"-Laut muß der Mund weit geöffnet sein, sein Raum hat vertikale Richtung und ist nirgends verengt. Wir verweisen den Verfaffer auf die grundlegenden Werke über Phonetik von Sievers, Viktor Trautniann. auf Härtigs „Die Phonetik und der Volksschullehrer", auf termanns „Die Technik des Sprechens". Aus denselben ründen, die zur Verwerfung der Bestrebungen Puchta's und seiner Vorgänger für das deutsche, des Graser'schen Systems für das lateinische Alphabet führten, muß die moderne Methodik die in der „didaktischen Studie" Adlers bezweckte, sogenannte „Renaistance" des hebräischen Leseunterrichtes ablehnen. Da aber das Büchlein — abgesehen von seiner Renaissance-Idee — nianches Treffende enthält, so insbesondere das über hebräischen Schreiblescunterricht Gesagte, sei es Fachleuten zur Lektüre empfohlen. Melamed tinaukaus. Wochen-Kalender. Sabbath-Anfang: 5 Uhr 55 Minuten. Sabbath-Ausgang: 7 Uhr 15 Minuten. Kaiser Friedrich Quelle -Offenbach a. M.- Vornehmstes Tafelwasser. Wilhelm Glücklich Gegr. Scliillerstrasse 4, l. Gegr. 1879. Frankfurt a. M. 1879. Immobilien, Hypotheken. Abonnements und Inserate für das „frankfurter Israelit, familienblatt“ nehmen die hiesigen Buchhandlungen: A. Rothschild, Börnestrasse 38, A. J. Hofmann, Allerheiligenstrasse 87 zu Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets die neueste Nummer zu 10 Pfg. das Exemplar zu kaufen.

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